WM 2002

Sport - und mehr


Vom 31. Mai bis 30. Juni findet die Fußballweltmeisterschaft - der FIFA-Weltcup 2002 -
in Japan und Korea statt - und damit zum ersten Mal in Asien. Der Erdkreis bebt vor Erwartungen, Befürchtungen: Wird Afrika diesmal den Durchbruch zu den Spitzenmannschaften schaffen, trotz des Mangels an Spiel-Organisation? Was hat man dagegen von der eher kollektiven 'asiatischen Spielweise' zu halten? Und wo bleibt die nächste Spieler-Generation? Neigen Trainer vor so großen Turnieren zu konservativen Entscheidungen?
Über das sportliche Ereignis hinaus jedoch hat die gemeinsame Austragung dieser WM-Endrunde an insgesamt 20 Orten in Japan und Korea eine eminent politische Bedeutung.

Von Judith Brandner

"Die gemeinsame Austragung der Spiele in Japan und Korea ist schon eine kleine Sensation, die viele Beobachter überrascht hat!" meint der deutsche Japanologe Wolfram Manzenreiter, der am Institut für Ostasienwissenschaften der Universität Wien lehrt. Eine Sensationdeshalb, weil damit zwei Länder zusammengeführt worden sind, die ein überaus schwieriges Verhältnis zueinander haben. Doch daran dachte der Weltfußballverband FIFA wohl kaum, als er 1996 erstmals ein sogenanntes "Co-hosting" beschloss. Insider führen diese Entscheidung eher auf interne Lagerkämpfe innerhalb der FIFA zurück. Japan hatte sich jedenfalls längst als Austragungsort für das Weltcup Finale beworben, da reichte auch Korea seine Bewerbung ein. Eine nationalistisch motivierte Reaktion, meint Wolfram Manzenreiter. Das verlangte schon das nationale Prestige – hatte Korea doch immerhin schon an einigen Weltcup-Endrunden teilgenommen, während Japan noch nie soweit gekommen war.

Schatten der Vergangenheit

Zwischen 1910 und 1945 war Korea japanische Kolonie. Tausende Koreaner wurden während des pazifischen Krieges als Zwangsarbeiter nach Japan verschleppt, tausende koreanische Frauen mußten als Zwangsprostitutierte für die Kaiserliche Japanische Armee dienen. In Japan lebende Koreaner sind bis heute zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt.
"Ja, wir waren einmal Feinde, doch die Beziehungen haben sich verändert", sagt der koreanische Soziologe Hongik Chung, Professor für öffentliche Verwaltung an der National University in Seoul. Vielen Koreanern sei heute an einer Verbesserung der Beziehungen gelegen, meint er. Doch der Schritt zur Versöhnung wird nicht immer leicht gemacht – man denke an den jüngsten Besuch von Japans Premier Koizumi beim Yasukuni Schrein, in dem Kriegsverbrecher geehrt werden – für ein Opferland wie Korea ein Schlag ins Gesicht.

Fußball als Weg zu einer neuen Gemeinsamkeit

Trotzdem wollen viele in Korea und in Japan nun das Fußball-Großereignis, das die beiden Ländern in sportlicher Hinsicht zusammengeführt hat, zum Anlass zu nehmen, auch die politischen Beziehungen neu zu überdenken. Diese Fußball-WM sei die größte Chance, das Verhältnis zu verbessern, meint etwa der japanische Sozialwissenschaftler Yamashita Takayuki. Kleine Schritte in diese Richtung beobachtet Yamashita seit einiger Zeit auf individueller Ebene, etwa, den gesteigerten Austausch zwischen den Menschen. Als positives Zeichen wertet er eine TV-Koproduktion über die Liebe zwischen jungen Leuten in Japan und Korea, die in beiden Ländern ausgestrahlt wurde.
Ein kleines Beispiel dafür, daß es auch unter Fans und Spielern eine neue Generation gibt, die sich über alte Feindbilder hinwegsetzen, gab es vor der Fußball-WM vor 4 Jahren in Frankreich. Damals traten Japan und Korea gegeneinander in einem Qualifikationsmatch an. Koreanische Fans im Nationalstadium von Seoul hatten eine Fahne mit dem Slogan gehisst "Let's go to France together". "Lets get together now" ist auch der Titel des offiziellen Korea-Japan Songs, der eigens für diesen FIFA-Weltcup komponiert wurde und je zwei Bands aus Japan und Korea auf eine Bühne bringt.

Fußball, Marktwirtschaft und nationale Identität

Die dritte ostasiatische Großmacht im Bunde bei dieser Fußball-Wm ist China. Zwar nicht als Austragungsort, doch zum ersten Mal hat sich China für das Finale einer Fußball-WM qualifiziert. Der Tatsache, daß China damit in der Weltöffentlichkeit präsent sein wird, wird im Land überaus große Bedeutung zugemessen. Es gilt als Signal für Öffnung und Internationalisierung - ebenso wie die Mitgliedschaft in der WTO und die Olympischen Spiele 2008, die ja in China selbst stattfinden werden. Das heiße natürlich nicht, daß Fußball jetzt das Wichtigste für China sei, meint Tan Hua von der South China Normal University in Guangzhou. Viele sehen im Sport jedoch eine Möglichkeit, das Land auf dem Weg von der Plan- zur Marktwirtschaft weiterzubringen. Unsere Politiker glauben, erzählt Tan Hua, daß durch Fußball in der chinesischen Bevölkerung ein allgemeines Wettbewerbsdenken verankert werden könne. Außerdem soll der Fußball die nationale Identität stärken. Das ist nicht nur in China der Fall.
Auf der ganzen Welt werden Nationalmannschaften als politische Werkzeuge verwendet, durch die ein positives nationales Image demonstriert werden soll. Bedingt durch die historische Erfahrung gelte das für Korea vielleicht etwas stärker als für andere Länder, meint der koreanische Soziologe Hongik Chung. Besonders ausgeprägt war das nationalistische Interesse des Regimes am Fußball während der Zeit der koreanischen Militärdiktatur in den 80er Jahren. Damals dienten Fußball und andere Sportarten freilich auch dazu, die Soldaten körperlich fit zu halten. Die 80er Jahre brachten auch in Japan – obwohl demokratisch regiert – eine Welle des Nationalismus, der sich nicht zuletzt im Fußball manifestierte. Das hing mit der Popularität von Fußball zusammen, die in Japan immer wieder aufflackerte und verebbte. Nach einem vorübergehenden Hoch während der 60er Jahre - der Zeit der olympischen Spiele in Tokio und Mexiko – wurde erst in den 80er Jahren ein neuerlicher Höhepunkt erreicht. Im Japan der Nakasone-Ära erwies sich Fußball als die ideale Möglichkeit, Nationalismus zu fördern und nationale Identitäten auszuleben. Und wenn heute japanische Fußballfans die Nationalhymne Kimigayo absingen und die Hinomaru-Fahne um den Leib wickeln, so verwenden sie damit höchst umstrittene Symbole. Denn viele fühlen sich an die japanischen Eroberungsfeldzüge in der unrühmlichen Vergangenheit erinnert, bei denen dieselben Symbole verwendet wurden.

Geschäft Fußball

Die sportlichen Wettkämpfe, die bei dieser Fußball-WM ausgetragen werden, sind nicht die einzigen Schlachten, die hier stattfinden. Fußball ist längst ein großes Geschäft geworden. Rund 5 Milliarden US Dollar wurden in Korea und Japan in die Infrastruktur investiert. Die FIFA hat die weltweiten TV-Rechte für hunderte Millionen Dollar einer privaten Sportmarketinggruppe übertragen. Millionen Menschen in aller Welt werden die Spiele via TV verfolgen. Hoch-Zeiten für Werbung in Zeiten der Globalisierung. Die enorme Kommerzialisierung des Fußball ist eine Entwicklung, die auf viel Kritik stößt. Fußball sei längst zu einer von der Werbeindustrie geförderten Unterhaltungsindustrie verkommen, meint Hongik Chung: "Die Leute betreiben keinen Sport mehr, sie schauen sich Sport an wie einen Spielfilm. Sport ist ein Teil des internationalen Handels und ein Teil des globalen Machtnetzwerks!"
Vor allem der chinesische Markt ist heiß umkämpft – rechtzeitig vor den olympischen Spielen 2008 wollen sich die Multis noch ihren Platz sichern. Sport als Mittel zum Geschäft – das hat Rupert Murdoch schon längst erkannt, als er die große Popularität von Basketball in China erfolgreich für sich nutzte: "Nun glaube ich ja nicht, dass Rupert Murdoch sich besonders für Basketball interessiert, aber Basketball ist für ihn ein Vehikel, auf den Markt zu kommen und dort seine Produkte zu verkaufen – durch Werbung oder Sponsoring", sagt Trevor Slack von der University of Alberta, der sich angesehen hat, wie sich der Wechsel von der Plan- zur Marktwirtschaft in China auf Sportorganisationen auswirkt.

Bubble Football in Japan

Kurz vor dem offiziellen Start der japanischen Profiliga J-League 1993 war in ganz Japan eine Art Fußballmanie ausgebrochen. Die Besucherzahlen bei Spielen erreichten Rekordhöhen, Eintrittskarten wurden unter der Hand gehandelt, ein perfektes Marketing sorgte für die kommerzielle Verwertung. "Es war völlig anders als alles, was ich aus Großbritannien kannte!" erinnert sich der Sportsoziologe John Horne aus Edinburgh noch heute mit großer Verwunderung. Unterstützt wurde dieses Fußballfieber von der Marketingagentur Hakuhodo, der zweitgrößten nach Dentsu, die in den späten 80er Jahren einen entsprechenden Auftrag zum Start der J-League bekommen hatte. 20 Städte in Japan wetteiferten darum, ein Teil der J-League zu werden. Die Verantwortlichen der J-League hatten jedoch entschieden, anfangs nur 10 Teams zuzulassen. Es setzte ein Ausleseprozess ein, ehe die 10 Teams dann ausgewählt wurden. Die Vermarktung sei perfekt gewesen, erinnert sich John Horne: "Jedes Team hatte seinen eigenen Spitznamen, sein eigenes Logo, die diversesten Produkte – zugeschnitten auf die speziellen Zielgruppen. Spielzeug für Kinder, Spielzeugähnliches für die Frauen, J-League-Waren wurden in rund 100 Geschäften in ganz Japan angeboten."
Wie so oft in Japan dauerte der Boom nicht allzu lange – schon wenige Jahre später ließ das Interesse der Öffentlichkeit an der J-League deutlich nach. Da kam 1996 die Entscheidung, das Finale der Fußball-Wm in Japan auszutragen, gerade recht. Seither laufen die Vorbereitungen - und nicht nur die sportlichen - auf Hochtouren. In Zeiten einer hartnäckigen Rezession erhofft sich Tokio, ebenso wie Seoul, wirtschaftliche Benefits durch die Fußball-WM. Die optimistische Annäherung: Sportliche Ereignisse ziehen ein Massenpublikum an, der Sporttourismus könnte zu einem ökonomischen Multiplikator werden. Die lokale Wirtschaft könnte durch Übernachtungen, Restaurant- und Barbesuche, sowie Reisen im Land profitieren.
Manche Ökonomen haben eine realistischere Sicht der Dinge. Die Geschichte der WM zeige, daß das Spektakel nur äußerst geringe Auswirkungen auf die Wirtschaft eines Landes habe. Andere wieder meinen sogar, daß die Wirtschaft überhaupt nicht von einer WM profitiere. Beispiel Tourismus: Viele, die vielleicht als Touristen ins Land gekommen wären, würden zum Zeitpunkt einer WM sicher nicht kommen, weil sie auf so viele Fußballfans treffen würden. Was passiert, ist also ein Austausch-Effekt. Nicht mehr Touristen, sondern bloß andere Touristen!
Rund die Hälfte der wirtschaftlichen Aktivitäten im Zusammenhang mit der WM hat bereits stattgefunden: durch die Investitionen in die Fußball-Infrastruktur. In Japan wurden acht Fußballstadien völlig neu errichtet, zwei andere renoviert. Gilt es doch, die Vorschriften der FIFA für die Unterbringung der Zuschauer einzuhalten: Und demnach müssen die Stadien mindestens für 40.000 Zuseher gebaut sein. Korea mußte alle 10 Stadien völlig neu aus dem Boden stampfen. In Sapporo, auf Japans nördlichster Insel Hokkaido, wurde mit riesigen Investitionen ein völlig neuartiges Stadium errichtet. Mit Hilfe von Hovercraft-Technologie kann das Spielfeld überdacht werden. In den britischen Medien sei viel darüber berichtet worden, erzählt John Horne, spielt England doch dort demnächst gegen Argentinien. Doch die Ausnutzung wird schon während der WM äußerst gering sein - alle Spiele in Sapporo finden innerhalb von 7 Tagen statt. Dann ist das Stadion lokaler Nutzung überlassen.
Doch passen derartige Stadien zu den regionalen Bedingungen? Tatsächlich ist etwa in Sapporo die Sorge groß, dass das örtliche Team der J-League, dessen Spiele zwar ganz gut besucht sind, bei weitem nicht die erhofften Besuchermassen anziehen wird. "Selbst bei guter Auslastung werden bei den Regionalspielen 16.000 bis 20.000 Plätze leer bleiben", schätzt John Horne. So sehe es im ganzen Land aus. Mit Sorge denkt vor allem die Bevölkerung in den Austragungsorten an die jährlichen Erhaltungskosten, die astronomisch sein werden. Das negative Vorbild Nagano vor Augen, befürchten sie, für das, was im Jahr 2002 stattfindet, noch im Jahr 2012 bezahlen zu müssen. Und was, wenn Fußball nach seinem derzeitigen Popularitätshoch wieder aus der Mode kommt?

19. März 2002

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