|
|
Lateinamerika Die Wiedergeburt des Simón Riquelo Eine mehr als zwei Jahrzehnte andauernde Suche einer uruguayischen Mutter nach ihrem Sohn, der ihr als Baby von den Schergen der Militärdiktatur entrissen wurde, fand vor wenigen Wochen ein glückliches Ende. Werner Hörtner
In den 70er-Jahren war fast ganz Lateinamerika von einem Netz von Militärdiktaturen überzogen, die sich unter anderem die Ausrottung jeglicher politischer oder weltanschaulicher Opposition auf ihre Fahnen geschrieben hatten. General Pinochet setzte im September 1973 in Chile den blutigen Auftakt zu dieser Epoche des Schreckens (nur Brasilien war schon 1964 "vorausgeeilt"), bald darauf folgten auch Argentinien und Uruguay. Die Sicherheitskräfte dieser Länder arbeiteten, mit tatkräftiger US-amerikanischer Unterstützung, im sogenannten Plan Condor engstens bei der "Endlösung" für Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten und alle vermeintlichen SympathisantInnen zusammen. Im Rahmen dieses Plans wurden viele in Argentinien lebende uruguayische politische AktivistInnen festgenommen und der effizienten Foltertechnik der argentinischen Militärs ausgeliefert. Wenn sie nicht in den Folterzentren starben, wurden sie auf irgendeine andere Weise in den Tod geschickt, etwa durch den Abwurf von Hubschraubern ins offene Meer. Auf 30.000 "Verschwundene" berechnete eine Untersuchungskommission unter Leitung des Schriftstellers Ernesto Sábato die Zahl der Opfer der argentinischen Endlösung. Sara Méndez war Aktivistin einer in Uruguay sehr aktiven Linkspartei,
dem Partido por la Victoria del Pueblo (PVP), der "Partei für
den Sieg des Volkes". Aus der erhofften Revolution wurde nichts;
die meisten MitstreiterInnen dieser Partei wurden entweder in Uruguay
oder in Argentinien, wohin sie geflüchtet waren, verhaftet und
"verschwanden", einigen gelang die Flucht ins Exil. "Seien Sie nicht besorgt, dieser Krieg ist nicht gegen Kinder gerichtet", hatte Major Gavazzo Frau Méndez mitgeteilt, nachdem man ihr den kleinen Simón entführt hatte. Was kein Einzelfall war. Es war sogar die Regel in Argentinien, dass jungen Müttern vor ihrem Verschwindenlassen die Kinder weggenommen und diese dann kinderlosen Militärs oder Polizisten zur Adoption übergeben wurden: Der Krieg war ja "nicht gegen Kinder gerichtet". So kommt es, dass von den derart geraubten Kindern, die vor allem auf Grund von Recherchen von Menschenrechtsorganisationen in den letzten Jahren ihre wahre Identität erfuhren, fast alle nur mehr ihre Großeltern lebend antrafen. Wie etwa im Fall des argentinisch-jüdischen, in Mexiko lebenden Schriftstellers Juan Gelman, dessen Enkelkind Claudia vor knapp zwei Jahren ausfindig gemacht wurde. Nach ihrer Freilassung Anfang der 80er-Jahre begann Sara, nach ihrem
verschwundenen Kind zu suchen. Lange Zeit konzentrierte sie die Suche
auf einen Jungen, der von ihr nichts wissen wollte, der zufrieden mit
seiner Familie lebte und lange auch jede Blutanalyse verweigerte. Der
österreichische Autor Erich Hackl schrieb ein Buch über die
berührende und erschütternde Suche der uruguayischen Mutter
nach ihrem Sohn ("Sara und Simón", Diogenes 1994),
die damals noch ganz im Zeichen der Hoffnung stand: Sara war überzeugt,
ihren Simón gefunden zu haben - erst vor knapp zwei Jahren erwies
sich durch eine DNA-Analyse, dass ihre Fährte nicht die richtige
war. Als im März 2000 Jorge Battle in Uruguay das Präsidentenamt antrat, versprach er - im Gegensatz zu seinen Vorgängern - , sich um die Aufklärung des Schicksals der Verschwundenen und vor allem der von den Militärs geraubten Kinder zu sorgen. Ein Thema, das bis damals in Uruguay, genau so wie in Argentinien, tabu war. Die Folterer oder ihre Auftraggeber in den Sicherheitskräften konnten im Schutze eines Amnestiegesetzes in Ruhe weiter ihren Dienst versehen oder ihre Pension genießen. In diesem Sinne waren Battles Ankündigungen eine Sensation - der allerdings kaum Taten folgten. Die Suche nach Gelmans Enkelin erfolgte ohne jegliche staatliche Unterstützung, und auch bei der Suche nach Simón zeigte sich die eigens zur Aufklärung solcher Fälle ins Leben gerufene "Friedenskommission" wenig kooperationsbereit. Auch wenn die Regierung sich nun die Auffindung von Simón auf ihre Fahnen schreiben will und Battle von einem Festtag für alle Uruguayer spricht: Sara selbst, die es ja am besten wissen wird, gibt an, seitens der Kommission bei ihrer Suche überhaupt keine Hilfe erfahren zu haben. Im Gegenteil, es wurde ihr sogar angedeutet, dass ihr Baby gleich nach dem Raub in einer Klinik in Buenos Aires gestorben sei, und öffentlich wurde Sara Méndez kritisiert, mit ihrer Suche nach dem Sohn eine politische Kampagne gegen die Regierung zu betreiben. Auf Grund der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen in Uruguay hatte Sara nämlich im vergangenen Jahr eine Europa-Reise unternommen und hier mit EU-ParlamentarierInnen, Ministern und politischen Entscheidungsträgern gesprochen und sie gebeten, bei der uruguayischen Regierung in ihrem Sinn zu intervenieren. Denn nur ein Einblick in die Militärarchive schien Aussicht auf Erfolg bei ihrer verzweifelten Suche zu versprechen. Die Hilfe kam jedoch von anderer Seite. Der Journalist Roger Rodríguez und der Senator Rafael Michelini, Vorsitzender einer kleinen sozialdemokratischen Partei Uruguays, hatten sich auf eigene Faust auf die Suche nach Simón gemacht. Wobei Michelini auch einen persönlichen Beweggrund für sein Engagement hatte: Sein Vater Zelmar Michelini, ebenfalls Abgeordneter, war einen Monat vor Sara in das argentinische Folterzentrum Automotores Orletti überstellt worden - und ist seither verschwunden. Den beiden gelang es in mühevoller Recherche, jenen Soldaten aufzufinden, der damals den kleinen Simón adoptiert bzw. als eigenes Kind legalisiert hatte. Simón hatte nie von seiner wirklichen Herkunft erfahren. Bis zu jenem 3. März d.J., als ihm - nach einem Besuch von Senator Michelini - sein Adoptivvater seine wahre Identität eröffnete und ihm auch mitteilte, seine Mutter sei eine ehemalige politische Gefangene, die schon seit über zwanzig Jahren nach ihm suche. Wenige Tage später ging Michelini mit dem Jungen zu einem Bluttest, der die Vermutung zur Gewissheit werden ließ: Simón war gefunden! Er rief sofort, mit dem Handy des Senators, seine Mutter in Montevideo an, symbolischerweise am 8. März, am Internationalen Frauentag, der zum glücklichsten Tag im Leben der Sara Méndez werden sollte. Wenige Tage später das Wiedersehen in Buenos Aires. Eine fast
unmögliche Beziehungsgeschichte scheint zu gelingen. Simón
akzeptiert völlig jene wildfremde Frau, die nun als seine Mutter
auftaucht, und steht weiterhin zu seinen Eltern, bei denen er, nach
eigenen Angaben, eine glückliche Kindheit verbracht hat. Sara Méndez:
"Es ist wirklich eine fantastische Geschichte. Unsere Beziehung
begann mit viel Aufrichtigkeit und Vertrauen. Natürlich muss man
das Vertrauen erst weben und pflegen, doch wir haben zumindest auf der
wichtigen Grundlage einer gegenseitigen Öffnung begonnen." |
Haben Sie schon unseren kostenlosen Newsletter abonniert? |
|||||
|
|