Mittlere Schreibblockade

Warum ich über "Amerikanisierung" schreiben wollte und nicht konnte

Natürlich sind wir Deutsche und Europäer mehr oder weniger alle "amerikanisiert" - in Gedanken, Worten und Werken. Beileibe nicht immer zu unserem Schaden. Und doch nimmt der Begriff "Amerikanisierung" neuerdings eine Tönung an, dies schwer macht, mit ihm noch naiv umzugehen. Unser Autor jedenfalls, Leipziger (wie er selbst zugibt), hat es nicht geschafft.

Von Gottfried Fischborn

Manchmal komme ich mir so amerikanisiert vor. Und dann werde ich, je nach Stimmungslage, mißtrauisch mir gegenüber oder stolz auf mich. Ich fühle mich in solchen Momenten erstaunlich up to date für mein Alter oder erstaunlich manipuliert für einen alten Linken.

Kürzlich sollte ich einen kleinen Aufsatz über das Thema schreiben. Und das wollte ich auch. Vielleicht würde ich ja das Trauma meiner Unentschiedenheit dadurch los. Aber da setzte die Blockade schon ein: Sollte ich als stolzer, selbstbewußter Zeitgeistgenosse vor dem Computer sitzen oder sozusagen bloß als Genosse? ("Sozusagen" sage ich, um meine Parteilosigkeit anzudeuten!) Um es mit dem hier angemessenen Pathos auszudrücken: als kleiner, jedoch tapferer Agent dieses endgültig amerikanischen 21. Jahrhunderts oder als ebenso tapferer Widerständler gegen kulturellen und sonstigen Imperialismus von jenseits des großen Teiches?

Aber welche Grundhaltung ich schließlich auch einnehmen würde - ich entginge nicht der nächsten Schwierigkeit, über "Amerikanisierung" zu schreiben. Ich bin nämlich schon immer Leipziger, das muß ich einfach zugeben. Das setzt mich natürlich von vornherein dem Verdacht aus, zu jenen 74 Prozent Ostdeutscher zu gehören, die sich nicht einmal richtig auf Englisch verständigen können, und das Schlimmste daran ist: Bei mir stimmt das! Ich kann nur darauf hoffen, daß sich bis zur heimatlichen Olympiade 2012 das Denglische als Verkehrssprache durchgesetzt hat. Immerhin, mit meinem Handy ein Call-center befragen, mir als Online-user einen Bodyguard mieten, falls mal, ob nun at home oder on tour, ein weniger erfreuliches Event eintritt, das kann ich alles schon, da bin ich cool.

Ein ernsthafteres Problem, über Amerikanisierung zu schreiben, liegt natürlich darin, genügend glaubhaft versichern zu können, man sei keinesfalls antiamerikanisch gesonnen, allenfalls in Maßen "amerikakritisch", wie es neuerdings heißt. Auch da ist man übrigens als Ossi - mit dem diesbezüglich schlechteren Rufbild, nein: Image versehen - in noch schlechterer Position als derzeit eh eine jede und ein jeder Deutsche; dank der extremen Friedensliebe unseres Bundeskanzlers, die ja so auch nicht vorauszusehen war. Ich muß zur Aufbringung ausreichender Political Correctness wirklich alles mobilisieren, was ich auf die Waagschale werfen kann: meine Tochter, die in einem 2000-Seelen-Nest in der Wüste von Nevada eben ihr sie sehr bereicherndes Highschoolyear absolviert, unsere New Yorker Freunde und der gemeinsame Urlaub vor drei Jahren am Grand Canyon, die überaus freundlichen Menschen allüberall, die grandiosen Landschaften und die herrlichen chromblitzenden Trucker auf den Highways, das Getty Center in L.A. und Masurs Sommerkonzerte mit den Philharmonikern in den Riesenparks von New York, von denen ich eines noch miterlebt habe, zehntausend Familien hingelagert auf den Wiesen; die Liebe zur amerikanischen Literatur seit der Kindheit und die Verehrung der wunderschönen Halle Berry ...

Seit den zwanziger Jahren, das weiß ich doch, liebe Leute, so rufe ich in die Runde, seit diesen Goldenen Zwanzigern - und warum nennt man sie denn die Goldenen! - sind Jazz, Revue und Musical, Reportageroman und Filmindustrie, Tillergirls und Westernromantik, Technologie- und Sportverklärung, ja ein ganz neues Menschenbild, neue Denk-, Fühl- und Wahrnehmungsmuster, ist dieses ganze, anregende Gemisch aus Rationalisierung und Mythisierung aller Lebensbereiche zu uns gelangt, das man "Amerikanisierung" nennt, und was sollte man wohl dagegen haben? Selbst Stalin, nachzulesen in den "Fragen des Leninismus", wollte 1927 die bolschewistischen Tugenden, wie er sie sah, mit amerikanischer Rationalität und Dynamik verbinden.

Das sagt Stalin. "Der Begriff 'Amerikanisierung' steht schlechthin für Trivialisierung", sagt Haimo L. Handl. Nun ja, das auch.

Aber vom Faschismus haben sie uns mit-befreit, die Amis (siehe Foto oben), selbst wenn man sich angesichts von 22 Millionen toten Sowjetbürgern im Jahre 45 nicht jenen zahlreichen Hinweisern zugesellen mag, die beim Hinweisen das "mit" vergessen. Auch die Demokratie haben sie uns nicht ganz allein gebracht, ich meine: Die Restauration des (zu der Zeit ziemlich blutbeschmierten) deutschen Kapitalismus war auch dabei - daran allerdings waren die Russen unbeteiligt, an dem einen wie am anderen. Später dann haben wir den Kapitalismus sozial leidlich abgefedert, woraus der heutige Nachholbedarf an Amerikanisierung entstand, den wettzumachen wir eben im Begriffe sind.

Wie gerne, bestünden all die Schwierigkeiten nicht, über Amerikanisierung zu schreiben, würde ich doch abwägen! Die großen, erfolgreichen Kampagnen für die Frauenrechte und gegen den Zigarettenqualm würde ich abwägen gegen jene alltäglichen Gewalt- und Waffenorgien, die ein Michael Moore mit seiner einmaligen Synthese aus Engagement und Humor attackiert hat. Die neuen, urbanen, menschenfreundlichen Siedlungsformen im Umfeld der Metropolen gegen die Tristesse der mittelwestlichen Nester, durch die wir mit unserem Camper gefahren sind. Die Kraft, die vor nicht langer Zeit zahllose junge Leute gegen eine neoliberale Globalisierung auf die Straßen von Seattle trieb und jetzt erst - ja, in diesem März! - eine riesige, von den Medien nahezu verschwiegene Antikriegs-Demonstration nach Washington gebracht hat, wäre sie, diese Kraft in diesem Volk, nicht abzuwägen gegen jenen massenhaft virulenten, gehirnschwachen, abergläubisch bigotten Symbolpatriotismus? Oder Coca-Cola light gegen einen Whisky aus Kentucky? Und am Ende aller Abwägungen stünde vielleicht ein euphorisches Manifest: Menschen, Deutsche, Europäer, nehmt euch davon, was ihr braucht, denn das war immer und ist noch und wird hoffentlich immer sein wie eine Frischzellenkur, und das andere laßt liegen oder stoßt es ab, und versendet dafür das Eure über den Teich!

Aber all die Schwierigkeiten, über Amerikanisierung zu schreiben, gibt es eben. Und seit der letzte Irakkrieg näher rückte, schließlich stattfand und, nimmt man's genau, noch lange nicht abgeschlossen ist, wurde das Thema noch schwieriger. Man würde den Krieg nicht heraushalten können aus einem solchen Text und wäre, mit den Bildern verbrannter Kinder vor Augen, angewidert von der eigenen, so wohlfeilen Betroffenheit, die einem unvermeidlich gleichwohl aus jeder Zeile entgegenträte.

Und doch schriebe ich so gern etwas Gescheites über Amerikanisierung! Es wäre vielleicht die letzte Gelegenheit. Nachts liege ich da und denke: Bald geht es gar nicht mehr. Im gleitend beginnenden Alptraum sagt mir eine merkwürdig raunende Stimme : Schreib das Ding, denn nicht mehr lange, und dann bedeutet "Amerikanisierung" nur noch eines. Nämlich die Pax americana. Eine befriedeter mittlerer Osten zuerst, dann kommt, beginnend mit Nordkorea, der Ferne Osten dran, und dann geht es weiter, so schnell machen die neuen Kreuzritter mit ihrer missionarischen Gesinnung, auf längere Sicht gesehen, nicht Halt, sagt die Traumstimme, da kannst du Gift drauf nehmen, und mit irgendwelchen internationalen Gerichtshöfen, Umweltprotokollen oder Weltorganisationen ist dann schon lange nichts mehr, und das Völkerrecht: Fließt es dann aus dem Kongreß, direkt aus dem Pentagon oder vielleicht aus Libeskinds neuen Towers am Ground Zero, was meinst du ...?

Schweißgebadet aufgewacht, dachte ich, so schlimm wird es schon nicht kommen. Aber seitdem denke ich darüber nach, wie ein Aufsatz zum Thema "Europäisierung" aussehen könnte.

10. Mai 2003

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