Clément Janequin

Ce moys de mays

Ce moys de mays, ce moys de may
Ma verte cotte, ce moys de may,
Ce moys de may, ie vestiray
De bon matin me leveray
Ce ioly, ioly moys de may
Ung sault en rue ie feray
Pour veoir si mon amy veray
Ie luy diray qu'il me descrotte,
Me descrottant le baiseray.



In diesem Maienmonat

In diesem Maienmonat,
in meinen grünen Mantel, in diesem Maienmonat,
werd ich mich kleiden,
und an diesem lieblichen Morgen werd ich aufstehn,
in diesem schönen Maienmonat,
und werde auf die Straße springen,
um nach meinem Liebsten Ausschau zu halten,
und er wird mein Gesicht aufhellen,
wenn er mich küßt.

(Deutsch von Gerburg Garmann)

Der Renaissancemusiker Clément Janequin,

geboren um 1485 in Châtellerault, fand erst auf dem Umweg über eine politische Tätigkeit am Parlament von Bordeaux zu seiner Berufung als Geistlicher. 1525 wurde er Domherr in Saint-Emilion. Von seinem Bruder wurde er nach Paris geholt, wo es ihm gelang, Mitglied des königlichen Orchesters zu werden, und drei Jahre vor seinem Tod konnte er endlich den begehrten Titel "Ordentlicher Komponist des Königs" erwerben. Obwohl ihn kaum ein Lexikon verzeichnet, ist Clément Janequin der Meister des mehrstimmigen Liedes im 16. Jahrhundert (Hier finden Sie eine Hörprobe von einem anderen Lied Janequins, "La guerra").
1529 veröffentlicht er in Bordeaux sein Madrigal "Ce moys de may" ("In diesem Maienmonat"). In äußerster Kürze konzipiert - man singt es in weniger als einer Minute -, spiegelt dieses fünfstimmige französische Madrigal die freudig erwartete Ankunft des Geliebten wider: In ihrer "verte cotte" (dem grünen Mantel) geht die Sprecherin an einem lieblichen Maienmorgen auf die Straße und hält nach ihrem Liebsten Ausschau. Mit seinem Kuß, das weiß sie bestimmt, wird ihr Gesicht leuchten.
Das Lied ist in zahlreichen Aufnahmen erhältlich, z. B. in der von Alfred Deller: The Deller Consort. Madrigal Masterpieces. Historical Anthology. Vanguard Classics (meine Lieblingsversion). Es bezaubert durch seine unglaubliche Leichtigkeit und schlichte Schönheit. Beim faszinierten Anhören dieses Stückes dachte ich mir, ich müßte Jannequins "verte cotte" gut fünfhundert Jahre später wenn nicht musikalisch, so doch sprachlich neu erklingen lassen.

Gerburg Garmann

Ma verte cotte

Wer stellte den Falschspielern
ein Bein und strich die Gewinne ein?
Wer mordete den Kater
im maulfaulen Budenzauber?
Wer drehte dem Fixstern den Strom ab?

Wer schnitt das Pferd auf das Ödland zu
und verpaßte Kentauren Hurensträhnen?
Wer entwand den Greisinnen bestirnten Taumel,
buk Lerchenaugen in Asphalttorten?

Wer brannte die Grabfackel den Häschern ein?
Wer stieß hart an den Rand, alles, was kriecht?
Wer griff aus der Hüfte nach trockenen Ähren,
nach gejagten Jägern, nach großem Zorn?

Spiel mir nicht länger
das Lied der zerriebenen Seelen.
Streu Veilchen ins Aug' mir
und pflanz mir den Maibaum dorthin,
wo das Herz klopft.
Den grünen Mantel wirf leichthändig
mir über die Schultern.
Wenn du die letzte Schneeflocke
aus meinem Haar trinkst,
taut die Sonne auf,
gehört dir mein Lachen.

19. März 2002

Leserbrief