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Jedem eine eigene Welt
John Cage: 90, 50, 10
Vor zehn Jahren, am 12. August 1992, starb der US-amerikanische
Komponist und Autor John Cage, ziemlich genau 50 Jahre nach der Uraufführung
seines berühmtesten Stückes 4'33". Schon zu Lebzeiten
hatte der "Erfinder" des präparierten Klaviers einen
unabsehbaren Einfluss auf die neue und avantgardistische Musik. Am 5.
September wäre er 90 Jahre alt geworden.
Von Hans Pfitzinger
"Der höchste Zweck besteht darin, nichts
zu bezwecken."
John Cage
Zehn
Jahre ist es her, da hat mich die taz, die mir nötige Tageszeitung,
so recht von Herzen erfreut. John Cage war gestorben, ich hatte es nachmittags
in den Nachrichten gehört, auf Bayern 4 Klassik, aus Lothars Radio
in Rehbach, einem kleinen Weiler bei Moosburg an der Isar. Weil mein
Freund, der Schafzüchter, nebst Lebensgefährtin mal wieder
eine Wein- und Fressreise durch Burgund machen wollte, hatte ich mich
erboten, zwei Wochen auf die Schafe (30 Mädels, ein Bock) aufzupassen
- sie morgens über die Straße auf die eingezäunte Weide
zu geleiten und abends wieder zurück in den Stall. Das ging ganz
einfach: Die Tiere mussten nur das Geräusch hören, das ich
mit den braunen, tischtennisballgroßen Zuckerstückchen
in einem Plastikeimer machte schon rannten sie im Schafsgalopp
hinter mir her. Sie waren scharf auf den Zucker, Beigabe zur Grasdiät.
Das Gerappel mit dem Eimer war offenbar Lust für ihre Ohren.
Tagsüber, wenn es nicht zu heiß war, senste ich die Brennesseln
und das wild wuchernde Gras ab, brutzelte köstliche Lammkoteletts
mit Knoblauch und Thymian, die ich in der Tiefkühltruhe vorfand,
lag mit Jean Pauls "Flegeljahre" im Liegestuhl unterm Apfelbaum,
sah den kleinen Katzen beim Balgen zu, verkostete die harzigen Spitzen
des neuen Jahrgangs, spielte Gitarre und freute mich des Daseins. Zwischendurch
kam ein paar Mal die schöne Ingrid vorbei und entzückte mich
mit ihrem Lächeln und den verfilzten Rastahaaren.
An jenem 13. August war ich gegen Mittag erwartungsvoll zum Briefkasten
an der Hofeinfahrt gewippt, weil in der taz sicher etwas über John
Cage stehen würde. Was ich dann vorfand, gab mir das Gefühl,
mit dem, was ich für wichtig halte, nicht allein auf der Welt zu
sein. Der Aufmacher auf Seite eins, die Schlagzeile des Tages, die Top-Nachricht
lautete schlicht: "John Cage spielt nicht mehr". Ein Mähdrescher
fuhr die Anhöhe hinter dem Hof hinauf, der Motor dröhnte,
Metallteile klapperten auf Blech, der Kies knirschte unter den dicken
Reifen. Danach erst mal Stille. Bienen summten, Fliegen brummten, in
der Ferne blökte ein Schaf und ein Lamm antwortete keckernd, Birkenblätter
raschelten leise im Wind. Sirrend kam ein Auto auf der Straße
näher, das Geräusch von Gummirädern auf Asphalt, schlagartig
leiser, als der Wagen hinter den Mauern der Scheune verschwand. Klänge
der Umgebung, Musik des Lebens. Ambient Sounds.
*
"John Cage spielt nicht mehr". Das war zweifellos die Meldung
des Tages - zumindest wenn jemand die Bedeutung eines Musikers nicht
an seinem Bankkonto misst und die eines Menschen nicht an seiner Berühmtheit.
Dass Journalismus auch anders geht, hat mir die taz an diesem Tag trefflich
vorgeführt, dass die Presse doch nicht ausschließlich "die
Kunst entehrt, das Volk verblödet", wie Alexander Puschkin
es in "Eugen Onegin" formulierte.
Ein paar Wochen vorher hatte das SZ-Magazin ein Interview mit John Cage
gedruckt. Er hielt sich in Belgrad auf, 79 war er schon, eingeladen
zu einem Musikfestival. Und John Cage sagte: "Es ist schon seltsam:
Plötzlich wollen sie alle einen eigenen Staat. Dabei könnte
jeder eine eigene Welt haben." Das war schön. Das war sein
Vermächtnis. Er wusste, dass es geht. Denn er hatte sich seine
eigene Welt geschaffen, und wenn man ihn so reden hörte und Fotos
von ihm sah, wurde eines ganz deutlich: John Cage hatte eine Menge Freude
in seinem Leben. Weil er so viel gespielt hat.
*
Eine
Geschichte hat er gern erzählt: Die von der Aufnahmeprüfung
für Capitalist Incorporated. So nannte sich die Künstlergruppe,
zu der er Anfang der fünfziger Jahre gehörte. Das waren Musiker,
Komponisten, Instrumentalisten, Künstler, die wegen ihrer radikalen
Ideen aus dem kommerziellen Kulturbetrieb verbannt waren, Neutöner,
anerkannt nur in winzigen Zirkeln, elitär, gewiss, Außenseiter,
Revolutionäre auf ihre Art. Anarchen.
Wer Capitalist Incorporated beitreten wollte, musste eine Aufnahmeprüfung
machen. Sie bestand darin, einen Plattenspieler zu zerstören. Musik,
so John Cage, kommt nicht von Abspielgeräten. Musik muss live sein.
Und auch die Zahl der Zuhörer muss begrenzt sein. Ob das jetzt
100 oder 200 sind, darauf wollte er sich nicht festlegen lassen. Manchmal
sind 50 schon zu viel. Aber Cage war kein Dogmatiker: Das Stück
HPSCHD (für sieben Cembali, 51 Tonbandgeräte, sieben Film-
und 80 Diaprojektoren) hatte seine Premiere 1969 in der Assembly Hall
der University of Illinois vor 9.000 Zuhörern. Und weshalb nannten
sie sich damals als Gruppe Capitalist Incorporated, Mr. Cage? "Weil
sie uns sonst als Kommunisten verdächtigt und sofort verboten hätten."
Das war natürlich reine Koketterie. Cage spielte mit dem Abstand
von Jahrzehnten auf die Zeiten des Joseph McCarthy an, eines Senators,
der einen Kreuzzug gegen das Böse führte die Saat des
Kommunismus. Filmschauspieler, Drehbuchautoren, Künstler, Regisseure,
Schriftsteller wurden vor McCarthys "Komitee gegen unamerikanische
Umtriebe" geladen und mussten sich gegen den Vorwurf verteidigen,
kommunistischen Ideen anzuhängen oder gar für die KP zu arbeiten.
Viele der Vorgeladenen erhielten faktisch Berufsverbot, konnten zum
Teil jahrzehntelang nicht mehr in ihrem Metier tätig werden.
John Cage gehörte nicht dazu. Tatsächlich waren Leute wie
Cage in den USA eher in Gefahr, lebenslänglich in der Psychiatrie
zu verschwinden. Doch Cage und sein Umkreis waren nicht verrückt
sie waren nur an Freiheit interessiert. Und die nahmen sie sich
im Rahmen ihrer Kunst. Politik, zumindest auf der Ebene, wo sie konventionell
abgehandelt wird, interessierte ihn nicht.
Dafür ging er weiter als jeder Komponist seiner Zeit beim Versuch,
neu zu definieren, was Musik ist. In jedem Lexikonbeitrag und den biografischen
Aufsätzen steht, dass John Cage das "präparierte Piano"
erfunden hat. Ob das stimmt, ist schwer zu entscheiden. In seinem "Autobiographical
Statement" schreibt er: "Mein Vater war Erfinder. Er fand
Lösungen für verschiedenartige Probleme auf den Gebieten der
Elektrotechnik, der Medizin, beim U-Bootbau, der Navigation bei Nebel
und bei der Fortbewegung im Weltraum ohne Verwendung von Treibstoff.
Er erklärte mir, wenn einer sagt Das geht nicht', dann zeigt
er dir damit, was du tun musst. Er hat mir außerdem gesagt, dass
meine Mutter immer recht hat, auch wenn sie unrecht hat."
Ursprünglich wollte John Cage Schriftsteller werden, schrieb sich
am College für Literatur ein. Er brach sein Studium nach zwei Jahren
angeödet ab, ging nach Europa, sah sich eine Weile als Maler, studierte
Architektur, zog von Paris über Mallorca nach Sevilla. Dort, an
einer Straßenecke, hatte er eine Art Erleuchtung: "Mir fiel
die Vielzahl gleichzeitiger Ereignisse auf, die von Augen und Ohren
wahrgenommen werden, und die alle in unserer Erfahrung zusammenkommen
und uns erfreuen." Das Prinzip verfolgte er später in seinen
Konzerten, wo Musikinstrumente, Alltagsgegenstände, Dia- und Filmprojektoren,
menschliche Stimmen, zufällige Geräusche Teil des Gesamtkunstwerks
ausmachten.
*
Dass man einem Klavier auch Töne entlocken kann, wenn man in sein
Inneres greift und mit den Fingern die Saiten zupft, habe ich schon
als Kind entdeckt. Ob John Cage tatsächlich der erste war, der
mit den Klaviertönen zu experimentieren begann? Cage hatte zunächst
ein überwiegendes Interesse an Schlaginstrumenten. Er schrieb den
Beginn seiner Faszination einer Begegnung mit dem Regisseur Oskar Fischinger
zu, für den er eine Filmmusik schreiben sollte. "Fischinger
sagte eines Tages: Jedes Ding auf der Welt hat einen eigenen Geist,
der hervorgebracht werden kann, wenn man es in Schwingungen versetzt.'
Ich fing an, alles anzuschlagen und zu reiben und dabei zuzuhören,
und dann schrieb ich Musik für Schlaginstrumente und führte
sie mit Freunden auf." Ende der dreißiger Jahre schrieb er
erstmals Stücke für ein oder auch zwei präparierte Klaviere.
Er klebte Metallplättchen unter den Filz, mit dem die Klaviersaiten
angeschlagen werden und benutzte das Instrument eher als vielstimmiges
Schlagzeug denn zur Melodieführung. Vorher hatte sich seine Neugier
noch in anderer Richtung bewegt: Er schrieb 25-Ton-Musik, nach dem Prinzip,
dass sich ein Ton erst nach 25 anderen Tönen wiederholen darf.
Ein befreundeter Pianist machte ihn daraufhin mit Arnold Schönberg
in Los Angeles bekannt: Der berühmte Zwölftonmusiker musste
doch mit dem jungen 25-Töner kompatibel sein. Das war er zunächst,
aber der Meister unterrichtete ihn nur zwei Jahre, warf ihn dann raus
und beschied ihm: "Sie werden niemals lernen, Musik zu schreiben.
"Warum nicht?" wollte Cage wissen. "Weil Sie kein Gefühl
für Harmonie haben. Sie werden an eine Wand kommen und nicht imstande
sein, hindurch zu gelangen." "Dann werde ich mein Leben lang
mit dem Kopf dagegen schlagen", gab der Schüler zur Antwort.
Späteren Einladungen zu Cage-Aufführungen kam Schönberg
nie nach. Cage: "Ich fragte ihn, und er sagte, er hätte an
jenem Abend keine Zeit. Darauf schlug ich einen anderen Termin vor,
und er sagte: Ich habe nie Zeit."
Kopfschütteln war noch die mildeste Reaktion, die John Cage anfangs
mit seinen Konzerten auslöste. Er zog nach Seattle und schlug sich
als Klavierbegleiter in Ballettschulen durch. 1938 gründete er
ein Orchester, das ausschließlich aus Schlagzeug und Percussionsinstrumenten
bestand. Ein Jahr später setzte er erstmals elektronische Elemente
in seiner Musik ein (im Stück Imaginary Landscapes No. 1). Während
des zweiten Weltkriegs zog er nach New York und arbeitete mit Merce
Cunningham und seinem Avantgarde-Ballett zusammen. Erste öffentliche
Anerkennung erhielt er mit der Verleihung des Guggenheim Award im Jahr
1949. Danach wandte sich Cage der östlichen Philosophie zu, studierte
Zen-Buddhismus bei Daisetz T. Suzuki und entdeckte das I Ging, das Buch
der Wandlungen, Book of Changes. Die Bedeutung des Zufalls beim Befragen
des Orakels faszinierte ihn da war etwas, das seiner Art zu komponieren
entsprach. Die indische Vorstellung, dass Musik dazu da ist, das Bewusstsein
zur Ruhe zu bringen und es so für göttliche Eingebungen zu
öffnen, führte Cage weiter: "Der höchste Zweck besteht
darin, nichts zu bezwecken."
Frucht dieser Erkenntnisse war zunächst "Music of Changes"
(1951), ein 43 Minuten langes Stück für Klavier, das nach
dem Zufallsprinzip Töne und Pausen verteilte. Cage befragte dafür
das I Ging und benutzte die erhaltenen Antworten, um den Fortgang der
Musik festzulegen. Konsequent folgte dann im nächsten Jahr das
Stück "4'33''": Vier Minuten und 33 Sekunden lang nichts
als Stille, oder, wie ein Musikkritiker es ausdrückte: "Cage
fügt der Umgebung, in dem das Stück aufgeführt wird,
keinen Ton hinzu." Zufällige Geräusche im Konzertsaal,
Zuschauer, die miteinander flüstern das ist die Musik von
"4'33''".
In den Sechziger Jahren wurde John Cage dann, je nach Standpunkt des
Betrachters, weltweit berühmt oder auch berüchtigt. 1976 bekam
er vom Boston Symphony Orchestra den Auftrag für zwei Stücke.
Eines hieß "Renga". Die Partitur bestand aus Zeichnungen
von Henry David Thoreau, dem Autor von "Walden oder Leben in den
Wäldern". Die Musiker sollten sie so interpretieren, wie sie
es für richtig hielten. Die Frankfurter Oper gab Cage 1987 den
Auftrag zu seinem ersten Musikdrama: "Europeras 1/2". In den
folgenden beiden Jahren wurde dann deutlich, dass John Cage im musikalischen
Establishment seiner Zeit angekommen war: Die Harvard Universität
gab ihm den Lehrauftrag für die "Charles Eliot Norton Lectures".
Die hatten vor ihm schon Igor Strawinsky und Leonard Bernstein gehalten.
Auf die Frage, wer und was auf seinem Lebensweg wichtig war, gab Cage
in seinem "Autobiographical Statement" eine Antwort: "Wenn
ich über entscheidende Erlebnisse, Personen und Ereignisse sprechen
soll, die mein Leben und meine Arbeit beeinflusst haben, dann ist die
wahre Antwort: Alle Erlebnisse waren entscheidend, alle Menschen haben
mich beeinflusst, alles, was geschehen ist und was immer noch geschieht,
beeinflusst mich."
*
Lange hatte ich nichts von John Cage gehört oder gelesen. Da kam
1996 die CD "Mystery Box" von Mickey Hart heraus. Der Drummer
der Grateful Dead hatte bis dahin nur Schlagzeugmusik veröffentlicht.
Dieses Mal veröffentlichte er durchwegs Songs, die er mit Robert
Hunter, dem bewährten Hausdichter der Band, geschrieben hatte.
Ein Lied heißt lapidar "John Cage is Dead". Mickey Hart
singt und spielt Schlagzeug und präpariertes Klavier, die Vokalgruppe
Mint Juleps hilft mit sechsstimmigem Harmoniegesang, dazu kommen afrikanische
und indische Trommeln, Türstopper und vielerlei Geräusche.
Harter Beat, jede Menge Lärm mit Chor. Der Refrain, mit dem das
Stück auch anfängt, geht so:
John Cage is dead
John Cage you know he's dead
He's dead, he's dead, you know he's dead
He's dead, you know he's dead
Das wird zwischen langen Versen drei mal wiederholt, bis es dann im
letzten Vers heißt:
I don't believe John Cage is dead
HE'S NOT THE TYPE TO DIE
Und zum Schluss kommt noch mal der Refrain.
*
Ein Mähdrescher fuhr die Anhöhe hinter dem Hof hinauf, der
Motor dröhnte, Metallteile klapperten auf Blech, der Kies knirschte
unter den dicken Reifen. Danach erst mal Stille. Bienen summten, Fliegen
brummten, in der Ferne blökte ein Schaf und ein Lamm antwortete
keckernd, Birkenblätter raschelten leise im Wind. Sirrend kam ein
Auto auf der Straße näher, das Geräusch von Gummirädern
auf Asphalt, schlagartig leiser, als der Wagen hinter den Mauern der
Scheune verschwand. Am Abend würde ich wieder mit den Zuckerstückchen
im Plastikeimer klappern, um die Schafe zurück in den Stall zu
locken. "Jedes Ding auf der Welt hat einen eigenen Geist, der hervorgebracht
werden kann, wenn man es in Schwingungen versetzt."
16. November 2002
Leserbrief
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