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FrauenFragen

Ist es das, was wir wollten?

Es ist schon schwierig genug herauszufinden, wie man sich so meinungsmäßig stellt nach dem 11. September, aber was frau danach denken soll, ist noch einen Tick komplizierter.

Von Eva Herold

Im Juni 2001 erreichte mich per Mail eine Petition, die Elizabeth Gardner vom "John F. Kennedy Center for Human Development" an der Vanderbilt University in Nashville/Tenn. initiiert hatte: Den Frauen in Afghanistan gehe es dreckig unter dem Taliban-Regime, und die UN und überhaupt alle sollten dagegen etwas unternehmen. Klar, dachte ich, und wir werden was daran ändern. Auf uns hat die UN doch nur gewartet ... Ich unterschrieb trotzdem, als Nr. 215. Super Feedback.

Dann kam der 11. September. Jetzt wird was unternommen. Ist es das, was wir wollten? Ob man den bärtigen Männern in Kandahar und Kabul auf diese Weise klarmachen kann: Es liegt nun mal in der Natur menschlicher Evolution, daß das Weib irgendwann mitreden will ...? Meine Güte, sogar die Schweizer lassen ihre Frauen wählen, wenn auch noch nicht allzu lange. Aber ich glaube nicht unbedingt, daß man's diesen Stammeskriegern im wilden Afghanistan so ohne weiteres von außen beibiegen wird. Ich glaube eher an den Mut und die Kraft der Frauen vor Ort, die schon lange unter gräßlichen Bedingungen – und jetzt unter Lebensgefahr – für ihre Sache kämpfen. Hm. Glaube ich das?

Ich geb‘s ja zu, ich habe keine Ahnung mehr, was ich glauben und wie ich das alles finden soll. Zwischen dem zynischen "Auf uns haben sie gewartet", dem resignierenden "Man kann's ihnen nicht kapieren" (das ist einerseits schlechtes Deutsch, andererseits macht diese Formulierung die Transitiv-/Intransitiv-Problematik schön deutlich) und dem frauenbewegten "Die Mädels werden's schon schaukeln" suche ich ein sicheres Plätzchen. Und finde mich wieder in der Gesellschaft aller Halb-Linken, Ex-Feministinnen, Grün-Gewesenen, zutiefst pazifistischen Gutmenschen der Generation, die momentan das Sagen hat. Beziehungsweise eben nix zu sagen. Ken Wilber beschreibt unsere Reaktion auf den Anschlag auf das World Trade Center in einer Fußnote zu "Boomeritis", seinem post-postmodernem Roman, wie folgt:

"In seiner extremsten – und verbreitetsten – Form geht grüner Pluralismus davon aus, daß es kulturell kein Gut und kein Böse gibt, kein Besser und kein Schlechter. Wir besitzen keine allgemeingültigen Kriterien, anhand derer wir eine Kultur besser oder schlechter als eine andere nennen könnten. Wir dürfen über ein `Anderes nichts sagen, das dieses Andere nicht auch von sich selbst sagen würde. Punktum.
Und dann, BANG, verübt das Andere einen Terroranschlag auf Dein Land, wie man ihn sich scheußlicher kaum vorstellen kann ... Klar, dämmerte es dem grünen Pluralismus, dieser brutale Angriff war, nun, ganz schön böse – obwohl das Böse in unserem (politisch korrekten) Wortschatz eigentlich gar nicht vorkommt. Und dann das! Urplötzlich wird die westliche Kultur heimtückisch von etwas attackiert, das verdächtig nach BÖSE aussieht. Aber ... aber wir glaubten doch immer an eine Vielzahl authentischer Gültigkeiten, von denen keine von sich aus überlegen sein kann (naja, außer all den nicht-westlichen, die uns sowieso in jeder Hinsicht überlegen sind... obwohl postmoderner Pluralismus bisher nur in der westlichen Kultur gedieh ... äh, Moment ... lassen Sie s mich vielleicht eher so formulieren: Postmoderner Pluralismus stellt im Grunde genommen doch nur die Urharmonie wieder her, die in sämtlichen vormodernen Stämmen ohnehin vorhanden ist ... nur, daß so ein vormoderner Stamm gerade das World Trace Center in seine Bestandteile zerlegt (dekonstruiert, gell!) hat, und das kann doch nicht urharmonisch oder okay sein, wie?... Nur, daß ich schließlich meine Kohle damit verdiene, 2 Bücher und 15 Artikel über das Verbrechen der Aufklärung zu schreiben und über ihr hegemoniales, patriarchales, kapitalistisches, kolonialistisches, imperialistisches Gewaltmonopol über die paradiesischen, freiheitsliebenden Völker der vormodernen Welt ... und Sie erwarten jetzt hoffentlich nicht von mir, öffentlich meine Meinung zu ändern und meine geheiligten Grundsätze einfach über den Haufen zu werfen, wie? Nur daß andererseits...)."

Hier werden keine Bushismen vertreten: Wilber macht sich einfach lustig über die heillose Verwirrung, die bei uns saturierten Pluralisten eingetreten ist. Also, was wollen wir eigentlich? Verdammt, ich weiß es nicht. Ich stelle hier nur die Fragen.


(Die letzten beiden Bücher des amerikanischen Philosophen Ken Wilber sind auf Deutsch im Arbor Verlag, Freiamt, erschienen: "Integrale Psychologie" und "Ganzheitlich handeln – Eine integrale Vision für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Spiritualität". Ob "Boomeritis" – das Zitat oben habe ich von der Homepage seines amerikanischen Verlags übersetzt – hier ebenfalls auf Deutsch herauskommen wird, konnte ich auf die Schnelle nicht erfahren, weil der Verlag Herbstferien macht. Wen's interessiert: www.arbor-verlag.de)

9. November 2001

Leserbrief



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