FrauenFragen

Haben reiche Frauen ein schöneres Leben?

Von Eva Herold

Ist der Papst katholisch? Hat Pinocchio hölzerne Eier? Oder um Cher zu zitieren (das ist mal eine reiche alte Schachtel mit Stil): "Ich war dreißig, und ich war vierzig – dreißig ist besser. Ich war arm und ich war reich – reich ist besser ..." Nun ist Reichtum Definitions-Sache: Man könnte "Erste" und "Dritte" Welt vergleichen, oder einfach im Land bleiben und die Chancen einer Zahnarzthelferin, auf Anhieb einen Kindergartenplatz für Leon oder Clara zu bekommen, gegen die einer Manager-Gattin abwägen. Oder das barsche "Kostet aber 20 Euro extra", wenn's um das Brustkrebs-Screening der Kassenpatientin geht, während die Gnädige Frau von Doktor Schmidt-Kratzfuß ein Getränk angeboten bekommt, damit ihr die Zeit nicht lang wird, in der er den 3,5fachen Privatversicherungs-Satz für den Hormonspiegel ausrechnet und ihr die illegal aus USA bezogenen Präparate aufschreibt, die sie nach den neuesten Maßgaben des Anti-Aging sanft durch die Wechseljahre geleiten.

A propos: Wer Zeit und Geld hat, altert auch schöner. Denn um dem sozialverträglichen Frühableben entgegenzuwirken und zugleich etwas gegen die schwindende Attraktivität zu tun, können Normalo-Frauen sich gerne morgens mit Yoga verbiegen und nach der Arbeit zum Aerobic-Kurs in der Volkshochschule hetzen: Wer sich an die quälenden Schulsport-Stunden erinnert, weiß, wie's da in den Umkleideräumen riecht. Richtig Spaß macht die Arbeit an Körper, Seele und Image doch erst, wenn du genügend Kohle hast, um solche Ertüchtigung mit "Wellness" zu verbinden - diesem Marketing-Hybriden, der aus der Not untergehender Bäderkultur geboren wurde und derzeit von den Medien zur Tugend ewig junger Erfolgsfrauen hochstilisiert wird.

Betuchte Damen versuchen also jetzt mit Hilfe von Ayurveda, Algen und Pilates, die Frustrationen des Frauenlebens von sich abtropfen zu lassen... Neulich am Tegernsee, dem Alten-Reservat der Alpen: Wellness-Weekend im Beauty-Resort (allein die Anglizismen finde ich sowas von degoutant). Von außen sah es aus wie ein ganz normales Hotel, Seppl-Stil mit Holzbalkonen, wie das "Haus Gerda" und die "Pension Waldeslust" und alle anderen ringsherum auch – in dieser Gegend Oberbayerns hat jeder umgebaute Heustadel einen Namen, was bedeutet, daß die Besitzer geneigt sind, gegen Geld Touristen aus dem Flachland übernachten zu lassen.

Drinnen herrschte semi-elegantes Landhaus-Ambiente, es duftete nach Lavendeltee und Aromalampen, und alle schlappten in Frottee-Bademänteln herum. In dieser feuchtwarm summenden Hammam-Atmosphäre pampert man allerdings nicht überforderte Alleinerziehende (die können alle paar Jahre eine Mutter-Kind-Kur beantragen) oder Angehörige von Pflegefällen am Ende ihrer Kräfte (denen bleibt immerhin die Hoffnung auf einen schnellen Tod). Gecremt und massiert, geschminkt und beraten werden hier Besserverdienerinnen, die sich derlei wohltuende Zuwendung erarbeitet haben, oder ausrangierte Erstfrauen mit guten Scheidungsanwälten. Es sei ihnen von Herzen gegönnt, doch was mich an diesem ganzen Getue wirklich nervt, ist eine alte Frage, über die eine junge Philosophin gerade wieder neu nachdenkt: Die Basler Professorin Angelika Krebs, in ihrem bei Suhrkamp Wissenschaft erschienenen Taschenbuch "Arbeit und Liebe".

Warum zahlt Vater Staat für Erwerbsarbeit, nicht aber für die Familienarbeit der Mütter? Weil sie die ja aus Liebe tun, nicht wahr. Hier beißt sich, so die Autorin, das christliche Ideal der selbstlosen Fürsorge in den Schwanz: Können Mütter, die den ganzen Tag von Termin zu Termin hetzen, ihre Sprößlinge noch reinen Herzens lieben, wenn abends klar wird, daß das Budget mal wieder ausgereizt ist? Und wieso kriegen viele alte Leute, wenn das Ersparte nicht reicht, um sie in einem guten Pflegeheim unterzubringen, zuhause von Tochter oder Schwiegertochter eins aufs Auge, wenn sie zum xten Mal ins Bett gemacht haben – aus Liebe?

Würde diese Arbeit (und es ist verdammt noch mal Arbeit, genau wie jene, die in erziehenden und pflegenden Berufen geleistet und immer noch miserabel bezahlt wird) gesellschaftlich anerkannt und entsprechend honoriert, bräuchten Frauen nicht an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit zu gehen, könnten sich bisweilen von Fachkräften unterstützen lassen, und hätten mit 60 keine Runderneuerung nötig. Ich frage mich, wann unsere PolitikerInnen das kapieren ... wahrscheinlich erst, wenn sie selbst alt und erschöpft sind. Die Frechheit ist nur, daß sie dann bei den wenigen sein werden, die sich "Wellness" leisten können. Finanziert unter anderem durch die Steuergelder und die unbezahlte Arbeit all jener Frauen, die dafür nicht reich genug sind.

19. März 2002

Leserbrief


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