Brief aus Havanna

Freunde, Feinde, Mitmenschen!

Wenn einer glaubt, es gäbe auch kleine Probleme auf Kuba, der muss nur mal versuchen, fünf Kilo Kartoffeln nach Moa zu schicken. Der Feind lauert überall.

Von Henky Hentschel

An die neun Jahre geht das jetzt schon, aber immer noch habe ich nur einen Teil der Lektion gelernt. Die Lektion lautet: Wenn du glaubst, es mit einem Miniproblem zu tun zu haben, dann fahre deine Radaranlage aus in diesem Land, denn Miniprobleme gibt es hier nicht. Überall lauert der Feind, und dieser Feind ist so unsichtbar wie heimtückisch, so bürokratisch wie zäh. Und nur, wenn du alle Abwehrtruppen in Bewegung setzt, wenn Zeit in deinem Leben keine Rolle spielt und du fähig bist, nichts, aber auch gar nichts als selbstverständlich anzusehen, hast du eine Gewinnchance.

Es ging um Kartoffeln. „Wir müssen meinen Großeltern Kartoffeln schicken", sagte Markis. „In Moa gibt es keine Kartoffeln. Such doch, mal im Telefonbuch die Nummer des Busbahnhofs!"

Da war keine Nummer. Markis fand sie trotzdem heraus, schließlich ist sie Kubanerin. Sie rief an und erfuhr, dass Busse nach Moa an geraden Kalendertagen um 16 Uhr abfahren. Der nächste Tag, ein Mittwoch, war ein gerader Kalendertag. Markis kaufte fünf Kilo Kartoffeln, dann erstellten wir den Tagesplan, geradezu wissenschaftlich ausgerichtet auf die Abfahrtszeit des Busses. Deutschunterricht um halb zwei, das Kind am Schulbus abholen um halb vier, zum Busbahnhof um vier. Alles klar.

Markis packte die Kartoffeln in einen Karton, klebte alles gut zu und schrieb vorn und hinten die Adresse und die Namen der Großeltern drauf. Das Ganze schien beunruhigend einfach zu sein.
Dann kam der Schulbus nicht. Nach einer Wartestunde sagte Markis:
„Du musst hinfahren und das Kind holen."

Der Mechaniker hatte mir den alten Lada wie immer mit leerem Tank zurückgegeben. Ich fuhr zur Tankstelle. Die Tankstelle hatte geöffnet, aber sie verkauften kein Benzin dort. Die nächste Tankstelle hatte Benzin, aber sie war geschlossen. Es dauerte eine Weile, aber schließlich bekam ich mein Benzin. Ich fuhr über die Schnellstraße zur Schule. Der Ersatz für den kaputten Schulbus war zur allgemeinen Überraschung schon nach knappen anderthalb Stunden eingetroffen und vor zehn Minuten in die Stadt zurückgefahren.

Der nächste mögliche Termin für die Kartoffeln war der Freitag. Den mussten wir einhalten, denn Samstag war ungerade, am Sonntag fuhr der Bus nicht, und am Montag war der Monatserste, also wieder ungerade, und bis Dienstag wären die Kartoffeln wohl verfault oder die Großeltern verhungert.

Der Karton blieb im Auto auf dem Rücksitz. Um Mitternacht ging die Alarmanlage los. Sie hatten das Auto aufgebrochen, um das Päckchen zu stehlen. Die Alarmanlage heulte wie ein Hund. Die Nachbarn rannten auf die Straße und lachten.

Am Freitag gegen vier kam die Kunde durch, dass die Großeltern Salz benötigten. In Moa gab es auch kein Salz. Markis öffnete das Paket, tat Salz hinein und klebte es wieder zu. Am Busbahnhof war jemand zu suchen, der die Verantwortung für die Kartoffeln und das Salz übernahm. Die Übernahme der Verantwortung kostete zwanzig kubanische Pesos, etwas mehr als die Kartoffeln und das Salz. Schließlich wechselte das Paket den Besitzer.

Es blieb nur noch, der Oma telefonisch die Täterbeschreibung durchzugeben, damit ihr der neue Träger der Verwantwortung in Moa nicht mit Päckchen, Salz und Kartoffeln durch die Lappen ging. Nach etwas mehr als einer Stunde wurde eine Leitung frei, und die Oma nahm das Täterprofil entgegen. Bei dem Gespräch stellte sich heraus, dass Gott und die Welt in Moa auf Holzfeuern kochte. Die Großeltern hatten auch kein Holz mehr.

„Wenn sie Holz haben, dann haben sie nichts zum Kochen, und wenn sie was zum Kochen haben, dann haben sie kein Holz da hinten im Osten", sagte Markis und zuckte die Achseln.

Eine Empfangsbestätigung für das Päckchen ist nicht gekommen, also hat wohl alles geklappt. Hätte der Träger der Verantwortung die Kartoffeln herausgenommen und durch Erde ersetzt, hätten die Großeltern sicher angerufen. Falls eine Leitung frei war.

So ist das in diesem gelobten Land hier. Und so wird es bestimmt noch lange, lange Zeit bleiben - mit oder ohne Sozialismus. Langweilig wird es jedenfalls äußerst selten. Ich halte euch auf dem Laufenden!

10. Mai 2003

Leserbrief

Haben Sie schon unseren kostenlosen Newsletter abonniert?


Neu:
Die Gazette jetzt auch
als mobile Version für Palm OS
und Win CE.