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Pakistan

Der Verbündete Nr. 1

Eine atemberaubende Karriere: Eben noch fast ein "gescheiterter Staat", ist Pakistan heute eine standhafte Säule der US-Außenpolitik, jedenfalls der momentan gepflegten. Oder ist der Nachbar Afghanistans vielleicht nur deshalb der Anti-Terror-"Koalition" beigetreten, weil er von seinem östlichen Nachbarn Indien selbst des Terrorismus - in Kaschmir - beschuldigt wird und nun hofft, auf diese Weise ein hausgemachtes Problem mitzuerledigen?

Von Brigitte Voykowitsch

Sie nennen sich Sipah (Armeen), Jaish (Brigaden), Lashkar (Armeen auf dem Vormarsch), Tehriks und Harakats (militante Bewegungen). Wie viele es von ihnen gibt, kann keiner genau sagen. Schätzungen sprechen von mehr als 80 derartigen radikalen muslimischen Gruppen in Pakistan. "Die meisten von ihnen sind bewaffnet und bekämpfen einander rücksichtslos," betonte ein Kommentator der angesehenen englischsprachigen Zeitung "The Friday Times" dieser Tage. "Dies alles", beklagte er, "geschieht trotz der Tatsache, dass der Islam eine Religion ist, die sich zur Einheit bekennt: Ein Gott, ein Prophet (der Friede sei mit ihm), ein Buch und eine Ummah (Familie)". Seine ernüchterte Schlussfolgerung lautete: "Allein in dieser islamischen Republik [Pakistan] hat der religiöse Extremismus die Botschaft der Einheit in einen grausamen Witz verkehrt."

Seit Pakistan sich der internationalen Allianz gegen den Terrorismus angeschlossen hat, beschäftigen sich Analysten nicht bloß mit den Beziehungen ihres Landes zu den USA und zu Afghanistan. Sie werfen die Frage auf, wann Islamabad denn den Kampf gegen Terroristen, dem es sich auf globaler Ebene verschrieben habe, endlich auch zu Hause zu führen gedenke. "Muslime begrüßen einander mit 'Assalam', 'Friede'. Nur allzuoft aber kommt es heute in Pakistan vor, dass ein Muslim einen anderen mit einem Dutzend Kugeln durchlöchert", ruft ein Experte in Erinnerung. Und ein Kommentator in der Tageszeitung "Dawn" mahnt: "Es ist Zeit, dass wir darüber nachdenken, was für eine Gesellschaft wir geworden sind."

Die Gewalt, die die Analysten ansprechen, ist keinesfalls jüngsten Datums. Wenn sofort nach den ersten Luftangriffen der USA auf Afghanistan militante Gruppen in diversen Städten Pakistans auf die Straße gingen, Gebäude in Brand steckten und sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, so sind auch derartige Vorfälle kein Novum. Die nun drohende weitere Radikalisierung der Islamisten aber nehmen Experten - wieder einmal - zum Anlass, die Entwicklung Pakistans einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Auch 54 Jahre nach der Unabhängigkeit des Subkontinents von den Briten bedeutet das ein Zurückgehen zu der einen fundamentalen Frage, auf die das Land bis heute keine schlüssige und für alle akzeptable Antwort gefunden hat: Was für ein Staat sollte Pakistan eigentlich sein? Wie hatte ihn sein Gründer Muhammad Ali Jinnah (Foto) konzipiert? Es sollte zweifelsohne ein Staat für die Muslime des Subkontinents sein, der weltweit erste und bislang einzige Staat, der eigens für Muslime geschaffen wurde.

"Die Hindus und Muslime gehören zwei verschiedenen Religionsphilosophien [und] Gesellschaftssystemen an... Zwei solche Nationen in einem einzigen Staat zusammenzubinden, die eine als numerische Minderheit, die andere als Mehrheit, muss zu wachsender Unzufriedenheit und schlussendlich zur Zerstörung des Gewebes oder der Regierung eines so errichteten Staates führen", hatte Jinnah 1940 seine Zwei-Nationen-Theorie erläutert. Von den Anhängern Allahs migrierte bei der Teilung des Subkontinents allerdings nur ein Teil aus jenen Regionen, die zu Indien gehören würden, in jene, die Pakistan zufielen. Bis heute leben in Indien mehr Muslime als in Pakistan.

Abgesehen von dieser Inkongruenz sagte die Religionszugehörigkeit von mehr als 90 Prozent der Bewohner noch nichts aus über die Staatsform. Wollte Jinnah einen säkularen oder einen islamischen Staat? Über diese Frage läuft seit Jahrzehnten eine Debatte mit einem weiten Spektrum von Meinungen. Am einen Ende stehen Larry Collins und Dominique Lapierre mit der Feststellung: "Einen unwahrscheinlicheren Führer der muslimischen Massen ... könnte man sich kaum vorstellen. Er trank Alkohol, aß Schweinefleisch, rasierte sich jeden Morgen andächtig den Bart und vermied ebenso andächtig jeden Freitag die Moschee. Gott und der Koran hatten keinen Platz in Jinnahs Weltbild." Am anderen Ende stehen islamistische Parteien wie die Jamaat-e-Islami, die Jinnah als Fundamentalisten für sich reklamieren. In der Mitte finden sich Leute wie der Jinnah-Biograph Akbar S. Ahmed, nach dessen Ansicht sich Jinnah mit zunehmendem Alter immer mehr dem Islam zuwandte, dabei allerdings eine tolerante und gerechte islamische Gesellschaft mit einer demokratischen Staatsform vor Augen hatte.
Wenn Jinnah das künftige Pakistan als "eine der großen Nationen der Welt" sah, so musste er trotz seines frühen Todes im Jahr nach der Unabhängigkeit noch die Schwierigkeiten bei der Gestaltung dieses neuen Gebildes miterleben. Clans in der Nordwestgrenzprovinz und in Baluchistan pochten auf Autonomie von dem neuen Staatsgefüge, Sindhis im Süden verwehrten sich gegen den Zustrom von Muslimen aus Indien, Punjabis und Sindhis rangen um die Vormacht in Westpakistan. Die Bengalen in Ostpakistan empfanden die Erklärung von Urdu zur Staatssprache als Benachteiligung. Ihr Gefühl, politisch und ökonomisch von Westpakistan übervorteilt zu werden, sollte - mit indischer Unterstützung - 1971 schließlich zur Loslösung von Ostpakistan als unabhängiger Staat Bangladesch führen.

Mit dem Verlust des Ostteils war nicht mehr zu leugnen, dass der Islam als Kitt für die junge Nation versagt hatte. Ethnische, regionale und linguistische Zugehörigkeiten und Antagonismen hatten sich als stärker erwiesen als die neue pakistanische Identität. Ein prominenter paschtunischer Nationalist sollte die Identitätsfrage in den 80er Jahren mit folgenden Worten auf den Punkt bringen: "Ich bin seit 4000 Jahren ein Paschtune, seit 1400 Jahren ein Muslim und seit 40 Jahren ein Pakistani."

Aber auch das amputierte Pakistan hat bis heute keine Stabilität gefunden. Neben den ethnischen Spannungen führen Konflikte seit Jahrzehnten zu blutigen Auseinandersetzungen. Sie liegen in den unterschiedlichen Auffassungen des Islam und ihrer politischen Instrumentalisierung begründet. So begegnet die puritanische Deobandi-Sekte seit jeher den mystischen Sufis mit Misstrauen, die in der Minderheit befindlichen Shiiten geraten mit den Sunniten über Rechtsfragen, die Förderung ihrer jeweiligen Moscheen sowie ihr politisches Mitspracherecht aneinander.

Hätten vergangene Regierungen nur gewollt, sie hätten durchgreifen und Einheit schaffen können, klingt heute in Analysen bisweilen durch. Vielleicht, wer will es wissen. Tatsächlich hat sich seit Jinnahs Tod 1948 der bis heute unentschiedene Kampf um die Identität und Seele Pakistans nur noch verschärft. Wenn Zulfikar Ali Bhutto (1971-77) aus populistischen Gründen erste Schritte in Richtung Islamisierung unternahm, so ist nach Ansicht von Experten das Militärregime von Zia ul Haq (1977-88) für das "kontinuierliche Abgleiten [des Landes] in den religiösen Extremismus" verantwortlich. "Pakistan, das im Namen des Islam geschaffen wurde, wird nur überleben, wenn es dem Islam treu bleibt. Deshalb halte ich die Einführung eines islamischen Systems für eine essentielle Bedingung für das Land", erklärte Zia.

Mit Zia begann für den Analysten A.B.S Jafri jener gefährliche Abstieg in den Extremismus, den Pakistan bis heute nicht umkehren konnte. Zia, meint Jafri, sei das Bestreben der USA, die 1979 in Afghanistan eingefallenen Sojwets wieder zu vertreiben, nur recht gekommen. Der Kampf war die Stütze, "die ihm zu zehn Jahren absoluter Macht verhalf" und die er auch zur Islamisierung des Landes und der Armee nutzte. Unabhängig davon, ob Experten diese Politik in Zias persönlichem Glauben, seinem Bemühen um die Festigung der pakistanischen Identität oder in einer zynischen Rechtfertigung seines illegitimen Regimes begründet sehen, fest steht, dass sie weder die zentrifugalen Kräfte mindern noch zur Einigung unter den zahlreichen muslimischen Schulen und Sekten beitragen konnte. Die Schiiten stellten vielmehr die auf einer sunnitischen Rechtssprechung beruhende Islamisierung in Frage.

Im Zuge der Revolution im Iran und der Mobilisierung der Mudschaheddin in Afghanistan entstanden darüberhinaus auch in Pakistan eine Vielzahl neuer radikaler Gruppierungen. Nicht nur Flüchtlinge kamen ins Land, dieses wurde zusehends mit Waffen überschwemmt, die rivalisierende islamistische Organisationen rücksichtslos gegeneinander einzusetzen begannen. Diese Gruppen "sind durch die Untätigkeit und das 'Appeasement' [diverser] Regierungen nur noch weiter ermutigt worden, bis sie zu der Überzeugung gelangten, dass sie ihre Gegner ungestraft töten können", beklagte dieser Tage ein Analyst in der angesehenen Tageszeitung "Dawn" die Gewalt in der pakistanischen Gesellschaft. Weder wurden die von Zia initiierten Gesetze der Sharia von seinen demokratisch gewählten Nachfolgern, den Premiers Benazir Bhutto (1988-90, 1993-96) und Nawaz Sharif (1990-93, 1996-99) rückgängig gemacht - Sharif führte sogar selbst Sharia-Gesetze ein -noch griffen die beiden Regierungschef gegen radikale Gruppen durch.

Zia ul Haq's Allianz mit den USA gegen die Sowjets in Afghanistan war aus strategischer Sicht verständlich. Pakistan, anerkannte ein Kommentator in "Dawn" kürzlich, habe "ein natürliches Interesse daran, in Kabul eine ihm freundlich gesinnte Regierung zu haben." Mit dem "feindlichen Indien" im Osten und dem "nach regionaler Vorherrschaft strebenden schiitischen Iran" im Westen benötige man wenigstens in Afghanistan Rückendeckung. Die im Kalten Krieg mit Indien stehenden Sowjets konnte man folglich nicht dulden. Dass wenige Jahre nach deren Abzug aber die Regierungen Bhutto und Sharif so weit gingen, in Abstimmung mit den USA den Aufstieg der fundamentalistischen Taliban zu fördern und nach deren Machtübernahme enge Beziehungen mit ihnen zu unterhalten, habe sich als absolute Verkehrung der Interessen Pakistans erwiesen. "Eine rigide ideologische Regierung wie die der Taliban mit ihrer engen Weltsicht kann kein verläßlicher Partner" für Pakistan sein, betonte Jafri und würdigte Präsident Pervez Musharrafs nunmehrige Allianz mit den USA wie auch die Absetzung des islamistischen und Taliban-freundlichen Geheimdienstchefs (ISI) als "erste Schritte im nationalen Interesse Pakistans". Er wies allerdings auch darauf hin: Pakistans muslimische Extremisten "haben sich für eine entscheidende Schlacht um die Seele des afghanischen und pakistanischen Staates in den Schützengräben eingerichtet".
Wie groß aber ist die Gefahr, die von den Radikalen ausgeht nun, da Islamabad sich auf Washingtons Seite gestellt hat? Der vor zwei Jahren durch einen Putsch an die Macht gelangte Militärmachthaber Musharraf hat die Führer mehrerer militanter Organisationen, die die Taliban stützen, unter Hausarrrest gestellt. Zugleich betonte er, dass sein Regime gegen "jede Koranschule, die Terrorismus oder militante Aktionen predigt, vorgehen" wolle. Er entließ neben dem Geheimdienstchef auch einige andere islamistische Offiziere und hohe Militärs. Jene, die sich gegen seine Regierung stellten, machten lediglich eine kleine Minderheit aus, betonte der selbsternannte Präsident.

Doch nicht alle Analysten sind überzeugt, dass sich in Pakistan nun "die Gemäßigten um Musharraf konsolidiert" hätten, wie es das indische Wochenmagazin "India Today" unter der Titelzeile "Den Glauben zurückgewinnen" sehen wollte. Kaum jemand getraut sich heute vorherzusagen, ob der Präsident die Oberhand wird behalten können. Was immer passiert, auch die schlimmsten Szenarien - vom Bürgerkrieg bis zur Übernahme der Macht und der Atombombe durch fanatische Islamisten aus der Armee oder von der Straße - sind bereits in warnenden Analysen angesprochen worden. Doch selbst wenn Pakistan den aktuellen Krieg gegen Afghanistan relativ unbeschadet übersteht, bleiben weiter die tiefen inneren Spaltungen bestehen. Sie haben die vor Jahren aufgestellte Behauptung von Pakistan als einem gescheiterten Staat nie mehr verklingen lassen.

Unterstützung für das "fragile" Pakistan nennt das Londoner Institut für Strategische Studien (IISS) im aktuellen Krieg gegen das Taliban-Regime daher auch als zweitgrößte Herausforderung gleich nach der "Inkubation einer neuen Regierung" in Kabul. Schon hat Washington die Umschuldung von 380 Millionen US-Dollar zugesagt und die Sanktionen aufgehoben, die es nach den Atomtests im Mai 1998 gegen Pakistan verhängt hatte. Kritiker merken freilich an, dass großzügige finanzielle Zuwendungen den pakistanischen Staat in der Vergangenheit weder gesunden ließen noch ihn stabiler machten.

Die jetzige Tendenz der USA, nur mehr ein einziges Kriterium für die Zusammenarbeit mit anderen Staaten anzuwenden - nämlich die Frage, wer ist im Kampf gegen den internationalen Terrorismus mit uns und wer gegen uns - droht außerdem gefährliche Langzeitfolgen nach sich zu ziehen. Nicht nur Putschist Musharraf wird plötzlich umworben und die pakistanische Atompolitik übersehen. Ob in Malaysia oder China, Usbekistan oder Indonesien - was für Washington zählt, ist das Bekenntnis zur Allianz, und dafür werden Menschenrechtsverletzungen, die Unterdrückung demokratischer Gruppen und jede andere Art von Repression ignoriert.

Im Falle Islamabads würde zugleich das heikle Thema der Unterstützung von Terroristen in der zwischen Pakistan und Indien geteilten Himalayaregion Kaschmir umgangen, wäre da nicht Neu Delhi. Dieses brachte, sobald sich nach dem 11. September die Allianz gegen den Terrorismus zu bilden begann, Kaschmir auf, um das die beiden Staaten bereits zwei Kriege geführt haben und wo bewaffnete Gruppen seit einem Jahrzehnt um die Unabhängigkeit von Indien und/oder den Anschluss an Pakistan kämpfen. Indien wirft Islamabad nicht nur vor, die Kämpfer zu finanzieren, auszubilden und zu bewaffnen. Während Indiens Premier A. B. Vajpayee 1999 mit einem Besuch in Pakistan eine neue Phase der Entspannung einleiten wollte, bereitete der Nachbar bereits eine Invasion in Kaschmir vor, die im Frühsommer des gleichen Jahres zu einem weiteren und dem möglicherweise ersten nuklearen Krieg zu führen drohte. Verantwortlich gewesen sein soll der damalige Armeechef - und heutige Präsident - Pervez Musharraf. "Ein Land, das Teil des Problems ist, wollen die USA nun für eine Lösung heranziehen. Viel Glück!", erklärte Indiens Außenminister Jaswant Singh in einem Interview zum Krieg gegen den Terrorismus. Ein führender Kongresspolitiker drückte es direkter aus: "Für uns ist Präsident Pervez Musharraf der Terrorist Nummer 1. Für die USA ist dieser selbe Präsident Pervez Musharraf der Verbündete Nummer 1."

Kommentatoren in Pakistan würden diese Sichtweise nicht teilen. Einige haben aber bereits auf die Notwendigkeit verwiesen, den Kampf gegen den Terrorismus allein in Südasien an mindestens drei Fronten zu führen: in Kaschmir, das Ex-US-Präsident Bill Clinton nach den indischen und pakistanischen Atomtests vom Mai 1998 als den gefährlichsten Krisenherd der Welt bezeichnete; in Pakistan selbst; und schließlich in Afghanistan, wo Islamabad seine bisherige Politik von Grund auf überdenken müsse.

Was Afghanistan betrifft, wollte ein Analyst gar "poetische Gerechtigkeit" für die USA und ihren Verbündeten Pakistan erkennen: Die Ärzte müssten nun jene Krankheit austreiben, die sie selbst geschaffen hätten. Auf die Frage, welche neuen Krankheiten sie mit ihrer Vorgangsweise zugleich heranziehen könnten, ging er nicht ein.

9. November 2001

Leserbrief



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