Kanadische Pirouetten

Elegant um das Lager herum

Wird Kanada, im "Krieg gegen den Terrorismus" bisher von schier "uneingeschränkter Solidarität" mit dem mächtigen Handelspartner an seiner Südseite, zum Weichei, Bedenkenträger, Euro-Lover?

Von Vasile V. Poenaru

Visuell hat sich bin Laden nicht gemeldet. Leider. Aber wenn einer so aussieht, wie Bin Laden früher aussah, so kriegt er eine Bombe auf den Schädel, dafür sorgen international einsetzbare Kämpfer. Zu diesen Kämpfern gehörten bis vor kurzem außer den unkonventionell trainierten Special Units auch ordentliche kanadische Truppen, kaum mehr als ein paar hundert Mann stark, die freilich ganz am Anfang nicht genau wussten: Was tun, wenn's brenzlig wird?

Denn rund um Ottawa gibt man sich gerne durch und durch rechtschaffen, vorbildlich demokratisch, natürlich auch selbstbewusst und zugleich friedfertig. Nur, der Mitmacherinstinkt ist trotzdem da. Zu viele Skrupel, das hieße den D-Zug verpassen und (darf man es sagen?) wahrscheinlich nicht nur dickeVerträge einbüßen. Als der kanadische Premier Jean Chrétien angesichts der juristischen Sackgasse blitzartig entzündeter Kriegsideologien Bedenken an einer damals noch hypothetischen kanadischen Beteiligung an der wüsten Strafkampagne im Land der tausend Kriegsherren lautwerden ließ, kam es eine Weile zu beträchtlichen Spannungen zwischen Ottawa und Washington. Die längste unverteidigte Grenze der Welt lässt keine geteilte Meiungen zu. Wenn jeder Lastwagen eine halbe Ewigkeit durch Kontrollen aufgehalten wird, werden alle vermarktungsfrohe Ahornstämme morsch, und der berühmte Maple Sirup versickert ins Nirgendwo.

„Our snipers were very well-prepared and accounted for the most kills", lautete eines der stolzen Schlussworte zum tragischen Unglücksfeldzug gegen Terror, Sand, Wind und Bärte. Dabei hatte Kanada zu Beginn der Afghanistan-Schießerei eigentlich ernsthafte Bedenken, gegen das internationale Recht zu verstoßen. Und auch die kanadische Verfassung wollte dieses Recht so gut wie möglich wahren, selbst unter amerikanischer Kriegsführung, wenigstens grundsätzlich. Doch wie tut man das, ohne den mächtigen Handelspartner zu ärgern? Ursprünglich sollten die Kanadier nämlich unbedingt auf der Seite der Legalität bleiben und sich nicht dem Pentagon und seiner grenzenlosen Strafkraft fügen, vor allem weil das kanadische Image voraussichtlich Schaden nähme, wenn sich sein Militär zu herzlich zweifelhaften Zwecken hergäbe wie den höchst verdächtigen „Viehtransporten" nach Kuba. Tausend gefangene Taliban-Mitmacher mussten übrigens im November laut Newsweek während ihrer transportation in Afghanistan qualvoll ersticken (weil sie falsch eingestiegen waren?). Klingt irgendwie undemokratisch. Und jetzt will es niemand gewesen sein. Anfangs hieß es, Kanadier seien aus „logistischen Gründen" nicht imstande, Gefangene zu machen. Als aber trotz der strategischen Versteckenspiele rund um die Seen ruchbar wurde, dass kanadische Soldaten ihre ersten bärtigen Gefangenen im Schatten rethorischer Standortbestimmungen zum Thema Kriegstradition und Menschenrecht einfach wie aus Versehen an die Amerikaner weitergaben, unter Missachtung logistischer Gründe sozusagen, brach dann doch ein kleiner Skandal im Parlament aus, über den der Verteidigungsminister aus dem Amt stolperte.

Wenn Bin Laden schon nicht da ist, sollen doch wenigstens die Sündenbocke büßen. Das war eine billige Lösung, die den erfolglosen Schlachtruf „Wanted. Dead or alive" als grotesk populistische Entschädigung gleichsam zögerlich und stillschweigend im öffentlichen Bewusstsein der nordamerikanischen Szene ersetzte. They are going to learn the terrible lesson that says Don't mess with America, zitierte Bush wohl auf Ratschlag seiner Sprachkunstexperten aus einer cool gemeinten, anspruchslosen Fernsehserie. Und schon wurden auf irgendwelchen Grundlagen prompt teufelsähnliche Kriegsgefangene ausgesucht - die aber laut der revidierten Auflage des neuen Amerikanischen Alphabets ja eigentlich gar keine Kriegsgefangene waren, sondern bloß Menschen, genauer: Unmenschen - und in Lager gepfercht, wo niemand mit der Genfer Konvention unterm Arm herumläuft.

Macht zu delegieren, tut weh, aber es nimmt einem auch Gewissensbisse ab: Als bescheidene Helfershelfer sollten Kanadas Soldaten nicht nur die zweckdienlich als Nicht-Soldaten abgestempelten Kriegsgefangenen bei den erfolgsbedürftigen US-Rechthabern abliefern, sondern auch die moralische Verantwortung für diese fragwürdige Operation. Die Amerikaner würden die ethisch eher undankbare Lage bestimmt großartig meistern, hieß es, sie hätten sie doch sowohl die nötige Logistik als auch den guten Willen dazu. Gesagt, getan, oder besser :Verschwiegen, getan.

Den ausgelieferten Käfig-Menschen muss man nämlich immer ganz entschiedene Fragen stellen, sonst kommen keine befriedigenden Antworten raus. Und wenn die Käfig-Menschen frech werden, dann foltert man sie halt. Aber nur ein bisschen. Und schließlich werden sie ja nicht direkt von Kanadiern gefoltert. Manchmal werden die Verdächtigen kostenlos in ferne „freundliche" Länder ausgeflogen, wo die Folter noch ganz offen zum guten Ton gehört. Damit ist dann alles „politisch korrekt" abgelaufen.

Terminologie: Friendly country heißt ein Land, das gerne bereit ist, im Dienste "spezieller" US-Agenturen Menschen zu foltern: ein freundliches Land. Friendly fire aber ist was ganz anderes, was ganz Böses: gar nicht freundlich.

"If he is alive, we gonna get him. If he is dead, we got him." Ein bewundernswerter Satz, vor allem weil er so einfach zu merken ist. Form- und sinnngemäß freilich sehr kurz, doch zugleich wenigstens von seiner Intention her gewiss irgendwie großartig und erbaulich. Genau, was wir brauchen: Sprachkunst. Militärkunst. Selbstgefälligkeit Wegweiser im boomenden Krieg gegen den Terror.

Schurken: Es tut gut, sie in ihren kleinen Käfigen zu sehen, meinte ein heimatliebender Marine, der aus Mediensicht repräsentativ war und demzufolge als „Stimme der Nation" auftreten durfte. Ethische, ja gar christliche Maßstäbe anlegen, das wäre angesichts all der Emotionen, der Wut, der nach wie vor weitverbreiteten Angst und Panik vor unerhörtem Terror allerdings eine Zumutung. Und dass New York jetzt anders aussieht als früher, kann einer nicht gut abstreiten. Vielleicht wäre es deshalb rein instinktiv nachvollziehbar, wenn sich ansonsten zivilisierte und mitleidsfähige Personen an den Qualen ihrer mutmaßlichen Feinde laben und daraus noch so etwas wie eine kleine Freude (eine kleine Käfigfreude?) schöpfen. Aber zugleich ist es traurig. Sehr traurig.

Schulterschluss: Natürlich. Bedenken sind in Sachen absoluter Solidarität fehl am Platz, soviel versteht jeder Westler. Spätestens jedoch als die amerikanische Luftwaffe aus Versehen vier Kanadier umbrachte und einige weitere schwer verwundete, begann die Stimmung nördlich der Großen Seen umzuschlagen, vor allem weil die Pentagon-Leute auf der Stelle so arrogante Phrasen von sich gaben wie „Das ist hier ein Krieg, kein Kinderspiel!", anstatt ehrlich zuzugeben: „Mensch, das ist aber wieder mal echt dumm gelaufen!"

Den Kriegszug in Afghanistan einfach als Erfolg oder Misserfolg einzustufen, fällt schwer. Es gibt keinen eindeutig gesetzten Rahmen für den neuen Tanz rund um die globale Drohung des Terrorismus. Es gibt keine handfesten Regeln, wie einzelne Bewegungen auszuführen sind, ob nun im Busch oder vor der Kamera. Es gibt auch kein schlüssiges Konzept, und schon gar nicht einen verbindlichen Konsens. Politisches Gerede sei Quatsch, meint der amerikanische Präsident mit seiner sehr einfachen und irgendwie offenen Art darlegen zu müssen: „I understand leaders say things in the international arena, but the leaders I have talked to fully understand what needs to be done". A man's gotta do what a man's gotta do. Klar und bündig. Unspezifisch.

Angefangen hat die Afghanistan-Debatte in Kanada als Rechtsfrage über die Legitimität der umstrittenen und teilweise aus ethisch-strategischen Gründen geheimgehaltenen Aktionen spezieller Einheiten. (Operieren diese Einheiten jetzt in Pakistan?) Die Antwort, mir der sich schließlich überraschend viele als verantwortlich geltende Personen zufriedengeben, lautet seltsamerweise: „Wir brauchen ein stärkeres Militär".

16. November 2002

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