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Ein Anruf

Von Matthias Falke

Das kalte Wasser drohte sie wachzumachen; sie mischte heißes dazu, ohne die Augen zu öffnen, legte den Kopf in den Nacken und ließ verträumt die dunkle Wärme über ihre Lider rieseln. Sie seifte sich blindlings ein, duschte sich ab und stand dann wieder lange unter dem kräftigen Strahl, der ihr Schultern und Rücken massierte. Aber irgendwann mußte sie doch hinaus. Sie drehte das Wasser ab, schlug den Vorhang auseinander und stieg aus der Wanne. Das erste, was sie sah, war ihre verschwommene Silhouette in der beschlagenen Scheibe des Spiegels. Es war ihr ganz recht, daß sie sich nicht deutlicher sehen konnte. Nachdem sie sich abgetrocknet und angezogen hatte, ging sie hinunter. Mechanisch setzte sie die Kaffeemaschine und den Toaster in Gang, holte die Zeitung herein - draußen stürmte es -, und begann bewußtlos zu frühstücken. Im Winter, wenn es morgens noch dunkel war, fiel es ihr besonders schwer, so früh aufzustehen und ins Büro zu fahren. Ohne auch nur die Schlagzeilen zu registrieren, blätterte sie den Politikteil durch. Das Radio strömte sinnlose Gute-Laune-Musik aus; sie konnte sich gar nicht erinnern, es angeschaltet zu haben. Das Klingeln des Telefons war schmerzhaft und störend. Ulla stand mühsam auf, wobei ihr der Kreislauf ein wenig wegsackte, und taumelte den Gang hinunter. Vor ihren Augen tanzten pelzige Flocken, als sie den Hörer vom Netzgerät nahm und sich mit einem stimmlosen Brummen meldete. Es war Elis. Sofort prasselte sein Redeschwall auf sie ein.

Stell dir vor, schrie er, was ich erlebt habe. Ich kann es kaum glauben, daß ich noch am Leben bin. Sowie wir eingestiegen waren, sackte das Ding durch, und wir stürzten hohl und kreischend mehrere Stockwerke tief. Dann muß sich die Kabine verkantet haben, oder der Schacht war durch ein Hindernis versperrt. Jedenfalls blieben wir hängen. Es gelang uns, auszusteigen und uns seitlich auf ein Sims zu retten. Der Weg zurück, nach oben, war ungangbar. Alles hing voller verkeiltem Metall und verbogenen Trägern. Es war unmöglich, zum Ausgang zurückzukommen. Also weiter nach unten. In völliger Dunkelheit stiegen wir auf den Leitern in den Schacht hinunter. Wir hatten gerade den Grund des Stollens erreicht, als ein furchtbarer Lärm zu hören war. Die Kabine hatte sich gelöst und stürzte auf uns herab. Wir konnten uns in die Vorhalle flüchten, da schlug der tonnenschwere Schrott neben uns ein. Außerdem lag alles voller Gasflaschen. Wir stiegen über hunderte von ihnen weg, die sich aus den Verankerungen gelöst hatten. Jeden Moment konnte alles in die Luft fliegen. Zum Glück war die Werksfeuerwehr bald da und schäumte alles ein...

Ulla hatte sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt und war langsam nach unten geglitten. Sie stützte den Oberkörper auf die Knie und benötigte ihre ganze Kraft, den Hörer am Ohr zu halten.

- Wo bist du denn?, fragte sie.

- Ich rufe aus einer Telefonzelle an, brüllte er, immer noch wie unter Strom. Allerdings weht es mich gleich samt dem ganzen Häuschen über die Klippe. Hörst du, wie es hier bläst?

Tatsächlich heulte und rauschte es ziemlich in der Leitung. Ulla versuchte, sich ans Aufstehen zu erinnern.

- Wann bist du denn losgegangen?, fragte sie. Ich hätte schwören können, du hast noch geschlafen.

- Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, rief Elis am anderen Ende. Es rumpelte seltsam im Hintergrund. Für einen Augenblick drohte die Leitung zusammenzubrechen. Dann war er wieder da.

- ...wie unter einem fremden Zwang, verstand sie noch. Da bin ich eben losgefahren. Und als hätte ich es geahnt, kam ich gerade noch rechtzeitig.

- Geht es dir gut, fragte Ulla. Ist alles in Ordnung?

- Den Umständen entsprechend, schrie Elis. Allerdings weiß ich nicht, wie lange die Zelle hier das noch aushält. Ein metallisches Geräusch unterbrach ihn. Seine Stimme wurde von einem orkanartigen Brüllen übertönt.

- Wo bist du denn, rief Ulla. Stehst du vor dem Werk?

- Es ist eher so eine Art Abgrund. Als hätte man im Tagebau eine riesige Grube ausgehoben. Allerdings kann ich den Grund nicht sehen.

- Elis, sagte Ulla. Ich habe gar nicht mitbekommen, daß du aus dem Haus gegangen bist. Aber ich habe auch so schwer geschlafen. Wie ohnmächtig.

- Ich war noch gar nicht fertig, rief er, der kaum noch gegen den Lärm anschreien konnte. Denn sowie wir uns aus den Gurten befreit hatten und über die tauglitschende Wiese liefen, bemerkte ich einen Güterzug, der einige hundert Meter oberhalb den Hang querte. Ich war gerade einigermaßen sicher, daß wir uns weit genug von dem Wrack entfernt hatten, das verbeult und qualmend mitten im Acker stand, als die Lok entgleiste und der ganze Zug von den Schienen abkam. Die Waggons wälzten sich den Abhang herunter, direkt auf uns zu. Einige fingen sofort Feuer. Es war entsetzlich, die riesige Masse auf uns zustürzen zu sehen, ohne daß wir etwas unternehmen konnten.

Ulla war wie unter einem fremden Impuls aufgestanden. Das schnurlose Telefon am Ohr stieg sie langsam die Treppe hinauf.

- Es war ein Gefahrguttransport, brüllte Elis, als sei er noch mitten in der Katastrophe drin. Die Container brachen auseinander und explodierten. Eine einzige Flammenwand, so breit wie der ganze Berg.

Ulla hielt kurz inne. Sie wäre jetzt gern aufgewacht. Leider war sie schon wach. Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer.

Im Hörer nur kreischender Tumult.

Sie erstarrte.

- Elis, flüsterte sie, von wo rufst du bitte an?

Vor ihr, in ihrem zerknautschten und verwühlten Ehebett, regungslos und chaotisch in die Decken verschlungen, lag Elis und schlief.

- Ich habe es doch gesagt, schrie die Stimme im Telefon, das ist so eine winzige Kabine, direkt am Abhang.

Es war seine Stimme. Dabei lag ihr Mann vor ihr, leise schnarchend und mit verschwitztem Haar, und schlief. Tief und fest.

- Es ist ganz dunkel, rief er ins Telefon. Ein schwarzer Rauch hüllt alles ein; er wird vom Sturm über die Klippe getrieben.

Ulla ging langsam näher an das Bett heran.

- Hörst du mir zu, fragte er. Seine Stimme hatte einen panischen Belag.

- Ich bin hier, sagte sie. Dann berührte sie ihren Mann vorsichtig an der Schulter und schüttelte ihn.

- Warte mal, schrie Elis plötzlich in der Leitung. Da ist irgendwas an der Tür. Aber leg nicht auf!

Sie schüttelte ihn wieder. Aus dem Hörer drang verzerrtes Dröhnen.

- Ich glaube, rief er, da will jemand rein. Komisch ist nur, daß ich niemanden sehe. Es ist so dunkel.

Ulla richtete sich auf.

- Dieser schwarze Qualm! Das muß brennender Diesel sein. Bist du noch da?

- Ich bin hier, sagte Ulla. Sie stützte sich auf den Toilettentisch. Bist du in Ordnung, fragte sie.

- Jetzt geht es wieder, sagte Elis.

- Erzähl weiter, forderte sie ihn auf. Wie ging es aus?

- Naja, rief er, und seine Stimme wurde wieder gehetzter. Wir waren schon eine ganze Weile unterwegs, und wir waren ziemlich erschöpft. Es war sehr stickig. Diese furchtbare Hitze. Und eine tropische Luftfeuchtigkeit. Aber ausziehen konnte man sich auch nicht, wegen der Moskitos. Und da bemerkte ich plötzlich, daß sich das Wasser zu verfärben begann. Es war ganz klar gewesen. Jetzt wurde es trüb. So ein bräunliches, lehmiges Grau. Ich kniete hin, um es genauer anzusehen, da stellte ich fest, daß der Wasserspiegel anstieg. Die ockrige Brühe ging mir schon bis über die Knöchel. Die Sandbank, auf der ich stand, wurde zusehends kleiner. Ich schrie den anderen zu, daß wir hier wegmußten, aber da sahen wir es schon. Das Flußbett ist ja an dieser Stelle ziemlich breit, mehrere Mäander, die zwischen Kiesflächen und Inseln dahinfließen, und man kann ziemlich weit stromaufwärts sehen. Und von dort kam eine gewaltige Schlammlawine auf uns zu. Die ganze Breite des Flusses war von dunklen tosenden Gesteinsmassen erfüllt, zwischen denen gischtende Fontänen aufspritzten, und es wälzte sich rasend schnell auf uns zu. Wir nahmen reißaus und flüchteten über das Kiesbett. Ständig mußte wir über Pfützen und kleine Seitenarme springen, während hinter uns die Flut immer mehr aufschwoll. Ich weiß nicht mehr, wie wir da herausgekommen sind.

Es war still.

- Bist du noch da, fragte Ulla. Sie bemerkte, daß sie schluchzte. Obwohl sie Licht gemacht und ihn wieder und wieder geschüttelt hatte, war Elis nicht zum Aufwachen zu bewegen.

- Sowie dieser Sturm nachläßt, hörte sie einmal noch, wie von ferne, seine Stimme, komme ich auf dem kürzesten Weg nach Hause.

Sie saß neben seinem Körper auf dem Bett und weinte.

- Ich bin nur froh, sagte er am Schluß, daß ich diese Zelle gefunden habe, um dich anzurufen. Ich wollte nicht, daß du dir Sorgen machst.

Dann war die Leitung tot.

Sie besuchte ihn jeden Sonntag nachmittag. Ab und zu rief es auch noch bei ihr an; dann erzählte eine hauchfeine Stimme absurde Details von wattigen Landschaften und verwehten Angstträumen. Schließlich hörte auch das auf. Und während Ulla von Woche zu Woche alterte und verfiel, wurde Elis von den Schläuchen und Apparaturen in ewig scheinender künstlicher Jugend erhalten.

23. November 2001

Leserbrief



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