Islamismus

Die Waffe der Religion

"Nachdem Mohammed Prophet geworden war, predigte er etwa zehn Jahre, ohne zu kämpfen oder die Kopfsteuer zu erheben. Er war gehalten, Konflikte zu vermeiden und Geduld zu beweisen. Dann erlaubte ihm Allah, von Mekka nach Medina auszuziehen und eine Schlacht zu schlagen. Anschließend befahl Er ihm, diejenigen zu bekämpfen, die ihn bekämpfen, und diejenigen zu verschonen, die ihm zwar nicht anhingen, ihn aber auch nicht bekriegten. In der Folge befahl Er ihm, gegen die 'Assoziierer' [die Gott mit anderen Gottheiten verknüpfen] zu fechten, bis die Religion allein Allah zukomme. Nachdem er den Befehl, den Dschihad zu führen, erhalten hatte, sah er sich drei Gruppen von Ungläubigen gegenüber: denjenigen, denen man eine Waffenruhe gewähren kann, denjenigen, gegen die man Krieg führt, und denjenigen, die die Kopfsteuer entrichten. ... Als die Sure al-baquara [Sure 2, "Die Kuh"] offenbart wurde, fällte sie den Urteilsspruch über jede Gruppe der Ungläubigen: Es wurde ihm befohlen, seine Feinde unter den Schriftbesitzern so lange zu bekämpfen, bis sie die Steuer entrichteten oder sich zum Islam bekehrten, einen gnadenlosen Dschihad gegen die Gottlosen und die Heuchler zu führen. Er führte den Dschihad gegen die Ungläubigen mit Schwert und Lanze und gegen die Heuchler mit Argumenten und Worten."
Aus: Saiyid Qutb, Wegmarken (zitiert nach Kepel, Das Schwarzbuch des Dhischad)

Schnell fertig sind die Kriegsherrn mit dem Wort: Bush jr. mit seinem Feldzug gegen "die Achse des Bösen" oder auch Daniel Sharon, der nun seit Wochen "die Infrastruktur des Terrorismus" zerstört. Ach, wäre die Welt nur so einfach!
Wer aber Genaues über die Struktur des islamistischen Terrors erfahren will, sollte ein paar Tage lang alle simplifizierenden Zeitungsmeldungen beiseitelegen und sich auf Gilles Kepels herausfordernd detaillierte Studie "Das Schwarzbuch des Dschihad" einlassen (und sich auch nicht von diesem nach einem Sekundärerfolg schielenden Titel abschrecken lassen; hat es der Verlag wirklich nötig, schon wieder ein "Schwarzbuch" herauszugeben, selbst dann, wenn der Originaltitel nüchtern "Dschihad - Ausbreitung und Niedergang des Islamismus" lautet?).
Die französische Originalversion ist zwar schon vor dem 11. September erschienen. Die deutsche Ausgabe enthält aber immerhin ein eigenes Vorwort, das die Attentate in New York und Washington zur Hauptthese des Verfassers in Beziehung setzt. Dabei ist diese These, daß der Islamismus bereits im Niedergang begriffen sei, weder für die Lektüre besonders wichtig, noch historisch überzeugend, so daß es sich relativ bemüht anhört, wenn der Autor den 11. September als Versuch ansieht, diesen Niedergang umzukehren - einen Versuch übrigens, dessen Erfolg oder Mißerfolg - wie er in unguter Journalisten-Manier formuliert - "abzuwarten bleibt".
Kepels "Bilanz der zurückliegenden Epoche" lautet: "Einigen islamistischen Bewegungen ist es gelungen, an die Macht zu kommen, während andere (die meisten) gescheitert sind." Auch in der islamischen Welt habe sich seit 1995 die Einsicht durchgesetzt,

daß die politische Ideologie die Bewegung überall in eine Sackgasse geführt hatte: unkontrollierte Gewalt in Algerien und Ägypten oder wirkungslose Gewalt in Palästina; politisches und wirtschaftliches Scheitern nach der Machtübernahme im Sudan und in Afghanistan; Bürgerkrieg zwischen den Konfessionen in Pakistan; Kooption durch eine Diktatur und Mißbrauch des moralischen Kredits in Mahathirs Malaysia und Suhartos Indonesien; Unfähigkeit in der Türkei und Jordanien, den politischen Zwängen in einer Koalitionsregierung zu gehorchen; nicht zu vergessen das Scheitern des iranischen Regimes, jedenfalls gemessen an den großen Hoffnungen, die man überall in der muslimischen Welt an die Revolution geknüpft hatte.

Eine solche Abschlußbilanz ist schon deshalb wenig überzeugend, da sie durch die Fülle der übersichtlich dargelegten Ereignisse vom Autor selbst dementiert wird: Wir erfahren, wie die unzähligen islamistischen Bewegungen, Gruppen und Splittergruppen geradezu proteushaft schwanken zwischen öffentlichem Auftreten, Organisiertheit, Abtauchen, Auflösung, Untergrund, latentem Weiterleben, Wiederaufstieg, Unterdrückung, Aktivismus, Rückzug, Neugründung, Staatsnähe - Aggregatzustände, die in der islamischen Welt seit wenigstens sieben Jahrzehnten in beliebiger Dauer und Reihenfolge durchlaufen werden. Und da soll ein fünfjähriger, historisch gesehen allenfalls vorübergehender Rückschlag schon den Niedergang des Islamismus bedeuten?

Nein, das große Verdienst von Kepels Buch ist nicht diese These, sondern die vorbildlich recherchierte, ungewöhnlich genaue Beschreibung der verschiedenen islamistischen Strukturen und ihrer vielfältigen Verbindungen untereinander und nach außen. In drei großen Abschnitten deckt der Autor zuerst die historischen Entstehungsgrundlagen auf, bevor er die Weiterentwicklung des Islamismus in den einzelnen Ländern bis zur Gegenwart verfolgt. Dabei werden vor allem vier beeindruckende Sachverhalte herausgearbeitet:
- die entscheidende Bedeutung der Muslim-Bruderschaften, die, auch wenn sie scheinbar - und selbst dann nur zeitweise - aus dem politischen Prozeß ausscheiden, immer wieder neue Seitentriebe und Ableger entwickeln, quer durch die gesamte arabische Welt;
- die Opposition zwischen Islamismus und (areligiösem) Nationalismus, das heißt: zwischen der großen Gemeinschaft aller Gläubigen und einer partikularen staatlichen Organisation: zwei Geschichtsvisionen, deren Unvereinbarkeit in der jüngsten Geschichte vieler arabischer Länder eine erhebliche Rolle spielt, vom Westen aber kaum wahrgenommen wird;
- der Einfluß "historischer" Ereignisse auf die Virulenz des Islamismus (wie wirkte sich zum Beispiel der siegreiche Dschihad gegen die Russen in Afghanistan oder auch Saddam Husseins Krieg gegen Kuweit auf den terroristischen Islamismus aus?); und
- der weitgespannte Fächer islamistischer Erscheinungsformen, der von unauffälliger Identifizierung mit diversen Spielarten des Islam - etwa in Form karitativer Aktivitäten - hinüberreicht bis zu den Gewalt-Extremen des "dschihadistischen Salafismus"; hierbei verschwimmen Abgrenzungen und Übergänge so sehr, daß die Behauptung, der islamistische Extremismus habe mit "dem Islam" nichts zu tun, unhaltbar wird; in fast allen sozialen Schichten der islamischen Länder findet die islamistische Gewalt mindestens zustimmendes Schweigen, mit andern Worten: eine Sympathisantenszene.

Die fluide Existenz der islamistischen Gruppen ist wohl der nachhaltigste Eindruck, den Kepels Buch hinterläßt. Sie ist offenbar nur möglich in einem Milieu aus starken, genauen und unwandelbaren Grundüberzeugungen, die einer "Idee" auch dann noch Halt und Dauer geben, wenn sie zeitweise ohne alle Organisationsformen auskommen muß. Der areligiöse Westen dagegen kennt heute keine so unorganisierte Permanenz, ja er steht ihr zutiefst verständnislos gegenüber.
Gelegentlich behilft man sich in dieser Schwierigkeit mit dem Ausdruck "Netzwerk". Auch Kepel:

Der Aufruf zum Dschihad in Afghanistan und seine praktische Ausführung waren nicht das Werk der einzelnen muslimischen Staaten, sondern der überstaatlichen religiösen Netzwerke. Sie gruppierten sich um eine gewisse Anzahl ulema und wurden von teils bereits bestehenden Organisationen wie der Islamischen Weltliga oder von ad hoc gegründeten Organisationen unter ihre Fittiche genommen, die in der "salafistischen Bewegung" wurzelten, einer Bewegung, die, konservativ im weiteren Sinne, zwischen dem saudischen Wahhabismus und den Muslimbrüdern anzusiedeln ist.

Aus derart heterogenen Bestandteilen des Islamismus können also überraschende Koalitionen auf Zeit hervorgehen. Andere Allianzen - dramatischere - sind aber auch zwischen einer Staatsmacht und islamistischen Gruppen möglich. Schon König Faruk sah die Muslim-Bruderschaften nicht ungern in seiner Nähe, da sie den säkularen Nationalismus bekämpften, den Feind der Monarchie. Später jedoch unterstützten die Bruderschaften plötzlich den Nationalisten Nasser gegen Faruk, nach dessen Sturz Nasser sie eine Zeitlang gewähren ließ, bis er sie dann, als die ideologischen Widersprüche unüberbrückbar wurden, auflöste und ihren ideologischen Führer Saiyid Qutb hängen ließ. Aus den versprengten Mitgliedern bildete sich danach eine weitere extremistische Gruppierung, die später für den Mord an Sadat verantwortlich war.
Völlig unübersichtlich wurde das islamistische Gruppensystem in den achtziger Jahren in Pakistan, das seit langem unter dem Gegensatz zwischen Schiiten und Sunniten leidet. Hier entstand etwa eine vom Iran geförderte schiitische "Bewegung für die Anwendung des jafaritischen Rechts", im Gegenzug 1985 eine von den sunnitischen Saudis gesponserte paramilitärische Bewegung namens "Soldaten der Freunde des Propheten in Pakistan" und in deren Nachfolge die "Jhangvi-Armee" zur Ermordung von Schiiten (die sich dann mit den "Soldaten des Propheten Mohammed in Pakistan" dagegen wehrten) sowie die "Partisanen-Bewegung" für Terroristen-Einsätze in Kaschmir.
Nur in einem charakteristischen Fall, wie Kepel beschreibt, wurde eine Koalition zwischen Staatsmacht und Islamisten von vornherein ausgeschlossen: in Saudi-Arabien. Nicht etwa, weil deren Ideologie den Saudis zuwider gewesen wäre, sondern - geradezu umgekehrt - weil am Ursprung dieses Staates eine islamische Ideologie steht, die mit den Muslim-Bruderschaften weitgehend übereinstimmt: der extrem konservative Wahhabismus. Zum Ausgleich für das Verbot bezahlt Saudi-Arabien alle möglichen islamistischen Aktivitäten im Ausland. Besonders innig waren die Finanz-Beziehungen zu den afghanischen Dschihadisten. Eine der wichtigsten Vertrauenspersonen der Saudis vor Ort war dabei der Dschihad-Prediger Abdullah Azzam (Foto), der Mitte der 70er Jahre als Professor in Dschidda lehrte und hier den noch jungen Osama bin Laden zu seinen Studenten zählte. Die internationale Herrschaft des saudischen Geldes wurde allerdings immer schon durch die iranische Konkurrenz begrenzt und geriet auch durch den Golfkrieg und die arabische Begeisterung für den Saudi-Gegner Saddam Hussein unter Druck.

Von leider hoher Aktualität sind Kepels Schilderungen der schwankenden Allianzen in Palästina. Die PLO Arafats, von Anfang ein ein religionsfernes, nationalistisches Unternehmen, sah sich schon bald konfrontiert mit eigenen Muslim-Bruderschaften, die - wie auch anderswo - stark karitativ engagiert waren und von den Israelis als Gegengewicht zur nationalistischen PLO unterstützt wurden. Nachdem Arafat, politisch geschwächt, nach Tunis vertrieben wurde, blieben sie als einzige politische Kraft zurück. Aus ihrer Mitte gründeten sich zwei extremistische Gruppen, der Islamische Dschihad und wenig später die Hamas, zu denen noch die Al-Aksa-Brigaden hinzukamen, eine Splittergruppe der Al-Fatah. Während Arafats Abwesenheit bestanden sogar enge Kontakte zwischen Israel und der Hamas. Entsprechend ergebnislos blieben alle Versuche Arafats, die Hamas in seine politische Führung einzubinden. Entgegen einer verbreiteten westlichen Wahrnehmung war es nämlich das erklärte Ziel der Hamas, die PLO als Israel gegenüber kompromißlerisch und schwach vorzuführen, notfalls durch Terror. Was auch gelang: 1993 verhaftete Israel 418 Hamas- und Islamischer-Dschihad-Anhänger, und das ließ der PLO kaum noch eine andere Wahl, als die Madrider Friedensgespräche abzubrechen. 1994 wurde Arafat bei einer Trauerfeier für einen vermutlich vom Mossad getöteten Führer des Islamischen Dschihad von der aufgeregten Menge sogar ausgebuht.
Es widerspricht also der historischen Wahrheit, Arafat mit dem Terrorismus der Hamas oder des Islamischen Dschihad gleichzusetzen - er erscheint vielmehr als ihre Geisel, ein Gefangener extremistischer Gruppen, mit denen er zwar im Ziel eines unabhängigen Palästinenserstaats übereinstimmt, aber doch nicht ganz und nicht im gewalttätigen Weg dorthin. Von Arafat also zu verlangen, er solle "dem Terrorismus abschwören", klingt bei dieser wechselvollen Vorgeschichte einigermaßen absurd oder bestenfalls naiv aus Unkenntnis der Verhältnisse. Auch wenn man anerkennen muß, daß es ihm (anders als Nasser) offensichtlich niemals gelungen ist, sich aus der Umarmung seiner unwillkommenen Helfer zu befreien. Aber eins ist derzeit ebenso klar: Die Israelis betreiben mit ihrer Demütigung Arafats vor aller Weltöffentlichkeit das terroristische Spiel der Hamas und des Islamischen Dschihad.

Vor soviel Komplexität schweigt der Leser nach dem Lesen erst einmal und beginnt nachzudenken, von diesem Kenner der Materie genau und faktenreich informiert nicht nur über die hier erwähnten Länder, sondern ebenso über die extremistischen Aktivitäten in allen anderen islamischen Staaten von Marokko bis Malaysia. Und er kann allmählich selbst die dunklen Linien nachziehen, die von Teheran nach Karatschi und Tschetschenien führen, von Frankreich zu den Bewaffneten Islamischen Gruppen in Algerien, vom Dollarsegen des Petro-Islam zu Osama bin Laden oder von der CIA über den Opium- und Waffenhandel zum antisowjetischen Dschihad.
Die Welt wird nicht überschaubarer, nachdem man dieses Buch gelesen hat, im Gegenteil. Aber schreckliche Vereinfacher ("Entweder sind sie für uns oder für den Terrorismus!") haben wir ja schon genug.

Stefan Kubelka

Gilles Kepel
Das Schwarzbuch des Dschihad. Aufstieg und Niedergang des Islamismus
Piper Verlag, München 2002
532 Seiten, € 29,90

4. Mai 2002

Leserbrief


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