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Islamismus Die Waffe der Religion "Nachdem Mohammed Prophet geworden war, predigte
er etwa zehn Jahre, ohne zu kämpfen oder die Kopfsteuer zu erheben.
Er war gehalten, Konflikte zu vermeiden und Geduld zu beweisen. Dann
erlaubte ihm Allah, von Mekka nach Medina auszuziehen und eine Schlacht
zu schlagen. Anschließend befahl Er ihm, diejenigen Schnell fertig sind die Kriegsherrn mit dem Wort: Bush jr. mit seinem
Feldzug gegen "die Achse des Bösen" oder auch Daniel
Sharon, der nun seit Wochen "die Infrastruktur des Terrorismus"
zerstört. Ach, wäre die Welt nur so einfach! daß die politische Ideologie die Bewegung überall in eine Sackgasse geführt hatte: unkontrollierte Gewalt in Algerien und Ägypten oder wirkungslose Gewalt in Palästina; politisches und wirtschaftliches Scheitern nach der Machtübernahme im Sudan und in Afghanistan; Bürgerkrieg zwischen den Konfessionen in Pakistan; Kooption durch eine Diktatur und Mißbrauch des moralischen Kredits in Mahathirs Malaysia und Suhartos Indonesien; Unfähigkeit in der Türkei und Jordanien, den politischen Zwängen in einer Koalitionsregierung zu gehorchen; nicht zu vergessen das Scheitern des iranischen Regimes, jedenfalls gemessen an den großen Hoffnungen, die man überall in der muslimischen Welt an die Revolution geknüpft hatte. Eine solche Abschlußbilanz ist schon deshalb wenig überzeugend, da sie durch die Fülle der übersichtlich dargelegten Ereignisse vom Autor selbst dementiert wird: Wir erfahren, wie die unzähligen islamistischen Bewegungen, Gruppen und Splittergruppen geradezu proteushaft schwanken zwischen öffentlichem Auftreten, Organisiertheit, Abtauchen, Auflösung, Untergrund, latentem Weiterleben, Wiederaufstieg, Unterdrückung, Aktivismus, Rückzug, Neugründung, Staatsnähe - Aggregatzustände, die in der islamischen Welt seit wenigstens sieben Jahrzehnten in beliebiger Dauer und Reihenfolge durchlaufen werden. Und da soll ein fünfjähriger, historisch gesehen allenfalls vorübergehender Rückschlag schon den Niedergang des Islamismus bedeuten? Nein, das große Verdienst von Kepels Buch ist nicht diese These,
sondern die vorbildlich recherchierte, ungewöhnlich genaue Beschreibung
der verschiedenen islamistischen Strukturen und ihrer vielfältigen
Verbindungen untereinander und nach außen. In drei großen
Abschnitten deckt der Autor zuerst die historischen Entstehungsgrundlagen
auf, bevor er die Weiterentwicklung des Islamismus in den einzelnen
Ländern bis zur Gegenwart verfolgt. Dabei werden vor allem vier
beeindruckende Sachverhalte herausgearbeitet: Die fluide Existenz der islamistischen Gruppen ist wohl der nachhaltigste
Eindruck, den Kepels Buch hinterläßt. Sie ist offenbar nur
möglich in einem Milieu aus starken, genauen und unwandelbaren
Grundüberzeugungen, die einer "Idee" auch dann noch Halt
und Dauer geben, wenn sie zeitweise ohne alle Organisationsformen auskommen
muß. Der areligiöse Westen dagegen kennt heute keine so unorganisierte
Permanenz, ja er steht ihr zutiefst verständnislos gegenüber. Der Aufruf zum Dschihad in Afghanistan und seine praktische Ausführung waren nicht das Werk der einzelnen muslimischen Staaten, sondern der überstaatlichen religiösen Netzwerke. Sie gruppierten sich um eine gewisse Anzahl ulema und wurden von teils bereits bestehenden Organisationen wie der Islamischen Weltliga oder von ad hoc gegründeten Organisationen unter ihre Fittiche genommen, die in der "salafistischen Bewegung" wurzelten, einer Bewegung, die, konservativ im weiteren Sinne, zwischen dem saudischen Wahhabismus und den Muslimbrüdern anzusiedeln ist. Aus derart heterogenen Bestandteilen des Islamismus können also
überraschende Koalitionen auf Zeit hervorgehen. Andere Allianzen
- dramatischere - sind aber auch zwischen einer Staatsmacht und islamistischen
Gruppen möglich. Schon König Faruk sah die Muslim-Bruderschaften
nicht ungern in seiner Nähe, da sie den säkularen Nationalismus
bekämpften, den Feind der Monarchie. Später jedoch unterstützten
die Bruderschaften plötzlich den Nationalisten Nasser gegen Faruk,
nach dessen Sturz Nasser sie eine Zeitlang gewähren ließ,
bis er sie dann, als die ideologischen Widersprüche unüberbrückbar
wurden, auflöste und ihren ideologischen Führer Saiyid Qutb
hängen ließ. Aus den versprengten Mitgliedern bildete sich
danach eine weitere extremistische Gruppierung, die später für
den Mord an Sadat verantwortlich war. Von leider hoher Aktualität sind Kepels Schilderungen der schwankenden
Allianzen in Palästina. Die PLO Arafats, von Anfang ein ein religionsfernes,
nationalistisches Unternehmen, sah sich schon bald konfrontiert mit
eigenen Muslim-Bruderschaften, die - wie auch anderswo - stark karitativ
engagiert waren und von den Israelis als Gegengewicht zur nationalistischen
PLO unterstützt wurden. Nachdem Arafat, politisch geschwächt,
nach Tunis vertrieben wurde, blieben sie als einzige politische Kraft
zurück. Aus ihrer Mitte gründeten sich zwei extremistische
Gruppen, der Islamische Dschihad und wenig später die Hamas, zu
denen noch die Al-Aksa-Brigaden hinzukamen, eine Splittergruppe der
Al-Fatah. Während Arafats Abwesenheit bestanden sogar enge Kontakte
zwischen Israel und der Hamas. Entsprechend ergebnislos blieben alle
Versuche Arafats, die Hamas in seine politische Führung einzubinden.
Entgegen einer verbreiteten westlichen Wahrnehmung war es nämlich
das erklärte Ziel der Hamas, die PLO als Israel gegenüber
kompromißlerisch und schwach vorzuführen, notfalls durch
Terror. Was auch gelang: 1993 verhaftete Israel 418 Hamas- und Islamischer-Dschihad-Anhänger,
und das ließ der PLO kaum noch eine andere Wahl, als die Madrider
Friedensgespräche abzubrechen. 1994 wurde Arafat bei einer Trauerfeier
für einen vermutlich vom Mossad getöteten Führer des
Islamischen Dschihad von der aufgeregten Menge sogar ausgebuht. Vor soviel Komplexität schweigt der Leser nach dem Lesen erst
einmal und beginnt nachzudenken, von diesem Kenner der Materie genau
und faktenreich informiert nicht nur über die hier erwähnten
Länder, sondern ebenso über die extremistischen Aktivitäten
in allen anderen islamischen Staaten von Marokko bis Malaysia. Und er
kann allmählich selbst die dunklen Linien nachziehen, die von Teheran
nach Karatschi und Tschetschenien führen, von Frankreich zu den
Bewaffneten Islamischen Gruppen in Algerien, vom Dollarsegen des Petro-Islam
zu Osama bin Laden oder von der CIA über den Opium- und Waffenhandel
zum antisowjetischen Dschihad. Stefan Kubelka Gilles Kepel 4. Mai 2002 |
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