Irak

Am Tag danach

"Die Vereinigten Staaten haben seit langem die Option von Präventivschlägen aufrechterhalten mit dem Ziel, einer hinreichend klaren Bedrohung unserer nationalen Sicherheit entgegenzutreten. Je größer die Bedrohung, um so größer das Risiko durch Untätigkeit - und umso zwingender das Argument für eine vorwegnehmende Selbstverteidigungshandlung, auch wenn noch Unsicherheiten bestehen hinsichtlich Zeit und Ort des feindlichen Angriffs. Um einem solchen feindlichen Akt unserer Gegner zuvorzukommen oder ihn zu verhindern, werden die Vereinigten Staaten, wenn nötig, präventiv handeln."
George W. Bush, Die Strategie der Nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika, Juni 2002

Von Stefan Kubelka

Der amerikanische Journalist James Fallows hat im Sommer dieses Jahres ein paar Dutzend Experten nach den Folgen eines gewonnen Irak-Kriegs befragt: Arabisten, Diplomaten, Politikberater, Vertreter der Öl-Industrie sowie vor allem aktive und pensionierte Militärs, aus den USA, aus Europa und dem Nahen Osten. Viele von ihnen waren Befürworter eines Präventivschlags gegen Saddam Hussein, eine schwache Mehrheit von ihnen war gegen den Krieg, aber alle sahen ihn als wahrscheinlich an.
Die meisten "Falken" - allen voran der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz - haben nie einen Militärdienst absolviert, auch nie in einem arabischen Land gelebt. Kriegsgegner waren überwiegend die von Fallows befragten Professoren und Veteranen, etwa Richard Armitage, der stellvertretende Außenminister, der dreimal in Vietnam eingesetzt war, ebenso Merill McPeak, der im Ersten Golfkrieg Generalstabschef der US-Luftwaffe war, den Zweiten Golfkrieg aber für falsch hält.
Allen Befragten war klar, dass den USA eine Option verschlossen ist: schnell rein, "kill pople and blow things up" (wie die Militärs gern sagen, wenn sie Zivilisten schockieren wollen) und schnell wieder raus. Denn für alles, was danach geschähe, wären die USA in den Augen der Welt verantwortlich. "Das Blut" eines Bürgerkriegs, so William Galston, Professor für Politik an der University of Maryland, "würde an unseren Händen kleben."
Sie müssen also bleiben und aufräumen. Hier ist eine - bei weitem unvollständige - Liste der nach einem Sieg der US-Truppen anstehenden Aufgaben, wie sie James Fallows aus den Antworten aller Befragten zusammengestellt hat.

Der erste Tag

Abgesehen vom "Säubern" letzter "Widerstandnester" hängen die sofort anstehenden Aufgaben davon ab, ob Saddam Hussein - in letzter Sekunde? - die Massenvernichtungswaffen eingesetzt hat, zu deren Vernichtung der Krieg ja geführt wurde. Die Szenarien des Pentagon sehen derzeit die Verwendung chemischer Waffen voraus, insbesondere den Einsatz von Sarin und VX (biologische Waffen wirken zu langsam, und die Atombombe hat Saddam wahrscheinlich noch nicht).
Man nimmt an, Saddam werde diese Waffen nicht nur gegen US-Truppen einsetzen, sondern auch gegen Israel. Nach den zweiundvierzig Scud-Raketen auf Israel im Ersten Golfkrieg ließ sich Israel noch zu einem Verzicht auf Vergeltungsschläge überreden. Ob Ariel Sharon ebenso zurückhaltend sein wird, darf bezweifelt werden. Das Worst-case-scenario geht so: Saddam beschießt Israel, Israel beschießt irgendeine andere arabische Stadt, beispielsweise in Saudi-Arabien, und im gesamten Nahen Osten bricht der Religionskrieg aus.
Aber so schlimm muss es ja nicht kommen.

Die erste Woche

Die Nachkriegszeit im Irak beginnt auf jeden Fall mit einer humanitären Krise: Tote müssen beerdigt werden, Verwundete und Kranke brauchen Pflege, dafür müssen Krankenhäuser eingerichtet und mit Personal, Gerät und Medikamenten ausgestattet werden. Flüchtlinge und versprengte Familien verlangen Rückkehr und Zusammenführung.
"Auf dem Weg nach Bagdad", sagt der frühere Zwei-Sterne-General William Nash, "entsteht beträchtlicher Schaden. Entweder wir zerstören die Infrastruktur, um das Schlachtfeld zu isolieren - oder der Gegner zerstört sie, um unseren Vormarsch zu aufzuhalten." Danach fehlen Telefonnetze, Straßen, Euphrat- und Tigrisbrücken, Eisenbahnen und Flugplätze.
Was trotzdem unmittelbar gebraucht wird und herbeigeschafft werden muss, um die Bevölkerung überhaupt am Leben zu erhalten, sind Zelte, Nahrungsmittel, mobile Lazaretteinheiten, Wasserreinigungssysteme, Generatoren zur Stromerzeugung und ähnliche Soforthilfen. Einheimische Organisationsstrukturen für eine humanitäre Hilfe dieses Umfangs existieren nicht.
Eine weitere Aufgabe ist, Saddam Hussein zu fangen (und nicht nur eines seiner drei Doubles). Das schlimmste Ergebnis wäre die Bin-Laden-Variante: Saddam Hussein ist verschwunden und wird zum Helden des Nahen Ostens. Schon während des Ersten Golfkriegs war es den US-Geheimdiensten niemals gelungen, den Aufenthaltsort des Diktators festzustellen.

Der erste Monat

In einem unterdrückten Volk werden nach dem Sturz des Diktators Grausamkeiten und Racheakte begangen (Beispiele sind Rumänien und der Kosovo, mutatis mutandis auch die afghanischen Warlords). Um dies zu verhindern, sind mehrere Vorkehrungen erforderlich: eine starke Zentralmacht, eine große Zahl einheimischer Hilfskräfte, genaue Kenntnis der (im Irak fünf) Verkehrssprachen sowie insbesondere der ethnischen und religiösen Spannungen im Land. Eine weitgehend einheimische Polizei muss unverzüglich ausgebildet und trainiert werden (eine Aufgabe, die die USA in anderen Fällen gern ihren Alliierten oder gleich den Vereinten Nationen überlassen).

Anfangs müssen die Polizei-Aufgaben in jedem Fall von der Besatzungsmacht erledigt werden. Man rechnet je einen Besatzungssoldaten für fünfhundert Einwohner und einen Vorgesetzten für je zehn Soldaten. Bei einer Bevölkerung von über dreiundzwanzig Millionen Irakern ist also für eine längere Übergangszeit eine Besatzungsmacht von etwa zweiundfünfzigtausend Mann erforderlich (im US-Senat wurden sogar fünfundsiebzigtausend Mann als nötig bezeichnet). Woher diese Besatzungstruppe kommen soll, ist noch unklar. In Bosnien sind die USA bereits dazu übergegangen, für Aufgaben dieser Art statt eigener Soldaten eine private Sicherheitsfirma zu beschäftigen (ITT Federal Services).
Speziell die Diktatur Saddam Husseins zeichnet sich dadurch aus, dass jeder andere Anspruch auf die Macht im Staat vernichtet wurde. Es ist also nicht leicht, eine neue Führungselite im Land zu finden. Normalerweise bieten sich nach dem Sturz einer Diktatur entweder Angehörige einer verfolgten Familie oder durch ihren politischen Widerstand bekannte Personen als Nachfolger an (Corazón Aquino ist ein Beispiel für den ersteren Fall, für den zweiten Nelson Mandela, morgen möglicherweise auch Aung San Suu Kyi in Myanmar). Im Irak sind keine so ausgezeichneten Führungspersonen zu erkennen. Man darf vermuten, dass sich im Irak wieder ein neuer "starker Mann" an die Spitze setzen wird. Bis dahin muss die Besatzungsmacht als Übergangsregierung tätig bleiben, was in der amerikanischen Armee auf keine Gegenliebe stößt.
Zwar wird der Irak nicht sofort in mehrere autonome Teile zerfallen, aber zumindest die Kurden im Norden streben einen eigenen Staat an. Die Türkei hat angekündigt, dass sie in den Nord-Irak einmarschieren werde, falls Bagdad seine Kurden nicht unter Kontrolle hält. Eine lange Periode ähnlicher Instabilität sehen auch andere Nachbarn des Irak voraus: Besonders Saudi-Arabien befürchtet einen Machtzuwachs des Iran nach der Niederwerfung des Irak, denn fast zwei Drittel der Iraker sind, wie die Iraner, Shiiten, und sie werden von Saddam Hussein systematisch unterdrückt. Nach dessen Sturz könnte also der Iran zu ihrem "Schutz" eigene Truppen mobilisieren. Die USA müssten dann zur Bewahrung der territorialen Integrität des Irak also eigene Truppen entlang der Grenze zum Iran stationieren, was den Iran endgültig zu ihrem erklärten Feind machte.
Bei separatistischen Bestrebungen im kurdischen Norden und einer pro-iranischen Bewegung der Shiiten im Süden kompliziert sich demnach die Aufgabe der Besatzungsmacht, wahrscheinlich bis hin zu militärischen Folge-Interventionen.

Das erste Jahr

Der von Bush jr. gern bemühte Vergleich seines Krieges mit dem Krieg gegen Hitler übersieht einen Unterschied: Fast die gesamte Welt wünschte seinerzeit den Sturz des Nazi-Regimes (ähnliches galt in Asien für Japan). Dem erklärten Vorhaben Bushs, am Beispiel des Irak der gesamten Region "Freiheit" und "Demokratie" zu bringen, begegnet eher Skepsis. Eine "Entnazifizierung" auf irakisch ist einfach nicht vorstellbar. Es gibt im Irak keine demokratisierungsfähige Gesellschaft.



Zweifel an den amerikanischen Absichten sind besonders in arabischen Ländern verbreitet: Hier vermutet man, wohl zu Recht, dass die USA sich den Irak als ihre eigene Ölquelle sichern wollen. Es würde sich lohnen: Der Irak besitzt riesige, seit den Sanktionen nach dem Ersten Golfkrieg nur vermindert ausgeschöpfte Ölvorräte. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die größten Vorräte um die Stadt Kirkuk herum, also auf sezessionsbedrohtem "kurdischem" Gebiet liegen.
Sabotagegefährdet sind nach der Inbesitznahme durch amerikanische Ölgesellschaften nicht so sehr die Pipelines ("Die gehen immer wieder kaputt", meint ein Experte, "aber wir wissen, wie man sie schnell repariert."), sondern die Terminals in den Seehäfen und - wie in Kuweit im Ersten Golfkrieg - die Ölquellen selbst.
Nun hat Saddam Hussein bereits seit 2001 Ölförderverträge mit Europa, Russland und China abgeschlossen, die nach heutigem Ölpreis einen Gesamtwert von 1,1 Billiarden Dollar darstellen. Das von den USA gestützte dissidente Exil-"Parlament", der Irakische Nationalkongress, hat angedroht, all jenen Ländern die Verträge zu kündigen, die den Zweiten Golfkrieg nicht unterstützen.
Ein Problem eigener Art sind die Auslandsschulden des Irak, die sich mittlerweile - je nach Berechnung - auf 200 bis 400 Milliarden Dollar belaufen. Wenn die USA nicht den Fehler der Allierten gegenüber Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg wiederholen, d.h. dem Land durch Reparationslasten die Luft abdrücken wollen, dann werden sie die Gläubigerländer zu einem Schuldenerlass überreden müssen.
Die Kosten des Ersten Golfkriegs in Höhe von 61 Milliarden Dollar wurden zu 80 Prozent von den Allierten erstattet. Der Zweite Golfkrieg dürfte, Besatzung und Wiederaufbau eingeschlossen, zwischen 120 und 180 Milliarden Dollar kosten, die diesmal jedoch von den USA allein aufzubringen wären.

Das Schlusswort hat Clausewitz

So gesehen ist der Krieg machbar (er kostet nicht einmal abschreckend viel) - falls alle sich an das Szenario halten. Aber man weiß ja, dass das Pentagon die computersimulierten Irak-Kriegsspiele kassierte und die Regeln neu festsetzte, nachdem es so aussah, als ob Saddam Hussein gewinnen würde. Auch der Irak-Krieg enthält für die gesamte Region weitreichende Unvorhersehbarkeiten. Clausewitz verstand deshalb jeden Krieg als ein ziemliches Risiko:
"Es gibt keine menschliche Tätigkeit, welche mit dem Zufall so beständig und so allgemein in Berührung stände wie der Krieg. ...
Wir sehen also, wie von Hause aus das Absolute, das sogenannte Mathematische, in den Berechnungen der Kriegskunst nirgends einen festen Grund findet, und daß gleich von vornherein ein Spiel von Möglichkeiten, Wahrscheinlichkeiten, Glück und Unglück hineinkommt, welches in allen großen und kleinen Fäden seines Gewebes fortläuft und von allen Zweigen des menschlichen Tuns den Krieg dem Kartenspiel am nächsten stellt."

16. November 2002

Leserbrief

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