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Brief aus Havanna
Freunde, Feinde, Mitmenschen!
Von Henky Hentschel
Laßt uns von Zigarren reden, denn mir gegenüber in der Kneipe
sitzt einer dieser selbsternannten Spezialisten. Mit seinem Betonkinn
und den tiefliegenden, stechenden Äuglein erinnert der Mann an
eine Vorkriegsausgabe von Frankenstein.
"Sie!", sagt er. "Was glauben Sie eigentlich, wie oft
ich schon in Kuba war?"
"Zweiundzwanzigmal in drei Jahren."
"Woher wissen Sie das?"
"Caramba!", sage ich. "Das hast du mir gestern erzählt.
Am gleichen Ort und zur gleichen Zeit."
Über dem Betonkinn erscheint ein Lächeln. Auch das Lächeln
scheint aus Beton zu sein.
"Stimmt, jetzt fällts mir wieder ein. Und alles mit Zigarren
bezahlt! Naja, ich bleib ja immer nur drei Wochen - aber eine Leistung
ist das schon, oder nicht? Eine Leistung! Das bringt nicht jeder, verstehen
Sie? Nicht jeder!"
"Bestimmt nicht", sage ich. Und weil ich merke, daß
er seine Story heute noch nicht losgeworden ist, sie aber unbedingt
loswerden muß, weil er sonst nicht schlafen kann, und weil ich
im Grunde meiner Seele ein gutmütiger Mensch bin und auch was von
Einsamkeit verstehe, und weil man schließlich in dieser Stadt
die Zeit irgendwie rumbringen muß, weil sie hier nicht Geld ist,
sondern dessen Gegenteil, sage ich:
"Also gut, dann rechne mir das mal vor!"
Jetzt ist er in seinem Element. Gewöhnlich kauft er die Cohiba
Esplendido oder die Montecristo zwo - "Die Torpedo, Sie wissen
schon!" -, und die Kiste kostet ihn auf der Straße 25 Dollar,
das macht einen Dollar pro Zigarre, und woher die Dinger kommen, das
weiß er nicht. Das weiß hinwiederum ich, denn es gibt nur
zwei Sorten von Fälschern in Havanna. Die einen kaufen den Arbeitern
im Lager der Fabrik den Rohtabak ab, und der ist nicht nur gestohlen,
sondern häufig auch gar nicht der richtige und erst recht nicht
der beste, und die Hehler drehen die Dinger dann zu Hause am Küchentisch.
Ein Kumpel besorgt die Bauchbinden und die bunten Bildchen und ein anderer
die Kiste aus Zedernholz, und zehn oder zwanzig oder fünfzig Geschäftsfreunde
jagen in der Stadt Touristen und verkloppen den Kram. Das sind die schlechteren
Fälschungen, denn falscher Tabak, ein verwurmtes Deckblatt und
schlechte Verarbeitung ergeben zusammen ziemlich wenig Qualität.
Diese Dinger kauft also Frankenstein.
Es gibt aber auch bessere, weil jeder Arbeiter aus der Fabrik pro Tag
zwei Zigarren mit nach Hause nehmen und sie dann für einen Dollar
pro Stück verkaufen kann. Bauchbinde, Bildchen und Kiste wie gehabt,
Jagd auf Touristen wie gehabt, aber die Qualität ist gewöhnlich
nicht schlecht. An diesem edlen Stücken darf Frankenstein allerdings
nur mal kurz riechen für seine 25 Dollar, weil sie nämlich
mindestens vierzig kosten. Aber Frankenstein behauptet steif und fest
und mit trotzig nach vorn gerecktem Betonkinn, daß er nur beste
Ware führt und seine Kunden im Raum Baden-Württemberg hochzufrieden
sind und ihm zwischen 500 und 600 Mark für eine Kiste geben, die
im Fachgeschäft dreizehnhundertnochwas kostet. Und so, sagt er,
verdient er nicht nur seine Reisen, sondern sein ganzes, offenbar glückliches
Leben.
Ich sage ihm nicht, daß ich ihm kein Wort glaube. Allein die Bude,
die er für drei Wochen gemietet hat, kostet 25 Dollar am Tag. Und
dann noch das Mädchen. Und dann noch die Vergnügungsreise
nach Pinar del Rio - nee, Frankenstein, das geht nicht auf. Und als
ich nach dem Zoll frage, verstummt er. Der Zoll nämlich - falls
er mal einen guten Tag hat - läßt nur zwei Kisten Gefälschte
durch, in Kuba wie in Deutschland, und jetzt, als ich wieder daran denke,
kommt eine Erinnerung zurück, denn ich bin schließlich auch
kein unbeschriebenes Blatt auf diesem Gebiet.
Es ist jetzt ein gutes Jahr her, da wollte auch ich mein Ticket mit
einer frankensteinischen Meisterleistung finanzieren. Ich hatte ungefähr
120 Zigarren im Koffer, und am Gate schickten sie mich zum Zoll.
"Mach den Koffer auf!"
Ich gehorchte locker, denn ich hatte ein gutes Gewissen. Zwei Kisten
hatte ich im Staatsladen gekauft, den Rest hatte Odalys in meiner Stammkneipe
gedreht, und Odalys hatte dafür eine Lizenz.
"Und die Quittungen?"
Quittungen hatte ich nicht. An sowas denke ich nicht. Ich bin ein rechtschaffener
Mensh. Rechtschaffene Menschen brauchen keine Quittungen.
Sie, vom Scheitel bis zur Sohl Zöllnerin, nahm zwei Kisten heraus
und stellte sie zur Seite. Dann zeigte sie auf diese kleinen, gelben
Tabletten gegen Cholesterin oder Cholesterol, die mein Bruder braucht
und noch ein paar Leute mehr.
"Und was ist das?"
"Steht doch drauf: PPG!"
"Und wo hast du das gekauft?"
"Auf der Straße natürlich, auf dem schwarzen Markt,
wo sonst? Die kosten zwanzig Dollar in der Apotheke, und mein Bruder
braucht sie und noch ein paar Leute mehr, und viel Geld haben wir alle
nicht, und das ist ein humanitäres Werk wie eure kostenlose Gesundheitsversorgung,
und als Revolutionär muß man sowas schließlich verstehen,
oder nicht?"
Sie nickte mit leicht zusammengekniffenen Augen.
"Mach zu, es geht in Ordnung!"
Dann füllte sie den Zettelkram der zwei beschlagnahmten Kisten
aus, und sowas dauert in Kuba, und dann kam der Chef nicht zum Unterschreiben,
und aus den Augenwinkeln sah ich meinen Flieger auf die Landebahn rollen,
Anlauf nehmen und abheben. Der Chef kam eine Viertelstunde später.
Im Schlepptau hatte er einen Angestellten der Fluggesellschaft. Der
überreichte mir einen neues Ticket für den nächsten Tag,
Gutscheine fürs Taxi in die Stadt und fürs Taxi zurück
zum Flugplatz, Gutscheine für drei Mahlzeiten und einen weiteren
Bon für eine Nacht in einem der besten Hotels der Stadt, das ich
täglich von meinem Balkon aus sehen kann und in dem ich schon immer
mal schlafen wollte. Ich dankte heftig und fuhr erfreut davon. Sie hatten
mich doch tatsächlich für einen Touristen gehalten.
Und der nächste Brief wird - vielleicht - wieder ernster. Bis bald.
4. Mai 2002
Leserbrief
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