Matthias Falke

Das Wahdi Er-Wu'Duh

Erzählung

Die Teppiche schluckten die Schritte meiner Schnabelschuhe, als ich mit flatternden Pluderhosen und wehendem Umhang den großen Saal betrat. Eine lautlose Ebene aus Gold und Brokat. Von der gegenüberliegenden Front stand das Frühlicht der Wüste herein, staubig und gelb. Obwohl die Sonne gerade erst aufgegangen war, war es schon sehr heiß. In der Längsrichtung verlor sich der Saal im roten Dämmer der Baldachine. Dort wurde hantiert und gewerkelt. Sie musste unmittelbar neben der Tür gestanden haben. Ich hatte sie nicht bemerkt. Jetzt kam sie hinter mir her. In der Mitte des Saales schlossen wir uns in die Arme. Sie trug einen enganliegenden Sari aus persischer Seide, der die elegante Linie ihrer Hüften und Schenkel nachzeichnete, und ein safranfarbenes Brusttuch, das ihren rechten Arm bis zum Handgelenk bedeckte, den linken aber vom Hals bis zu den manganatfarbenen Fingernägeln freiließ. Ich küsste das Grübchen hinter ihrem Ohr, ihren Nacken, ihre Schulter, ihre Ellenbeuge. Sie duftete nach dem Öl, das ihre Hofmädchen aus ihren Rosengärten destillierten. Als ich die Hand zwischen den knisternden Stoff und ihren Rücken schob, schien ihre Haut unter der Berührung zu schmelzen. Ich will dich spüren, stöhnte ich in ihr Ohr, dessen Brillantschmuck meine Zunge narrte. Ich will mit dir schlafen. Gedulde dich, flüsterte sie an meiner Wange. Sie machte sich von mir los und ging weiter. Goldene Glöckchen klirrten um ihre Fußgelenke. Zwei Wachsoldaten patroullierten auf dem offenen Balkon, jenseits dessen das Gestein unter der jungen Sonne taumelte. Ich hastete ihr nach, die schon an der Schmalseite der großen Tafel war. Die Arbeiter warfen sich vor ihr auf den Boden und bohrten die Stirnen in die Pracht der Teppiche. Sie ließ sie aufstehen und bezirzte sie mit einem Zucken ihrer dunklen Augen. Mit sabbernden Blicken hingen sie an ihren Lippen. Welcher Mann hätte sich dieser Salome entziehen können? In achtundvierzig Stunden war sie mein. El-Boury trat vor und klappte zu einem militärischen Diener zusammen. Die Vorbereitungen zu dem großen Fest laufen zu meiner vollsten Zufriedenheit, berichtete er. Dann will auch ich zufrieden sein, antwortete sie mit Samt in der Stimme. Ich fröstelte. Der Alte zeigte uns die Sitzordnung für das Galadinner. Man hatte die Apsis von Ali Paschas großem Wüstenzelt aufgestellt, die wie ein Hochaltar die Stirnseite der Tafel überwölbte. Darunter die beiden Throne aus tausendjährigem Ebenholz. Ali Pascha und Fürstin Dana, flüsterte Boury mit Ehrfurcht in der Stimme. Eure Hoheit, Prinzessin Rhaya - mit fuchtelnden Handbewegungen und Diener in ihre Richtung -, und der glückliche Bräutigam... Zeigen Sie uns die Dekors, befahl die über alles Angebetete. Die Stühle waren übermannshoch. Es bedurfte kleiner Podeste, um sie zu erklimmen. Wenn man davorstand, befand sich die Sitzfläche in Brusthöhe. Ich bemerkte Soulajka, die auf einem Stapel schwerer Teppiche saß und mit finsteren Blicken ihrer bedauernswerten Puppen maltraitierte. Die Stickereien..., sagte der Protokollchef schmachtend und breitete eine Kostprobe auf den flachen Händen aus. Abessiden-Dynastie, spätes 13. Jahrhundert. Er fuhr zärtlich mit dem Finger über eine vergoldete Borte. Aber die Farben sind frisch wie am ersten Tag. Seit zwölf Generationen werden sie von Angehörigen meiner Familie gepflegt. Sehr schön, nickte Rhaya. Ich stand hinter ihr; ihre nackte Schulter und ihr Ohr waren nur ein Blinzeln entfernt. Betäubender Duft stieg von ihnen auf. Entzückend, pflichtete ich mit belegter Stimme bei. Sie nickte El Boury zum zweiten und zum dritten Mal zu, bis er begriffen hatte. Dann verscheuchte sie ihn mit einem Wedeln der linken Hand, wie ein aufdringliches Insekt. Freust du dich, fragte sie und klimperte mich an. Sie stiefelte zur Längsseite des riesigen Saales hinüber. Die Wachsoldaten salutierten, als wir den Balkon betraten. Die Tribünen waren schon aufgeschlagen. Einige hohe Militärs inspizierten gerade die Vorkehrungen. Fürst Fejsal küsste Rhaya die Hand, während Ben abd-el Bachara nur die Hacken zusammenknallte und den Blick niederschlug. Die Übrigen, gewöhnliche Generäle, blieben im Hintergrund. Ich ging an die Brüstung. Die Sonne stieg jetzt rasch höher. Ich war froh um den Schatten der großen Segel aus ägyptischem Leinen. Die Wüste loderte und glühte. Die rostigen Gesteine schlingerten im Brand des Vormittags. Vor der Tribüne zog sich das Wahdi Er Wu'Duh dahin, von senkrechten Felswänden eingefasst. Nur schmutziggelbe Lavabänke und Geröll; kein Wasser, kein Leben. Staub und Hitze bis zum narbigen Horizont. Ab und zu plusterte sich eine Windböe auf; dann fauchte ein Staubteufel über die Talsohle des Wahdis. Die Erscheinung knurrte aus trausendjährigem Schmerz. Ihre Vorbereitungen sind abgeschlossen, sagte Rhaya. Selbstverständlich, bellte Fejsal zackig. Er trat an die Brüstung vor und malte eine raumgreifende Bewegung an den Himmel. Die fürstliche Luftwaffe wird im Osten über den Bergen sichtbar werden und die heiligen Farben Ali Paschas des Großen in die Winde schreiben. Sieben Maschinen werden im Tiefflug über das Wahdi gleiten und dann die Demonstration durchführen. Ich fasste abd-el Bachara ins Auge. Die stoische Miene, die er zur Schau trug, war allzu maskenhaft. Seine zusammengekniffenen Lippen zitterten. Und es wird alles funktionieren, fragte ich ihn. Mit Sicherheit, sagte er scharf. Lieber Ben, säuselte Rhaya. Sie lächelte ihn verschwenderisch an und zupfte an einem der Orden, die als eckige Pailetten seine Brust bedeckten. Ein Greis hätte weiche Knie bekommen. Erklären Sie mir und meinem Verlobten die Funktionsweise dieses neuartigen Systems. Mit Vergnügen, stieß er hervor und räusperte sich umständlich. Diese neue... - er wich meinem Blick aus - Abschreckungsmaßnahme, die einzigartig in der Welt ist, basiert auf dem Prinzip des Warpraums. Der Annihilator lässt ein bestimmtes Volumen Raumes verschwinden. Der Energieaufwand ist vergleichsweise gering. Die Wirkung dagegen außerordentlich. An welches Kubikmaß haben Sie gedacht, fragte ich. Nun..., er zögerte. Fejsal wies entlang des Wahdis auf den Knick, den das Trockental in einiger Entfernung beschrieb. Dort mündete es in die Schlucht El Ghoun, einen tausend Meter tief eingeschnittenen Canyon von nur wenigen Schritten Breite. Über dem Eingang El Ghouns, erläuterte Fejsal, wacht seit Menschengedenken der Teufelszahn. Der spitze Felszacken war deutlich auszumachen. Er bezeichnete die Verengung des Wahdis zur Schlucht und ragte dreihundert Meter über seine Umgebung auf. Sein scharfgezeichneter Schatten wanderte jeden Tag mit wegwischender Geste über die Talsohle des Wahdis. Seit der Schlacht von Wu'Duh im Jahre 1479, fuhr Fejsal fort, als die Truppen der Unseren in einen Hinterhalt gelockt und blutig niedergemetzelt wurden, steht der Teufelszahn für unsere grausamste Niederlage. Nach der Rückeroberung des Gebietes durch Ali Pascha den Ersten wurde er zum Mahnmal erklärt. Er ließ eine Pause entstehen, um sich unserer Aufmerksamkeit zu versichern. Es hat Ali Pascha dem Großen, dem neunten Nachfolger Alis des Ersten, des Begründers der Neuen Dynastie, gefallen, den Teufelszahn für die Demonstration auszuwählen. Wir ließen das auf uns wirken, obwohl es keine Antwort auf meine Frage war. Schließlich begann unser Schweigen auf abd-el Bachara zu lasten. Für die Demonstration, sagte er heiser, haben wir an einen Annihilationskubus von einem Kilometer gedacht. Ich sah ihn abwartend an, um ihn dazu zu bewegen, ausführlicher zu werden. Der Staffelführer der Deltaformation, die in ost-westlicher Richtung die Tribüne überfliegen wird, hat die Apparatur an Bord, erklärte Ben. Er wird sie anderthalb Kilometer vor dem Zahn ausklinken und dann abdrehen. Das Projektil ist selbststeuernd und lasergestützt. Bei der Detonation wird es unmittelbar vor der Felsformation ein Volumen von einer Milliarde Kubikmetern zum Verschwinden bringen. Der horror vacui der umgebenden Atmosphäre wird zu einer Implosion führen, die der Wirkung einer 10 Kilotonnenwaffe entspricht. Mit einem Bruchteil des technischen und finanziellen Aufwandes, wie ich hinzufügen muss. Ein ziemlich lauter Salut, für eine Hochzeitsfeier, stellte ich fest. Mein Vater hat darauf bestanden, schnurrte Rhaya und hängte sich an meine Schulter. Es überlief mich heiß. Und du weißt, dass er der einzige Mann ist, dem ich nichts abschlagen kann. Ich möchte nur verstehen, was da vor sich gehen wird, sagte ich mit nachdenklicher Pose, während ich langsam den Arm um Rhaya legte. Sie bog sich meinem Bizeps entgegen, elastisch und doch fest. Noch achtundvierzig Stunden und ein paar, dann würde ihr geschmeidiger und gieriger Körper so in meinen Armen liegen. Die genaue Funktionsweise, hustete Fejsal, ist natürlich streng geheim. Das gilt leider auch für Sie, mein junger Fürst. Im übrigen wäre sie in wenigen Worten auch kaum darzustellen. Sie beruht auf der allgemeinen Relativität. Gewiss, sagte ich. Meine Hand ruhte auf Rhayas Taille. Ich verzog keine Miene und weidete mich an der zunehmenden Anspannung, die sich auf Bacharas Zügen widerspiegelte. Ein wenig, plauderte ich weiter, habe ich mich auch mit theoretischer Physik beschäftigt. Sie würden dem nicht zu widersprechen wagen, selbst wenn ich offensichtlicher Analphabet wäre. Ich weiß nicht: wird alles vernichtet, was sich in diesem Raum befindet, oder wird der Raum selbst annihiliert. Selbstverständlich nur die Materie, die sich in dem erfassten Volumen befindet, schnarrte Fejsal, der mir nicht weißmachen konnte, dass er den Unterschied begriffen hatte, von den Konsequenzen zu schweigen. Die Hast seiner Entgegnung ließ darauf schließen, dass einer seiner Berater ihn auf diesen Einwand vorbereitet und ihn instruiert hatte, ihn kategorisch abzuweisen. Sie kennen beide das Theorem von Chessov und Tschernischenko, stellte ich fest. Fejsal nickte sofort; abd-el Bachara bejahte langsam. Seine faltenumkränzten Augen nahmen einen lauernden Ausdruck an. Es besagt, wandte ich mich im Tonfall eine Tee-Konversation an Rhaya, dass bei der Anwendung eines Annihilators nicht nur der Inhalt eines bestimmten Raumes, sondern dieser selbst vernichtet wird. Unsere Experten haben alle Berechnungen durchgeführt, warf Fejsal ein, um diese Möglichkeit ausschließen zu können. Ich nahm ihn nicht einmal zur Kenntnis. Wie bei einer Kernwaffe die freigesetzte Energie auf einem Massendefekt basiert, so resultiert hier der militärische Effekt auf einem Raumdefekt, einer künstlich herbeigeführten Verwerfung des Raum-Zeit-Kontinuums. Bachara kämpfte mit einer Entgegnung; ich sah, dass er noch mit deren diplomatischer Ausformulierung beschäftigt war. Sein schütteres Haar nahm einen öligen Glanz an. Dunkle Schweißflecken begannen sich unter seinen Achseln zu bilden. Allerdings, fuhr ich fort, haben die Berechnungen von Chessov und Tschernischenko gezeigt, dass in diesem Fall eine schwere thermische Reaktion die Folge wäre. Bei einem annihilierten Volumen von einem Kilometer im Kubik - ich hielt die Luft an und fasste zuerst Ben, dann Rhaya scharf ins Auge - würde die freigesetzte Energie den von Ihnen genannten Betrag um das hunderttausendfache übersteigen. Sie hätten eine Waffe im Gigatonnenbereich konstruiert. Abd-el Bachara schüttelte den Kopf, konnte sich aber noch nicht zu einer Replik durchringen. Auf Fejsals schwarzer Brille wand und bog sich die umliegende Landschaft. Ich nehme an, sagte Rhaya, dass in diesem Fall der Sicherheitsabstand... Das Emirat, unterbrach ich sie, wäre in wenigen Nanosekunden zu subatomaren Partikeln verdampft. Die Detonation würde einen Krater von Dutzenden Kilometern in die Halbinsel reißen und die Erdkruste durchschlagen. Ein großer Lavasee würde die Stelle bezeichnen, an der sich kurz zuvor noch die Hochzeitsgesellschaft befunden hatte. Das ist ausgeschlossen, schnauzte Fejsal, von der immer noch ausstehenden Unterstützung durch Ben entnervt. Mehrere unserer Spezialisten haben unabhängig voneinander nachgewiesen, dass Chessov und -, dass die beiden Russen sich verrechnet haben. Mein Team, ergriff nun abd-el Bachara das Wort, hat diese Frage sehr ernst genommen. Wir konnten aber nachweisen, dass Chessov und Tschernischenko sich an entscheidender Stelle um eine Dezimale vertan haben. Durch die wiederholte Extrapolation in die dritte Potenz kommt der exorbitante Unsicherheitsfaktor zustande. Und wie sicher sind Ihre Berechnungen, frage Rhaya. In diesem Augenblick kam ihre Schwester auf die Tribüne gelaufen. Papa will wissen, wie weit die Vorbereitungen sind, piepste sie. Soulajka hielt eine handlange Puppe in der Hand, die sie mit silbernen Nadeln traktierte. Sag ihm, es ist alles in Ordnung, forderte Rhaya die Elfjährige auf. Sie fasste sie am Kopf, um sie mit sanfter Gewalt in den Saal zurückzuschieben. Im Gegensatz zum samtigen Braun ihres eigenen hüftlangen Haars, das sie auch heute wieder offen trug, war Soulajkas Köpfchen von einer unnatürlichen blauschwarzen Kappe übergossen, die starr und borstig, wie strähniges Obsidian, um ihren Schädel stand. Auch ihre Augen waren von anorganischem Schwarz, im Gegensatz zu Rhayas warmem, von langen Wimpern geschmücktem Blick, dessen hintergründige Ruhe mir jedesmal den Atem nahm. Ich werde nicht hineingehen, knurrte die Kleine mit dem dunklen Brummen eines sibirischen Bären. Aus ihren lichtlosen Augen schienen stahlblaue Strahlenbündel zu schlagen. Sie erkletterte den nächsthöheren Rang der Empore, ließ sich trotzig darauf nieder und bohrte ihrem Püppchen einen zierlichen Dolch durch die Brust, dessen Griff mit kalten Diamanten verziert war. Ich fühlte mich unbehaglich. Die Diskussion war abgeschnitten. Die Erwachsenen sahen sich ratlos einem bockigen Kind ausgeliefert. Ein plötzlicher Wind kam auf. Aus der östlichen Wüste wehte er das Wahdi entlang, heiß und staubig. Wo er sich an den Felswänden brach, stöhnte er rauh. Ein langgezogenes Heulen drang von der Einmündung der Schlucht El Ghoun zu uns. Das Felsentor war ein schmaler schwarzer Strich in der Ferne. Es stieß ein anklagendes Kreischen aus. Rhaya legte die Hand auf die Stirn und heftete verwirrt den Blick auf den Boden. Sie schüttelte leise den Kopf, als wollte sie sagen, das alles müsse in Ruhe noch einmal besprochen werden. Aber dazu kam es nicht mehr. Das Brüllen des Sturmes nahm an Heftigkeit zu und steigerte sich zu einem infernalischen Aufschrei tausender gequälter Seelen. Soulajka hatte die Brust ihrer Puppe durchbohrt. Die silberne Spitze ihres zierlichen Dolchs kam im Rücken der Figur zum Vorschein und funkelte bösartig. Blaue Funken sprühten davon ab. El Bachara griff sich an die Brust und stieß ein furchtbares Röcheln aus. Seine Augen flackerten weiß; blutiger Schaum erschien auf seinen verzerrten Lippen. Er sank gegen die Absperrung der Tribüne. Das helle Vormittagslicht schlug in ein glutflüssiges Rot um. Die Landschaft bäumte sich in einer Ekstase des Schmerzes auf. Ein schwerer Schlag traf mich gegen Gesicht und Brust.

[Februar 2003]

Matthias Falke, MA, geb. 1970, studierte Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft und Philosophie. Zahlreiche Beiträge für die "Gazette".
Buchveröffentlichung: "Das Erlebnis" (1998 im Verlag Die Blaue Eule, Essen).
Näheres zum Autor unter www.matthiasfalke.de.

10. Mai 2003

Leserbrief

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