Ein dunkelgrauer Markt

Die Sklavenwirtschaft des 21. Jahrhunderts

Sechsjährige Mädchen, teilt Anti-Slavery mit, arbeiten als Hausangestellte auf den Philippinen oder in Europa, die etwas älteren werden in England zur Prostitution gezwungen, kleine Jungs werden in Südostasien geraubt und finden sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten als Kamel-Jockeys wieder (Foto; ein solcher sechsjähriger Pakistani kostet derzeit etwa 5500 Euro). Das Geschäft brummt: Jährlich werden siebenhunderttausend Kinder als Sklaven von einem Land in ein anderes verschleppt.
Übrigens: Die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 ist von zwei Staaten immer noch nicht ratifiziert - von Somalia und den USA.

Von Brigitte Voykowitsch

"Ich wurde in Mali von meiner Großmutter aufgezogen. Als ich noch ein kleines Mädchen war, ist eine Frau gekommen ... und sie hat gefragt, ob sie mich mit nach Paris nehmen kann, damit ich mich dort um ihre Kinder kümmere. Sie hat meiner Großmutter erzählt, daß sie mich auf eine Schule schicken würde. ... Aber als ich nach Paris gekommen bin, hat sie mich nicht in die Schule geschickt. Den ganzen Tag über habe ich arbeiten müssen. ... Jeden Tag habe ich schon vor sieben Uhr morgens angefangen; ungefähr um elf Uhr abends war ich fertig; einen freien Tag habe ich nie gehabt. ... Ich mußte auch dann arbeiten, wenn ich krank war. ... Geschlafen habe ich auf dem Fußboden ... zu essen habe ich das bekommen, was sie übrig gelassen haben. ... Sie (die Frau) hat mich oft geschlagen. ... Sie hat mich mit dem Besen und irgendwelchen Küchengegenständen geschlagen oder mich mit einem Elektrokabel ausgepeitscht. Manchmal habe ich geblutet; noch jetzt habe ich überall Narben. ... Einmal ... war ich zu spät dran, um die Kinder von der Schule abzuholen; meine Herrin und ihr Mann waren schrecklich wütend. ... Sie haben mich nackt ausgezogen, mir die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, und dann haben sie mich mit einem Draht ... ausgepeitscht. ... Dann hat sie mir Chilipulver in die Wunden und in die Vagina gerieben. Da bin ich bewußtlos geworden."

Ihre Rettung verdankt die heute 22-jährige Seba einem Nachbarn, der Geräusche von Mißhandlungen gehört hatte und die Polizei sowie das französische Komitee gegen moderne Sklaverei (Comité contre l'esclavage moderne, CCEM) verständigte. Mit ihrer Erfahrung, die der in England lehrende Soziologe Kevin Bales in seinem jetzt auch in deutscher Übersetzung erschienenen Buch "Die neue Sklaverei" aufgezeichnet hat, steht Seba freilich nicht alleine
da. Die Sklaverei mag offiziell seit Jahrzehnten abgeschafft sein. Tatsächlich aber gibt es nach den Schätzungen von Bales heute weltweit 27 Millionen Sklaven.

"Wenn man von der Abschaffung der Sklaverei spricht, dann gilt klarzustellen: Im 19. Jahrhundert wurden die ersten Gesetze verabschiedet, aber das eine ist, Gesetze zu haben, das andere, sie auch durchzusetzen", betont David Ould, Vizedirektor der in London ansässigen Organisation Anti-Slavery International. "In vielen Teilen der Welt wurden diese Gesetze nie ganz eingehalten. Erst 1970 hat zudem Oman als letztes Land der Welt die Sklaverei formell abgeschafft. Natürlich kommt es heute praktisch nicht mehr vor, daß Menschen auf Sklavenmärkten ver- und gekauft werden. Diese Vorstellung haben ja die meisten, wenn sie an Sklaverei denken; vor Augen haben sie dann Bilder von Sklavenmärkten in der Karibik oder den amerikanischen Südstaaten, wie sie in Filmen zu sehen waren. So etwas gibt es nicht mehr. Das Problem aber besteht weiter. Menschen werden als Besitz behandelt und aller Rechte und Freiheiten beraubt, die wir für selbstverständlich halten."

Die heute häufigste Form der Sklaverei ist die Schuldknechtschaft, weitaus seltener die Leibeigenschaft und die, wie Bales sie nennt, Vertragssklaverei, bei der Menschen mittels eines völlig rechtmäßig wirkenden Vertrages in menschenunwürdige Ausbeutungsverhältnisse gelockt werden. Während Schuldknechtschaft und Leibeigenschaft vor allem außerhalb der westlichen Welt zu finden sind, ist die Vertragssklaverei weltweit - und auch im Westen - im Ansteigen begriffen (Foto: Mädchen in einer Textilfabrik in Nicaragua).

Anti-Slavery International kann mit zahlreichen Beispielen das Schicksal von sogenannten Hausangestellten - zumeist Mädchen oder Frauen - belegen, die mit ihren Arbeitgebern in westliche Hauptstädte ziehen und dort ein Leben voller "Mißbrauch, Ausbeutung, Gewalt, körperlicher wie psychischer Folter und ohne oder fast ohne Bezahlung" fristen. Diese Personen haben zumeist keinerlei Kontakt zur Außenwelt, keinerlei Möglichkeit, über ihre Arbeitsbedingungen zu verhandeln und sind ihren Arbeitgebern vollkommen ausgeliefert. Wenn es ihnen gelang, zu entkommen, fielen sie sofort in die Kategorie illegale Einwanderer, denn ihre Aufenthaltsgenehmigung war von ihrem Verbleib bei jenem Arbeitgeber abhängig, mit dem sie eingereist waren.

Zumindest hier hat es dank des Drucks und der Lobbyingarbeit von Anti-Slavery und gleichgesinnter Organisationen eine wesentliche Verbesserung in Großbritannien gegeben. Seit Juli 1998 müssen Hausangestellte ihr eigenes Visum und ihre eigenen Dokumente bekommen, die sie nicht mehr an einen Arbeitgeber ketten, sondern ihnen die Möglichkeit eröffnen, eine andere Stelle zu suchen. Eine ganze Reihe britischer Botschaften aber hat, so Herzfeld von Anti-Slavery, bisher weder ihre Visa-Informationen auf den neuesten Stand gebracht noch in die jeweilige Landessprache übersetzt. "Auch die Interviews mit Hausangestellten werden weiterhin häufig in Gegenwart der Arbeitgeber geführt, obwohl die Neuregelung ausdrücklich Einzelinterviews vorsieht." Um das zu erreichen, wird es noch viel Engagements von seiten der einschlägig tätigen NGOs bedürfen, meint Herzfeld.

Selbst wenn die Schuldknechtschaft, wie erwähnt, vorwiegend in außereuropäischen Ländern und zumal in Südasien anzutreffen ist, so betrifft sie doch auch Hausangestellte in anderen Ländern, auch im Westen. So berichtet Anti-Slavery vom Fall der Filipina Alice. Als ausgebildete Ziviltechnikerin beschloß sie, eine Stelle in Kuwait anzunehmen, weil man ihr dafür einen sechsmal höheren Gehalt versprach als der, den sie je in ihrer Heimat hätte bekommen können. Um die Gebühren der Vermittlungsagentur zu bezahlen, nahm Alices Familie einen Kredit auf das künftige Gehalt auf. Doch bei ihrer Ankunft in Kuwait mußte Alice feststellen, daß der einzig für sie verfügbare Job der einer Hausangestellten war. Gegenüber der Agentur verschuldet, ohne Geld für ein Retourticket, blieb ihr nichts anderes übrig als die Stelle anzunehmen. Einige Jahre war sie in Kuwait, dann ging die Familie mit ihr nach London. Als ihr Arbeitgeber sie dort zu vergewaltigen versuchte, ergriff die Frau die Flucht. "Es war das erste Mal", so Anti-Slavery, "daß sie das Haus verlassen hatte."

Was die Schuldknechtschaft, wo immer sie auftritt, kennzeichnet, ist die völlige Unterwerfung der Verschuldeten unter ihre Kreditgeber. Verträge gibt es fast nie, und selbst wenn sie vorhanden sind, haben die zumeist analphabetischen ArbeiterInnen keine Chance, deren Rechtmäßigkeit und Einhaltung zu überprüfen. Wucherzinsen werden in einem Maße angerechnet und zugleich erbrachte Arbeit nicht honoriert, daß oft noch EnkelInnen einen Kredit zurückzahlen müssen, den der Großvater Jahrzehnte zuvor aufnahm. "Wir wissen von Fällen, wo eine Schuld binnen weniger Monate hätte getilgt sein müssen, wäre alles mit rechten Dingen zugegangen", erzählt Beth Herzfeld. "Tatsächlich aber rackerten sich Familien auch noch 15 Jahre später ab, um die Schuld abzutragen."

Überhaupt nicht überraschend kam für Herzfeld jener Fall von Kindersklaven in Benin, der vor einem Jahr durch die Medien ging. "Anti-Slavery verfolgt den Handel mit Kindersklaven in Westafrika seit fünf Jahren. Der einzige Unterschied diesmal war, daß normalerweise kleinere Boote zum Transport von Sklaven verwendet und die großen Wasserstraßen gemieden werden. Oft werden die Kinder in der Nacht auf die Schiffe geladen und auch in der Nacht wieder ausgeladen. Der Vorfall vom April 2001 war also nicht einmalig, er hat aber - und das ist sehr wichtig - die internationale Aufmerksamkeit auf dieses Problem gelenkt, das es seit vielen Jahren in dieser Region gibt und im Anwachsen begriffen ist."

Die Kinder werden, so Herzfeld, von den ärmeren Ländern der Region in die reicheren gehandelt, von Benin nach Gabun, von Mali in die Elfenbeinküste, also von Staaten mit extremer Armut in solche, die verhältnismäßig wohlhabender sind, aber auch innerhalb von Staaten von ärmeren ind reichere Gebiete. Die Eltern überlassen ihre Kinder den angeblichen Jobvermittlern, weil sie in ihrer Armut keine andere Lösung sehen. "In den ärmeren Regionen glauben die Menschen einfach, daß es anderswo bessere Chancen gibt und es sich lohnt, ein Risiko einzugehen."

"Sklaverei", sagt Soziologe Bales, "gedeiht am besten in äußerster Armut." Armut allein macht allerdings aus Menschen noch keine Sklaven. Es muss, betont er, auf der anderen Seite Personen geben, die die Verletzbarkeit der Armen ausnützen. Derartiger Ausbeutung wird man nach Ansicht des Soziologen mit offiziellen Erklärungen und Gesetzen zur Abschaffung der heute üblichen Formen von Sklaverei daher auch nicht beikommen können. Entscheidend wird sein, welche Begleitmaßnahmen zur Armutsbekämpfung und Unterstützung der Betroffenen ergriffen werden.

"Oft geschieht die Reaktion aus dem Bauch heraus: Wenn man die Sklaverei beenden will, dann muß man eben die Sklaven entlassen", sagt Herzfeld. "Doch das genügt in der Regel nicht. Man benötigt ein Netzwerk für diese gerade entlassenen Sklaven, damit sie nicht sofort wieder in eine neue Form der Sklaverei geraten, sondern sich ein neues Leben aufbauen können." Nepal bietet da ein gutes Beispiel. Am 17. Juli 2000 erklärte die nepalesische Regierung die Schuldknechtschaft für illegal. "Das war natürlich absolut zu begrüßen. Aber es gab keine Unterstützung für diese Menschen, die zumeist in der Landwirtschaft gearbeitet hatten." Viele Menschen, erzählt Herzfeld, wurden also von ihren bisherigen Arbeitgebern entlassen und weggeschickt, ohne irgendeine Kompensation zu erhalten. Sie verbrachten Monate unter freiem Himmel, bis ihnen lokale und internationale Organisationen Zelte und Reis zur Verfügung stellten. "Schließlich erklärte sich die Regierung bereit, den Menschen Land zur Verfügung zu stellen, doch das Land, das sie jeweils geben will, ist viel zu klein, um eine Familie zu ernähren. Wir machen nun gemeinsam mit anderen Organisation Druck auf die Regierung. Wenn Regierungen Sklaverei beenden wollen, dann ist es auch wichtig, daß es Unterstützung gibt, Land, einkommensschaffende Projekte, Bildungsprogramme und dergleichen mehr. Die Idee, Menschen aus der Sklaverei zu befreien ist es doch, ihnen eine bessere Existenz zu ermöglichen."

Wie auch all jenen Kindern, die in Armut aufwachsen. Anti-Slavery spricht sich nicht grundsätzlich gegen Kinderarbeit aus, "wenn diese", so Herzfeld, "infolge der ökonomischen Realitäten unumgänglich ist." Wogegen die Organisation aber sehr wohl ankämpft, ist jede Art der Versklavung von Kindern. Wenn sie schon verdienen müssen, dann sollen es menschenwürdige und gesundheitlich unbedenkliche Bedingungen sein, die genügend Freizeit gewähren und vor allem auch Zugang zu Schuldbildung ermöglichen. Kurz: Es sollen alle internationalen Konventionen zum Schutz der Rechte von Kindern eingehalten werden.

Eine rasche Lösung für das Problem der modernen Sklaverei ist freilich nicht in Sicht, muß Anti-Slavery eingestehen. Denn wenn Armut und die Ausbeutung der Armen die Hauptursachen sind, dann können einzelne Maßnahmen und Programme nur Linderung verschaffen, danach gilt es, die ökonomischen Strukturen, die diese Armut hervorrufen, von Grund auf zu verändern.

Kevin Bales, Die neue Sklaverei, Kunstmann-Verlag, München 2001
Bridget Anderson, Doing the Dirty Work, Zen-Books, London 2000
http://www.antislavery.org


19. März 2002

Leserbrief


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