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Nach dem Krieg
Die Loya Jirga
Im Mittelpunkt der Bemühungen um einen Frieden
in Afghanistan steht ein in der Region vielfach erprobtes Instrument
politischer Willensbildung: die Loya Jirga. Auch nach der Petersberger
Konferenz oder den geplanten 6+2-Treffen wird der konkrete Friedensprozeß
mit der traditionellen Loya Jirga beginnen müssen.
Von Stefan Kubelka
Der Begriff ist aus den paschtunischen Wörtern für "groß"
(loya) und "Versammlung" (jirga) zusammengesetzt. Nach der
Legende hat schon vor fünftausend Jahren südlich des Flusses
Oxus (Amu Darja) unter freiem Himmel eine Große Versammlung stattgefunden,
an der Viehzüchter, Bauern, Handwerker und Frauen teilnahmen und
ihren ersten König krönten. Vor etwa zweitausend Jahren soll
Kaiser Kanischka eine Loya Jirga aus fünfhundert Geistlichen einberufen
haben, auf der eine Reform der damals noch buddhistischen Staatsreligion
beschlossen wurde.
Auch nach der Eroberung Afghanistans durch den Islam wurde das bewährte
Verfahren beibehalten, und zwar auf allen Verwaltungsebenen: Es gab
also weiterhin dörfliche, regionale, überregionale und nationale
(Loya) Jirgas. Eine regionale oder Stammes-Jirga zum Beispiel entschied
über Wasserrechte und schlichtete Familienstreitigkeiten; eine
überregionale Jirga konnte auch Stammesfehden beilegen. Eine Loya
Jirga wurde vom König einberufen; hier wurden nationale Fragen
entschieden, etwa die Wahl der Regierungsform und die Beziehungen zu
den Nachbarstaaten, also auch über Krieg und Frieden.
Die Loya Jirga wurde üblicherweise am Sitz der Zentralregierung
zusammengerufen, der zwischen Kandahar, Jallallabad, Kabul und der Sommerresidenz
Paghman bei Kabul wechseln konnte. Niemals hat es eine Loya Jirga außerhalb
des Landes gegeben.
Teilnehmer waren traditionell die Stammesältesten, die auf Grund
ihrer politischen Erfahrung, ihres Ansehens und bisheriger Dienste besonderes
Vertrauen genossen.
Die bisher letzte Versammlung dieser Art fand während der russischen
Besatzungszeit statt: die Loya Jirga von 1987, die von den afghanischen
Kommunisten zusammengerufen wurde, um die neue Verfassung ratifizieren
zu lassen.
Heute sind es drei verschiedene Kräfte, die sich um eine Loya
Jirga bemühen
1. Die Rom-Initiative (die auch manchmal "Rom-Prozeß"
genannt wird; beides nach dem Aufenthaltsort des afghanischen Ex-Königs
Sahir Schah).
Sie hat ihren Ursprung im Verlangen des abgesetzten Königs nach
einer Loya-Jirga 1973. Sie gruppiert sich demnach um Sahir Schah und
besteht vor allem aus Personen mit westlicher Ausbildung. Sie verfügt
über ein ausgearbeitetes politisches Programm (unter anderem: freie
Wahlen, Islam als Staatsreligion, Beachtung der Menschenrechte, soziale
Gerechtigkeit, wirtschaftlicher und sozialer Wiederaufbau, Rückkehr
der Flüchtlinge).
Im Juni 1999 fand in Rom ein Vorbereitungstreffen für eine Loya
Jirga statt; es wurden jedoch keine Ergebnisse bekannt. Auch ein weiteres
Vorbereitungstreffen - am 5. Juni 2001 - für eine größere
Konferenz blieb folgenlos.
2. Die Zypern-Initiative (die sich vorrangig aus den nördlichen,
nicht-paschtunischen Stämmen rekrutiert; benannt nach ihrem ersten
Verhandlungsort, neuerdings auch bekannt als CMPA, Cyprus Meeting for
Peace in Afghanistan)
Diese Gruppe steht nach ihrem Selbstverständnis dem afghanischen
Volk und den tatsächlichen Verhältnissen im Land näher.
Ihr zufolge besteht die Rom-Initiative nur aus Familien- und Stammesmitgliedern
des Ex-Königs. Sie verfügte im Innern des Landes - auf der
Seite der Taliban - über einen bewaffneten Arm und erhob lange
Zeit den Anspruch, alle verfeindeten Gruppen (einschließlich der
Taliban) eher an einen Verhandlungstisch zu bringen als der Ex-König.
Der Präsident der afghanischen Exilregierung Rabbani unterstützt
die Zypern-Gruppe.
3. Die Bonn-Initiative.
Sie wurde - 1996 in Bonn - vom letzten Justizminister unter Sahir Schah
als Vereinigung von Exil-Afghanen begründet. Sie ist die kleinste
der drei Gruppen und wird allgemein als Ableger der Rom-Initiative betrachtet.
Zu einer wirksamen Zusammenarbeit der drei Gruppen ist es bisher nicht
gekommen, obwohl alle drei zur Lösung des Afghanistan-Problems
dasselbe vorschlagen: eine Loya Jirga. Die Rom-Gruppe wirft der Zypern-Gruppe
vor, die Interessen Irans zu vertreten oder für Hekmatyar, den
Chef der Islamischen Partei, eine politische Führungsrolle zu suchen.
Die Zypern-Gruppe wiederum befürchtet, eine von der Rom-Gruppe
einberufene Loya Jirga sei zu abhängig vom ehemaligen König.
Eine markante Schwäche der Zypern-Gruppe war bis jetzt ihre Nähe
zu den Taliban und der nicht eingelöste Anspruch, sie zu Verhandlungen
bewegen zu können.
Die Rom-Initiative leidet unter dem schlechten politischen Ruf des Ex-Königs:
Er gilt als zögerlich, ja als entscheidungsunfähig. Es trifft
zu, daß er bis zum jetzigen Krieg kaum durch irgendwelche Aktivitäten
von sich reden machte (anders, sagen seine Gegner, als etwa der vertriebene
König Sihanouk von Kambodscha). Er habe nicht einmal die afghanischen
Flüchtlingslager in Pakistan besucht. Ein anderes Argument gegen
ihn ist seine abwartende Haltung zur pakistanisch-afghanischen Grenz-Problematik.
1893 wurde diese Grenze, die sogenannte "Durrand-Line", zwischen
Afghanistan und Indien (vor der Teilung in Indien und Pakistan) für
hundert Jahre festgelegt. Sie verläuft mitten durch das Gebiet
der Paschtunen. Im Jahr 1993 hat Rabbani die Gültigkeit der Grenzlinie
erneuert; der Ex-König jedoch vermied hier eine Festlegung und
schürte damit Befürchtungen, er strebe einen eigenen Paschtunen-Staat
an und verletze die territoriale Integrität Afghanistans.
Ende Oktober 2001 sagte Homayun Jarir, Ex-Außenminister Afghanistans
und heute ein Sprecher der Zypern-Initiative: "Wir wünschen
ein Koordinationskomittee aus allen Gruppen, die für den Frieden
arbeiten, und versuchen jetzt bereits eine Zusammenarbeit mit der Rom-
und der Bonn-Initiative." Die Zypern-Gruppe befürwortet zwar
- seit dem 11. September - nicht mehr eine pauschale Loya-Jirga-Beteiligung
der Taliban, hält aber eine Teilnahme "gemäßigter
Taliban" für denkbar.
Die Verlautbarungen waren das Ergebnis einer Versammlung von achthundert
Exil-Afghanen im pakistanischen Peshawar. Auf diesem Treffen wurde zwar
die Niederlage der Taliban begrüßt, aber auch ein sofortiges
Ende der Luftangriffe gefordert, ebenso eine Loya Jirga mit dem Ex-König,
vor allem um eine Machtübernahme allein durch die Nord-Allianz
zu verhindern. Der starke Mann in Peshawar war Pir Sayed Ahmad Gailani,
der Chef der "Nationalen islamischen Front von Afghanistan",
die als gemäßigt gilt und für eine moderne Verfassung
mit Wahlen und Gewaltenteilung eintritt.
Pakistan befürwortet die Zypern-Initiative, soweit sie gegen die
nicht-paschtunische Nord-Allianz gerichtet ist, und zwar durchaus im
eigenen Interesse. Pakistan ist - wegen der die Paschtunen trennenden
Durrand-Line - auf eine Paschtunen-freundliche Regierung in Afghanistan
angewiesen, um Unruhe bei den Paschtunen in Pakistan oder gar neue Flüchtlingsströme
aus Afghanistan zu vermeiden. Der pakistanische Geheimdienst ISI hat
daher bis vor kurzem die Taliban - fast ausschließlich Paschtunen
- mit Logistik und Waffen tatkräftig unterstützt. So mag bei
der Hilfe für die Zypern-Initiative auch der Hintergedanke mitspielen,
mit der politischen Teilnahme der "gemäßigten Taliban"
wenigstens eine gewisse Kontrolle über die afghanischen Angelegenheiten
in der Hand zu behalten.
Es wird auchauch nach der Petersberg-Konferenz entscheidend darauf
ankommen, ob es den drei Initiativen gelingt, sich auf die gemeinsame
Vorbereitung einer Loya Jirga zu verständigen. Alles andere führt
nur zu neuen Mißerfolgen.
23. November 2001
(siehe
auch das Interview mit Dr. Marc A.)
Leserbrief
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