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Eruptionen der Gewalt

Kanadische Überlegungen

Bei den Terroristen geht der religiöse Fanatismus ohne offiziellen Segen vor sich, bei den Anti-Terroristen hingegen kommt der Trend von ganz oben. Das Ausmaß der September-Katastrophe ist über den unmittelbaren Schaden hinweg in vielfacher Weise schauerlich: Amerika und die Welt wurden durch den Virus des Hasses infiziert. Aber den ganzen Unsinn vom Kreuzzug mitsamt Kollateralgeplapper muß man ja freilich nicht so genau nehmen, denn Worte sind heute nur noch Platzhalter für das gewaltsam Verschwiegene. Die Zeit zum Reden ist vorbei, jetzt heißt es handeln. (Nein, nicht verhandeln. Handeln: töten. Stolz sein.)

Von Vasile V. Poenaru

Der stärkste Mann hatte früher die stärkste Keule. Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns! Das war seine schlichte Weltanschauung: Gut genug für den Anfang der Geschichte. Gut genug für ein Ende der Geschichte.

Kanada ist mitschuldig. Denn wir nehmen an, daß die Terroristen aus Kanada in die USA einreisten. Falsch: Die Terroristen lebten schon seit Jahren in den Staaten, wo sie übrigens auch die zu den Anschlägen nötige Pilotenausbildung genossen. Das Land der Großen Seen kann nicht als Sündenbock herangezogen werden, so sehr sich das schlaue Agenten im Süden wünschten, um ihre hohen Sherlock-Holmes-Lohngelder nach der offensichtlich perfekten Übertölpelung auf dem Intelligence-Gebiet zu rechtfertigen. Trotzdem wurde weiterhin (viel zu) viel von der unsicheren Grenze mit Kanada gesprochen, wo ja jeder reinkann. Jeder ist in diesem Zusammenhang ein Euphemismus, der auf Kanadas ethnische Vielfalt und liberale Einwanderungspolitik anspielt. Daß die kanadischen Spitzenpolitiker lobenswerterweise nicht gleich das infinite Kriegsgeschrei mit anstimmten, konnten die Machtleute im Süden trotz des unmittelbaren weitgehenden kanadischen Beistands nach der Kathastrophe in New York nicht verzeihen. Als Bush dann dem ohnehin schon voreingenommenen Kongreß seine Vergeltungsphilosophie nahelegte, ließ er Kanada aus der langen Liste der Länder aus, denen er für Nothilfe und Trauerveranstaltungen dankte. Aber nein doch, die Kanadier sind unsere Brüder, und bei Brüdern muß man sich nicht bedanken. Hieß es später sehr unüberzeugend.

Ein Bruderzwist in Nordamerika? Ein Alarmzeichen für die kanadische Unabhängigkeit? Eine Strafe für Friedfertigkeit? Oder bloß Arroganz, wie manche Medien in Kanada meinten? Daß das multikulturelle Einwanderungsland unter hohem amerikanischen Druck stand und steht, ist ein offenes Geheimnis. The possible Canadian connection war tagelang die Terror-Schlagzeile nicht nur der Klatschblätter. Schließt die Grenze! Sonst kommen noch all die Kerle hergelaufen, die ihre Windeln auf dem Kopf tragen! Doofes Gerede? Ja, aber mit Ansprüchen auf Absolutheit und politischen Anstand. Der Entschluß des kanadischen Regierungschefs, auf ungelenkes Buschkommando hin nicht untertänigst mobilzumachen, erscheint vielleicht als eine Sache der Selbstverständlichkeit. Aber wenn man die unheimlichen politisch-wirtschaftlich-miltärischen Spannungsfelder in Erwägung zieht, wird eines klar: Dazu gehörte nicht nur ein kühler Kopf, sondern auch Mut.

Mit der traditionellen Freundschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada hat es Bush laut dem Ermessen mancher sachlich orientierter politischer Analysten gleich nach seinem höchstumstrittenen Amtsantritt Anfang 2001 gebrochen. Anders als seine Vorgänger, die allesamt als erstes nach Ottawa eilten, stattete er lieber seinem südlichen Freund, dem mexikanischen Präsidenten, einen herzlichen Besuch ab. Als der kanadische Premierminister Jean Chrétien dann prompt in Washington auftauchte, um den schönen Anschein nordamerikanischer Brüderlichkeit zu wahren, fiel Bush nichts besseres ein als die paar paar historisch-geographischen Tatsachen, die seiner Ideenwelt am nächsten standen: Wir haben eine lange Grenze, und es hat zwischen unseren Ländern schon seit geraumer Zeit keinen Krieg mehr gegeben. Dann stammelte er noch etwas über die Handelsbeziehungen. Denn schließlich geht ein Viertel der amerikanischen Exporte nach Kanada. Im Sommer erholte er sich ein paar Monate lang auf seiner Ranch in Texas. Als der Präsident dann Mitte September vergaß, daß das amerikanische Verfassungsgesetz Ermordungen untersagt, wollte er durch weltgeschichtlich gemeinte Worte den patriotischen Aktionsfilmen des Wilden Westen Wirklichkeit verleihen: "There is an old saying out west: Wanted. Dead or alive." Auf der Kundgebung am 20. September hat ihm der Kongreß zugejubelt, weil er vom Militär verlangte: "Make us proud!" Das stärkste Land auf der Welt hat die wirksamsten Vernichtungsmitteln. Deren Einsatz soll mit Stolz begrüßt werden.

Großbritanien steht zu uns! (Im Unterschied zu den kanadischen Angsthasen, die übrigens zu begrenzt sind, um unser infinites Gerechtigkeitskonzept zu verstehen.) Wir haben keinen besseren Freund auf Erden als Großbritannien! So was Ähnliches sagte Bush vor ein paar Monaten allerdings auch zu den Mexikanern. Jedenfalls wurde Kanada in der Präsidialrede am 20. September als Vergeltung für Kanadas besonnene Standortbestimmung zur allmächtigen Kriegsdoktrine wohlbedacht völlig ausgeklammert. Nein, der hat bestimmt auch Kanada im Sinn gehabt, aber nur deswegen nichts gesagt, weil er wohl meint, wir sind ja irgendwie seine Familie oder so, versuchte der beschwichtigende kanadische Außenminister es gleich wieder gut zu machen. Ganz im Gegenteil, brüllte ein skandallüsterner Oppositionsleader, der gerade im Begriff war, eine Karriere ohne Glorie zu beenden, als die New Yorker Katastrophe ihm neue Hoffnung auf politische Prächtigkeit gab. Echte Männer greifen zu den Waffen! Ob er selber dazu bereit wäre, sein Fell zu lassen, konnte man seinem imperativen Mitmacherlied kaum entnehmen. Die Amerikaner bauen auf uns, wir dürfen sie nicht enttäuschen. Jetzt ist keine Zeit für kritische Überlegungen, sondern nur für Schulterschluß! Bush ist den Kanadiern sowieso schon lange böse, weil sie sein aggressives militärisches Vaterunser nicht bejubeln.

Was hat es zu bedeuten, wenn einer sagt: "Wer nicht für uns ist, der ist für die Terroristen!"? Wie man es nun dreht und wendet: Das ist eine direkte Drohung, und zwar nicht nur gegen außen. In Bush spiegelt sich leider der unweite Erwartungshorizont seiner Feinde. Die Ratgeber rund um das Weiße Haus haben sich entweder nicht sehr stark angestrengt, oder aber sie verfügen über eine verhängnisvoll begrenzte Einbildungskraft. Was, wenn der amerikanische Präsident den Mut gehabt hätte, terroristischem Gedankengut zu widerstehen? Aber wer will jetzt spekulieren! Die Lösung der globalen Gleichung scheint einfach zu sein: Wir rüsten.

Buschmensch versus Sandmensch. Man könnte aufgrund der jüngsten amerikanischen Mythologieprodukte fast denken, daß Gott ein Angestellter des Weißen Hauses ist, wohingegen Allah immerfort den Meuchelmord predigt. Der nordamerikanische Durchschnittsmensch neigt dank der eintönigen Vergeltungspropaganda seines Vaterlandes verständlicherweise eher zum Krieg. Freilich glaubt er dabei, daß die Anderen allesamt unzivilisierte blutlüsterne Teufel sind. Auch hat er sich kaum die Mühe gemacht, religiöse Hintergründe wenigstens einigermaßen zu verstehen, bevor er sie als kriminell verurteilt. Sogar in Kanada stimmten angesehene und ansonsten besonnene Zeitungen das Lied vom Terroristen an, dessen Schandtaten allein in religiösen Überzeugungen wurzeln. Eins wurde aus lauter Patriotismus strategisch totgeschwiegen: Das (Tabu?) Schlüsselwort der Infinite Justice heißt nicht Islam, sondern Erdöl. (Benzintank leer. Bin Laden.)

Infinite Einseitigkeit: das kräftige Jawohl teilweiser Hilfswahrheit. Wenn einer künftig seinen Standpunkt gegen Oben behaupten wird, heißt es bestimmt gleich: Du Dreckskerl von einem bin Laden! Die zivilisierte Menschheit soll unwirsch global vermarktete Floskeln zum Sonderpreis kaufen. (Und man muß sich sogar anstellen.) Eine primitive Bevormundung des Individuums ist im Gang. Von den Mitmachern wird schwungvolle, vorbehaltlose Begeisterung erwartet. Und das Gutheißen von vermeintlich heldenhaften Racheplänen, die als Mysterium gelten sollen und angeblich aus gemeinnützigen Gründen keiner Kritik bedürfen. Wer auf moralischer Ebene so großartig ist, daß er nicht mehr das Böse in sich selber, sondern nur das Böse als die Anderen bekämpfen will, hat den Evolutionskreis beendet.

Das althergebrachte politisch-militärische Gleichgewicht unseres Planeten macht schon seit einiger Zeit keinen haltbaren Begriff mehr aus. Wenn die Guten aus Versehen Unschuldige umbringen, wird das Kollateralschaden genannt. Das vermittelst der unreflektiert brutalen Vorgehungsweise der jüngsten Terror-Krise (dieses Möchtegern-Weltkriegs) entfesselte Gewalttätigkeitspotential erhebt beträchtliche Fragezeichen in bezug nicht nur auf die Glaubwürdigkeit der ethischen Grundwerte westlicher Demokratien, sondern auch auf das je nach Umstand sehr unterschiedlich angewendete internationale Recht. Shoot first, ask later! Das Absolute ist Anfang und Ende zugleich. Eine spontane Reaktion: It's like the movie Armaggedon, man! Reicht das analytische Ermessen über dieses eher finite Verständnis der zivilisierten Menscheit nicht hinaus, so landet man wieder auf der vertrauten Dichotomie Großmacht / Größenwahn. Oder werden die Worte des Präsidenten wirklich immer wieder mißdeutet? Manchmal gibt Herr Bush nämlich an, insgeheim etwas ganz anderes gemeint zu haben, und nicht das, von dem die Leute meinen, daß er es meint. Sprachlich gewandt?

Die unendliche Eitelkeit befriedigen: Schmeicheln als Entschädigung fuer das zentrale Intelligenzversagen: George W. Bush: Our Great Commander-in-Chief! (Anrede des CIA-Direktors am 26. September) Starker, anhaltender Beifall von seiten der CIA-Arbeitnehmer. It's part of the job.

Kaum ein Lebensmittel verkauft sich gegenwärtig besser als Gasmasken. Apocalypse Now. Die Flagge wieder hoch am Mast. Alle Skrupel zur Seite gerückt, das Böse drüben ins Visier. Die Angst vor dem selbständigen Denken: nicht zu verkennen. Truppen der Einsicht, der einen Sicht: Klar zum Gefecht!

Aufklärung ist der Ausgang der Menschheit aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. (Kant)

4. Oktober 2001

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