Festspiele

Boomende Scheunen

Von Manfred Wegner

Deutschland ist ein Festspielland. August Everding, dem früheren Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins zufolge, soll es hier über 200 Festspiele geben. Ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr, und der Festspielboom scheint kein Ende zu nehmen, obwohl auch hier sich die Zeichen der Übersättigung mehren. Millionen von Besuchern genießen während der Sommermonate in Kirchen, Klöstern, Schlössern, Scheunen und Festspielorten wie Bayreuth und Baden-Baden die Aufführungen von Opern, barocker, klassisch-romantischer oder auch moderner Sinfonie- und Kammermusik.
Fast scheint es, als würden die Verkrustungen des Theater- und Musikbetriebes im Festspielbereich aufgehoben sein. Doch kann man im Gegenteil auch argumentieren, dass es gerade die bürokratischen und tariflichen Einschränkungen im üblichen Musikbetrieb sind, die das Festspielleben stimulieren. Hier kann man sowohl der Zwangsjacke des Tarifsystems als auch den hohen Fixkosten des teuren Ensembletheaters aus dem Weg gehen. Seit zehn Jahren bieten zudem die vielen osteuropäischen Orchester Anreize für preiswerte Musikfestspiele. Wegen der geringeren marginalen Kosten bieten Festspiele daher nicht selten einen Ausweg, um der Baumolsche Kostenfalle zu entgehen. Bei den Festspielen entfallen meist auch die Schwellenängste der Besucher gegenüber den traditionellen Kulturtempeln und sie kommen dem Verhalten und der Kaufkraft der deutschen Freizeitgesellschaft entgegen. Nicht zuletzt entsprechen viele Festspiele auch der Sehnsucht nach Intimität und einem sozialen Charakter des Musikhörens sowie dem Wunsch nach unmittelbarer Begegnung von Künstlern und Publikum, die in den aufwendigen Großformen verloren gegangen sind.

Reformbedarf im Kulturleben: Sicherheit vor Innovation und Risiko?

Im Gegensatz zu den USA und auch Großbritannien sind die steuerlichen Anreize für kulturelle Stiftungen und Spenden in Deutschland äußerst dürftig. Reformen des uralten Stiftungsrechts und stärkere steuerliche Anreize für Sponsoren stoßen auf die harte Front der Steuereintreiben Betrübt muss man feststellen, dass die Neureichen Deutschlands sich kein Beispiel an amerikanischen Unternehmern wie David Packard, Ted Turner oder Bill Gates nehmen, die viele Milliarden Dollar für ihre Stiftungen spenden.
Nun lässt sich nicht leugnen, dass der klassische Musikbetrieb in den USA und Großbritannien mühsamer finanziert und riskanter betrieben wird als in Deutschland oder Österreich. Damit ist aber noch keineswegs gesagt, dass er auch inhaltsärmer sein muss. Es kann nur wenige Zweifel geben, dass die Musikmacher in Amerika und England mit größerem Enthusiasmus bei der Sache sind als in Deutschland, weil sie mehr Eigenverantwortung tragen und sich stärker auf die Mitbeteiligung des interessierten Publikums stützen müssen. Matthias Langhoff, der in Frankreich inszeniert, macht dem deutschen Theatersystem den Vorwurf, es sei im Inneren verkrustet durch die festgezurrten Tarif- und Abonnementstrukturen, das erstarrte Verhältnis der Theatermacher zu ihrem Publikum, die Anrechtstraditionen der Kulturcliquen und vieles andere. Der Vorwurf der zunehmenden Bürokratisierung ist auch von Franz Xaver Ohnesorg, dem erfolgreichen Manager der Kölner Philharmonie, erhoben worden, der nach einem Abstecher als Chef der New Yorker Carnegie-Hall vor kurzem die Intendanz der Berliner Philharmoniker übernahm. Wolfgang Sawallisch, der das Münchner Opernhaus nicht zuletzt wegen der bürokratischen Bevormundungen für einen Dirigentenposten in Philadelphia verließ, preist die Begeisterungsfähigkeit und das Engagement des amerikanischen Musikpublikums (Sawallisch 1993).
Der kulturelle Auftrag der öffentlichen Hand soll nicht infragegestellt werden, nicht zuletzt auch deswegen, weil die deutsche Kulturlandschaft das Ergebnis eines langen Reifeprozesses und einer mehrhundertjährigen Tradition ist. Kultur und erst recht die Musik haben tiefe Wurzeln und brauchen daher einen reichhaltigen Nährboden, öffentliche Zuschüsse werden daher auch weiterhin das wesentliche Instrument der Kulturfinanzierung bleiben müssen, wenn auch über Ausmaß, Form und Prioritäten gestritten werden darf. Schlimm wäre es, die vielfältige Kulturlandschaft mit der Rasenmähermethode zu beschneiden. Die gegenwärtige kulturpolitische Debatte konzentriert sich leider allzu sehr auf die finanziellen Aspekte.
Deutschland leidet ganz allgemein an den Symptomen einer Überinstitutionalisierung. Auch dem Kulturbetrieb kann man die reformabwehrende und träge Haltung des gesamten deutschen Standortes vorwerfen. Wichtiger als Budgetfragen wären daher grundlegende Reformen und Veränderungen im Verhältnis von Staat, Kulturinstitutionen und Publikum. Einhalt zu gebieten ist vor allem der fortdauernden Neigung staatlicher und kommunaler Kulturbehörden, sich in die künstlerischen und organisatorischen Belange der Theater, Orchester und Museen mit Detailvorschriften einzumischen und so die Lust an Innovationen und Experimenten zu bremsen.
Der Spardruck der öffentlichen Kassen, die lange Zeit auch im Kulturbereich so munter sprudelten, wäre eine einmalige Chance, inhaltliche, institutionelle und organisatorische Reformen durchzusetzen und das erstarrte Verhältnis zwischen Kulturbetrieb und Publikum aufzubrechen. Wettbewerb, Flexibilität und Transparenz sind auch in der Kultur unverzichtbar. Konkret heißt das: den Wust staatlicher Regelungen abzubauen, die öffentliche Förderung der Elitekultur und der etablierten Institutionen zurückzudrängen, neue Schichten der Bevölkerung und vor allem junge Leute an das Kulturangebot heranzuführen ohne den gleichmacherischen Tendenzen der Kommerzkultur nachzugeben. Die deutsche Kulturlandschaft wird von privaten Fördergeldern nur am Rande profitieren, dort allerdings wertvolle Anstöße geben können. Ein höherer Beitrag des privaten Sektors ist aber nur dann denkbar, wenn das öffentliche Bewusstsein sich über den gesellschaftlichen und sozialen Stellenwert der Kultur klarer wird und die Entscheidungen nicht nur einer abgehobenen Klasse von Kulturbeamten und -managern überlässt. Die Zeiten für die etablierte Musik- und Kulturszene dürften in Zukunft noch härter werden. Aber diese Gefährdung könnte auch der Anlass sein, um die einmalige Musik- und Kulturlandschaft Deutschlands in der kundigen Öffentlichkeit mit stärkerer Mitbeteiligung und Opferbereitschaft als bisher zu verteidigen.

Der Beitrag stützt sich auf das Buch Musik und Mammon. Die permanente Krise der Musikkultur, Nomos Verlag, Baden-Baden 1999.

Manfred Wegner hat als Ökonom langjährige Erfahrungen in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung erworben sowie eine zwanzigjährige Tätigkeit in der Europäischen Kommission in Brüssel hinten sich. Er war Gründungspräsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, wirtschaftspolitischer Berater in Zentralasien und u.a. Gastprofessor in Seoul (Südkorea) und Cluj-Napoca (Rumänien).

16. November 2002

Leserbrief

Haben Sie schon unseren kostenlosen Newsletter abonniert?