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Berlin am 21. Oktober 2001

Die Grenzen der Theatralität

"Seit Juni beobachten wir die politischen Vorgänge in Berlin mit angehaltenem Atem: den Auseinanderfall der CDU-SPD-Koalition, die Kandidatenkür der Parteien, das Antreten Gysis, das Nichtantreten Schäubles. Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen treibt die wohlfeile Theatermetaphorik, lange schon vor der Entscheidungsphase, wieder einmal Blüten. Probebühne Berlin, Berliner politisches Theater, Protagonisten , Masken, Täuschungen, Kulissenschieberei, Entertainment, Souffleure aus dem Hintergrund, heimliche Regie (zum Beispiel durch einen gewissen Herrn Kohl) und willfährige Claqueure."
(Gottfried Fischborn, Gute Schauspielkunst)


Von Gottfried Fischborn

Brüchige Symbolik (eins)

Eigentlich sind Wahlabende Sternstunden symbolischer Politik. Fasziniert schauen wir seit Jahrzehnten auf diese wiederkehrenden Inszenierungen. Die aufgeheizte Spannung der Prognosen und Hochrechnungen, die von Beginn an das längst Erahnte nur mehr oder minder variieren können und wirklich offene Fragen von Belang selten genug beinhalten. Die hochgeschaukelte Rivalität der Sender. Die Flut der frühen, allzufrühen Spekulationen. Die Wichtigtuerei der Wahlforscher und Kommentatoren. Die Rituale der Parties in mehr oder weniger symbolischen Räumen und Dekorationen, sogar mit symbolischen Getränken. Bier bei der PDS, Champagner bei der FDP. Die erwartungsvolle Anspannung in jedem der Säle. Die, je nachdem, hektische oder entspannte Fröhlichkeit, wenn Zahlen und Bilder deutlicher werden. Die spontanen Emotionen der Akteure und Statisten, Niedergeschlagenheit oder ungehemmter Triumph, die das rituelle Verhalten durchkreuzen, während doch das Bemühen erkennbar bleibt, dieses aufrecht zu erhalten.

Und natürlich das Heer der Reporter, der Wald der Mikrofone. Die Auftritte der politischen Starletts und Stars mit ihren Statements, bis dann der Abendstern aufgeht: Es kommt, allseits körperlich bedrängt, DER KANDIDAT. Seine erste, kurze Ansprache ans Volk. Um 19 Uhr 30 schließlich der vorläufige Höhepunkt: das, was man einst die "Elefantenrunde" nannte, heute sind es "nur" noch die Damen und Herren Generalsekretäre oder Bundesgeschäftsführer, sagen wir: die Nashörner, mit ihren Erklärungsversuchen und dem obligatorischen Schönreden des eigenen Wahlergebnisses.

In Berlin , am 21. Oktober 2001, lief es nur scheinbar genau so, in Wahrheit aber etwas anders. Es sind seither ein paar Wochen ins Land gezogen, doch lohnt es sich, den Abend noch einmal zu vergegenwärtigen, bevor wir ihn zu vergessen beginnen. Nachträglich bekommt er etwas Symptomatisches.

Man spürte es schon früh. Die CDU zum Beispiel produzierte auf ihrer Party durchaus die gewohnte Fröhlichkeit, es wirkte nicht einmal besonders angestrengt. Eberhard Diepgen und Spitzenkandidat Frank Steffel mit ihren Ehefrauen rissen die Stimmung hoch. Mit ihm an der Spitze werde man eine tolle Opposition abgeben, sagte Steffel, und die inhaltliche und personelle Erneuerung werde vorankommen. "Wir haben gekämpft, wir haben verloren." Auf ein Neues, hurra. Doch irgendwie schien es so, als habe ein genialischer Über-Regisseur das ganze Treiben verfremdet. Schwer zu sagen warum, aber es war nicht glaubhaft. Am nächsten Tag lasen wir in der FAZ von wütenden CDU-Abgeordneten, die vor der Tür ihren Frust abließen, nachdem sie eben noch das Partyritual diszipliniert mitzelebriert hatten. Diepgen, der die Stadt ins Dilemma geführt hatte, wenngleich Seit an Seit mit der SPD, und der Wahlverlierer Steffel: das waren nicht mehr die Figuren , die sie auf dem Podest sehen wollten.


Abschweifung: Personalisierung in der Krise?

Weil wir gerade bei Frank Steffel sind: In gewisser Weise wurde er nachträglich wieder zum Hoffnungsträger. Nämlich für all diejenigen, denen die übermäßige Personalisierung der politischen Kommunikation nicht nur suspekt, sondern nachgerade unerträglich ist. Schien er nicht zu Beginn des Wahlkampfes (auch ich bin darauf hereingefallen!) ein ausgezeichneter Politdarsteller zu sein, ein jungenhafter Sympathienfänger, ein kleiner Kennedy von der Spree? Noch waren ja all die Peinlichkeiten und verbalen Verkrampfungen nicht geschehen, die sich dieser Kandidat nachher leistete. Noch war bei aller gebotenen politischen Skepsis nicht abzusehen, mit welch rostigen und stumpfen Waffen aus den Arsenalen des kalten Krieges Frank Steffel sich selbst und den Seinen aufs Haupt schlagen würde. In dem Maße, in dem sie den Mann politisch agieren sahen, schwand offenbar für viele Berliner der personale Glamour.

Damit aber gibt Steffel der Zuversicht Nahrung, daß eine auf den ersten Blick überzeugende Selbstdarstellung, eine authentisch wirkende Ausstrahlung auch im Medienzeitalter nicht alles ist. Die Personalisierung der Politik im Bewußtsein des Publikums reicht sehr weit, aber unbegrenzt ist sie eben nicht. Die Berliner haben sich, auch wenn man das nicht idealisieren sollte, als ein ziemlich gutes Publikum erwiesen. Ihr hoffnungsvoll stimmender Realitätssinn beginnt bei scheinbaren Kleinigkeiten. Wenn Erstwählerin Kristin Höfer aus Steglitz sich für Klaus Wowereit entschieden hat, weil er ihr "sehr sympathisch" sei, so führt sie doch zugleich ins Feld, daß er "die Preise für die Schülertickets gesenkt hat." (Quelle: Süddeutsche Zeitung)


Brüchige Symbolik (zwei)

Beim Wahlsieger SPD wirkte die Munterkeit auf den Bildschirmbetrachter merkwürdigerweise erkennbar angestrengter als bei der CDU. Schaumgebremster Jubel. Warum nur?

Man hatte wohl schon die Last im Nacken, die dieses Wahlergebnis mit sich bringen würde. Trotz des Erfolgs zwei Wahlziele verfehlt: die 30 Prozent plus X und vor allem die Möglichkeit des Weiterregierens allein mit den Grünen. Und: Was macht man nun mit der dritten Berliner Volkspartei PDS, die im Ostteil der Stadt fast die Hälfte der Stimmen bekam? Soll man sie außen vor und dadurch noch stärker werden lassen? Und: Kann man den Willen so vieler Wählerinnen und Wähler weiterhin ignorieren nach dem Motto: Interessiert uns nicht? Wird dann nicht in der Tat die Spaltung in zwei Stadthälften noch mehr vertieft? Aber andererseits - Rot-Rot nach dem 11. September, geht das überhaupt? Was würde "der Gerhard" dazu sagen? (Er hat mit seinem Druck auf die Genossen nicht lange gewartet.) Wäre nicht, hinwiederum, die scheinbar nahe liegende Ampelkoalition SPD-FDP-Grüne alles andere als die optimale Lösung? Instabil, wie sie mit diesen gegensätzlichen Partnern und der dürren Mehrheit von zwei Stimmen zweifellos wäre? (Jetzt, da diese Zeilen in den ersten Novembertagen niedergeschrieben werden, scheint es so zu kommen.) Wahrlich eine Bürde, dieses Wahlergebnis.

Fazit: Das Symbol- und Ritualverhalten der politischen Klasse zeigte sich an diesem Wahlabend brüchiger als gewohnt, überlagert von menschlichen Regungen wie Besorgnis und Ratlosigkeit - jedenfalls in den traditionell so genannten Volksparteien. Gelassene Freude diesmal nur bei FDP und PDS, die einfach genügend Grund dazu hatten. (Vielleicht sollte die letztere sich die Sorge machen, ob sie nicht, wie bisher, als Opposition am besten zu sich käme?)


Grenzen bundesdeutscher Theatralität

Unter Politologen, Soziologen, Theaterwissenschaftlern, die sich mit Wesen und Formen symbolischer Politik, insbesondere auch in ihrer Gestalt als Medientheatralität, in den westlichen Informationsgesellschaften beschäftigen, halten sich vermutlich Kritiker und Befürworter annähernd die Waage. Hat sie eher die Funktion einer demokratischen Vermittlung zwischen der politischen Entscheidungsebene und einem breiten Publikum? Oder dient sie vor allem einer das Publikum manipulierenden Vernebelung von Herrschaftstrukturen? Auch wenn die allgemeine Antwort lauten muß, daß beide Funktionen inzwischen untrennbar miteinander verquickt sind, wird doch die Akzentuierung vor allem vom Gesellschaftsbild des Beobachters abhängen. Genauer: von der Beantwortung der Frage, unter welchen Bedingungen welche Art von Symbolpolitik manipulativ oder demokratisch funktioniert.

Daß der 11. September 2001 grundlegende Veränderungen auch des öffentlichen Bewußtseins bewirkte und weiter bewirkt, wird kaum einer bezweifeln. Unter anderem die Berlinwahl und ihr Medienreflex deuten darauf hin, daß das System der politischen Rituale, Symbole, Inszenierungen und Shows innerhalb unserer bundesdeutschen Gesellschaft in eine heilsame Krise geraten könnte. Wenn die Formel vom Ende der Spaßgesellschaft eine Berechtigung hat, dann gehört dies dazu, und es strahlte hinein bis in die Wahlparties.

Mächtige, für jeden Einzelnen existenzielle Inhalte bringen das sorgsam gezimmerte Gerüst politischer Symbolik und Ritualität, so wie es immer war, möglicherweise ins Wanken. Einen Krieg, der vor allem Zivilisten zu Opfern macht, der militärisch schwer oder kaum gewinnbar ist, der die Schraube von Gewalt und Gegengewalt, von Fanatismus und Verblendung um einige Windungen weiterdreht: offenkundig haben sehr viele Berliner einen solchen Krieg als geeigneten Weg zur Bekämpfung eines unsäglich verbrecherischen Terrorismus abgelehnt. Das hat, so sagen uns alle Wahlforscher, ihre Entscheidung beeinflußt. Keine offiziöse politische Symbolik hat sie davon abhalten können. Daß das der PDS zugutekam, ist dabei völlig unwichtig - es hätten ja auch die Grünen sein können, wie man sie vor ein paar Jahren noch kannte.

Inzwischen haben sich auch die Großschriftsteller, die Intellektuellen in diesem Sinne zu Wort gemeldet. Informelle Gruppen, unabhängige Jounalisten steuern der erkennbaren Tendenz zur offiziös verordneten Meinungsbildung entgegen, und selbst aus dem unmittelbar politischen Raum kommen die ersten kritischen Stimmen zur allzu unterwürfigen "uneingeschränkten Solidarität" mit den Kriegs-Strategen wie auch zu den innenpolitischen Bemühungen - wie es kein Geringerer als Burkhard Hirsch ausgedrückt hat! - , den "Abschied vom Grundgesetz" einzuläuten. Auffällig bei all diesen Stimmen: der ernste Tonfall, die ungewohnte Abwesenheit selbstdarstellerischer Eitelkeit und sprachgeregelter Rhetorik.

Zugleich wäre an einer neuen politischen Symbolik mit konsequent demokratischer Funktion weiter zu arbeiten. Unsere Gesellschaft muß dabei nicht am Punkte Null anfangen. In Leipzig finden, wie 1989, montags wieder Friedensgebete in der Nikolaikirche mit anschließender öffentlicher Bekundung statt. Das Motto lautet: Rache ist kein Ausweg. Symbolische Politik von unten. Auch die gewohnten Formen einer "anderen", alternativischen politischen Symbolik bedürfen freilich eines nicht fernen Tages der kritischen Selbstreflexion. Fragen nach einer gewissen Abgenutzheit mancher Mittel oder nach ersten Erscheinungen einer kontraproduktiven Ritualisierung dürfen dabei kein Tabu sein. Ein solcher Diskurs und sein Gegenstand, eine erneuerte symbolische politische Kultur, werden in ihrem Erfolg von der Entwicklung des gesellschaftlichen Kräftefeldes als Ganzem abhängig bleiben.

9. November 2001

Leserbrief



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