Im Orchester

Von Stefan Mangold

In Darmstadt unterrichtete mich ein Lehrer. Der hieß Wilhelm Walther, pensionierter Hornist des Staatstheaters der Stadt der Künste und des Jugendstils. Walther spielte das Horn vor dem Krieg in Berlin unter Dirigenten wie Furtwängler, Karajan und Richard Strauss. Wie viele Menschen jenseits der Pensionsgrenze erzählte Walther gerne Anekdoten. In jeder gab es einen Helden: Walther selbst.

Der Wiener Dirigent Karl Böhm, dessen Sohn Karlheinz an der Seite von Romy Schneider den Kaiser Franz Joseph in einigen Filmen mimte, soll dem jungen Hornisten vom Pult aus zugerufen haben, "Walther, sie sind mein bester vierter Hornist." Sissis Schwiegervater war sonst von Hornisten gefürchtet. Nur Walther fand ob seiner trefflich geblasenen tiefen Töne des Maestros Respekt.

Einmal rief Emmerich Smola, der Chefdirigent des Unterhaltungsorchesters Kaiserslautern, Walther an. Dessen vierter Hornspieler fühlte sich an dem Tag nicht gut und Smola brauchte Ersatz. Walther legte dem Dirigenten statt seiner einen Kollegen ans Herz, "Nehmen sie den." Denn dieser Kollege fand sich unter Wert geschätzt. Smola lehnte ab, "Herr Walther, warum soll ich einen anderen nehmen, wenn ich den besten haben kann."

Bei seiner Verabschiedung überreichte ihm Generalmusikdirektor Hans Drewanz, wie zu solchen Anlässen üblich, ein Präsent samt Abschiedsbrief. Den später längs und quer mit Tesafilm beklebten Brief trug der Rentner für den Rest seines Lebens in einer Männerhandtasche bei sich.

Im Laufe der Unterrichtsjahre las Walther mir das Schriftstück mehrmals vor. Wann immer es ihn drängte, fragte Walther: "Übrigens, kennst du den Brief?" und zog am Reißverschluss der Handtasche. Ich verneinte, so oft wie gefragt.

An den Inhalt kann ich mich kaum erinnern. Das Übliche eben, "stets guter Hornist, Dank für Treue, immer vermissen." Walther sah in dem Brief den Beweis für eine exponierte Stellung in der Horngruppe. "Ich denke, das hört man raus." "Allerdings", stimmte ich zu.

Mir wurden Walthers Geschichten und Epistellesungen zunehmend lieber. Ich war achtzehn, hatte die Schule abgebrochen "um Musik zu studieren." Jedenfalls schrieb ich das später in Lebensläufen. Die halbe Wahrheit. Eigentlich hätte ich gestehen müssen, "meine schulischen Leistungen waren hundsmiserabel, mir blieb keine andere Wahl."

Musik studierte ich noch nicht lange, da war mir die Lust schon vergangen. Ursächlich waren drei Minuten. Die ersten drei Minuten der Orchesterproben zu der Oper "La Bohème" von Puccini.

Ich hatte Drewanz für eine Volontärsstelle am Staatstheater vorgespielt. Der GMD sagte zu meiner Interpretation der Hornsonate in F- Dur Opus 17 von Beethoven wenig. Aber mein Spiel reichte aus.

Zuerst saß ich in der Operette "Csardasfürstin" von einem gewissen Emmerich Kàlmàn am dritten Horn. Da die Produktion bereits lief, hörte ich mich erst ein. Ich setzte mich in den Orchestergraben neben den dritten Hornisten und sah dem auf die Noten. In der nächsten Vorstellung spielte ich und er saß mit dem Horn in der Hand daneben. Zur Not wollte er einspringen. Hinterher sprach er, "Det is jetz dene Operette." Er könne "den Heini" nicht mehr sehen. Er meinte den zweiten Kapellmeister Fröhlich. Und ich war froh, den dritten Hornisten nicht mehr sehen zu müssen. Vorerst.

Der dritte Hornist zeigte seinen Geist stets sparsam, und möglicherweise vorhandene Musikalität versteckte er ganz. Spielte er sich vor Vorstellungen oder Proben ein, presste er das Mundstück an die Lippen und lief im Gesicht rot an. Dann blies er, so laut es ging, Dreiklänge hoch und runter. Setzte er einen Ton daneben, betrachtete er ungläubig sein Instrument, als hätte der Missklang an fehl gebogenem Blech gelegen. Manchmal schlug er dann mit der flachen Hand auf den Trichter des Hornes. "Dumm wie ein Ofenrohr ", hörte ich in der Kantine im Vorbeigehen mal einen Sänger über ihn sagen.

Die "Csardasfürstin" machte Freude. Das lag mehr an einer Balletttänzerin, weniger an Kàlmàns Musik. Ich erklärte dem dritten Hornisten, "wirklich jede" Vorstellung spielen zu wollen. Ich bräuchte Routine.

Gab es in meinem Part längere Pausen, schlich ich in die Ecke des Grabens und stellte mich auf die Zehenspitzen. Dann sah ich sie. In einer Szene machte der Tenor ein Bonmot und das Ballett lachte. Meine Tänzerin hörte ich raus. Ihre Stimme kannte ich aus der Kantine.

Das Beste kam zum Schluss, wenn sich die Protagonisten verbeugten. Dann stand das Ballett am Rand der Bühne und ich sah sie in voller Größe. Einmal lächelte mir die grazile Schönheit zu. Drei Tage hatte ich das Bild vor meinem inneren Auge und dachte an wenig anderes. Angesprochen habe ich sie nicht. Ich war jung und schüchtern.

Es gibt ein Drama von Peter Weiss. Das trägt einen langen Titel, "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade." Es führte zu weit, den Inhalt zu erläutern. Nur soviel: Das Hospiz zu Charenton war eine französische Irrenanstalt. Dort übten Patienten Theaterstücke ein und der Marquis de Sade, nicht der Erfinder, aber der Namensgeber des Sadismus, übernahm hinter den Anstaltsmauern die Leitung. Für die Schauspieler ist das Drama eine heikle Aufgabe. Sie spielen psychisch Kranke, die wiederum historische Figuren wie Jean Paul Marat oder Charlotte Corday darstellen. Ich hatte das Stück gerade gelesen und war beeindruckt.

In der ersten Probe zur Puccinioper kam es mir vor, als seien manche Anwesende ebenfalls Insassen einer Anstalt und müssten Musiker spielen. Natürlich nicht von Charenton, aber in der Nähe von Darmstadt gibt es die Heime von Nieder-Ramstadt und Goddelau. Der Solokontrabassist schüttelte in einem fort den Kopf. Das alleine noch hätte auf ein zwar tragisches, vielleicht psychisch bedingtes, dennoch physisches Leiden hindeuten können. Doch der Bassist streckte die Zunge raus und faselte wirr im gleichen Berliner Dialekt wie der dritte Hornist.

Vielleicht hätte ich das Verhalten mit der mir bis dahin bekannten Welt noch in Einklang gebracht. Was mich eigentlich beunruhigte, war das Desinteresse der anderen Musiker an der Szene. Der dritte Hornist zog sein linkes Bein an, faltete über der Kniescheibe die Hände und schloss die Augen. Die Soloklarinettistin drehte sich um und erzählte Kollegen von ihrer Wut auf eine bestimmte Person. Sie habe vor, der mit entkleidetem Gesäß voran ins Gesicht zu springen. "Mit Dünnschiss ", schloss sie die Ankündigung ab. Ich kam nicht umhin, mir Geschildertes bildlich vorzustellen und konzentrierte mich, dem Brechreiz nicht nachzugeben. Es gelang. Anschließend waren meine ersten drei Minuten Probe in einem professionellen Orchester vorüber. Der Kopf des Bassisten wackelte weniger.

Kaum wohler war mir bei den Bühnenproben, Orchester mit Sängern und Chor. Einmal fiel das Objektiv eines Fotoapparates von der Bühne in den Orchestergraben und landete neben dem backenbärtigen, wohlgenährten Solofagottisten. Der schaute auf den Holzboden. Es verging eine Weile. Er mühte sich, das Geschehnis zu realisieren. Er schaffte es. Und ergriff das Wort. Er sprach von "Sauerei" und "Anschlag". Später flocht er noch "Beschwerde" und "Verklagen" in seine Rede ein. Möglicherweise hatte der Holzbläser lange nichts erlebt. Jetzt hatte es unten neben ihm eingeschlagen. Endlich.

Nach den drei ersten Minuten war klar, ich werde niemals Orchestermusiker. Meine Exerzitien auf dem Horn wurden mir zunehmend fader. Darum war es mir recht, ging der Unterricht rum, indem Lehrer Walther dieselben Geschichten ein ums andere Mal erzählte. Eine kleine Fähigkeit kam mir dabei zupass. Seit jeher kann ich einem Gegenüber den Eindruck vermitteln, ich hörte zu. Dabei denke ich an andere Dinge, möglicherweise ein Relikt aus der Schulzeit.

Durch gespielte Aufmerksamkeit sind viele Lehrer anfangs zu bluffen. Zwischenfragen deuten Interesse an. Einmal kam ein Chemielehrer neu in die Klasse. Den fragte ich in der dritten Stunde, was der grundlegende Unterschied zwischen einem synthetischen Stoff und dem Naturstoff sei. Könne man nicht den chemischen Aufbau exakt kopieren.

Heute interessierte mich die Antwort. Damals hörte ich nicht hin, schaute aber drein, als ob. In den folgenden Chemiestunden meldete ich mich nur noch selten. Mein Schweigen hielt der Lehrer für beredt. Im Halbjahreszeugnis bekam ich die Note zwei. Später wurden Klausuren geschrieben. Der Schwindel flog auf.

Walther stellte ich Fragen wie, "Warum sprechen Sie kein Sächsisch, wo Sie doch in Dresden aufgewachsen sind." Walthers fehlendem Sächsisch ging es wie dem synthetischen Stoff. Bis heute weiß ich nicht, warum Walther kein Sächsisch sprach.

Nicht jeden meiner Einsätze im Orchester platzierte ich präzise. Während der Vorstellungen war ich nervös, was nicht am Publikum lag. Von dem sah ich aus dem Graben ohnehin im Dunkel des Ranges nur Silhouetten. Unweit von mir saß die Harfenistin, eine hagere Frau über das mittlere Alter hinaus. Wäre ich abergläubig, würde ich sagen, sie hatte den bösen Blick. Jedenfalls starrte sie mich oft von der Seite an, dass ich so manchen Ton zu spielen mich nicht traute und andere verblies. Das merkte sie und trug es Kollegen zu.

Einen Tag vor Heiligabend spielte ich nach einem knappen Jahr das letzte Mal in einer Vorstellung. Die Nacht zuvor hatte ich betont viel Bier getrunken. Den Tag übte ich kaum und spielte mich unzureichend ein. Als ich am vierten Horn das tiefe "a" mehrere Takte aushielt, und sonst nur Streicher strichen und jeder das "a" hörte, wackelte meine Intonation. Mein "a" war erst zu hoch und dann zu tief. Es kam mir vor, als blickte die Frau an der Harfe wie ein Vogel, gemalt von Hieronymus Bosch, zu mir her. Dann drehte sich der Solooboist um und schaute skeptisch. Dessen Gesichtsausruck ließ zwar Intelligenz vermuten, doch mir und meinem verblasenem "a" half das nicht.

Im neuen Jahr meldete ich mich im Theater nicht mehr. Vom Theater hörte ich auch nichts.

Jahre später saß ich mit meiner damaligen Freundin in einem italienischen Restaurant. Ein bulliger Mann mit Stiernacken kam rein und setzte sich an einen Tisch gegenüber. Er redete schnell und gestikulierend und verlangte die Karte. Der Mann war den Kellnern bekannt. Denn ein Ober ignorierte seinen Wunsch und kündigte ihm ohne Umschweife an, was er ihm bringen werde. "Ja, ja, bring nur." Dann stellte man ihm ein Glas Rotwein auf den Tisch. "Die sind fit, Mensch sind die fit ", murmelte er vor sich hin und schaute in Richtung der Angestellten. Nach einer Weile kam das Essen. Ein Stück Fleisch mit Pommes Frites. Der Mann zerkaute alles und spuckte es aus, bis nur noch Brei auf seinem Teller lag. Auch während des Kauens hörten wir ständig "Die sind fit".

Ich hatte meiner Freundin gleich bei dessen Eintreffen gesagt, er sei es. Aufgrund seines Benehmens hielt ich das zwischendurch für unmöglich. Als wir beim Rausgehen nahe an seinem Tisch vorbeigingen, gab es keinen Zweifel. Der bullige Mann saß in den ersten Geigen im Orchester des Staatstheaters.

In Baden-Baden spielte in den sechziger Jahren im Südwestfunkorchester einer Posaune. Der füllte einen Lottoschein aus und gewann ein hübsches Sümmchen. Darauf versammelte er die Kollegen auf dem Funkgelände vor dem Rosbaudstudio und legte sein Instrument auf den Asphalt. Eine Dampfwalze fuhr drüber. Der Posaunist kündigte die Planstelle. Lehrer Walther hatte mir die Geschichte erzählt und regte sich auf. Ich auch. Ich war 15 Jahre alt und motiviert. Später fiel mir das Glück der richtigen Zahlen nicht zu. Dennoch hängte ich nach dem Examen das Horn an den Nagel.

Neulich erfuhr ich von einem Fall, der mich an den der gewalzten Posaune erinnert. Ein Kommilitone von damals bekam später die Stelle des stellvertretenden Solohornisten in einem Orchester in Niedersachsen. Vor einem Jahr machte dort ein Zirkus Station. Die Zirkusleute riefen die Polizei. Mein Kommilitone hatte sein Horn vor dem Zelt neben einem Tier auf den Boden gelegt und wiederholt ausgerufen: "Tritt bitte drauf, du Schwein." Der Elefant ignorierte den Wunsch. Der Hornist weinte. Gestern rief ich dessen Mutter an. Die Frau hat Hoffnung. "Bald kommt mein Junge aus der Anstalt wieder raus."

4. Mai 2002

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