Pädophile Priester

Terrorismus auf vatikanisch

Es gibt in den Vereinigten Staaten von Amerika, die sich nicht nicht leichtfertig "God's Own Country" nennen, ein fein austariertes religiöses Gleichgewicht. Nachdem die Katholische Kirche ihren jüngsten Pädophilie-Skandal als bloßes PR-Problem gesehen hat, das sich durch Zeitablauf erledigt, haben sich die Proteste ungewöhnlich verschärft. Die interreligiöse Balance in den USA ist erschüttert.

Von Jürgen Kalwa

In den USA ist die Katholische Kirche durch ihren Umgang mit der Pädophilie-Affäre in ein schräges Licht geraten. Als altertümliche Geistesdiktatur wirkt sie wie die gefährliche Halbschwester des islamischen Fundamentalismus.
Man muss eine Weile lang in der Geschichte zurückblättern, um zu erkennen, dass es den traditionell in den USA gepflegten Anti-Katholizismus nicht mehr gibt. Er verschwand mit dem Einzug von John F. Kennedy ins Weiße Haus. Er wurde gewählt, obwohl er Katholik war und weil er bereit war, die Ängste des Wahlvolks offen anzusprechen. In einer Rede in Houston im September 1960, in der er - gegenüber protestantischen Pfarrern - die von der US-Verfassung proklamierte Trennung von Staat und Kirche bekräftigte. "Ich glaube an ein Amerika", beschwichtigte er seine Landsleute, in dem "kein Amtsträger politische Instruktionen vom Papst erbittet oder erhält".

Diese Aussage sowie Kennedys kurze Regierungszeit ebneten den Weg zu einer entspannteren Sichtweise gegenüber einer Gruppe, die einst auf viele Amerikaner wie eine fünfte Kolonne wirkte. Oder sogar wie ein Staat im Staat, dessen Kohärenz und Reichtümer, dessen missionarischer Eifer und strenge Hierarchie den meisten Protestanten im Land suspekt war.

Im Laufe der letzten 40 Jahre sind Amerikas 60 Millionen Katholiken in der zersplitterten Glaubenslandschaft der Vereinigten Staaten zur größten einzelnen Religionsgruppe angeschwollen. Demgegenüber haben sich die klassischen protestantischen Konfessionen, die lange das religiöse und damit auch das ethische Fundament des Landes bildeten - Presbyterianer, Lutheraner, Baptisten, Methodisten und Episcopilian - an den Rand der Bedeutungslosigkeit manövriert und würden heute nicht mal zusammen noch jenen rebellischen Geist auf die Beine stellen, der einst die Gründerväter der Republik zur Abspaltung von der britischen Krone inspirierte.

Ihre Zahl gibt Katholiken Legitimität und Resonanz. Sie sind zu einem Wählerblock geworden, den sich Demoskopen gewöhnlich sehr genau anschauen, um die Trends vor Wahlen zu studieren. Sie sind die Vorstadt-Bewohner und Soccer Moms, Aufsteiger und Leistungsträger in einer dynamischen Gesellschaft, in der sich das Lebensgefühl namens "Amerika" definiert.

Um so massiver wirkt das Mediengewitter, das dieser Tage in den USA auf die mächtigen Bischöfe in ihren knapp 200 Diözesen niederprasselt. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Nachrichten über katholische Priester, die Messdiener und andere junge Gemeindemitglieder sexuell missbraucht haben. Und darüber, wie die Verantwortlichen Kleriker das Problem, das sich nach einigen Schätzungen auf mehr als 10 000 Missbrauchsopfer hochrechnen lässt, mit ihren pädophilen Geistlichen zu lösen versuchten: wie ein Staat im Staat, der seine eigenen Gesetze praktiziert - und die Grundsätze des Verschweigens und Verharmlosens.

Das Echo auf die zahllosen Enthüllungen über das Treiben unter der Kutte ist so stark, dass sich der Papst genötigt sah, Position zu beziehen. Johannes Paul II. - angeblich "tief erschüttert" - bezeichnete Kindesmissbrauch "als schwerste Form des Bösen". Das Mitgefühl aus Rom und die Ankündigung, "wahr und gerecht auf jede dieser schmerzvollen Fälle" zu antworten, hat in den Vereinigten Staaten kaum jemanden beruhigen können. Der Skandal, der die betroffenen Bistümer im Rahmen von außergerichtlich abgewendeten Schadensersatzklagen und den für die USA typischen massiven Geldstrafen mehr als eine Milliarde Dollar kosten dürfte, brodelt weiter. Auch die katholische Basis - seien es Laien oder auch Priester - ist erschüttert. Der angeschlagene Seelenzustand kostet die Kirche nicht nur moralisches Kapital. Einst generöse Spender halten sich mit Geldgaben zurück. Vor einigen Kirchen gibt es Protestmärsche. Einige der prominentesten Erzbischöfe sehen sich gezwungen, in Hirtenbriefen öffentlich geäußerte Rücktrittsforderungen zurückzuweisen.

Typischerweise schien die katholische Hierarchie die öffentliche Erregung nur als Public-Relations-Problem zu betrachten. Eines, das man am besten mit Aussitzen und Rücktritten, dem Versetzen einiger schlimmer Finger und dem tiefen Griff in die Kollekte übertünchen wollte. Doch je länger der Medienkochtopf dampft und zischt, desto mehr rückt die Indolenz und Unbelehrbarkeit einer vermufften Institution ein großrahmiges ideologisches Kontinuum in den Mittelpunkt. Es ist kein altertümlicher antipäpstlicher Katholikenhass mehr. Es ist der Anfang zu einem neuen Akt im öffentlichen Umgang mit etablierten Weltreligionen.

Vieles ist an dieser Stelle bereits über sich herausbildenden Vorbehalte gegenüber dem Islam die Rede gewesen. In den USA gibt es diese Debatte auch. Aber sie hat sich gewöhnlich in etwas anderen Bahnen abgespielt. Ausgelöst von den Ereignissen im letzten September sahen sich viele Amerikaner gezwungen, sich zum ersten Mal ganz konkret mit dem Fundamentalismus der Muslime auseinanderzusetzen.

Diese religiös motivierte Strenge lebt zwar schon eine Weile in einigen Metropolen in den Vereinigten Staaten. Aber in einem so großen Land mit einer derart vielschichtigen Bevölkerung hatte er sich in den Nischen verloren. Nun stand auf einmal der Name Allah über allem, wovon sich ein US-Bürger bedroht fühlt. Und entsprechend fiel die Reaktion aus. Die meisten Akademiker beendeten jedwede Diskussion in Bausch und Bogen, nachdem die befragten amerikanischen Muslime behauptet hatten, dass ihre Religion und die westliche Zivilisation in friedlicher Koexistenz nebeneinander weiterleben können.

Die Bombenflugzeuge über Afghanistan attackierten das Problem von oben herab und flächig. Auch das passte in die Landschaft. "Vieles an den amerikanischen Politikdiskussionen seit dem 11. September hat sich auf die Definition von Grenzen konzentriert", schrieb der Journalist Bruce Barcott unlängst in der New York Times. Die Konfrontation mit dervormittelalterlichen Gedankenlogik des militanten Islam ist eine solche Grenze. Eine Grenze, an der sich noch viele Scharmützel entzünden werden.Eine ebensolche Grenze - auf der eine Seite moderne Demokratie mit einer transparenten Judikative, auf der anderen Seite eine vormittelalterliche Geistesdiktatur - sehen Amerikaner in den Berichten über das Fehlverhalten des Klerus im Umgang mit einer ganz offensichtlichen Missbrauchs-Epidemie. Die Bedrohung mag im Einzelfall nicht so konkret und so massiv wirken wie das Bild zweier Flugzeuge, die ins World Trade Center fliegen. Aber eine Bedrohung - subtil, elementar und moralphilosophisch - bleibt sie dennoch. Zumindest solange das wahre Ausmaß der Übergriffe nicht ermittelt werden kann und die Kirche ihre institutionelle Rolle verharmlost.

Denn so lange werden schwarzberockte Kaplane wie verbuddelte Minen à la Bosnien wirken, die jederzeit hochgehen können und bei ihren Explosionen junge Messdiener seelisch verstümmeln. Das unkontrollierte Verhalten von anonymen Priestern ähnelt einer Art von Homeland-Terrorismus, bei dem die nackte Gewalt qua Institution daherkommt. Und der Schlingerkurs der betroffenen Bischöfe, die sich krampfhaft darum bemühen, die kranke Seelenlage ihrer leitenden Angestellten unter dem Deckel zu halten, erzeugen denselben Eindruck wie die Mullahs im Iran. Auch sie - holzschnittartig und konsequent - die Repräsentanten einer vordemokratischen Zeit. Vertreter einer Elite, um ihre eigenen Privilegien nicht zu verlieren, Ethik-Debatten anzettelt, bei denen sie am Ende immer das letzte und entscheidende Wort hat.

Die Katholische Kirche provoziert jedoch mehr als nur erneut daran zu erinnern, wie mächtig bornierte Religiösität ist und mit welchen Mitteln sie innerhalb westlicher Gesellschaften ihre Machtansprüche aufrechtzuerhalten versucht. Sie erinnert so manchen daran, dass sich dahinter noch eine ganz andere Debatte verbirgt. In den USA - und in anderen Ausprägungen und mit anderen Schwerpunkten - und in anderen westlichen Ländern mit einer hohen Einwandererquote.

Im Fall der Vereinigten Staaten geht es um nicht mehr und nicht weniger als um die nationale religiöse Identität. Ein großes Wort. Doch eines, was sich von Anfang an - von der Unabhängigkeitserklärung bis zur Verfassung - immer wieder neu als wichtige kulturelle und ideologische Klammer gebraucht wurde. Die Amerikaner nennen ihr Land nicht leichtfertig "God's Own Country" und bitten nicht ohne Grund "God Bless America". Dieser konfessionsübergreifende Gott ist staatstragende Projektionsfläche für alle, die in einem ständig auseinanderdriftenden Land wie den USA ein Gemeinschaftsgefühl produzieren wollen.

Erst vor ein paar Jahrzehnten hat man nach zwei Jahrhunderten der Diskriminierung den Juden Zutritt zu diesem Gemeinschafsgefühl zugebilligt. Und zwar auch sprachlich. Es wurde von offzieller Seite in den USA der Begriff der judisch-christlichen Weltsicht geprägt. Und nicht nur das. Man geht inzwischen - um des lieben gesellschaftlichenm Friedens Willen - großzügig über die Unterschiede in Ritus und Philosophie hinweg.

Den meisten Juden war soviel Entgegenkommen und Akzeptanz recht. Und ihren alten Feinden auch. Denn abgesehen davon, dass sie als Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte und Filmproduzenten sehr erfolgreich sind, haben Amerikas Juden eine sehr angenehme Eigenschaft: Sie missionieren nicht. Das heisst, sie bedrohen nicht den ideologischen Status Quo.

Aber sie fühlen sich bedroht. Innerhalb der nächsten 20 Jahre, so schätzt Dr. Stephen Steinlight, ehemals Direktor des American Jewish Committee, werden Moslems in den USA die Juden zahlenmäßig übertreffen. Schon jetzt wächst die Zahl der "Moslems mit einem 'islamistischen Programm'", die aus Ländern auswandern, in denen "vehementer Anti-Semitismus und Anti-Zionismus" das gesellschaftliche Leben dominieren.

Sollte es dazu kommen, bleibt dies nicht ohne Folgen für den politisch-philosophischen Konflikt um die besagte nationale religiöse Identität. Denn wie soll dieses fragile Gebäude die Anhänger des Propheten verkraften, die in ihrer rigiden Haltung gegenüber "Ungläubigen" einen wahnartigen Killerinstinkt artikulieren, der Nicht-Moslems erzittern lässt? Zumal nicht abzusehen ist, dass sich Amerikas aktive Muslims zu einer säkulareren Einstellung durchringen und sich von den aus dem Nahen Osten soufflierten fundamentalistischen Positionen und Fixierungen entfernen. "Der Islam herrscht, er wird nicht beherrscht", zitierte Rainer Brunner an dieser Stelle im November 2001 die Maxime der Religionsgelehrten.

Noch ist es nicht so weit. Aber die Auseinandersetzung mit Amerikas Katholiken und ihrem undemokratischen Fundamentalismus signalisiert die Bereitschaft zur geistigen Aufrüstung auf Seiten jener, die allen Päpsten und Mullahs den diktatorischen Imperativ entwinden wollen. Die Zeit ist reif. In der postindustriellen Gesellschaft sind philosophische Konstruktionen, die der Phantasie antiker Agrargesellschaften entsprungen sind, nicht mal mehr das Papier wert, auf das sie gedruckt werden.

4. Mai 2002

Leserbrief


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