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Interview mit Professor Dr. Dr. h.c. Frederic Vester,
Studiengruppe für Biologie und Umwelt, München.
Autor des Buches: "Die Kunst vernetzt zu denken - Ideen und Werkzeuge
für einen neuen Umgang mit Komplexität" (erscheint im
Frühjahr 2002 in erweiterter Fassung als offizieller "Bericht
an den Club of Rome").
Gazette: Herr Vester, können Sie uns bitte kurz erzählen,
wie Ihr Institut begonnen und welchen neuen Problemlösungsansatz
es entwickelt hat?
Vester: Vor der Gründung meines Instituts habe ich zwanzig
Jahre in der experimentellen Krebsforschung und anschließend in
einem Max-Planck-Institut über Mechanismen der lebenden Zelle gearbeitet,
das heißt: wie Gene abgelesen werden, wie Krebs entsteht. Bei
dieser Tätigkeit habe ich natürlich viel über die Steuerungs-
und Regelvorgänge, also die Kybernetik in funktionierenden, intakten
Systemen gelernt: Warum hat sich das Leben so lange erhalten, warum
hat dieses Unternehmen, ich meine die Biosphäre, nicht schon vor
Millionen Jahren Pleite gemacht? Dabei kam mir der Gedanke, dass man
daraus gewiss auch Hinweise für die Unternehmensführung, die
Regionalplanung, den Ressourcenhaushalt, aber auch zu Fragen der Kooperation
und Kommunikation entnehmen können müsste. Das war dann auch
der Grund, warum ich mich selbständig gemacht habe, denn so etwas
kann man natürlich nur interdisziplinär und nicht innerhalb
eines Faches untersuchen.
Neben meiner Beratungs- und Medientätigkeit (Bücher, TV-Serien)
habe ich dann begonnen, insbesondere die Organisations- und Regelungsvorgänge,
also die vernetzten Vorgänge in lebenden Organismen und später
in Ökosystemen, Ballungsräumen und Unternehmungen im Hinblick
auf ihre Gesetzmäßigkeiten zu untersuchen. Daraus entstand
eine Art organisatorische Bionik - keine Bionik der Formen oder Funktionen,
wo die Technik schon sehr viel übernomen hat, sondern eine "Organisationsbionik",
ausgehend von der Frage: Wie managt eigentlich die Natur all diese Vorgänge,
wie schafft sie dieses nachhaltige Überleben? Darauf basieren auch
die didaktischen und instrumentellen Methoden, die ich im Laufe der
Jahre entwickelt habe (in meinem Buch und der Filmserie "Denken,
Lernen, Vergessen" hatte ich mich ja eigens mit Grundfragen der
Didaktik beschäftigt). So ist auch die Organisationsbionik, aus
der sich dann das Planungsinstrumentarium "Sensitivitätsmodell"
entwickelt hat, nichts anderes als eine methodische Hilfe mit dem Ziel,
Menschen zu zeigen, dass sie sich alle im gleichen System befinden und
es daher besser ist, nicht linear, sondern vernetzt, also in Zusammenhängen
zu denken. Nur so erkennen sie, dass sie unter Umständen den Ast
absägen, auf dem sie sitzen.
Wie bewerten Sie demnach aufgrund Ihrer Erfahrung die Gentechnologie?
Die daran geknüpften Hoffnungen sind ein Produkt aus Werbung und
nicht gerechtfertigter Euphorie. Die sogenannte "Entschlüsselung"
des menschlichen Genoms ist im Grunde nur ein Aufzählen von 'Buchstaben',
die als solche schon seit den fünfziger Jahren bekannt sind. Die
Bedeutung des daraus gebildeten Textes kennt man nach wie vor nicht.
Nun zu behaupten, mit diesem Wissen könne man die Funktionen eines
menschlichen Organismus sinnvoll steuern, ist schon deshalb absurd,
weil sich mit der Veränderung eines Gens die Beziehungen aller
Gene zueinander verändern. Wer das ignoriert, scheint nicht zu
wissen, wie hochkomplex der Chromosomensatz arbeitet. Zu wissen, welches
Gen wo sitzt, sagt nichts darüber aus, welche oder wieviele Funktionen
betroffen sind, wenn ich dieses Gen austausche. Ein Gen hat ja nicht
nur eine einzige Funktion. Seine Wirkung entsteht erst im Zusammenspiel
mit anderen Genen in sekundärer, tertiärer Weise, also ziemlich
indirekt, über Tausende von Proteinen, die andere Gene lahmlegen
oder aktivieren. Es ist unglaublich, mit welcher Dreistigkeit diese
Forscher behaupten, sie wüßten nun mehr über das Leben.
Entschlüsselt ist die Zahl und die Reihenfolge der Gene, das ist
alles. Aber ansonsten ist es wie im Mittelalter, als die Alchimisten
sagten, wir können aus Blei Gold machen, und den Fürsten die
letzten Dukaten aus der Tasche zogen.
Ihr systemischer Ansatz bietet nun aber auch Lösungsansätze
zum sogenannten "Krieg" gegen den Terrorismus. Wie kamen Sie
darauf, Ihren Ansatz auf einen solchen Gegenstand anzuwenden?
Natürlich bin ich vom 11. September persönlich sehr berührt
und habe in diesem Fall ohne Auftrag ein Systemmodell begonnen. Normalerweise
setzen wir unser Sensitivitätsverfahren nur auf Anfrage ein, also
wenn jemand sagt, wir haben da ein Problem in unserer Gemeinde oder
in unserem Unternehmen ist etwas unklar, wie muss eine Versicherung
mit Risiken umgehen, wie müssen wir den Regionalverkehr entwickeln
oder wie können die Chinesen ihre zukünftigen Entscheidungsprozesse
so ändern, dass weiterer Wildwuchs in Ballungsgebieten vermieden
wird. Um zu zeigen, wie das Verfahren auch bei solchen Themen wie dem
Terrorismusproblem einsetzbar ist, habe ich einmal versuchsweise die
mir bekannten und zugänglichen Fakten strukturiert, in ein kybernetisches
Modell eingespeist und verknüpft. Das so entwickelte Systemmodell
trägt den programmatischen Namen "Terror-Prevention".
Als Kybernetiker, wie dies übrigens auch ein guter Mediziner tut,
denke ich natürlich nicht nur an vordergründige Operationen,
sondern vor allem an eine langfristig wirksame Prophylaxe. Das betrifft
dann zum Beispiel auch die langfristigen Folgen der Terroranschläge
für unsere freiheitliche Demokratie, die durchaus riskant sein
könnten, und zwar weniger durch den Terror selbst als durch unsere
Reaktion auf den Terror.
Ihr vorläufiges Modell haben Sie ja offenbar in wenigen Tagen
entwickelt. Wie sind Sie dann weiter vorgegangen?
Ich habe einige unserer Korrespondenten und Freunde in den USA und
anderen Ländern angeschrieben, zum Beispiel auch Prinz Hassan von
Jordanien, den Präsidenten des Club of Rome (in dem ich Mitglied
bin), habe die Meinung internationaler Experten eingeholt und aus diesen
verschiedenen Meinungen und Fakten einen Variablensatz aufgestellt,
in dem die relevanten Einflussgrößen innerhalb des Systems
genauer beschrieben sind. Diese Variablen wurden dann in die System-Tools,
die computergestützten Werkzeuge des Sensitivitätsmodells
eingegeben. Als erstes wird dabei überprüft, ob der Variablensatz
das System ausgewogen repräsentiert und alle Aspekte erfasst. Erst
danach werden die Wirkungen der Einflußgrößen aufeinander
bewertet, in einer Matrix dargestellt und zu einem sich daraus ergebenden
Netzwerk verbunden.
Können Sie einige dieser Einflußgrößen in
Ihrem Terror-Prevention-Modell nennen?
Da ist zum Beispiel "The head of terror" (falls es einen
solchen Kopf gibt, also etwa Osama bin Laden), dann "Location of
organisation" (die wahrscheinlich weit verstreut ist) oder "Financial
support of terror", "Recruiting manpower potential",
"Right target of anti-terror measures", "Sources of hatred"
oder auch "Anti-terror support by Islam countries". Natürlich
ist das alles noch sehr vorläufig. Aber wenn man nun das daraus

gebildete mehrdimensionale Wirkungsgefüge untersucht, kann man
schon erste strategische Aussagen machen, dass etwa eine bestimmte,
scheinbar vielversprechende Maßnahme überhaupt keine Änderung
im System verursacht oder manche Maßnahmen sich gegenseitig kompensieren.
Man erkennt dann zum Beispiel, dass der "head of terror" das
Uninteressanteste an der ganzen Geschichte ist: Ob Sie ihn beseitigen
oder nicht, ändert am System nicht das Geringste.
Gibt es anhand dieses Modells auch positive Erkenntnisse, also wo
mit Aussicht auf Erfolg anzusetzen wäre?
Selbstverständlich. Die Industrienationen könnten zum
Beispiel an den "Quellen des Hasses" ansetzen, ohne dass das
sehr wehtut. Hier bieten sich viele Möglichkeiten. Dadurch wird
es für die Terror-Betreiber schwieriger, Kandidaten für Selbstmordattentate
zu rekrutieren. Besonders wichtig wäre es, wenn die geistigen Führer
der noch nicht fanatisierten moslemischen Länder die Bevölkerung
über die erst in den siebziger Jahren durch den blinden Fanatiker
Omar Rahman erfolgte grobe Verfälschung der Islamischen Tradition
(die wie der Name sagt, eine Friedenslehre ist) aufklären würden.
Eine willkürliche Umdeutung, die dem Djihad (dem 'heiligen Krieg')
einen terroristischen Kern andichtet, eine Art Gehirnwäsche, ohne
die sich wohl kaum noch religiös motivierte Selbstmordteams gewinnen
liessen. Eine weitere Antwort ist jetzt, nicht in Panik zu verfallen
und insbesondere nicht unsere Demokratie zu untergraben. Dass wir Pressefreiheit
haben, dass auch unsere Frauen sich ins öffentliche Leben einmischen
können, dass im Westen - speziell in den USA - Menschen unterschiedlicher
Herkunft und Religion tolerant miteinander umgehen, dies alles wird
ja von Fundamentalisten jeglicher Couleur als ihre größte
Gefährdung angesehen. Würden wir es aufs Spiel zu setzen wäre
das für sie ein willkommener Sieg.
Gehen auch Ergebnisse dieser Art aus Ihrem Sensitivitäts-Modell
hervor?
Ja, das lässt sich im Systemmodell zum Beispiel an selbstverstärkenden
positiven Rückkopplungen erkennen. Ein sehr hilfreiches Überprüfungswerkzeug
des Modells ist die "biokybernetische Bewertung", die die
Aussage der Szenarien noch einmal kritisch hinterfragt. Es gibt da acht
Grundregeln, die man beachten muß, wenn ein System überleben
will. Eine davon ist das Jiu-Jitsu-Prinzip, das heißt "den
Wind aus den Segeln nehmen". Ideal wäre es also, wenn es gelänge,
den hinter dem Terrorismus stehenden Kräften den Wind aus den Segeln
zu nehmen, denn durch primitiven Gegenterror bekommen solche Kräfte
höchstens noch neuen Zündstoff.
Eine ketzerische Frage: Muß man annehmen, dass im Stab des
US-Präsidenten kein einziger Berater ist, der auch nur entfernt
so etwas wie ein vernetztes Modell der Situation im Kopf hätte?
Ich habe fast den Verdacht. Es ist vielleicht kein Zufall, dass
sich kein amerikanischer Verlag je für meine Bücher, die sich
ja alle mit dem 'vernetzten Denken' beschäftigen, interessiert
hat, obwohl sie in insgesamt 11 Sprachen, inklusive Japanisch und Arabisch,
aber eben nicht auf englisch erschienen sind. Vernetztes, systemisches
Denken ist offenbar im angelsächsischen Raum gegenüber einem
linearen determinstischen Ansatz noch kein Thema. Auch jetzt zielt ja
das Bestreben der Amerikaner und Briten nicht etwa in eine Untersuchung
der tieferen Ursachen für solch einen monströsen Terrorangriff,
sondern vor allem auf die Wiederaufrichtung des nach dem 11. September
stark getroffenen Selbstwertgefühls. So würde eine Gefangennahme
oder Tötung Bin Ladens unserem Systemmodell gemäß das
Terrorsystem selbst nicht beseitigen, aber innenpolitisch wäre
hier ein Erfolg für die Amerikaner sicher wichtig. Auch die durch
Panikmache im Hinblick auf Anthrax und weitere Terrorismus-Drohungen
erzeugte Angst mag einerseits in der Bevölkerung die Bombenangriffe
auf Afghanistan eher gerechtfertigt erscheinen lassen, andererseits
besteht die Gefahr, dass sie die innerstaatliche Überwachung und
Meinungskontrolle in eine neue McCarthy-Aera kanalisiert . Bedenklich
war ja schon das Bemühen der Bundesregierung, alle Abgeordneten
für die Abstimmung über einen deutschen Kriegseinsatz 'auf
Vordermann zu bringen'.
Haben Sie die Möglichkeit, etwas zu tun, was den Amerikanern,
genauer: der US-Regierung ihren vernetzten Ansatz näherbringt?
Das amerikanische Department of Defense hat am 25. Oktober eine
Verlautbarung "Pentagon Seeks Ideas on Combating Terrorism"
herausgegeben. Ich wurde von meinen Freunden in der NATO darauf aufmerksam
gemacht und habe mit dem Pentagon Kontakt aufgenommen. Allerdings habe
ich darauf hingewiesen, dass mein Modellansatz weniger über "combating
terrorism" sondern eher etwas über "terror prevention"
aussagt. Da es ein vorläufiges und noch sehr unvollkommenes Modell
ist, obwohl es schon gewisse Aussagen zulässt, habe ich es - mit
dem Vorschlag, es weiter zu bearbeiten - auch an einige mit dem Verfahren
vertraute Personen und über das Intranet des Club of Rome an die
dortigen Freunde geschickt. Natürlich hoffe ich, dass der Systemansatz
so auch an einige maßgeblichen Entscheidungsträger herankommt.
Wie geht Ihrer Meinung nach der Konflikt ohne die Anwendung eines
vernetzten Lösungsansatzes weiter oder zu Ende?
Das weiß man nicht. Die Kybernetik des Terror-Systems zeigt
nach unserem Modell, dass es einerseits sehr stabil ist. Der Konflikt
mag endlos weitergehen, sich also wie in Vietnam über Jahre hinziehen
und sich womöglich auf andere Länder ausdehnen. Oder es passiert
ein starker Eingriff von aussen. Das muß keine Atombombenexplosion
sein, sondern ein Ereignis, wodurch sich die ganze Konstellation verändert,
indem sich zum Beispiel sämtliche islamischen Länder von der
derzeitigen Antiterror-Koalition abkoppeln, womit die Erdölversorgung
der Industrieländer gefährdet wäre. Erst das würde
dann vermutlich zu gänzlich anderen Strategien führen. Andererseits
zeigt das Wirkungsgefüge, dass an mehreren Stellen des Systems
sich selbst aufschaukelnde Entwicklungen möglich sind, positive
Rückkopplungen, die zur Zeit durch stabilisierende Regelkreise
in Schach gehalten werden, aber durch eine zunächst unscheinbare
Störung (den berühmten Flügelschlag des Schmetterlings)
in Gang gesetzt werden könnten, wodurch das System sowohl explodieren
als auch kollabieren kann. Für ein solches System, das aus mehreren
vernetzten Subsystemen besteht, ist keine Gesamtprognose möglich,
aber es lassen sich durchaus sinnvolle Strategien finden, um unnötige
Rückschläge zu vermeiden. Daher meine Empfehlung, als erstes
die Systemzusammenhänge zu erkennen, und daraus Strategien zu entwickeln,
die dafür sorgen, dass sich an einigen Stellen negative Entwicklungen
von selbst auflösen oder kompensieren und nicht durch Zufall etwas
geschieht, das fatale Rückkopplungen in Gang setzt.
Weitere Informationen im Intenet unter:
http://www.frederic-vester.de
Leserbrief
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