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Und was macht der Engländer?

Linda Benedikt schaut den Briten zu, wie sie mit den Folgen des 11. September leben.

Und was macht der Engländer? Der Engländer sitzt nicht etwa da und trinkt Tee. Nein, der Engländer stürzt sich ins Gefecht. Mit rührendem Eifer hängt er sich, verbissener denn je, an die Zitze des grossbäuchigen amerikanischen Patriotismus, des aufrechten Menschentums, und kämpft gegen das neue Böse. "Blitz" nennt die sun, was ehemals den Krauts und ihrer unseligen Bombenwut vorbehalten war, und nun auf die Afghanen niederregnet: glitzernde, hagelnde, trommelfellzerschmetternde Bomben (der kleine, feine Unterschied: Der neue Marshallplan tritt gleichzeitig in Kraft, in Form rührender Fresspakete aus in Folien geschweißten biscuits und crackers; ein Geschenk des freien amerikanischen Volkes an die beworfenen Afghanen).

Professoren lassen sich rührselig über ihre jungen Studenten aus, die, weil der Ehre des britischen Heeres verschrieben, nun zur Fahne streben und Amerika im Kampf gegen das ultimativ Grauenhafte und Abscheuliche zur Seite zu stehen. Und bekennen sich eines aufgeklärten Zynismus schuldig: Gestern haben wir noch gelacht über unseren Soldaten-Studenten, heute kämpft er für unsere Freiheit!

Der Engländer. Viele Dinge quälen ihn. Besonders seine kunterbunt farbigen Mitbewohner. Große Unsicherheit herrscht im Land: Darf es weiterhin erlaubt sein, mir nichts, dir nichts den Union Jack ins Fenster zu hängen, um Engländer zu werden? Muss nicht erst glorreiche englische Geschichte gepaukt werden? Englische Grammatik einstudiert und Ähnliches ins Ausländerhirn getrichtert werden? Eventuell auch Dinge, die selbst der Engländer nicht weiß, weil er nicht in nicht-öffentliche public schools durfte, sondern eher im Sumpf verfehlter englischer Bildungspolitik stecken geblieben ist? Der Engländer quält sich.

Patriotismus will gelernt werden. Amerikanischer natürlich. Wieselflink hat Blair erkannt, dass er keinen besseren Freund hat, als den George W., den Texaner und früheren Whisky-Spezi aus den USA. Denselben USA, die einstmals britisches Pack in Boston zum Teufel jagten. Aber jetzt schlägt die Stunde des Engländers, des furchtlosen Dritten, des besseren Amerikaners, der das Böse vernichten und dem Guten zum Sieg verhelfen möchte.

Der Engländer. Er kommt daher in vielen Farben, schlug sich noch vor kurzem mit seinesgleichen, erfindet indische Gerichte, die er ohne Skrupel zu seinen eigenen erklärt, sucht verzweifelt nach Lösungen für imperialistische Alpträume und schwingt sich auf zu neuen Größen. Nein, man darf nicht so hart mit dem Engländer zu Gericht gehen. Dass er es immer noch als bösen Zufall empfindet, dem europäischen und nicht dem amerikanischen Festland vorzuliegen, ist nur verständlich. Dass die englische Seele unglaublich gelitten hat, als die narrischen Rinder brannten und die Maul- und Klauenseuche das Land heimsuchte, so dass gar der traditionelle studentische Wanderclub der elitären Bildungsstadt Oxford auf die Hauptstraßen nahe der englischen Bildungsanstalten ausweichen musste, da die ansonsten gern verklärte, jungfernreine countryside fürs fröhliche Wandern gesperrt war ( Studenten der Bildungsbrutstatt als potentielle Seuchenverteiler!) – das ist unglaublich! Und verdient nicht Häme, sondern Verständnis.

Dass der Engländer ehemaliger kolossaler Größe hinterherhechelt, ist auch zu erklären, und man darf ihm den Schwung auf den hinteren Sattelzipfel des Weltcowboys Bush im Ritt gegen den "Bin", wie er gerne von den Boulevard-Zeitungen genannt wird, nicht verübeln. Der Engländer muss sich schließlich auch immer wieder neu erfinden, wenn nichts mehr sonst seine frühere Macht und imperiale Hilfestellung benötigt, wenn sogar der Syrier ihm öffentlich die nahöstlichen Leviten lesen darf.

Man darf auch den Kommentaren besagter gelber Blätter nicht nachsagen, sie hätten es mit Kritik, Rückgrat und eigener Meinung nicht versucht. Sie haben halt nur feststellen müssen, das ein Amerikaner eigentlich einem Engländer so nahe steht, dass man eine saubere Grenze nicht zu ziehen vermag. Ja, eigentlich ist der Engländer ein Amerikaner. Wie dieser feierte er dieser Tage Halloween. Ein schrecklich-gruseliges Fest. Mit offenem Ende. Fortsetzung folgt.

Siehe dazu auch den Leserbrief von P. Freunscht.

9. November 2001

Eigener Leserbrief



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