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Äthiopien

Zurück aus der Somali-Region

Das Land, heute fast der Hinterhof des kleineres Eritrea, ist doppelt so groß wie Frankreich und hat etwa ebensoviele Einwohner (62 Millionen), von denen jedoch ein Drittel als dauernd unterernährt gilt, und auf dem Land stirbt jedes sechste Kind aufgrund mangelnder Hygiene und Gesundheitsvorsorge vor seinem sechsten Geburtstag.

Von Judith Brandner

Äthiopien - das ist nach wie vor ein Land im Übergang: von der Plan- zur Marktwirtschaft, von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft, von Feudalismus, Kaisertum und Diktatur zur Demokratie. Im Sommer 1991 wurde das kommunistische Regime von Mengistu Haile Mariam nach siebzehnjähriger Herrschaft von Partisanen gestürzt. Die Revolutionäre Volksfront übernahm die Macht. Die neue Regierung wurde von einem Mann aus der Provinz Tigray angeführt, Meles Zenawi, dem Vorsitzenden der Volksfront. Es folgten Wahlen, 1995 wurde Äthiopien zur demokratischen Republik. Doch die Aufbruchsstimmung nach dem Sturz des Diktators hielt nicht lange an. Mit allen Nachbarn - Djibuti, Somalia, Kenia, Sudan und schließlich Eritrea - war das Land immer wieder in Grenzkonflikte verwickelt. 1993 hatte sich die äthiopische Provinz Eritrea für unabhängig erklärt. Äthiopien akzeptierte die Entscheidung, doch die Spannungen ließen nicht lange auf sich warten. Die Situation eskalierte, als Eritrea eine eigene Währung einführte, die auf keiner wirtschaftlichen Basis stand. Äthiopien bestand darauf, den bilateralen Handel in US-Dollars abzuwickeln. Das ließ in Eritrea die Preise für Waren aus Äthiopien exorbitant ansteigen. Im Gegenzug behinderte Eritrea den Salzhandel aus Äthiopien. Die Salzpreise in Äthiopien explodierten. Im Mai 1998 brach an der Grenze der offene Krieg zwischen zwei Ländern aus, die zu den ärmsten der Welt gehören. Nach zwei Jahren Krieg waren die Staatskassen leer. Viele ausländische Geberländer stellten während des Eritreakrieges ihre Entwicklungshilfe ein und beginnen erst jetzt, langsam, wieder tätig zu werden. "Alle Energien, Zeit und Ressourcen gingen in die Verteidigung unseres Landes", klagt Politikwissenschafter Kassahun von der Universität Addis Abeba, "wäre das nicht so gewesen, hätten wir unsere Reformziele früher erreichen und die Kräfte, die wir für die Verteidigung aufbringen mussten, in Entwicklung stecken können!" Heute herrscht offiziell Frieden. UNO Blauhelme sichern noch bis März 2002 die Grenze. Denn immer noch ist der endgültige Grenzverlauf nicht festgelegt.

Die Wirtschaft, deren mühevolle Umstrukturierung gerade erst begonnen hatte, kam durch den Eritreakrieg quasi zum Erliegen. Nach wie vor sind rund 90 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Hauptexportgut ist Kaffee - und die Abhängigkeit von den Weltmarktpreisen entsprechend hoch. Internationale Investoren wären für die Ankurbelung der Wirtschaft bitter nötig, doch die Anreize sind nicht sehr groß. In Addis gibt es zwar ein Heer von Arbeitslosen, doch qualifizierte Arbeitskräfte fehlen in dem Land, in dem nur 35 Prozent der Bevölkerung lesen und schreiben können. Dazu kommt der mangelnde Ausbau der Infrastruktur, vor allem auf dem Land: Es gibt kaum Straßen, keinen elektrischen Strom, kein Wasser, keine Kommunikationseinrichtungen.

Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, Pressefreiheit und ein Parteiensystem sind mittlerweile in der äthiopischen Verfassung verankert. Es gibt freie Wahlen, auch wenn im Parlament nach wie vor die Revolutionäre Demokratische Front des Äthiopischen Volkes dominiert. Mehr politische Mitbestimmung und politischer Freiraum seien denn auch die wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahre, sagt Politikwissenschafter Kassahun. Zumindest offiziell würden die formellen Bürgerrechte und Freiheiten anerkannt: "Die Leute können gegen die Regierungspolitik demonstrieren, sie können in den Zeitungen oder den elektronischen Medien ihre Meinung äußern, auch wenn diese der Regierung nicht gefällt!", sagt Kassahun.

Tatsächlich zeigt ein Blick in die Tageszeitungen in Addis Abeba immer wieder regierungs-kritische Einstellungen. Doch trotz aller Fortschritte im Demokratisierungsprozess bleibt der Politikwissenschafter skeptisch: "Wir hören immer wieder, dass Leute wegen ihrer Meinung oder ihrer Kritik eingesperrt werden. Die offizielle Politik unterstützt das natürlich nicht!"
Die offizielle Politik kennt andere Mittel und Wege, einen politischen Gegner mundtot zu machen. Diese Erfahrung machte kürzlich die äthiopische Anwältinnenvereinigung, eine Organisation, die misshandelten Frauen und weiblichen Opfern von Gewalt zu ihrem Recht verhilft. Sie habe ihr Mandat überschritten, warf ihr der Justizminister vor. Er genehmigt NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) oder entzieht ihnen die Existenzberechtigung. Das geschah den engagierten Anwältinnen - die Organisation wurde suspendiert, ihre Konten wurden gesperrt, sie können nicht mehr weiterarbeiten. "Ist das der Weg der Regierung zur Demokratie?" fragte die Presse empört.

Amnesty International berichtet von politischen Gefangenen, Verhaftungen und Verhören von Journalisten, Misshandlungen und Folterungen politischer Gefangener. Alles Propaganda, meint Sultan Korfa, der die entlegene Somali- Region als Abgeordneter im Bundesparlament vertritt: "Sehen Sie sich doch die Zeitungen an: jeden Tag bringen sie Karikaturen des Premierministers oder schreiben kritisch über die Regierung - und es geschieht ihnen nichts! Und auch die politischen Parteien können frei ihre Meinung äußern." Als Parlamentsabgeordneter wisse er, wovon er rede, meint er noch.

Bei der Demokratisierung des Landes ging es Meles Zelawi von Anfang an darum, dem Föderalismus und der Anerkennung der großen ethnischen Vielfalt des Landes eine wichtige Rolle einzuräumen. Ein kluger Gedanke, angesichts der sezessionistischen Provinzen, in denen Rebellen für die Loslösung von Äthiopien kämpfen. Und immerhin leben in Äthiopien rund 80 verschiedene Ethnien, und es werden an die 300 unterschiedliche Sprachen gesprochen. Und das Konzept greift offenbar, wie ein Lokalaugenschein in der Region Somali - im südlichen Grenzgebiet zu Somalia - zeigt.

Das Auftauchen der weißhäutigen Fremden auf dem Markt von Kelafo sorgt für Aufsehen - außer den Mitarbeitern westlicher Hilfsorganisationen verirrt sich kaum ein ferenje, ein Ausländer, in diese Halbwüstengegend. Die dünn besiedelte Gegend nimmt flächenmäßig rund ein Drittel der Fläche Äthiopiens ein. Hier leben geschätzte 3,5 Millionen Menschen. Addis Abeba ist 1300 Kilometer entfernt und nur mehr 150 Kilometer sind es bis zur somalischen Grenze. Auf dem Markt wird in somalischen Shillings bezahlt, und nicht in Birr, der äthiopischen Landeswährung. Ein alter Mann spricht uns auf Italienisch an. Ein Überbleibsel aus der Geschichte: 1935 waren die Italiener in Äthiopien einmarschiert. Die Somalis, traditionell in Oppositionshaltung zu dem im Hochland um Addis Abeba lebenden Volk der Amharis, kämpften Seite an Seite mit Mussolinis Truppen gegen den äthiopischen Widerstand. 1941 beendeten die Alliierten die italienische Intervention. Die einzige Strasse, die es hier gibt, stammt noch aus der Zeit der Italiener.

Die moslemische Gesellschaft ist in Somali in einem komplizierten Clanwesen organisiert. Männer dürfen bis zu vier Frauen haben. An der Spitze aller Clans steht ein Sultan. Wenn sich zwei Clans bekämpfen, sorgt er für eine Beilegung des Problems. Der oberste Clanchef der Somali-Region ist Sultan Korfa. Somali sei von den früheren Regierungen am meisten vernachlässigt worden, beklagt Korfa. "Es wurde so gut wie keine Infrastruktur aufgebaut - keine Spitäler oder Kliniken, keine Schulen, keine Straßen, keine Kommunikationseinrichtungen." Dazu kommt die jährliche Dürrekatastrophe. Für die Menschen, die als Nomaden vorwiegend von der Viehzucht leben, eine Tragödie. Wenn es nicht regnet, verlieren sie ihre Tiere. Der Kampf ums Überleben lastet in dieser patriarchalischen Gesellschaft eindeutig auf den Frauen. Frauen arbeiten auf dem Feld, Frauen mit Kindern auf dem Rücken hüten Ziegen- oder Schafherden, Frauen schleppen Wasserkanister oder große Bündel Brennholz in die Dörfer, die zumeist aus einfachen Stroh- und Lehmhütten bestehen. Zahlreiche Felder liegen dürr und brach. Nur wer eine Motorpumpe hat, kann seine Felder mit Wasser aus dem Fluss Webi Shabbeele bewässern. Nur wer Geld für Treibstoff hat, kann die Pumpen auch benützen.

Die Gesundheitsversorgung ist rudimentär. Infektionskrankheiten und übertragbare Krankheiten sind weit verbreitet: Malaria, Tuberkulose, Magen- und Darmkrankheiten, Darmparasiten, Bilharziose, und auch HIV. Die großen Entfernungen zwischen Orten und das Fehlen von Verkehrsmitteln machen Behandlungen schwierig, ja unmöglich. Im ganzen Gebiet gibt es keine Möglichkeit, eine Operation durchzuführen. Häufig gibt es bei Schwangerschaften und Entbindungen Komplikationen. Grund für die gynäkologischen Probleme ist vor allem die Tradition der weiblichen Genitalbeschneidung, die bei so gut wie allen Mädchen in der Region durchgeführt wird. Mit unsterilen, ja rostigen Instrumenten werden die Mädchen bearbeitet - neben psychischen Problemen stellen sich Infektionen, Tetanus, hoher Blutverlust, Schmerzen bei Menstruation und Geschlechtsverkehr sowie Komplikationen bei der Entbindung ein. Als einziger bilateraler Geber ist hier auf dem Gesundheitssektor schon seit Mengistus Zeiten die staatliche österreichische Entwicklungszusammenarbeit tätig und versucht durch diverse Projekte, die Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Ziegen, Kamele, Schafe, ein paar Rinder - das ist der ganze Reichtum der Menschen hier. Das Wohlergehen ihrer Tiere sei den Menschen oft wichtiger, als ihre eigene Gesundheit, sagt der italienische Arzt Dr. Renato Corregia, der für eine italienische NGO arbeitet: "Sie wollen kein Geld für Medikamente oder ihre eigene Gesundheit ausgeben. Eher geben sie da schon Geld für ihre Tiere aus. Irgendwie verständlich, denn wenn sie keine Mittel zum Überleben haben, wenn sie keine Nahrungsmittel haben, dann ist das Vieh eben wichtiger für sie!" Dazu komme ein gewisser Fatalismus der Leute, die immer auf sich selbst angewiesen gewesen seien. Sie mussten immer nehmen, was kam. Regnete es, gut. Regnete es nicht, tja, schlimm. Sie verschwendeten nicht allzu viele Gedanken aufs Morgen. Wichtiger sei, heute zu überleben. Und danach: Inshalla!

Die Region kämpfte lange für ihre Unabhängigkeit von Äthiopien und diente dem früheren Regime als militärisches Aufmarschgebiet. Auf den meisten Landkarten ist die Region denn auch ein weißer Fleck. Denn immer noch ist die Militärpräsenz im Grenzgebiet zu Somalia hoch. Zu hoch, wie Kritiker meinen. Und es werde mehr Geld für Politik und Militär, als für die Entwicklung der Region ausgegeben. "Für Mitarbeiter humanitärer Organisationen bestand die Gefahr, in der Region Somali von Rebellen angegriffen und entführt zu werden!", warnt Amnesty International in seinem jüngsten Jahresbericht. Es gebe kein Sicherheitsproblem, kontert Sultan und Abgeordneter Korfa. Zwar gebe es immer noch einige wenige, die sich von Äthiopien loslösen wollten, wie die Anhänger der ONLF, die Ogadeni National Liberation Front. Aber: "99 Prozent der Region sind heute sicher. Ich hoffe, Sie fahren bis an die Grenze zu Somalia und überzeugen sich mit eigenen Augen, wie sicher die Gegend ist!"

Das Fortkommen hier ist mühsam, selbst mit dem Geländewagen. Straßen gibt es nicht, nur eine staubige Piste mit tief eingekerbten Fahrrinnen. Immer wieder bleibt eines der beiden Allradfahrzeuge stecken. Wenn es am Vortag ein wenig geregnet hat, verwandelt sich der Untergrund in schmierigen Schlamm. Immer wieder müssen wir graben. Zum Glück tauchen bei jeder Panne gleichsam aus dem Nichts zahlreiche Helfer mit Schaufeln und Macheten auf, mit denen sie dürres Gestrüpp zum Unterlegen unter die Reifen abhacken. In der Regenzeit müssen für 100 Kilometer ein, zwei Tage veranschlagt werden; wir brauchen für die Strecke zwischen Kelafo und dem 90 Kilometer entfernten Mustahil rund 4 Stunden - und erreichen Mustahil sicher und problemlos. Hier sind wir nur mehr 45 Kilometer von der Grenze zu Somalia entfernt. Unterkünfte oder gar ein Hotel gibt es hier nicht mehr. Das Ortsrestaurant serviert Spagetti, die mit der Hand gegessen werden müssen. Auf dem Markt etwas Reis und Getreide in großen Säcken. Ein paar Toiletteartikel. Da und dort ein paar kleine Tomaten. Ansonsten kaum frisches Gemüse. Fleischstücke, die in der prallen Sonne liegen und auf denen sich die Fliegen tummeln. In vielen Geschäften werden die bunten Tücher verkauft, in die sich die moslemischen Frauen hüllen und in denen sie so hübsch anzusehen sind. Regelmäßig ruft der Muezzin von der Moschee zum Gebet. In letzter Zeit steige hier in der Region der Extremismus, erzählen Einheimische. Viele Frauen gingen wieder ganz verschleiert. Für die Menschen hier bedeute die neue fundamentalistische Strömung Modernismus. Schwer nachzuvollziehen. Vor einiger Zeit, gibt Sultan Korfa auf eindringliches Befragen zu, habe es Probleme mit islamistischen Fundamentalisten gegeben, die aus arabischen Ländern in die Gegend einsickerten, in den Moscheen zu predigen und die Leute zu missionieren versuchten. Aber das, fügt er rasch hinzu, habe man im Griff.

Vier Stunden dauert der Flug in der Cessna zurück in die Hauptstadt Addis Abeba. Es ist wie die Rückkehr in eine andere Welt. Die Armut und das Elend von Addis scheinen blasser geworden zu sein. Es ist Sonntagmorgen. Schon vor Sonnenaufgang haben sich die orthodoxen Christen vor den Kirchen der Stadt zum Sonntagsgebet versammelt. Bis auf die Straßen hinaus stehen sie und ihre Gebete liegen wie ein Musikteppich über der Stadt. Da und dort ruft auch der Muezzin von einer Moschee. Zumindest hier in Addis scheinen Moslems und Christen hier friedlich nebeneinander zu leben. Probleme zwischen den Religionsgruppen gebe es nicht, bestätigen alle, die wir danach fragen. Und so manch einer fügt hinzu: Hoffentlich bleibt das auch in Zukunft so.

Fotos: Leo Moll, Österr. Entwicklungszusammenarbeit

9. November 2001

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