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Gedenkfeier

Ein Abend mit Biermann

Er kann nicht Pazifist sein, sagt er, und: "Ich bin für den Krieg in Afghanistan." Die Fans halten den Atem an. Eine Zuschauerin protestiert, ein Zuschauer protestiert gegen die Frau. Unruhe entsteht. Aber dann lacht der Vortragende ins Mikrophon und meint, nun werde es doch noch ein richtiger Biermann-Abend.

Von Stefanie Brauer

"Is ja wie 'n Familientreffen". Eine elegante Mittfünfzigerin, blondiert, schwarz gekleidet, fällt ihrer Freundin um den Hals, grüßt schon den nächsten, den sie aus den Augenwinkeln erkannt hat... Es wimmelt im Foyer des Berliner Ensembles. Denn es gibt wieder eines jener Ereignisse, wie sie nur hier in Berlin stattfinden können: Nostalgietripp - sentimentale Fahrt in eine Vergangenheit, die unendlich lange zwölf Jahre zurück liegt - und die heute ein sehr gemischtes Publikum anzieht: deutlich mehr Frauen als Männer, Studenten in abgerissenen Klamotten, Journalisten über Journalisten, Altachtundsechziger, Politprominenz. Antje Vollmer und Jochen Gauck spazieren durchs Foyer.

Dieser Tag wird Wolf Biermann gehören, und der Erinnerung an jenen Tag im November 1976, als er nach dem legendären Konzert in Köln aus der DDR ausgebürgert wurde. "Das war der Anfang vom Ende der DDR" wird es im Laufe des Nachmittags wiederholt heißen. Denn bevor Biermann endlich singt, am Abend, wird diskutiert: Weil Biermann damals auf Einladung der IGM nach Köln gereist war, darf ein schwäbelnder IGMetallmensch einen Vortrag halten, dem keiner zuhört. Biermann steht am Bühnenrand, in Lederjacke, ein wenig nervös, läuft auf und ab, bis er dann endlich aufs Podium darf. Und dazu: der Schriftsteller Günter Kunert und die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, der ehemalige FAZ-Journalist und DDR-Experte Peter Jochen Winters - sowie Günter Schabowski jovial im grünen Rollkragenpullover, ehemals Mitglied des ZK der SED und zu Biermanns DDR-Zeiten stellvertretender Chefredakteur des "Neuen Deutschland". Für die unten im Publikum irritierend: Wie sie nun alle nebeneinander auf der Bühne sitzen - Opfer und Täter, demokratisch und "offen", miteinander reden und scherzen, als wäre vieles, was damals passiert ist, ein Bagatelldelikt: Die Verfolgungen durch die Staatssicherheit, Bespitzelungen, Verhaftungen, Ausbürgerungen. Bärbel Bohley sagt wenig, wirkt neben den eloquenten Männern etwas bieder und katapultiert sich selbst aus dem Gespräch, indem sie zugibt, dass sie die Biermann-Ausbürgerung damals kaum miterlebt habe. Ihr Baby und ihr Beruf hätten sie damals so okkupiert. Dafür schäkert Biermann mit Schabowski, rühmt die Veränderungsfähigkeit des ehemaligen "Bonzen". Ja, der sei anders als alle die anderen, mit seinem Willen zur selbstkritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und seiner Intelligenz. Alle spielen sich die Bälle hin und her, Kunert insistiert darauf, dass die DDR u.a. an der mangelnden Bereitschaft zum Schutz der Umwelt gescheitert sei, was Biermann nicht so sieht - und alles wirkt wie eine einzige lockere Talk-Show, in der sich - außer Herrn Winters und dem schönen Deutschlandfunkmoderator - alle als ehemalige Kommunisten bezeichnen. Die Verbrechen, die damals passiert sind - alles Schildbürgereien der Obrigkeit? Schabowski lacht mit - ja, die Geschichte habe ja gezeigt, dass das System nicht zu retten war - das Publikum schätzt diese Art der Selbstironie, heiter-flockig vergehen zweieinhalb Stunden.

Ein Plakat, auf dem die Sponsoren der Veranstaltung aufgeführt sind, verunstaltet die Bühne - und zeigt Wolf Biermann. Es schmeichelt ihm. Denn augenfällig wird, dass er heute deutlich besser aussieht als damals. Statt strähniger Haare und zotteligem Schnäuzer trägt er jetzt einen grauen Kurzhaarschnitt - "in Würde gealtert", mit Metallrandbrille. Vertraut ist das irgendwie, vertraut wie die eigenen Eltern, mit deren Biermann-Platten man aufgewachsen ist. "Er hat sowas Väterliches", meint ein Bekannter später im Pausengespräch, als wir von oben auf der Galerie hinuntersehen zu Biermann, der mit seinen Kindern spielt und rundlich gewordene Frauen herzlich umarmt. Ein Heimspiel. George Tabori steht auch da unten und küsst Biermanns Hände. Pamela, seine junge, schöne Frau, rotblond, ist hinausgegangen - wohl, wie wir später in der Erklärumg zum "Wiegenlied" erfahren, um sich um die gemeinsame Tochter zu kümmern. Molli, Biermanns jüngste Tochter, ist nicht mal ein Jahr alt und schläft in der Bühnengardeobe.

Das Konzert. - Pfarrer und Bürgerrechtler Rainer Eppelmann und Bundestagspräsident Jochen Thierse sagen freundliche Worte, rühmen Biermanns "so deutsche Biographie": Der Vater, Kommunist und Jude, 1943 in Auschwitz ermordet. Die Mutter Emma, die tapfere Frau, die den Sohn 1943 aus dem brennenden Hamburg rettet, indem sie mit dem sechsjährigen Sohn auf dem Rücken den Elbkanal durchschwimmt. Der singende Sohn, der 1953 in die DDR geht, 1963 aus der SED ausgeschlossen wird und 1976 nach der Ausbürgerung wieder nach Hamburg kommt. Etwas eingetrübt ist die Stimmung durch das enge Zeitkorsett des "Deutschlandfunks", das Biermann dazu zwingt, seine Lieder hintereinanderweg zu singen und den Applaus möglichst abzuwürgen. Damit fehlt aber eine der wichtigsten Komponenten eines Biermann-Abends: der Dialog mit dem Publikum. Und trotzdem: Kaum hat er seinen Fuß auf den Gitarrenkasten gesetzt, den ersten Akkord angeschlagen, brandet eine Art Kollektivliebe auf. Und die geht von seiner Stimme aus und von seinem virtuosen Gitarrenspiel. Längst nicht jeder lässt sich von Biermann beeindrucken, wie ich aus leidvollen Diskussionen mit Freunden und Bekannten weiß. Ein "Tagesspiegel"-Journalist wird zwei Tage später fragen, ob jemand, der 1977 geboren ist, Biermann verstehen könne und zu dem Ergebnis kommen, dass ein Popkonzert von Robbie Williams genauso bedeutend ist. Sakrileg!

Aber im Augenblick scheinen alle, die hier sind, im gleichen Takt zu atmen. Verzücktes Gesicht der reifen Damen - WAS ein Mann. Der gurrt und singt und schreit und wispert und stöhnt und flüstert und schmeichelt und tirriliert und ächzt und lacht und grinst und kreischt: "Die großen Lügner, und was, na was wird bleiben?" Biermann singt und singt aus der bösen, der guten vergangenen Zeit, von Stasi-Schweinen und den Temps de Cerises, der Kirschenzeit und vom Preussischen Ikarus. Das Publikum kennt seine Lieder "Du solltst dich nicht verhärten in dieser harten Zeit" und "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu" - das geht jeden an, und das ist heute so richtig wie damals zu DDR-Zeiten, als man von Biermanns Platten Raubkopien herstellte und sie illegal überspielte. Angela Merkel von links in der ersten Reihe im Parkett versieht sich nach einem anstrengenden Tag im Bundestag mit einem Anschein von Musikalität - sie wippt ab und an mit dem Fuß. Achtundzwanzig Lieder. Alte und neue. Ja doch, vieles wiederholt sich. Die Melodien, die Gesten. Der Kopf im Nacken, die vorgeschobene Unterlippe, das Lächeln, das Den-eigenen-Worten-Hinterherlauschen, der schroffe Wechsel von Sanft zu Rauh, von Laut zu Leise. Aber deswegen sind wir ja hier. Nur dass er nicht mit uns spricht, das schmerzt. "Du bist so stumm heute", ruft einer vor der Pause.

Ganz zum Schluss, eine Viertelstunde vor Mitternacht, die Lichter im Foyer waren schon an und die Türen halb geöffnet, blitzte dann doch etwas von der alten Zeit auf. Das Publikum hat Biermann auf die Bühne zurückgeklatscht, und weil er sein Radiosoll erfüllt hat, spricht er nun endlich zu den Leuten im Saal und singt noch zwei Lieder. Wie einen Schild stellt er die Gitarre auf den Oberschenkel, lehnt sich nach vorne, den Leuten entgegen, und es wird sehr ruhig im Saal. "Ich kann nicht Pazifist sein," sagt Biermann, "und wenn einer das wirklich ist, muss ers auch sein, aber ich bin für den Krieg in Afghanistan." Und erklärt dann: Weil er in Deutschland unter gelben Sternen geboren wurde, habe er die englischen Bomben als "Himmelsgeschenke" hingenommen. Wir oben auf der Empore halten den Atem an, und viele wünschen sich, er würde jetzt nicht weitersprechen, jetzt, kurz vor Schluss bitte nicht diese wohlige Harmonie zerstören. Da ist es aber schon passiert: "Benzinbomben auf Menschen, das ist Mord", schreit eine Frau und bahnt sich aufgebracht einen Weg durch die Stuhlreihen. "Halt's Maul", erwidert ein anderer. Worte fliegen durch den Zuschauerraum, Unruhe entsteht.

Biermann lacht ins Mikrophon. Endlich, sagt er, werde es doch noch ein Biermann-Abend. Aber dann verschwindet er hinter der Bühne. Er kommt nicht mehr hervor.

23. November 2001

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