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Das jüdische Zentralmuseum in Prag

Widerstandsaktion oder Masterplan der Nazis zur Erinnerung an eine "ausgestorbene Rasse"?

Am 3. August 1942 begannen jüdische Wissenschafter in Prag unter Aufsicht der SS die Hinterlassenschaft der deportierten und vernichteten jüdischen Gemeinden des Protektorats Böhmen und Mähren für das jüdische Zentralmuseum systematisch zu erfassen. Sie arbeiteten bis zu 16 Stunden täglich, um die immer grösser werdende Menge an Gegenständen zu erfassen. Zuletzt umfasste das Museum über 200.000 Objekte, der sogenannte deutsche Katalog enthält 100.000 Einträge.

Von Judith Brandner

Niemand, der nach dem Ende des zweiten Weltkrieges Prag besuchte, habe verstehen können,
wie es möglich war, mitten im Herzen Europas, mitten im Krieg unter Aufsicht der SS eine derart grosse Sammlung jüdischer Objekte anzulegen, schrieb Hana Volavkova, die erste Nachkriegsdirektorin des neugegründeten jüdischen Museums in Prag, in den 60er Jahren. Ihre Worte haben bis heute nichts an Gültigkeit verloren. Denn die schauerhafte Entstehungsgeschichte des jüdischen Zentralmuseums in Prag wirft nach wie vor viele Fragen auf: Wie war es möglich, dass die Nationalsozialisten einerseits ihre Politik der Endlösung verfolgten und gleichzeitig dieses Projekt musealer Erinnerung an eine jüdische Kultur zumindest zuliessen?

Fast fühlte man sich versucht, so Volavkova in ihren Nachkriegserinnerungen, die Schaffung des Museums als Errungenschaft der SS zu betrachten: "Angesichts des zeitlichen Zusammenhangs zwischen der Sendung der Objekte ans Museum und der Deportation der Menschen in den Tod ist es nicht übertrieben zu sagen, dass das Verdienst der SS an der Gründung des Museums vielleicht gleicherart ist wie ihr Verdienst an der Gründung der Konzentrationslager. Die mit Schuhen vollgestopften Lager in Auschwitz und Maidanek sind die Ergebnisse derselben Politik wie die, die das jüdische Zentralmuseum in Prag hervorbrachte. Es sind Zeugen des Verbrechens."

Die Geschichte war seit jeher dazu angetan, Mythen zu nähren und die Phantasie vieler, vor allem von Schriftstellern, anzuregen. Einer der bekanntesten Texte zum jüdischen Zentralmuseum ist wohl der Essay von Egon Erwin Kisch, Mörder bauten den zu Ermordenden ein Denkmal:

"Der Plan war der," schrieb Kisch, "ein Millionenvolk auszurotten und in einem von den Mördern zu schaffenden Museum darzutun, welch ein fanatischer und gefährlicher Feind des Tausendjährigen Reiches die Ermordeten, nämlich die Juden, gewesen seien. Je reichhaltiger wir dieses Museum gestalten, kalkulierten die Nazis, desto überzeugender wird es künftigen Geschlechtern beweisen, wie weltverändernd und geschichtsbildend wir waren."

Der Name: "Museum einer ausgestorbenen Rasse" hat sich bis heute hartnäckig gehalten. Belegt ist er nicht, ebensowenig wie eine Intention der Nationalsozialisten, ein Denkmal im Kisch'schen Sinne zu errichten. Mehr noch, es gebe von deutscher Seite keinerlei Dokumente, die über die Absichten der Nationalsozialisten Auskunft geben könnten, sagt der deutsche Historiker Dirk Rupnow: "Die Quellen zeigen nur, daß die Gründung des jüdischen Zentralmuseums eine Initiative vor Ort war, nämlich der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Zusammenarbeit mit der jüdischen Kultusgemeinde in Prag." Die jüdische Zentralstelle war eine Zweigstelle des Eichmann-Amtes, das für die Vertreibung und später für die Deportationen zuständig war. Das Sagen hatten dort die beiden SS-Männer Hans Günther und Karl Rahm. Die Geschichte vom "Museum einer ausgestorbenen Rasse" sei gewiss berührend, meint Leo Pavlat, der heutige Direktor des jüdischen Museums in Prag. Viel berührender sei jedoch die andere, wahre und bewiesene Geschichte: "Juden, die damals auf der Stufe der niedrigsten Wesen auf der Welt standen, versuchten das kostbare Erbe ihrer Vorfahren zu retten!" Pavlat spielt damit auf die Version der Gründungsgeschichte an, die bis heute in seinem Haus vertreten wird: "Wir wissen, daß das jüdische Zentralmuseum auf Initiative örtlicher Juden, namentlich auf Initiative von Karel Stein, dem Leiter der Abteilung für die jüdischen Provinzgemeinden, gegründet wurde, um alle konfiszierten Gegenstände für künftige Generationen zu retten!" sagt Leo Pavlat und fügt hinzu: "Meines Wissens nach gibt es keinen einzigen Beweis dafür, daß die Nazis ein derartiges Museum einrichten wollten!"

Ein Jahr nach dem Einmarsch Hitlers in Wien, am 15. März 1939, wird ein Teil der Tschechoslowakei als "Protektorat Böhmen und Mähren" dem deutschen Reich angegliedert. Die Nationalsozialisten übernehmen die Macht.

Im September 1941 erhalten die Juden den gelben Stern. Die Treuhandstelle wird eingerichtet. Einen Monat später beginnen die Deportationen. Ab Oktober fahren die ersten Transporte nach Lodz und Minsk, ab November nach Theresienstadt. Die meisten Menschen werden mit den Massentransporten 1942 deportiert. 156 jüdische Gemeinden gibt es damals noch im Protektorat Böhmen und Mähren. Aufgrund der Deportationen sollten sie bald menschenleer sein. Irgendwann habe sich die Kultusgemeinde in Prag gefragt, was mit den Kultobjekten aus diesen Gemeinden geschehen sollte. Im Herbst 1941 werden die Prager Synagogen geschlossen und in Lager für beschlagnahmten jüdischen Besitz umgewandelt. So sei die Idee entstanden, auch die Kultgegenstände aus dem Protoktorat in die Synagogen zu bringen. Auf Initiative von Karel Stein.

Es gebe allerdings eine Reihe von Leuten, die die Geschichte andersrum erzählten, meint hingegen der Historiker Dirk Rupnow. Die Gründung könne nur eine deutsche Idee gewesen sein, wäre es doch im besetzten Prag unmöglich gewesen, daß Juden so einen Vorschlag machten: "Aber das ist gar nicht die wesentliche Frage, außerdem läßt sie sich heute gar nicht mehr korrekt beantworten. Meiner Meinung nach ist der Punkt der, dass in diesem Museumsprojekt die ansonsten diametral entgegengesetzten Interessen von Nationalsozialisten und Juden zusammenlaufen."

Tatsächlich gab es eine Anweisung an die Provinzgemeinden, vor den Deportationen ihre Kultgegenstände in Kisten zu verpacken und an die Adresse Zentralmuseum zu schicken. Also in die Jáchimova Straße, wo kurz zuvor die jüdische Schule von den Nazis geschlossen worden war. Wenn also eine Gemeinde deportiert wurde, kam einige Tage zuvor eine Kiste mit deren Kultgegenständen in Prag an.

Das Problem sei zunächst gewesen, sagt der tschechische Historiker und Arno Parik vom jüdischen Museum, wie die Kultgegenstände aus den Gemeinden nach Prag gebracht werden konnten. Da jüdische Gemeinde keine Genehmigung hatte, Dinge zu transportieren und sich die Transporteure aus Angst vor den Nazis zunehmend weigerten, jüdischen Besitz zu befördern, sei es notwendig gewesen, eine Genehmigung der "Zentralstelle für die Regelung der Judenfrage in Prag" einzuholen. Im Frühsommer 1942 hätten die Nazis die ersten Genehmigungen erteilt. Tatsächlich ist im Archiv der jüdischen Religionsgemeinschaft ein Dokument vom 26. Mai 1942 erhalten, wonach SS Untersturmführer Rahm anordnet: "dass alle historischen und historisch wertvollen Gegenstände, die sich bei den Aussenstellen der Kultusgemeinde befinden, nach Prag zu überführen und im jüdischen Museum aufzubewahren sind."

Auch Michaela Hajkova, Kuratorin am jüdischen Museum und mit Restitutionsfragen befasst, glaubt an eine Aktion zur Rettung jüdischen Besitzes, um diesen später zurückgeben zu können. Als Beispiel erwähnt sie die Bilder des jüdischen Kunstsammlers Emil Freund, die kürzlich in der Ausstellung "Restituted Works of Art" gezeigt wurden. Emil Freund wurde 1941 mit dem 2. Transport von Prag ins Ghetto Lodz deportiert, wo er bald danach starb. All sein Besitz wurde von den Nazis - der Treuhandstelle - beschlagnahmt und in eines der Lager gebracht. "So konnten die jüdischen Wissenschafter seine Sammlung dem Zentralmuseum einverleibt werden", sagt Hajkova.

Auch die Wissenschafter am jüdischen Zentralmuseum, die fieberhaft archivierten und katalogisierten, waren nicht vor der Ermordung geschützt. Einer nach dem anderen wurde deportiert; so manch einer katalogisierte zuvor noch seinen eigenen Besitz. Überlebt hat eine einzige Wissenschafterin: Hana Volavkova, die spätere Museumsdirektorin, und mit ihr ihre Erinnerungen an diese Zeit. Volavkova war mit einem Nicht-Juden verheiratet und daher zunächst vor der Deportation geschützt. Knapp vor Kriegsende wurde sie mit dem letzten Transport nach Theresienstadt gebracht. Der Plan, all die rituellen Silbergegenstände und andere Schätze aus Synagogen sowie Bücher aus den jüdischen Bibliotheken, Synagogen, Archiven und den Büros früherer jüdischer Gemeinden an einem Ort zusammenzubringen, sei eine jüdische Widerstandsaktion gewesen, so ihre These: "Das geschah im Geheimen als Teil einer weitreichenden Inventarisierung und Konzentration jüdischen Privatvermögens, aber es zeigte sich bald, dass diese Massnahme, die mit den dunklen Absichten der Nazis zufällig zusammenzupassen schien, ohne Wissen der Nazis nicht durchgeführt werden konnte." Die Geschichte möge stimmen, meint Historiker Dirk Rupnow, gleichzeitig übersehe Volavkova die Zwiespältigkeit der musealen Bewahrung. Denn die Errichtung eines Museums könne unter den Bedingungen der Endlösung keine Widerstandsstrategie sein.

Innerhalb weniger Wochen nach seiner Errichtung sei das Museum zum Bersten voll gewesen, erzählt der tschechische Historiker Arno Parik. Tausende Thorarollen, Thoravorhänge, Gegenstände aus Edelmetall, Schriften, Bücher und vieles mehr stapelte sich in den Lagern und Synagogen der Stadt. Es sei beispielsweise die größte Sammlung an Silber im ganzen Protektorat entstanden. Weshalb die Nazis die Aufbewahrung und Erfassung all dieser Gegenstände erlaubten, könnte durchaus aus materiellem Kalkül gewesen sein, meint er und erwähnt als Beispiel, dass die Deutschen während des Krieges auch Werke "entarteter Kunst" auf Auktionen in der Schweiz verkauften. Ähnliches könnten sie auch mit Silber vorgehabt haben. Nicht ausschließen will Parik auch den Aspekt, daß die Sammlung für antisemitische Propagandazwecke verwendet werden sollte.

Die Nationalsozialisten verstanden es, Museen und Ausstellungen geschickt für ihre Propagandazwecke einzusetzen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die Propagandaausstellung über "entartete Kunst", die 1937 in München gezeigt wurde. Die Schau war der Höhepunkt des Kampfes der Nazis gegen die künstlerische Avantgarde und wurde von 2 Millionen Besuchern gesehen. In der Wanderausstellung "der Ewige Jude" wurde antisemitische Stimmung gegen die "jüdische Rasse" geschürt. Verfolgten die Nazis mit dem jüdischen Zentralmuseums in Prag eine ähnliche Intention? Dirk Rupnow glaubt nicht. Das Prager Museum sei ja während des Krieges nicht für die Öffentlichkeit zugänglich gewesen. Es wäre erst nach Abschluß der sogenannten Endlösung geöffnet worden, vermutet er. Mehrmals konzipierten die Wissenschafter am jüdischen Zentralmuseum in Prag Ausstellungen, die jedoch ebenfalls nie der Öffentlichkeit gezeigt wurden. Zugänglich waren sie nur für die Mitarbeiter des Museums und die Vertreter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung, die SS Männer Karl Rahm und Hans Günther bzw. mit deren Genehmigung.

Erst nach dem Krieg wurde das Museum für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Heute ist das jüdische Museum in Prag eine der wichtigsten Anziehungspunkte für Touristen. Doch die heutigen Besucher erfahren kaum etwas über die unglaubliche Entstehungsgeschichte oder die ehemaligen Besitzer der Exponate. Lediglich in der spanischen Synagoge finden sich ein paar Fotos und ein kurzer Text zum Thema. Dabei stammen rund 65 Prozent der heutigen Sammlung aus dem Bestand beschlagnahmter Objekte während der Nazi-Zeit. Museumsdirektor Leo Pavlat ist erstaunt über die Frage, weshalb auf die spezielle Vergangenheit und Entstehungsgeschichte des Museums nicht deutlicher verwiesen wird. Jeder, der es wissen wolle, könne sich über die Geschichte informieren, meint er und außerdem zeugten gewissermassen alle Objekte von dieser speziellen Vergangenheit. Freilich nicht direkt, sondern auf eine eher indirekte Art und Weise. Zudem sei die kommunistische Ära in der Tschechoslowakei der Aufarbeitung der Vergangenheit nicht gerade förderlich gewesen, sagt Leo Pavlat. Das Museum sei entsetzlich vernachlässigt und in einem schrecklichen Zustand gewesen. Seit 1994 wird es nun als Privatinstitution geführt und erhält keine staatlichen Zuschüsse. Seither sei man beschäftigt, das Erbe aus der kommunistischen Zeit zu beseitigen. Und erst, wenn alles in Ordnung gebracht sei, könne man sich intensiv auf die Forschungen konzentrieren. Das heißt jedoch nicht, daß nicht heute schon geforscht würde. Der deutsche Katalog ist bis heute Hauptinformationsquelle für die Wissenschafter am jüdischen Museum. Derzeit wird jede einzelne Karteikarte in den Computer eingescannt. Die Hinweise auf den Karten sind nicht zuletzt für die Restitution jüdischen Besitzes, die jetzt auch in Tschechien angegangen wird, von eminenter Bedeutung, kann doch anhand der Transportnummer der frühere Besitzer und dessen Verbleib ausgeforscht werden. In den meisten Fällen wird nur mehr festgestellt werden können, daß er von den Nazis ermordet wurde.

Welche Intention auch immer hinter der Errichtung des jüdischen Zentralmuseums steckte, auf wessen Initiative auch immer es gegründet wurde – immer wird dieser Ort mit dem nationalsozialistischen Rassenwahn und der Ideologie der Vernichtung verbunden sein. Die eigentliche Herausforderung im Denken sei folgende Überlegung, so Dirk Rupnow: "Wäre die Geschichte anders ausgegangen, so hätte das Museum heute genauso in Prag existieren können – mit denselben Exponaten."

www.jewishmuseum.cz

Bibliothek:
Dirk Rupnow: Täter, Gedächtnis, Opfer – das jüdische Zentralmuseum in Prag 1942-1945, Picus Verlag Wien 2001
Egon Erwin Kisch: "Mörder bauten den zu Ermordenden ein Denkmal", aus: Egon Erwin Kisch, Prager Pitaval. Späte Reportagen. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1980

23. November 2001

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