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Sascha Becker

Der Sturm

„Er will    
In seiner kleinen Menschenwelt den Sturm und alle Regenschauer überstürmen -."
(Shakespeare, "König Lear")  

Es war Freitag. Richard Schiller fuhr von seiner letzten Unterrichtsstunde nach Hause. In vier Stunden sollte das Konzert beginnen. Und während er den steil zum Dorf abfallenden Hügel überquerte, zwischen kahlen Äckern hindurch, von denen Krähen aufschwärmten, dachte er lächelnd daran.
Vor ihm lag die zerklüftete und waldige, vom Herbst schon eingefärbte Landschaft, an deren fernen Hängen hier und dort ein Dorf auftauchte. Am Straßenrand und zwischen den Äckern zitterten die entlaubten Obstbäume im Wind. Er war diesen Umweg, weil er die weite Aussicht mochte, manchmal sogar im Winter gefahren; und hier, wo die Straße schmal in den Abhang schnitt und sich in Kurven hinunterwand, war er einmal so gefährlich gerutscht, daß er, mit dem Vorderrad schon über der verschneiten Schräge, aussteigen und einen unten im Dorf wohnenden Bauern bitten mußte, ihn mit dem Traktor zurückzuziehen.
Richard Schiller war Pianist und Musikpädagoge mit Diplom. Heute um zwanzig Uhr würde er im Rathaussaal einer nahen Kleinstadt bei einem Kammerkonzert einen seiner seltenen Auftritte haben. Natürlich war er aufgeregt. Aber seine Aufregung war eigentlich nichts als seltene Vorfreude. Denn er war sich seiner sicher. Und seit Wochen schon, wenn er allein am Flügel saß, genoß er ein strahlendes, imaginäres Rampenlicht.
Außerdem war Richard Schiller verheiratet. Seine Frau hieß Katja. Und wartete auf ihn.

Als sie ihm die Haustür öffnete, hängte er seinen Mantel auf und wollte zum Flügel gehen.
„Bist du gut durch den Sturm gekommen?" fragte sie.
Und er fragte zurück: „Welchen Sturm denn?"
Dann betrat er sein Musikzimmer
Lange hatte er nicht mehr so entschlossen geübt wie derzeit. Wofür auch? Er war weniger um sich selbst bemüht als um die Meinung anderer über ihn, die ihm selten hoch genug schien: und um sie zu erhöhen, übte er auch jetzt. Er war übrigens nicht untalentiert.
Auf dem samtbezogenen Klavierhocker hatte sich das weiße Kätzchen eingerollt, das er neulich von einem Schüler mitgebracht und seiner Frau geschenkt hatte. Ärgerlich verscheuchte er es, setzte sich und begann mit großem Ernst. Das Metronom tickte. Über dem Wald trübte sich der Himmel.
Katja Schiller war eine begabte, hübsche und empfindsame Frau mit feinen Lippen, die sie zu einem schwachen Lächeln kräuselte. Ihr linkes Auge war etwas dunkler als das rechte, so daß es schien, als läge ein seltsamer Schatten über dieser Gesichtshälfte. Sie hatte an der Kunsthochschule studiert und malte noch immer täglich und geradezu mit Besessenheit. Sie sprach wenig und leise und wirkte immer etwas müde. Wer ihre Ölbilder sah hatte es schwer, deren Spannung und intensive Kontraste mit der stillen Erscheinung der Künstlerin zu vereinbaren.
An ihrem achtundzwanzigsten Geburtstag, vor fast einem Jahr, hatten sie geheiratet. Kurz danach waren sie in dieses Haus gezogen, einen älteren Bungalow am Ende der Straße, die das Dorf quer durchschnitt, mit einem ungezäunten Grundstück, das in den Waldrand überging. Während Richard zu seinen Schülern fuhr, malte sie. Sie hatte kein Auto und langweilte sich nicht. Und obwohl sie sehr ungern und schlecht Auto fuhr, hatte sie sich bereit erklärt, sich irgendwann einmal eines schenken zu lassen. Herr Schiller mochte nicht bei Nachbarn den Eindruck erwecken, als sperre er seine Frau ein oder als könnten sie sich keinen Zweitwagen leisten.
Sie hätte gerne ein Kind gehabt und sprach häufig davon. Aber aus zwei Gründen reagierte Richard stets unwillig: weil er sich von jedweder Verantwortung behindert fühlte; und weil er
Katja nicht teilen wollte, das heißt: ihre Aufmerksamkeit.
Sie saß nebenan im Wohnzimmer mit einer Tasse Tee und hörte seinem Klavierspiel zu. Auch sie freute sich auf seinen Auftritt, vielleicht sogar mehr als er selbst. Aus seinem Zimmer klangen die heiteren Sextolen eines Schubert-Themas, das nur vom draußen durch den Wald rauschenden Wind gestört wurde. Katja öffnete die Terrassentür und ging, aus Neugier, hinaus. Am Wald, der zur Seite schwarz und unruhig aufragte, zog sich eine flach geschwun-
gene Wiese vorbei. Wo sie verschwand, öffnete sich der Himmel wie ein Tunnel in ein hellgraues Licht, über dem dichte, dunkle Wolken vorbeitrieben, die den sinkenden Tag von der Nacht trennten. Sie sah zu, wie das Licht verschwand, fror aber, ging ins Haus zurück und ließ die Läden herunter.

Richard wurde im Scherzo gestört. Seine Frau stand in der Tür und wirkte, als sei etwas passiert; er ließ die Hände von den Tasten gleiten. Erst jetzt bemerkte er das Sturmrauschen. Es war achtzehn Uhr.
„Ist Mascha hier?"
Sie suchte das Kätzchen.
„Nein."
„Wo ist sie?"
„Als ich hereinkam, lag sie auf dem Hocker. Ich hab sie rausgeschickt."
„Aber sie ist nirgends -"
„Hm... ich muß mich hier noch ein bißchen einspielen, ja?"
„Sie muß draußen sein, ich hatte die Tür auf, da ist sie durchgeschlüpft!"
Ihr Gesicht hatte einen besorgten, flehenden Ausdruck.
„Ja... also..." Er legte die Fingerspitzen auf die Tasten.
„Können wir sie nicht suchen...mit der Taschenlampe... am Waldrand vielleicht? Sie ist doch noch so klein. Und bei diesem Wetter..."
Richard Schiller setzte eine verständnislose Miene auf: ,,Ach, aber mich schickst du in den Wald bei diesem Wetter? - und kurz vor dem Konzert, in einer Stunde müssen wir fahren! Sieh doch nochmal im Haus nach, ja?" Er sah sie nicht an und blätterte sehr konzentriert in den Noten.
Als Katja stumm die Tür schloß, rief er ihr nach: ,,Ich komme gleich.-"
Dann begann er das Scherzo von neuem. Und war erleichtert, als ein wilder Regen losbrach.

Mit selbstbewußtem Behagen klappte er den Flügel zu, ging lächelnd ins Schlafzimmer und zog sich um. Es donnerte. Er wollte seine Zufriedenheit mit Katja teilen und rief sie.
Er dachte auch daran, Handschuhe mitzunehmen, um vor dem Auftritt keine kalten Finger zu bekommen. Er rief noch einmal. Sie antwortete nicht.
Im Wohnzimmer war die Terrassentür geöffnet, der Wind drückte sie auf und fuhr in die Gardinen. Das Parkett war regennaß. Er wunderte sich, wie sehr es stürmte.
Dann gab es einen Moment wütender, kindischer Gekränktheit. -

Während er die Landstraße entlangfuhr, machte er sich leise Vorwürfe. Dennoch kehrte er nicht um. Vielmehr fürchtete er, zu spät zu kommen, und beschleunigte noch. Er fluchte laut darauf, ihr das Kätzchen geschenkt zu haben. Daß sie für dieses Tier auf seinen Auftritt verzichtete, verletzte und verunsicherte ihn. Er glaubte sich plötzlich einsam. Und unter diesem Schmerz verstummten die Vorwürfe. Aber bald mehr als er einsam war, ärgerte er sich, daß dieser Zwischenfall ihn um seine Freude am Konzert zu bringen drohte. Als er in die Stadt hineinfuhr, hatte sich diese Freude aber leicht durchgesetzt.

Im Rathaussaal saßen acht Zuhörer.
Der erste Teil des Kammerkonzerts, noch ohne Klavier, hatte begonnen. Man spielte
Joseph Haydns ,,Lerchen-Quartett". Hinter den Fenstern zuckten und krachten die
Blitze. Richard Schiller, ein unbekannter, sehr eleganter Klavierlehrer, saß etwas abseits vom Publikum. Seine Hände steckten in hellen Lederhandschuhen. Er schien zuzuhören.
Nach der Pause trat er auf. Und spielte schlecht. Schon sein allererster Takt mißlang. Er begann zu schwitzen. Seine Hände wurden klamm und unsicher. Schließlich war ihm das Bemühen, Fehler zu vermeiden, aus Erbitterung über seine Fehler zuwider.
Während des Scherzos fiel der Strom aus. - Erregtes Gemurmel. Die Gäste wurden mit Taschenlampen hinausgebracht.

Richard Schiller fuhr sehr langsam.
Das Wetter, dachte er. Keiner seiner Schüler war gekommen. Wegen des Wetters natürlich. Aber müsse er denn nicht dem Wetter sogar dankbar sein, ein größeres Publikum verhindert zu haben, fragte er sich zornig. Nein. Er wußte, daß, wäre das Publikum größer gewesen, er sehr viel inspirierter gespielt haben würde. Aber er konnte sich nicht glauben. In der Pause hatte er gezittert vor Trotz, es diesen Provinzlern zu zeigen... Die Straßen des Dorfes waren ganz von Wasser bedeckt, das der Regen vor ihm aufspritzen ließ. Äste und Zweige, auch Dachziegel lagen umher. Und über dem Wald, der das Dorf zum Ende hin immer enger einschloß, flackerte das weiße Gewitterlicht, fern und dumpfer vom Donner begleitet. Erst jetzt dachte er an Katja.
Nach den wenigen, eiligen Schritten bis zum Haus war er schon naß. Als er eintrat, sah er im Wohnzimmer Kerzen brennen.

Katja lag auf dem Sofa. Sie war wach. Auf ihrem Bauch, naß und struppig unter den blassen Händen, lag das Kätzchen. Richard trat zu ihr. Sie sah nicht auf.
„Ach, da bist du ja", sagte er.
Sie erwiderte nichts. Die Katze hob den Kopf. Er überlegte.
„Ist was passiert?"
Stille.
Er lächelte: ,,Geht's dem Kater gut, ja?"
Sie schwieg. Seufzend sah er sich im Zimmer um. Er versuchte zu lachen:
„Ich dachte schon, ich hätte dir die Tür zugemacht!"
Er wollte ihr ins Gesicht sehen. Ein farbloser Schein lag auf ihrem Profil.
„Na, dann ... ist ja wieder alles in Ordnung!"
Ihre Augen glänzten. Er näherte sich langsam und blieb vor dem Sofa stehen. Der Regen hatte aufgehört. Ohne sie anzusehen, streckte er die Hand aus, um das Fell der Katze zu streicheln. Mit einer raschen Bewegung nahm sie das Tier, stand auf und ging aus den Zimmer. Erst jetzt bemerkte er ihre Tränen.
Am nächsten Morgen fand er das Bett neben sich unberührt.

Katja Schiller war im vom Regen dunstigen Wald umhergeirrt, hatte die Katze entdeckt und sich beeilt, mit ihr zurückzukommen, war aber zwischen den Tannenstämmen nur weiter hineingeraten. Als sie endlich zum Waldrand gefunden und das hellgetünchte Haus wieder im Blick hat, erschrickt sie über die dunklen Fenster. Sie tritt auf die Wiese hinaus, kommt näher, scheint sich zu täuschen; und sieht es deutlich, wie sie die Terrasse erreicht: die Hintertür ist verschlossen, der Laden ganz heruntergelassen -.
Lange steht sie dort und sieht zur Tür. Ihre schmalen Finger liegen auf der Katze, ohne sie zu streicheln.
(Sie öffnete die Haustür mit dem Schlüssel, den sie einmal im Garten versteckt hatte. Im Köcher einer gipsernen Amorette.)

Es war Freitag. Richard Schiller fuhr von seiner letzten Unterrichtsstunde nach Hause. Es hatte geschneit, und statt über den steil abfallenden Hügel fuhr er die Landstraße entlang.
Als er ankam, war seine Frau nicht zuhause. Er hatte ihr zum Geburtstag ein kleines, günstiges Auto geschenkt und gehofft, sie - und vielleicht sich selbst - dadurch zu versöhnen. Denn seit jener Sturmnacht schwieg sie. Sie sah ihn nicht. Aber sie malte mehr noch als zuvor, oft bis in den nächsten Morgen. Ihr Auto benutzte sie nicht. Nur heute. Offenbar war ihr eine Farbe ausgegangen, die sie nachkaufen wollte.
Richard Schiller sah aus dem Fenster. Der hinter ihm stehende Flügel war noch immer zugeklappt; er hatte ihn seit dem Tag des Konzerts nicht wieder geöffnet. Es dämmerte und fror. In einer Woche war Weihnachten.
Er dachte an den Weihnachtsabend im vergangenen Jahr, als sie gerade eingezogen waren. An die Geschenke erinnerte er sich nicht. Aber daran, daß sie nachts aufgeblieben und am Morgen noch durch den frischen Schnee spaziert waren, der unter dem kristallenen Himmel geleuchtet hatte. Er wußte auch nicht mehr, worüber sie eigentlich gesprochen hatten. Hatten sie gesprochen? - Ein solches Glück war es gewesen, nur beieinander zu sein, und das sichere Gefühl, daß einem das Glück des anderen noch soviel wertvoller sei als das eigene, war die letzte Steigerung und Verherrlichung des eigenen Glücks gewesen.
Er ging ins Wohnzimmer, öffnete die Terrassentür und trat in die Kälte. Er war unruhig, weil er allein war. Er sah zur Straße. Alles war still. Es war dunkel geworden.
Beim Gedanken, daß ein weiteres Weihnachtsfest kurz bevorstand, fühlte er eine quälende Verlegenheit. Beinahe hätte er geweint.

Weil das Telefon klingelte, ging er schnell hinein. Schneereste fielen von seinen Schuhen und zeichneten eine Spur auf das dunkle Parkett. Er hob ab. Eine heisere, fremde Stimme sprach. Es war jener Mann, der ihn einmal aus dem Schnee gezogen hatte, ein Bauer, der am Dorfeingang wohnte, unterhalb jenes Hügels, der dort steil abfiel. Er müsse ihm mitteilen ... es sei so furchtbar ... auf der Stelle habe er ja den Arzt ... aber ... es tue ihm so leid ... - Er riß den Hörer vom Ohr, hielt ihn weit von sich und starrte in den Raum, zum Sofa, zur Terrassentür. Der Wind lehnte sich von außen dagegen und öffnete sie einen Spalt.
Und es schien, als hätte das dort hereinschlüpfende weiße Kätzchen ausgereicht, um Richard Schiller zu zerstören.

9. November 2001

Leserbrief


 


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