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Serie "Mein Blatt": Ein rollender Stein ...

... setzt kein Moos an.

San Francisco im "Flower Power"-Sommer 1967. Die kalifornische Hafenstadt quillt über von einheimischen und zugewanderten Hippies. An jeder Strassenecke wird musiziert, in den Parks befolgen junge Leute eifrig die Botschaft der Saison: "Love and Peace". Auch die Touristen, die wohlig erschauernd die in der Luft hängenden süßlich-schweren Marihuana-Düfte einatmen, stecken sich Blumen ins Haar und lassen sich von der allgemeinen Friedfertigkeit anstecken.

Von Andreas Odenwald

Im Sommer 67 beschließt Jann Wenner, ein 21jähriger Junge aus gutbürgerlichem Elternhaus, sein Leben zu ändern. Er hat ein paar Jahre herumgehangen, in Berkeley Politikvorlesungen besucht, auf der elektrischen Gitarre dilettiert. Er hat an Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg teilgenommen, in den Drogenuntergrund hineingeschnüffelt und sich als freier Journalist für Rundfunksender und Musikblätter versucht. Zu seinem Verdruss schickt ihm das Fachblatt "High Fidelity" eine Plattenkritik, die er über das "Sergeant Pepper"- Album der Beatles verfasst hat, als undruckbar zurück. Die bürgerliche Presse, so schimpft Jann Wenner im Freundeskreis, begreife nicht, was vor sich geht. Ein neuer Journalismus müsse her.

Mit einer Handvoll gleichgesinnter Enthusiasten zieht Wenner in ein leerstehendes Fabrikgebäude an der Market Street und arbeitet fieberhaft am Konzept eines neuen Zeitschriftentyps. Eltern und Bekannte pumpen Geld, eine fünfstellige Dollarsumme, in das Unternehmen. Die Mannschaft arbeitet Tag und Nacht, hält sich mit Kaffee und Zigaretten wach, läßt sich von Joints und Rockmusik inspirieren. Schließlich, am 18. November, erscheint die erste Ausgabe von "Rolling Stone", mit einem Titelbild von John Lennon. Das Blatt kostet 25 Cent und wird in einer Startauflage von 40 000 Exemplaren gedruckt, von denen 5000 verkauft werden. Im Editorial auf Seite 2 hat Wenner das Redaktionsprogramm formuliert: "Wir wollen darüber nachdenken, wie der Rock'n'Roll sich und was er verändert hat...Im ‘Rolling Stone' geht es nicht nur um Musik, sondern auch um das, was mit Musik ausgedrückt wird, ein Lebensgefühl..."

Der Titel ist genial gewählt. Ein "rolling stone" ist in der Mythologie der amerikanischen Folklore ein Heimatloser, der sich treiben läßt, nirgendwo Wurzeln schlägt. Ein rollender Stein setzt kein Moos an, lautet das Sprichwort. Bereits 1950 hatte der legendäre Bluessänger Muddy Waters eine Platte mit diesem Titel aufgenommen. Nach ihm benannte sich 1963 die englische Band um Mick Jagger und Keith Richards. Zwei Jahre später ließ der Folksänger Bob Dylan sein musikalisches Credo folgen: "Like A Rolling Stone".

Es dauerte nicht lange, bis Wenners Stein ins Rollen kam. Die alle zwei Wochen erscheinende Zeitschrift, so zeigte sich schnell, war tatsächlich in eine Marktlücke gestoßen. Nirgendwo im amerikanischen Blätterwald fanden sich so fundierte Plattenbesprechungen wie im "Rolling Stone". Kein anderes Magazin brachte so ausführliche und informative Interviews mit den Idolen der Rockszene wie das Underground-Gewächs aus San Francisco. Und es gab in ganz Amerika kein Reporterteam, das bei musikalischen Großereignissen so gründlich recherchierte wie die sich analog zur Auflage verstärkende Wenner-Truppe.

Die erste große Bewährungsprobe kam Ende 1969, als ein Open-Air-Konzert der Namensvettern Rolling Stones im kalifornischen Altamont mit Gewalt und Terror endete - vier Tote waren die grausige Bilanz, die Rockmusik hatte ihre schwärzeste Stunde erlebt. So gründlich wie später die Kollegen der politischen Blätter etwa die Watergate-Affäre untersuchten, so engagiert und detailbesessen spürten die Rechercheure des "Rolling Stone" die Verantwortlichen im Altamont-Skandal auf.

Indem er so die zu Recht vielgerühmten Werte des amerikanischen Journalismus wie selbstverständlich übernahm, verschaffte Wenner sich den Respekt seiner Leser, der Künstler, Manager und Konzertagenten, über die sein Blatt berichtete, sowie - last not least - der Anzeigenkunden.

Mindestens ebenso wichtig wie die handwerklichen Tugenden waren Sprache und Stil des "Rolling Stone", eine Art gehobener Untergrundprosa, die den Nerv und die Gefühle der
60er-Generation genau traf. Lange bevor die Reporter und Redakteure der vornehmen Ostküsten-Blätter wie "Time", "Newsweek" oder "New Yorker" auch nur ahnten, was in der Subkultur vor sich ging, erfassten die Hippies von der Market Street in San Francisco die Geheimnisse und Metaphern der Rockmusik und die ungeheure Energie, die sie freisetzte. Was Dylan oder die Stones, die Beatles oder die Byrds, Frank Zappa oder die Grateful Dead auf ihren Platten und in ihren Konzerten bewirkten – die blutjungen Schreiber konnten es artikulieren. Sie formulierten für Gleichgesinnte, nicht für Voyeure. Musiker, Journalisten und Leser verschmolzen beim "Rolling Stone" schnell zu einer fast konspirativen Gemeinschaft. Worum spätere Trendblätter sich so krampfhaft bemühten, hatte das kalifornische Blatt mühelos gefunden: den Zeitgeist.

Wer von der älteren Generation das Blatt in die Hand nahm, hatte Gelegenheit zu staunen - und vielleicht auch neidisch zu werden: Hier tat sich eine schöne neue Welt auf, eine Welt, in der Jugendliche ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen, ohne Aggressionen und Zwänge miteinander umgehen und ein erträgliches, halbwegs freies Leben führen können. Das war die in Druckerschwärze gehauene Botschaft des "Rolling Stone". Eine kongeniale Bildersprache fand sie in den ungeheuer aussagekräftigen Porträt- und Reportagefotos der heute selbständigen, mittlerweile berühmten Kamerakünstlerin Annie Leibowitz, die 1967 zu den Gründungsmitgliedern gehörte.

Der fast paradiesische Urzustand wähnte allerdings kaum länger als drei Jahre. Um 1970 tauchten die ersten hässlichen Wolken über der heiteren, sonnigen, musikdurchfluteten Szene auf. Von Altamont war schon die Rede, kurz darauf gingen die Beatles unter misstönender Begleitmusik auseinander. John Lennon gab – natürlich dem "Rolling Stone" – sein berühmtes zynisches Interview, in dem er erstens seine Kollegen niedermachte und zweitens alle mit der Rockkultur verbundenen Hoffnungen als Seifenblasen abtat: "Es laufen ein paar Leute mit langen Haaren durch London, sonst hat sich überhaupt nichts geändert." Und auf einmal, als hätten sie nur auf dieses Signal des großen Gurus Lennon gewartet, begannen nun Musiker, in aller Öffentlichkeit missgünstig übereinander herzuziehen.

Jann Wenner begriff die Zeichen der Zeit. Den Klatsch- und Tratschteil seiner Zeitschrift baute er kräftig aus. Die Artikel wurden schlüpfriger. Die großen Rock-Tourneen wurden jetzt immer besser, professioneller organisiert, was zur Folge hatte, dass die Stars unterwegs mehr Zeit und Musse hatten, Mädchen "aufzureißen". Prompt erschien der "Rolling Stone" mit einer Sensationsstory über Groupies und Sexorgien hinter den Kulissen. Es war die erste Nummer, die dem Blatt schwarze Zahlen bescherte. Ein Schuft, wer schlecht davon denkt, mag Wenner wohl gedacht haben, denn die inzwischen aufgewachte Konkurrenz von "Time" klaute ihm die Geschichte – und das auch noch ohne Quellenangabe.

Viele enttäuschte Anhänger haben Jann Wenner immer wieder vorgeworfen, mit seiner Anpassung an den journalistischen "Mainstream" die alten Ideale verraten zu haben. Tatsächlich aber hat der "Rolling Stone" immer nur geschickt die jeweils herrschende Stimmung wiedergegeben. Das Magazin als Spiegel der Rockkultur - und nicht umgekehrt.

Das Abbild, das dieser Spiegel heute wirft, illuminiert schon lange keine Subkultur mehr. Es ist vielmehr das gesunde Gesicht eines prächtig funktionierenden Kapitalismus. Rockmusik ist längst ein Multimillionen-Geschäft geworden, desgleichen der "Rolling Stone". Er erscheint seit 25 Jahren in New York, verkauft heute 1,25 Millionen Exemplare pro Ausgabe, erzielte im vergangenen Jahr knapp 70 Millionen Dollar Gewinn und ist, wie die Tageszeitung "USA Today" einmal anerkennend notierte, der "Liebling der Madison Avenue", wo die meisten der für das Anzeigengeschäft so wichtigen Mediaagenturen sitzen. Es gibt eine deutsche, eine australische, ein argentinische Lizenzausgabe des "Rolling Stone".

Verleger Jann Wenner, nebenbei auch noch Eigentümer der Illustrierten "Us" und des Lifestyle-Blattes "Men's Journal", ist Multimillionär wie sein großes Vorbild aus den 60er Jahren, Mick Jagger. Er fühlt sich geschmeichelt, wenn man ihn in New Yorker Pressekreisen ironisch "Citizen Wenner" nennt - in Anlehnung an Orson Welles' großen Kino-Pressemagnaten "Citizen Kane".

Sein "Rolling Stone" ist immer noch ein respektables Rockmagazin, so respektabel wie es die Rockmusik längst selber ist, von intelligenten und nicht unkritischen Fans alle 14 Tage begierig verschlungen. Auch ein politisches Ressort gibt es noch, in Maßen links gestrickt und der Administration Bush durchaus kritisch auf den Fersen. Nur haben liberales Gedankengut und die Forderung nach Chancengleichheit und Toleranz heute eben nichts mehr mit Rockmusik und Underground-Rebellion zu tun.

Für die jungen Redakteure des Blattes sind die marihuanaumwölkten, flower-power-seligen 60er Jahre nicht mal mehr Erinnerung. Wenn Jan Wenner und die wenigen noch verbliebenen Veteranen auf Redaktionspartys, auf denen schon lange kein Joint mehr kreist, manchmal noch von den alten Zeiten schwärmen, hören sie höflich zu – und denken insgeheim schon an das nächste Konzert oder die bevorstehende CD der gerade aktuellen Hip-Hop-Truppe, an die nächste Reportage aus dem Innenleben eines global agierenen High-Tech-Konzerns. Nur noch selten gelingt der Trip zurück in die Urgründe – wie mit einer von Wehmut überschatteten Titelgeschichte "Frauen in der Rockmusik" : von Courtney Love über Madonna und Tina Turner bis zu Janis Joplin.

Typischer für das 21. Jahrhundert war aber doch wohl das Motto, das kürzlich die Titelseite einer Nummer schmückte, die sich vornehmlich mit Fernsehthemen befasste: "Special Stay-At-Home-Issue", die Ausgabe fürs Zuhausebleiben.

Irgendwann landet eben auch der Stromer im Eigenheim. Der Stein hört auf zu rollen und setzt Moos an. Wie in der Natur und im richtigen Leben.

23. November 2001

Leserbrief



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