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Terrorismus

Soll Indien jetzt Amerika spielen?

Es kommt immer darauf, wer das T-Wort ausspricht: Indien sieht aus dem pakistanisch besetzten Teil Kaschmir einen "islamischen Terrorismus" auf sich zukommen; Pakistan jedoch hat sich immer wieder und überzeugt gegen jeden "Terrorismus" ausgesprochen. Also, sagen manche Inder, wenn die USA "ein zehntausend Kilometer entferntes Land angreifen können, warum können wir nicht unsere Rechnung mit Pakistan begleichen"?

Von Brigitte Voykowitsch

"Sollte Indien angreifen?" fragte das Wochenmagazin India Today auf dem Cover seiner Ausgabe vom 29. Oktober. Es war nicht erforderlich, das Ziel der erwogenen Attacke zu nennen. Es konnte sich lediglich um den verfeindeten Nachbarn Pakistan handeln. Mit Unbehagen und Sorge hatte Neu-Delhi mitverfolgt, wie Islamabad nach dem 11. September plötzlich zu einem engen Verbündeten der USA im Kampf gegen den internationalen Terrorismus avanciert war. Indische Kommentatoren, die darauf gehofft hatten, dass die Vereinigten Staaten nun, da sie selbst Opfer von Terrorakten geworden waren, Indiens Position im Konflikt um Kaschmir besser verstehen würden, sahen sich zugleich enttäuscht. Eine Karikatur in der Tageszeitung The Hindu brachte die Gefühle mit wenigen Strichen und Zeilen auf den Punkt: "Wir schätzen Pakistans entschlossene Unterstützung gegen den Terrorismus ", sagt da im ersten Bild US-Präsident Bush und deutet auf den zu seiner rechten stehenden, strahlenden pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf. "Aber solch eine Aussage ist ein Oxymoron", wirft der links von Bush positionierte indische Premier Atal Bihari Vajpayee ein, nur um von Bush, dessen Miene sich so plötzlich verfinstert hat wie die von Musharraf, mit einem knappen "Mr. Vajpayee, bitte..." abgetan zu werden.

Muss sich Indien derart brüskieren lassen? Und vor allem: Warum soll sich Neu-Delhi stets Zurückhaltung auferlegen, wenn andere Staaten sich keineswegs einer solchen Mäßigung verpflichtet fühlen? "Wenn die USA im Gegenschlag für Terrorakte ein Land angreifen können, das zehntausend Kilometer entfernt liegt, warum können wir nicht unsere Rechnung mit Pakistan begleichen", war schon bald nach Beginn der US-Luftangriffe gegen Afghanistan aus radikalen Hindukreisen zu hören. "Pakistan gegenüber Amerika spielen", lautet die Kurzformel für diese Option, die von Premier Vajpayee zumindest vorerst klar abgelehnt wird, auch wenn einzelne Vertreter seiner Vielparteienkoalition durchaus zu einer radikaleren Ansicht neigen. Unmittelbar nach dem Bombenanschlag auf die Regionalregierung von Jammu und Kaschmir am 1. Oktober, bei dem mehrere Dutzend Personen ums Leben kamen, aber stellte Vajpayee Washington gegenüber klar: "Die Entrüstung im Land über diesen mutwilligen Gewaltakt ist verständlich. Zwischenfälle dieser Art führen zu Fragen nach unserer eigenen Sicherheit, die ich in unserem ureigensten nationalen Interesse ansprechen muss. Pakistan muss verstehen, dass die Geduld der Bewohner von Indien ihre Grenzen hat."

Kaschmir bezeichnete der indische Premier wenig später als die "Seele" Indiens, Experten sprechen häufig vom Symbol der indischen Demokratie. In diesem pluralistischen, säkularen Staatsgefüge habe eine mehrheitlich von Muslimen bewohnte Region ebenso Platz wie jede andere Region, unabhängig von der Religionszugehörigkeit des Großteils ihrer Einwohner. Der Anspruch des muslimischen Pakistan auf das muslimische Kaschmir aufgrund religiöser Überlegungen hat in Indiens Augen keinerlei Basis. Ganz abgesehen von den historischen und sicherheitspolitischen Komponenten kann Neu-Delhi schließlich drauf verweisen, dass Indien - je nach Statistik - knapp so viele, ebensoviele oder ein wenig mehr Muslime zu seinen Bürgern zählt als Pakistan.

Von Islamabad ausgebildete, finanzierte und ausgerüstete Militante gelten als Urheber des Anschlags vom 1. Oktober sowie ungezählter Attacken zuvor, die seit 1989 zehntausende Menschenleben im indischen Teil von Kaschmir gefordert haben. Doch wo Neu-Delhi von Terroristen spricht, will Islamabad Freiheitskämpfer für die Selbstbestimmung der Himalayaregion sehen, die nach dem ersten Krieg 1948 zu rund zwei Drittel bei Indien und einem Drittel bei Pakistan verblieb und um die die beiden Staaten bereits einen zweiten Krieg geführt haben. Pakistan bestreitet die militärische Unterstützung der "Freiheitskämpfer" und hat nun seinerseits Indien des Staatsterrorismus in Kaschmir bezichtigt, ein Vorwurf, der zu wiederholten empörten Dementis seitens des Außenministers Jaswant Singh und anderer führender Politiker geführt hat.

"Das K-Wort", wie es oft genannt wird, also das Thema Kaschmir ist aus keinem Printmedium, aus keiner Fernsehdebatte oder politischen Diskussion seit dem 11. September mehr wegzudenken. Penibel verfolgen die indischen Medien alle Aussagen von Bush, dem britischen Premier Tony Blair, aber auch anderer Politiker und Diplomaten zumal im Rahmen der UNO-Generalversmmlung und analysieren deren jedes Wort zur Frage des Terrorismus. Um welchen Terrorismus in welcher Weltgegend geht es und, ganz konkret, welche Position vertritt wer zu Kaschmir? Das ist die vordringlichste Frage. Mit Erleichterung werden Aussagen wie die des britischen Verteidigungsministers Geoff Hoon bei seinem Besuch in Neu-Delhi am 13. November gewertet. Da erklärte Hoon, dass "wir gegen Terrorismus in jedem Erdteil, einschließlich Kaschmir, sind." Hoon forderte zugleich das "Ende jeder Unterstützung von außen für den Terrorismus" in Jammu und Kaschmir.

Doch Schlagzeilen wie "Großbritannien steht zu Indien in der Frage des Terrorismus in Jammu und Kaschmir" oder "Indien und die USA lehnen alle Formen von Terrorismus ab", wie sie nach Vajpayees Treffen mit Bush in Washington am 9. November erschienen, können das tiefe Unbehagen weder beseitigen noch überdecken. Denn was bekommt Neu-Delhi denn mehr als Worte und immer wieder den Vorschlag, Indien und Pakistan mögen sich zusammentun und reden. Jede weiterreichende Auseinandersetzung mit Kaschmir zu diesem Zeitpunkt würde, so der wohl berechtigte Eindruck in Indien, die internationale Allianz gegen den Terror nur von ihrem primären Anliegen ablenken.

Über das K-Wort hinaus aber geht es indischen Analysten auch um die Auswirkungen der plötzlichen Wiederaufwertung Pakistans auf die eigenen Beziehungen zu den USA und dem Westen im allgemeinen. War Islamabad im Kalten Krieg Partner Washingtons und Neu-Delhi Freund Moskaus gewesen, so hatte sich in jüngster Zeit eine allmähliche Annäherung zwischen Indien und den USA abgezeichnet. Bill Clintons Südasienreise zum Ausklang des vorigen Millenniums hatte dies schon dadurch sichtbar gemacht, dass Clinton viel Zeit in Indien verbrachte, aber nur einen Kurzbesuch in dem seit dem Putsch vom Oktober 1999 wiederum von einem Militärmachthaber - General Pervez Musharraf - regierten Pakistan abstattete.

Die positive Analyse, wie sie in der Times of India erschien, lautet "Indien gewinnt den Kampf der Ideen, Pakistan bekommt den Scheck". Die Beziehung zwischen Neu-Delhi und Washington, erläutert Analyst Chidanand Rajghatta, laufe auf einer ganz anderen Ebene als "die ziemlich opportunistische Allianz" zwischen den USA und Pakistan. Jene zwischen Neu-Delhi und Washington "beruht auf einem gesunden Respekt für das demokratische System und die institutionelle Stärke des jeweils anderen". Hier gehe es um Dialog, Zusammenarbeit in vielen Bereichen von Umwelt über Sport bis hin zur Raumfahrts-, Bio- und Informationstechnologie und darüberhinaus auch um eine neue militärische Kooperation. Das gemeinsame Kommunique nach dem Treffen Musharraf-Bush in Washington Anfang November (Musharrafs "strahlender Samstag", wie es der Indian Express empfand) konzentriere sich darauf, was die USA dazu beitragen könnten, Pakistan "wirtschaftlich und politisch zu retten, wiederzubeleben und zu rehabilitieren." "Indische Vertreter", heißt es weiter, "weisen mit Genugtuung darauf hin, dass Neu-Delhi nicht als Bittsteller nach Washington kommt und dass es vorzieht, aus verstärkten Handelsströmen mehr Kapital zu beziehen, anstatt die Bettlerschale hinzuhalten."

Doch die Konzentration des Rampenlichts auf Musharraf schmerzt. Dem pakistanischen Präsidenten wurde in den US-Medien weitaus mehr Platz eingeräumt als dem indischen Premier, auf Musharraf toasteten die Politiker aus allen Erdteilen, Vajpayees Besuch in Großbritannien Anfang November wurde von den britischen Medien hingegen fast völlig ignoriert.

Derart penible Gewichtungen bezeugen nach Ansicht von Brahma Chellaney keinesfalls eine übertriebene Empfindlichkeit, sondern sind absolut verständlich und berechtigt. "Der Terrorismus in Indien seit den 80er Jahren ist die direkte Folge der US-Intervention im afghanischen Krieg", betont der Professor für Sicherheitsstudien und Afghanistanexperte am Centre for Policy Research in Neu-Delhi. "Von den Waffenlieferungen in Milliardenhöhe an die afghanische Guerilla wurden viele durch den pakistanischen Geheimdient (ISI) umgeleitet, um seit 1989 einen blutigen Aufstand in Kaschmir zu sponsern." Vor diesem Hintergund sei Indiens Sorge, dass es wieder die Konsequenzen erleiden müsse, mehr als verständlich. "Das wahrscheinlichste Szenario laut indischen Strategen sieht so aus: Sobald die Terroristen aus den Bergen in Afghanistan vertrieben werden, haben sie nur einen Fluchtweg. Sie sind Paschtunen und können somit nicht nach Iran oder Zentralasien gehen, sondern nur nach Osten, in die Paschtunengebiete in Pakistan. Sobald sie aber dort sind, sind sie international für Pakistan peinlich, intern könnten sie Probleme verursachen, also könnte Pakistan sie ermutigen, nach Kaschmir zu gehen. Selbst wenn es nur ein paar hundert sind, wird sich der Terror in Indien verstärken", betont Chellaney.

Indien müsse auch deshalb um seine Sicherheit fürchten, weil die Geschichte belege, wie schnell die USA Interesse an einem Konflikt verlieren. "Es ist zu früh zu sagen, wie lange sie sich in Aghanistan und Pakistan engagieren werden, um diese Gesellschaften zu entradikalisieren. Wenn sie wie 1989 handeln, als sie, sobald die Sowjets abzogen, ebenfalls ihre Koffer packten, wird sich die Lage in der gesamten Region nur verschlimmern", warnt der Sicherheitsexperte. Eine Lösung für Kaschmir, ja selbst nur ein Management des Konflikts werde auch weiterhin unmöglich bleiben.

Aus diesen Sorgen heraus werden die Inder - ob Politiker, Strategen, Analysten oder gewöhnliche Bürger - also auch weiterhin genau verfolgen, wer sich wie zu Neu-Delhi und Kaschmir stellt und wer das Wort "Terrorismus" worauf bezieht.

23. November 2001

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