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Zum Gedenken an die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 Der Mann, der die Bücher aus dem Feuer holt
Seit 25 Jahren sammelt Georg P. Salzmann Bücher von Autoren, deren Werke vor siebzig Jahren von den Nationalsozialisten verbrannt wurden. Dabei entstand ein einzigartiges Archiv. Von Stefanie Brauer Mit fragenden Blicken stehen die Kinder auf dem Bebelplatz in Berlins
Mitte und deuten mit den Fingern auf die Plexiglasplatte inmitten des
Kopfsteinpflasters - ein Fenster in eine unterirdische Bibliothek, deren
weiße Regale gespenstisch leer sind. Leicht ist die unaufdringliche
Bodenplatte mit der Erklärung des 1994/1995 von Micha Ullmann entworfenen
Denkmals und einem Heinrich-Heine-Zitat von 1820 zu übersehen -
und deshalb ziehen die Erzieherinnen die Kinder weiter: "Keine
Ahnung - irgendeine Kunst wird's schon sein."
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert sammelt der Kaufmann im Ruhestand die Werke von Dichtern, deren Bücher verbrannt wurden, und hat inzwischen ein einzigartiges Archiv zusammengetragen - das "Dokumentations- und Forschungsarchiv 10. Mai 1933". "Ich bin Zeitzeuge. Ich hab das alles miterlebt ..." - dem Mann ist das Herz voll von seiner Mission, das erschließt sich schon in den ersten Augenblicken. Bereits im Türeingang zu seinem gemütlichen Zweifamilienhaus in Gräfelfing beginnt der rüstige Herr in der Lederweste zu erzählen. Während er mit der Besucherin die Treppe in sein Archiv hinaufgeht, vorbei an Kunstdrucken und zahlreichen Plakaten seiner Ausstellungen über die Bücherverbrennung, spricht er davon, wie leicht Menschen durch Literatur zu indoktrinieren seien. Das Fremde werde so leicht ausgegrenzt, das sei auch heute genau wie damals. Im Sprechen öffnet er die Tür zu seinem Arbeitszimmer: Nicht einen Millimeter freie Wand gibt es hier, statt dessen überquellende Regale, Bücher senkrecht und horizontal. Auf dem Schreibtisch türmen sich Biographien und Bibliographien, Verlagsgeschichten, Mappen mit Zeitungsausschnitten, Neuerwerbungen vom letzten Flohmarktbesuch. Man fragt sich, wie er auf die Literatur der verbrannten Bücher gestoßen sei, denn es ist deutlich: Hier spricht ein von Literatur Besessener, ein Sammelwütiger, aber kein Intellektueller. Freimütig berichtet Salzmann über die eigene Biographie: Mit Sicherheit sei die Faszination für diese Dichter eine Art Gegenreaktion auf seine Kindheit und Jugend unterm Hakenkreuz: Vater und Großvater, erinnert sich Salzmann, waren überzeugte Nationalsozialisten, Männer der ersten Stunde in der thüringischen NSDAP, mit nur dreistelligen Mitgliedsnummern. Als der Krieg verloren ist, zieht Salzmanns Vater die Konsequenz und nimmt sich - angesichts der zerstörten deutschen Städte und der zahlreichen Bombenopfer - im April 1945 das Leben. Noch heute treten dem Sohn die Tränen in die Augen, wenn er sich
an das Frühjahr 1945 erinnert. Auf Initiative der amerikanischen
Besatzer muss der 16-Jährige kurz nach dem Selbstmord des Vaters
das Konzentrationslager Buchenwald besuchen. Im Gespräch mit den
halb verhungerten ehemaligen Häftlingen überwältigt Salzmann
die Einsicht, welches Unrecht im Namen der Deutschen begangen wurde
- ein Schlüsselerlebnis. Eine Zäsur kommt Jahrzehnte später. Als er sich beruflich umorientiert und München zeitweise verlassen muss, gerät er wieder in den Bann der Bücher: In einem Lesezirkel trifft er Menschen, die sich für die verbrannten Bücher interessieren. Salzmann ergreift die Gelegenheit, seiner Midlife-Crisis durch Aktivität zu entfliehen: Des Lesezirkels ist er bald überdrüssig, er beginnt, in Antiquariaten und auf Flohmärkten zu suchen und zu kaufen - sein gesamtes Vermögen investiert er in sein Lebensprojekt, entsagungsvoll unterstützt von seiner Frau: "Jede Mark", erinnert er sich heute lachend, habe er in seine neue Leidenschaft investiert. Und anerkennend fügt er hinzu: "Nicht selbstverständlich, dass meine damalige Frau das alles mitgemacht hat. Schließlich wollten Frauen damals auf Mittelmeerkreuzfahrten." Statt dessen reisen die Salzmanns ins europäische Ausland: immer dorthin, wo es deutsche Antiquariate gibt: Dänemark, Holland, Frankreich, England, Slowenien, Schweiz, Österreich. In übertragenem Sinne holt Salzmann so die Bücher wieder aus dem Feuer, die die Nazis am 10. Mai 1933 verbrannt haben: Möglichst komplett sammelt er die verbrannten Dichter, einschließlich der Schriften, die vor und - in vielen Fällen auch nach dem Exil entstanden sind. Erich Maria Remarque, Hans Sahl, Theodor Plievier, Theodor Lessing und Hans Fallada, Alfred Döblin und Kurt Tucholsky - die Liste der Namen ist lang - und Salzmanns Archiv fast vollständig. Besonders stolz ist er auf die beinahe komplette Sammlung des österreichischen Romanciers Stefan Zweig, von dem ihm nur "Die Worte am Sarge Sigmund Freuds" fehlen. Aber auch diese Totenrede, die Zweig in einem Londoner Krematorium gehalten hat, und die nur in einer Auflage von 100 Exemplaren erschienen ist, wird Salzmann noch finden, da ist er ganz sicher. Auch liegen ihm die Sammlungen zur Lyrikerin Mascha Kaleko, zu Peter Urzidil und Georg Hermann am Herzen - Autoren, deren Wirkungsgeschichte mit der Bücherverbrennung praktisch beendet wurde, da ihre Werke auch in der Renaissance der Exilliteratur seit Ende der 1970er Jahre kaum mehr Aufmerksamkeit erringen konnten. Die meterlangen Regalreihen in Salzmanns Haus machen das Ausmaß
der Zerstörung durch die Bücherverbrennung anschaulich. Einen
wahren Schatz hat er sich so in den vergangenen Jahren zusammengesammelt.
Weil die Antiquariatspreise überzogen seien und viele Sachen gar
nicht mehr auf den Markt kommen, hält Salzmann es für unmöglich,
heute noch einmal so eine Sammlung zusammenzutragen. Die von überall
her anreisenden Wissenschaftler, die seit Jahren in seinem Archiv arbeiten,
sehen das ähnlich - und deshalb ist Salzmann bei allem Stolz über
das Erreichte doch auch unzufrieden. Er sorgt sich nämlich um die
Zukunft seines Archivs: "Mit 74 Jahren weiß man nie, wie
lange man noch hat." Auch wenn die Besucherin angesichts seiner
offensichtlich guten Konstitution da sehr optimistisch ist - Salzmann
will das Archiv möglichst bald einer wissenschaftlichen Institution
übergeben. Doch ist das leichter gewünscht als getan. Das
"Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände" in Nürnberg
war im Gespräch - auch die Stadt München und seine Heimatgemeinde
Gräfelfing zeigen Interesse. "Ich will keine politischen Motive
unterstellen", meint Salzmann doppeldeutig. Ihm ist die Finanznot
der öffentlichen Kassen bewusst - aber er ist enttäuscht,
dass die Institutionen aus Scheu vor den Kosten für Aufarbeitung
und Betreuung des Archivs vor einer Übernahme seines Schatzes zurückschrecken.
10. Mai 2003 |
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