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Klosterneuburg
Wie man eine Gedenktafel doch noch anbringt
Von Manfred Steinhuber
Klosterneuburg ist eine unweit von Wien malerisch an der Donau gelegene
Stadt mit etwa 30.000 Einwohnern. Berühmt ist sein Augustiner-Chorherrenstift,
geschätzt ist seine Weinbauschule und europaweit gelobt sein Museum
moderner Kunst, die Sammlung Essl.
Klosterneuburg hatte aber auch einmal eine relativ große jüdische
Gemeinde, die 1938 noch 300 Menschen zählte. So gut wie nichts
erinnert heute noch daran. Die wenigen verbliebenen Zeichen dieser vernichteten
Kultur sind nur für den Eingeweihten auffindbar, denn bis heute
hat es die Stadt nicht einmal geschafft, an der ehemaligen Synagoge
eine Gedenktafel anzubringen. Dabei kann man wirklich nicht behaupten,
daß bisher niemand auf die Idee gekommen wäre. Vor 15 Jahren
haben Cilly und Walter Lauber sich schon Gedanken über die ehemalige
Synagoge gemacht und in einem offenen Brief an die Stadtgemeinde die
alljährliche Gedenkmesse für die Opfer von Stalingrad zum
Anlaß genommen, auf den Verfall des Bethauses und des jüdischen
Friedhofs hinzuweisen und eine Stätte der Begegnung, ein Kulturzentrum
in der ehemaligen Synagoge anzuregen. Cilly und Walter Lauber haben
den Nazi-Terror überlebt, aber nicht vergessen. Sie gehören
zu den wenigen Emigranten, die zurückgekehrt sind. Ihr Wunsch nach
einem Kulturzentrum in der ehemaligen Synagoge wurde nicht erfüllt.
Das Gebäude ist heute ein Wohnhaus, erhalten ist nur mehr ein Jugendstilerker.
Doch den Wunsch nach einer Gedenkstätte hat sich die grüne
Gemeinderätin Martina Enzmann zu eigen gemacht. Ihr Antrag, eine
Gedenktafel an der Fassade des noch vorhandenen Jugendstilerkers der
Synagoge an der Ecke Kierlingerstraße und Medekgasse anzubringen,
wurde am 2. Dezember 2000 mit den Stimmen von 12 der 13 Klosterneuburger
Gemeinderäte beschlossen. Die Gegenstimme kam von der FPÖ,
aber das spielt angesichts der satten ÖVP-Mehrheit kaum eine Rolle.
Außerdem ist Klosterneuburg reich an rechten Kuriositäten:
Wo es einen Reitstall gibt, dessen Pferde auf Wotan und andere germanische
Götter hören, wo sich ein Bürger den Spaß leistet,
im Telefonbuch unter Rüdiger Starhemberg aufzuscheinen, da wundert
es auch nicht, daß die Besitzer der Eigentumswohnungen im Haus
mit dem Erker mehrmals abstimmen und die Zahl der ablehnenden Stimmen
jedesmal größer wird. Also kommt die Hausfassade für
die Tafel nicht in Frage. Folgerichtig beantragt Gemeinderätin
Enzmann nun die Anbringung auf dem Gehsteig vor dem Haus, also auf öffentlichem
Gut.
Doch beim Beantragen ist es geblieben. Bürgermeister Gottfried
Schuh beruft sich auf nicht näher bezeichnete Verkehrsexperten,
und meint, der Gehsteig biete nicht genügend Platz für eine
Tafel, außerdem findet er eine Gedenktafel auf einem Gehsteig
"unwürdig". Gemeinderätin Enzmann wiederum findet
des Bürgermeisters Idee, die Tafel doch im nahegelegenen Beserlpark
aufzustellen, "völlig daneben".
Doch hinter diesen Komponenten einer Provinzposse verbirgt sich die
Tatsache, daß es in Klosterneuburg tatsächlich bis 1938 eine
jüdische Gemeinde gab, deren Schicksal völlig in Vergessenheit
geraten ist und das auch bisher nicht historisch aufgearbeitet wurde.
Die nahe gelegene Stadt Tulln hat bereits ihr Heimatkundebuch*, das
penibel bis zur arisierten Badehütte alle Ereignisse dokumentiert
und auch mit einem Porträt des Tullners Siegfried Seidl aufwarten
kann. Seidl war einer von Eichmanns Männern, Kommandant von Theresienstadt,
einer von 30 in Österreich hingerichteten NS-Verbrechern.
Keine vergleichbare Arbeit wurde bisher über Klosterneuburg geschrieben.
Lediglich Gustav Spann vom Institut für Zeitgeschichte der Universität
Wien hat einiges an Dokumenten ausgegraben und gesichtet. Zum Beispiel
die Chronik des Augustiner Chorherren Professor Vinzenz Ludwig.
1947, als der Professor seine Stadtgeschichte niederschrieb, war die
Erinnerung an das Dritte Reich noch ziemlich präsent: "Viele
der angesehenen Klosterneuburger, die sich durch ihren Fleiß und
Tüchtigkeit emporgearbeitet hatten, wurden ihrer Habe und ihres
Gutes verlustig, ja sie mußten selbst ihre bisherige Wohnungs-
und Arbeitsstätte verlassen. Viele dieser Israeliten wanderten
schon im Jahre 1938 über den Ozean nach Amerika, nach Kuba, nach
Schanghai, ja selbst nach Australien aus. Namen wie Fischl, Erber, Tuchfeld,
Fleischmann, Zalik, Ehrenfest, Kafka u.a. verschwanden aus der Klosterneuburger
Ära. Die jetzt zurückgebliebenen Beamten, Geschäftsinhaber,
Pensionisten verloren ihre Stellungen bzw. ihre Ruhegenüsse. Die
Söhne und Töchter durften ihre Studien nicht mehr fortsetzen
und alle mußten wie einst zu Kaiser Josef d. II. Zeiten den Sionsstern
[sic!] tragen."
Alles andere als beschaulich klingt auch, was wenige Tage nach dem
Einmarsch im März 1938 in der Neuen Klosterneuburger Zeitung zu
lesen war: "Auch bei uns in Klosterneuburg versuchten die Systemverbreiter
Dr. Wendl und Konsorten noch am 11. März den Bürgerkrieg zu
entfachen und Waffen zu verteilen. Durch die Wachsamkeit und das blitzschnelle
Zugreifen der nationalsozialistischen Formationen und der Parteifunktionäre
wurde dieses abscheuliche Verbrechen im Keime erstickt. Die Schuldigen
werden der gerechten Strafe nicht entgehen."
Diese sogenannte gerechte Strafe findet in einer nach 1945 erstellten
Statistik ihren Niederschlag, die in Klosterneuburg 4 Hinrichtungen,
13 KZ-Häftlinge und einen Partisanen auflistet.
Doch sonst verlief die Übernahme störungsfrei. Die Neue Klosterneuburger
Zeitung setzte sofort ein Hakenkreuz unter die Titelzeile, Herausgeber
Rudolf Chlebna junior verkündete in eigener Sache, ohnehin arisch
zu sein und schon immer gegen sozialistische und bolschewistische Einflüsse
gekämpft zu haben.
Die ersten 25 Klosterneuburger Volksgenossen gingen bereits am 22. März
auf große "Kraft durch Freude-Fahrt" nach Nürnberg
und der Überschwang der Volksgenossen dürfte beträchtlich
gewesen sein, denn am 2. April sah sich Gauleiter Bürckel bereits
zu einer Bekanntmachung veranlaßt: "Eine Reihe von Leuten
sehen ihre Aufgabe zur Zeit darin, diesen oder jenen Führer irgendeiner
früheren Organisation der Behörde zu melden, damit er als
"gefährlicher Staatsfeind" in Haft genommen wird. Wie
viele dieser örtlichen Führer haben selbst nicht gewußt,
worum es geht oder haben aus Brotsorgen sich ein uns gegnerisches Amt
aufzwingen lassen. Wenn ich ein solches Verschulden auch schärfstens
mißbillige, so muß ich doch die Weisung geben, daß
man diese kleinen Leute endgültig in Ruhe läßt."
Die Juden waren mit diesem schikanösen Verbot durch den Gauleiter
allerdings nicht gemeint. Am 21. Mai, rechtzeitig zum Saisonbeginn,
jubelte die Neue Klosterneuburger Zeitung unter dem Titel "Unser
Strandbad judenrein": "Es ist eine Selbstverständlichkeit,
daß im Zuge der neuen Maßnahmen auch die Weisungen ergangen
sind, unsere herrlichen Strandbäder judenrein zu machen. Wenn man
daran denkt, wieviele Arier nur wegen der Juden das Bad nicht besucht
haben, dann wird man erst voll und ganz ermessen können, wie notwendig
es ist, den Juden nunmehr den Eintritt zu untersagen."
Die Erinnerung der wenigen Klosterneuburger, die diese turbulenten
Zeiten beim Einmarsch der Nazis als junge Menschen miterlebt haben,
sind - soweit sie einem Journalisten gegenüber überhaupt preisgegeben
werden - weitgehend verblasst. "Wir haben von alldem nichts mitgekriegt,
wir waren noch so jung" lautet die stereotype Antwort. Hilft man
der Erinnerung mit Namen nach, tauchen doch noch einige Episoden auf:
Die Schulfreundin, die "auf einmal weg" war, der Apotheker,
der Rechtsanwalt, von denen man "nie mehr etwas gehört hat"
oder der Dr. Weihs, dem "einer den Bart ausgerissen hat".
Auch der Chronist des Stiftes Klosterneuburg erwähnt diesen Primarius
Dr. Arthur Weihs, "der die Hemmnisse des Konzentrationslagers in
Theresienstadt trotz seiner 70 Jahre überstand. Dieser große
Arzt, der auf seine Kosten im Allgemeinen Krankenhause Klosterneuburg
die ganzen Röntgenapparate kaufte und zur Verfügung stellte,
der ohne daß die Allgemeinheit es wußte, 6 Betten jährlich
erhielt...(erlebte) bittere Stunden, als er die Kunde vernahm, daß
seine um ihn besorgte Schwester in Polen den Tod gefunden hatte."
Den Höhepunkt des weithin öffentlich sichtbaren Terrors gegen
die Juden, stellte auch in Klosterneuburg das Novemberpogrom dar. Schon
seit den 30er Jahren hatte es Fälle von Vandalismus gegen die Synagoge
gegeben: Eingeschlagene Fenster, die Eingangstür mit Kot beschmiert.
Doch in der sogenannten Reichskristallnacht wurde der Tempel angezündet
"durch jugendliche Elemente", wie der Stiftschronist treuherzig
anmerkt. Die Feuerwehr hatte die Weisung, nur einzugreifen, wenn umliegende
"arische" Gebäude gefährdet seien. Daß das
Bethaus nicht vollständig zerstört wurde und die Feuerwehr
schließlich doch noch löschte, liegt daran, daß HJ
und BDM, die Jugendorganisationen der NSDAP, im Gebäude einquartiert
waren.
Von den Ereignisse finden sich Fotos im Stadtarchiv und in offiziellen
Publikationen der Stadt, doch in der Erinnerung der Bürger existieren
sie nicht mehr. Im Gegenteil: daß Juden zu Reibepartien gezwungen
wurden, wird glatt in Abrede gestellt. Reibepartien nannte man in Österreich
die fast immer von einheimischen Parteigenossen zusammengetriebenen
Arbeitstrupps, die (manchmal mit Zahnbürsten) Gehsteige reinigen
mußten. Dafür wird behauptet "unsere Nationalen"
seien von den Russen zum Straßenkehren gezwungen worden. Und so
verwundert es nicht, wenn auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer
Gedenktafel für die Juden nur Einnerungen an die Opfer der Russen
auslöst: "Wir haben ja nicht einmal eine Gedenktafel für
unsere Stalingrad-Kämpfer." Das ist zwar nicht wahr, denn
auch Klosterneuburg hat seine Kriegerdenkmäler, aber was zählt
das schon in einem Bundesland, dessen FPÖ-Obmann sich zu dem Satz
"Unsere Ehre heißt Treue" bekennt und dessen Stellvertreter
am Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, am 8. Mai 2002, eine
Trauerrede hält.
Den gefallenen Wehrmachtssoldaten sei nur das Schicksal des Moritz
Tuchfeld gegenübergestellt. Er hat nur in drei Dokumenten eine
Spur seiner Existenz hinterlassen. Im Archiv der Republik gibt es eine
Liste von 20 jüdischen Gewerbeinhabern aus Klosterneuburg. In den
Akten von Gauleiter Bürckel findet sich ein Brief aus dem Jahre
1939:
"Ich bin gebürtiger Klosterneuburger, deutscher Staatsangehöriger
und seit 55 Jahren Schneider in Klosterneuburg. Als Nichtarier wurde
ich veranlaßt, mein Gewerbe mit dem 1. 1. d. J. zurückzulegen.
Da ich als 67jähriger Mann für die Auswanderung nicht in Frage
komme und keine Verwandten habe, die für mich sorgen könnten,
ersuche ich vielmals um Veranlassung, daß mir die Ausübung
des Schneidermeistergewerbes weiterhin mit dem bisherigen Sitze gestattet
werde.
Und im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands gibt
es eine Karteikarte mit folgendem Text: "Tuchfeld Moritz, geboren
am 31. März 1872 in Klosterneuburg. Letzte Wohnadresse Wien 2,
Große Mohrengasse 22. Gestorben am 24. September 1942 in Theresienstadt."
Moritz Tuchfeld hat kein Grab auf dem jüdischen Friedhof, dem
zweiten Ort, der in Klosterneuburg noch an die untergegangene Kultur
erinnert. Dieser Friedhof wurde vor 120 Jahren in Betrieb genommen.
Heute aber wissen ihn nur mehr ganz wenige zu finden. Einer war der
Redakteur der Niederösterreichischen Nachrichten, Franz Resperger.
Er hat ihn am 14. November 2001 so vorgefunden: "Kein Toter hat
es verdient, in einem derartigen Trümmerhaufen seine letzte Ruhestätte
zu finden. Wenn man die Trümmer überhaupt noch findet. Denn
das Grün des Friedhofs ist derart verwildert, daß die meisten
der umgestürzten Grabsteine schon völlig überwuchert
sind."
Ein halbes Jahr später besuche ich mit dem Historiker Gustav Spann
vom Institut für Zeitgeschichte den jüdischen Friedhof seiner
Heimatstadt Klosterneuburg. Es hat sich nichts verändert unter
den mächtigen alten Bäumen. Nur die Pflanzen eines neuen Frühlings
sind dazugekommen. Auf dem Grab des Dr. Arthur Weihs steht das Unkraut
eineinhalb Meter hoch. Und, was dem erfahrenen Blick des Historikers
sofort auffällt: An vielen Grabsteinen fehlen die Marmorplatten
mit den Inschriften. Einige Grabstätten waren einmal geradezu prunkvoll,
geben Zeugnis einer großen Gemeinde. Manche Inschriften hinter
Gestrüpp erzählen Geschichten: "Zum heiligen Gedenken
an seine gute und tapfere Schwester die Märtyrerin Malvine Weihs,
Tochter von Jakob und Regine Weihs, geboren in Wien am 25. Jänner
1895, durch die Raubmordorganisation des 3. D. R. aus dem KZL Theresienstadt
am 12. Oktober 1940 nach Auschwitz verschleppt, beraubt und grausam
ermordet, errichtet von ihrem dem Mord entronnenen Bruder Dr. Arthur
Weihs".
Noch immer beeindruckt von der eigenartigen Stimmung der Friedhofsstille,
die nur von Vogelgezwitscher überlagert wird, gehe ich ins Rathaus
und höre dem Bürgermeister zu, der mir erklärt, er selber
sehe regelmäßig auf dem Friedhof nach dem Rechten und selbstverständlich
lasse er den Friedhof zweimal jährlich mähen und auch die
nötigen Instandsetzungsarbeiten vornehmen. Außerdem werde
er weiter intensiv nach einer Lösung für das Gedenktafelproblem
suchen, da ihm das Andenken an die jüdische Gemeinde Klosterneuburgs
ein großes Anliegen sei.
Und damit holt er mich auch wieder auf den Boden der Realität einer
Provinzstadt zurück, die sich nur durch ihren Namen von zahllosen
anderen unterscheidet. Damals wie heute. Doch Leon Zelman, der in Wien
das Jewish Welcom Service betreibt, hört Radio. Und das Verschwinden
der Erinnerung an die Klosterneuburger Juden veranlaßt ihn, die
nächste Zusammenkunft emigrierter Österreicher, die das JWC
organisiert, am 17. Oktober in Klosterneuburg stattfinden zu lassen.
Festredner ist Landeshauptmann Erwin Pröll. Und da erteilt auch
Parteifreund Bürgermeister Schuh gerade noch rechtzeitig den Auftrag,
unmittelbar vor der ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel anzubringen.
Anmerkung:
* Peter Schwarz: Tulln ist judenrein! Die Geschichte der Tullner Juden
und ihr Schicksal von 1938 bis 1945: Verfolgung Vertreibung
Vernichtung. Löcker Verlag, Wien, 1997
Kurzbio:
Manfred Steinhuber, geboren 1948 in Wels. Erlernte
Berufe: Musiker und Magister iuris. Derzeit tätig als Redakteur
der Ö 1-Sendung Journal-Panorama und als Lehrer für Radiojournalismus
am Polycollege Stöbergasse in Wien sowie für "Zeitgeschichte
im Radio" am Internationalen Journalismus Zentrum der Donauuniversität
Krems.
16. November 2002
Leserbrief
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