Siemens Ausbildung


 
 
 

 

Gesprächsfähig?

Islamischer Fundamentalismus

Von Rainer Brunner

Von den Schwierigkeiten des Dialogs zwischen den Kulturen: Auf beiden Seiten des Gesprächs (nicht gleich aller miteinander, aber:) wenigstens des Westens mit dem Islam sind bestimmte Voraussetzungen nötig, damit es überhaupt zustandekommt und ein friedlicher Zusammenleben möglich wird. Daß dieser Dialog bisher nicht zustandekam, hat seine Gründe.

Von Beginn seiner Existenz an hat der Islam dem Bereich des Weltlichen in Politik und sozialem Zusammenleben seiner Anhänger eine erhebliche Rolle eingeräumt. Man kann sogar so weit gehen, zu behaupten, daß ohne die Kombination von spiritueller Sinnstiftung und ungelöster weltlicher Ordnungsfrage, wie Muhammad sie in Medina vorfand, der Islam gar nicht geschichtsmächtig geworden wäre – jedenfalls nicht in der bekannten Form. Bezeichnenderweise orientiert sich die islamische Zeitrechnung an diesem Umstand. Sie beginnt mit der Auswanderung (hijra) des Propheten nach Medina, mit dem Augenblick also, da die Offenbarung ein Staatswesen ausbildet. Dies im Gegensatz zu Juden- und Christentum, die auf vorpolitische Akte Gottes zurückgreifen (Weltschöpfung bzw. Menschwerdung): Durch die hijra wird die Politik zum festen Bestandteil der Religion.

Dieser Vorspann ist notwendig, wenn man das Phänomen des islamischen Fundamentalismus und letztlich auch das Verhältnis der islamischen Welt zum Westen adäquat einordnen will. Natürlich hatte sich auch im Islam die real existierende Geschichte schon früh vom theoretischen Idealbild verabschiedet. Genau darin liegt ja die Daseinsberechtigung fundamentalistischer Bestrebungen, die diese vermeintliche Abweichung vom wahren Islam rückgängig machen wollen. Das Phänomen selbst ist bei weitem älter als die Konfrontation mit westlichen Kolonialmächten. Im 14. Jahrhundert etwa hatte der Theologe Ibn Taimîya zu einer Rückkehr zum wahren Islam der Vorväter aufgerufen, und im 18. Jahrhundert waren es die Wahhabiten, die mit puritanischem Eifer dasselbe Ziel verfolgten. Zweifellos aber hat die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus diesen Prozeß beschleunigt und verschärft. Als im Juni 1798 die französischen Truppen Napoleons Ägypten eroberten (Bild: Schlacht bei den Pyramiden), erkannte der Chronist al-Gabartî darin hellsichtig die Vorboten eines "endzeitlichen Gemetzels und schwerwiegenden Wechsels". Daß nämlich Nichtmuslime die Herrschaft über Muslime auf deren eigenem Gebiet ergreifen könnten, war nicht vorgesehen. Es hätte die Umkehrung der islamischen Heilsgeschichte bedeutet: "Der Islam herrscht, er wird nicht beherrscht", lautete die Maxime der Religionsgelehrten.

Bernard Lewis, der große anglo-amerikanische Orientalist, hat diesen Sachverhalt – und seine Auswirkungen bis in die Gegenwart – in einem Artikel in der Zeitschrift The Atlantic Monthly (http://www.theatlantic.com/issues/90sep/rage.htm) zur Sprache gebracht. Es lohnt sich, die Passage ausführlicher zu zitieren:

Of all these offenses the one that is most widely, frequently, and vehemently denounced is undoubtedly imperialism – sometimes just Western, sometimes Eastern (that is, Soviet) and Western alike. But the way this term is used in the literature of Islamic fundamentalists often suggests that it may not carry quite the same meaning for them as for its Western critics. In many of these writings the term "imperialist" is given a distinctly religious significance, being used in association, and sometimes interchangeably, with "missionary," and denoting a form of attack that includes the Crusades as well as the modern colonial empires. One also sometimes gets the impression that the offense of imperialism is not – as for Western critics – the domination by one people over another but rather the allocation of roles in this relationship. What is truly evil and unacceptable is the domination of infidels over true believers. For true believers to rule misbelievers is proper and natural, since this provides for the maintenance of the holy law, and gives the misbelievers both the opportunity and the incentive to embrace the true faith. But for misbelievers to rule over true believers is blasphemous and unnatural, since it leads to the corruption of religion and morality in society, and to the flouting or even the abrogation of God's law. This may help us to understand the current troubles in such diverse places as Ethiopian Eritrea, Indian Kashmir, Chinese Sinkiang, and Yugoslav Kossovo, in all of which Muslim populations are ruled by non-Muslim governments. It may also explain why spokesmen for the new Muslim minorities in Western Europe demand for Islam a degree of legal protection which those countries no longer give to Christianity and have never given to Judaism. Nor, of course, did the governments of the countries of origin of these Muslim spokesmen ever accord such protection to religions other than their own. In their perception, there is no contradiction in these attitudes. The true faith, based on God's final revelation, must be protected from insult and abuse; other faiths, being either false or incomplete, have no right to any such protection.

Die Unterlegenheit gegenüber den Kolonialmächten und die Konfrontation mit den politischen und gesellschaftlichen Ideen des Westens hatten in den islamischen Gesellschaften eine Identitätskrise zur Folge. Beim Nachdenken über die Ursachen dieser Entwicklung rückte alsbald die Religion in den Mittelpunkt. In einer sich religiös definierenden Gesellschaft ist dieser Blickwinkel naheliegend, attestiert doch bereits der Koran den Gläubigen, sie seien die "beste Gemeinschaft, die unter den Menschen entstanden ist" (3/110). Es habe, so der weitverbreitete Tenor, nur deswegen so weit kommen können, weil die Muslime ihren Glauben vernachlässigt und sich vom wahren Islam abgewandt hätten. Darin liegt aber bereits der Kern jener Ideologisierung und Radikalisierung, die im 20. Jahrhundert weite Teile der islamischen Welt erfassen (und erschüttern) sollte. Angefangen von der 1928 von dem ägyptischen Lehrer Hasan al-Bannâ gegründeten Muslimbruderschaft über Ideologen wie Sayyid Qutb oder Abû l-A'lâ al-Maudûdî bis hin zu reinen Terrororganisationen wie Bin Ladens al-Qâ'ida – stets geht es um die Korrektur einer vermeintlich schiefgegangenen Geschichte, um die Rückkehr zum verklärten und mythisch überhöhten Urzustand der islamischen Gemeinde. Das passende Feindbild dazu liefert der als korrupt und moralisch verkommen wahrgenommene Westen, dem unterstellt wird, in einer Art geistigem Kreuzzug den Islam vollständig ausrotten zu wollen. Gegen diesen Angriff, so die Pointe vieler Fundamentalisten, an ihrer Spitze Bin Laden, hilft im Endeffekt nur der Heilige Krieg (jihâd). Die Rechtfertigung für ihr gewaltsames Vorgehen entnehmen die Ideologen dem Koran, und zwar jenen – selbstverständlich selektiv ausgewählten – Versen, in denen die Gläubigen dazu aufgerufen werden, mit Waffengewalt gegen die Ungläubigen vorzugehen. Der wichtigste und am häufigsten zitierte (aber keineswegs einzige) Vers ist in diesem Zusammenhang 9/5, der besagt, man solle die Heiden erschlagen, wo immer man sie finde.

Was bedeutet das alles nun für unseren Umgang mit dem islamischen Fundamentalismus, zumal in seiner kompromißlosen und gewalttätigen Form? Zweierlei: Zum einen muß man beide Aspekte des Problems im Auge haben, die die Doppelnatur des Fundamentalismus ausmachen. Er ist gleichermaßen ein politisches wie religiöses Problem: Politisch, weil er auf die Politik des Westens und die politische Situation in der islamischen Welt reagiert. Religiös, weil Wortwahl, Geschichtsbild und Argumentation dezidiert islamisch sind. Die Notwendigkeit einer gerechten Friedenslösung im israelisch-palästinensischen Konflikt (und nicht nur da) bedarf kaum einer näheren Begründung. Zum anderen aber – das ist die zweite Konsequenz – muß es auch über das Selbstverständnis des Islams eine offene Debatte geben. Da hilft es nichts, es in der Argumentationsweise den Fundamentalisten gleichzutun und ebenfalls in selektiver Weise "freundliche" Koranstellen zu zitieren, die belegen sollen, daß der Islam an sich und eigentlich eine friedliche Religion sei. Denn wer behauptet, diese oder jene Facette der islamischen Geschichte oder der heutigen islamischen Welt habe mit dem Islam in Wirklichkeit nichts zu tun, sagt zugleich, daß es einen "eigentlichen" Islam gibt, dessen alleinige Grundlagen, den Koran und das Prophetenvorbild, man nur "richtig" zu interpretieren brauche. Was damit nicht übereinstimmt, wird so zur unstatthaften Abweichung, zur Außerkraftsetzung dieses "wahren" Islams. Das aber ist nur die Rückseite einer Medaille, auf deren Vorderseite die Fundamentalisten zum selben Ergebnis kommen. Ganz abgesehen davon, daß sich hier ein unlösbarer Widerspruch auftut: Einerseits weist man – zurecht – darauf hin, daß die islamische Welt mit ihrer Ausdehnung von Westafrika bis nach Südostasien und die islamische Kultur mit ihren fast 1400 Jahren Geschichte viel zu große Gebilde seien, als daß man sie über einen Kamm scheren könnte. Zugleich aber beteuert man gebetsmühlenhaft, daß der Islam an sich friedlich und tolerant sei – eine essentialistische und ahistorische Betrachtungsweise, die man sich in bezug auf das Christentum, das zwischen Bergpredigt und Inquisition oszilliert, kaum noch leisten könnte.

Wenn überhaupt, dann wird die religiöse Rechtfertigung der Fundamentalisten nicht dadurch unglaubwürdig, daß man deren Koranzitaten andere, "sympathischere" entgegenhält und sich damit im Kreise dreht. Statt dessen ist eine grundsätzliche Neubewertung des Stellenwerts der religiösen Quellen erforderlich. Diese bestünde in dem Bemühen (auch und erst recht auf muslimischer Seite), die Fundamente des Glaubens, Koran und Prophetenvorbild, zu historisieren, sie aus ihrer Überzeitlichkeit und bedingungslosen Absolutheit herauszulösen. Das ist angesichts der fehlenden verbindlichen Lehrautoritäten und der Überzeugung, daß es sich beim Koran um die direkte Rede Gottes handle, gewiß nicht einfach und stößt (nicht nur bei Fundamentalisten) allenthalben auf Widerstand. Die bisherigen Ansätze dazu scheiterten dementsprechend. Am spektakulärsten war zweifellos der Fall des ägyptischen Gelehrten Nasr Hâmid Abû Zaid, der zum Apostaten erklärt und dessen Ehe zwangsgeschieden wurde. Daß es interessanterweise gerade im Iran eine Reihe von Denkern gibt, die sich dieses Problems offen und in kritischer Weise annehmen, läßt immerhin hoffen. Man mag es als Zeichen dafür nehmen, daß sogar eine Machtübernahme der Islamisten keineswegs das Ende der Geschichte sein muß, zumindest, daß darin, jedenfalls unter bestimmten Umständen paradoxerweise der Keim einer Säkularisierung liegen kann. Nicht umsonst lautet ein immer wiederkehrendes Argument in dieser Debatte, man müsse schon allein deshalb die Religion von der Politik trennen, damit sie keinen Schaden nehme, indem man ihr alle Fehler der Politik aufbürdet.

Weder der Export unseres (genau genommen nur nordwesteuropäischen) Modells der Aufklärung noch die Abschaffung des Islams kann das Ziel des vielbeschworenen "Dialogs der Kulturen" sein. Eine säkularisierte, "aufgeklärte" Religiosität, die auf die Durchsetzung ewiggültiger und universaler Absolutheitsansprüche verzichtet, ist aber auch im Islam die einzige sinnvolle Möglichkeit, ein friedliches Zusammenleben mit anderen Kulturen und Religionen zu gewährleisten. Der Orientalist und preußische Kultusminister Carl Heinrich Becker schrieb vor über 90 Jahren: "Wem endlich zur Erklärung der gegenwärtigen Tatsache des Islams der Koran und das Leben Muhammeds genügen, dem ist überhaupt nicht zu helfen." Es ist höchste Zeit, diese Feststellung zu beherzigen, auf muslimischer wie auf nichtmuslimischer Seite.

23. November 2001

Leserbrief



 Haben Sie schon  unseren  kostenlosen  Newsletter  abonniert?