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Was geht uns der Nordirlandkonflikt an?
Roger Casements geheime Mission
Erst Anfang Mai 2002 wurde durch eine kriminaltechnische
Untersuchung festgestellt, daß die fast neunzig Jahre alten Tagebücher
von Roger Casement doch keine Fälschung sind.
Mitten im Ersten Weltkrieg hatten die Engländer Casement wegen
Hochverrats vor Gericht gestellt. Aber es genügte ihnen nicht,
ihn zum Galgen zu verurteilen und im August 1916 zu hängen: Er
mußte auch in seiner Ehre verletzt werden. Und zu diesem Zweck
wurden die "Black Diaries", die seine Homosexualität
beweisen sollten, an die Öffentlichkeit gebracht. Seitdem sind
die Iren überzeugt, daß die Tagebücher nur ein schmutziger
englischer Trick waren.
Der nunmehrige Beweis der Echtheit dürfte das Ansehen des Verurteilten
kaum noch mindern. In ihren Gebetbüchern heben junge Irländerinnen
bis heute die Namensliste der sechzehn Rebellen auf, die 1916 im gescheiterten
Oster-Aufstand gegen die britische Armee ihr Leben verloren. Auf der
frommen Liste steht auch Roger Casement.
Von Frank T. Zumbach
Sir Roger Casement (1864-1916), in Sandycove bei Dublin geboren, stammte
aus einer gutsituierten, protestantischen Familie und hatte, ehe er
für die irische Sache kämpfte, ein abenteuerliches Leben geführt.
Mit zwanzig ging er nach Afrika, wo er als Landvermesser tätig
war, Elefanten jagte und Forschungsreisen in den tiefsten Urwald unternahm
(Foto) ,
bevor er in den Dienst der britischen Regierung eintrat.
Es folgte eine steile Karriere als Konsulatsbeamter im Kongo. Er wurde
sogar wegen seiner Verdienste geadelt - was ihn befremdete, denn er
hatte inzwischen die Schattenseiten englischer Kolonialpolitik kennengelernt
und scheute nicht davor zurück, sie publik zu machen. Sein 'Kongo-Report',
in dem er auf die brutale Ausbeutung afrikanischer Arbeiter in den Gummiplantagen
hinwies, schlug 1903 wie eine Bombe ein, ebenso der 'Putumayo-Report'
von 1911, in dem er ähnliche Mißstände im Dschungel
des oberen Amazonas anprangerte. Zwar führte sein Engagement in
Teilbereichen zu Reformen, ließ ihn aber als 'Nestbeschmutzer'
für den Staatsdienst untragbar werden, den er ohne Bedauern quittierte.
1913 kehrte er nach Irland zurück, wo sich sein Eindruck bestätigte,
daß die Engländer auch in diesem Land nicht viel mehr als
eine Kolonie sahen. Er war an der Gründung der Irish Volunteers
beteiligt, einer 1914 ca. 160.000 Mann starken Freiwiligenmiliz. So
kam er in Kontakt mit der Irisch-Republikanischen Bruderschaft (IRB),
einer Geheimorganisation, deren Ziel ein militärischer Befreiungsschlag
war und die in ihm einen Mitstreiter mit diplomatischer Erfahrung und,
durch sein Eintreten für die Menschenrechte in Afrika und Südamerika,
auch von hohem internationalen Renommée fanden.
Von der bis zur Beendigung des Weltkriegs ausgesetzten Home Rule (Selbstverwaltung
Irlands) war nicht viel zu erwarten. Die hatte England immer wieder
versprochen, um dann doch wieder auf Druck der Protestanten einzuknicken,
wenn es ans Eingemachte ging. Bestenfalls lief es auf ein paar weitere,
fadenscheinige Kompromisse hinaus. Man würde den Iren vielleicht
etwas mehr Leine geben, aber sie niemals von der Leine lassen. Das 'Selbstbestimmungsrecht
Irlands unter den freien Nationen der Welt' stellte sich die Irisch
Republikanische Bruderschaft anders vor.
Also beschloss sie, nach der alten Maxime, daß "Englands
Krieg Irlands Chance bedeutet" zu handeln und begann mit der Planung
einer großangelegten, die ganze Insel umfassenden Revolution.
Der Zeitpunkt hing nur noch von einer geheimen Mission ab, mit der man
Roger Casement betraute: Er sollte, natürlich unter falschem Namen,
von Amerika über Norwegen nach Deutschland reisen, Verbindung mit
dem Generalstab, womöglich sogar mit dem Kaiser persönlich
aufnehmen und um Unterstützung für den irischen Freiheitskampf
werben. In der gegenwärtigen Situation erfüllte aus britischer
Sicht allein der Gedanke den Tatbestand des Hochverrats.
Im nachhinein erscheint diese Vorgehensweise ziemlich naiv. Daß
Deutschland Truppen von der Front abziehen würde, um Irland uneigennützig
zur Unabhängigkeit zu verhelfen, darauf hofften wohl nicht einmal
die schwärmerischsten Köpfe der IRB. Man war sich durchaus
der Gefahr bewußt, im Falle eines deutschen Sieges nur eine Besatzungsmacht
gegen eine andere einzutauschen. Daher bestand Casement auch auf einer
offiziellen, 'kategorischen' Erklärung des Auswärtigen Amtes
in Berlin, des Inhalts, "daß die deutsche Regierung nur das
Beste des irischen Volkes, seines Landes und seiner Institutionen wünscht.
Die kaiserliche Regierung erklärt in aller Form, daß unter
keinen Umständen Deutschland in Irland einfallen wird mit der Absicht,
es zu erobern oder eine der angestammten Institutionen dieses Landes
zu beseitigen. Sollte in diesem großen Kriege, den Deutschland
nicht gewollt hat, das Glück es jemals mit sich bringen, daß
deutsche Truppen an den Gestaden Irlands landen, so würden sie
dort landen nicht als eine Armee von Eindringlingen, die plündern
und zerstören, sondern als Streitkräfte einer Regierung, die
einem Lande und einem Volke gegenüber, dem Deutschland nur nationale
Entfaltung und nationale Freiheit wünscht, von nichts als von Wohlwollen
geleitet ist." Hm... 'Sollte das Glück es jemals mit sich
bringen, daß deutsche Truppen an den Gestaden Irlands landen...'
Nicht auszuschließen, daß die Formulierer dieser Note wirklich
nur die besten Absichten hatten.
Casement, erfahren auf diplomatischem Parkett, suchte wohl eher ein
militärisches Eingreifen Deutschlands mit allen Mitteln zu verhindern.
Die Trumpfkarte, mit der er winkte, war die Ablenkung der Briten auf
einen neuen und unerwarteten Kriegsschauplatz. Für diese Ablenkung
benötigte Irland Waffen, vielleicht ein wenig logistische Betreuung,
verbunden mit der Freilassung irischer Kriegsgefangener, die sich dem
Freiheitskampf anschließen konnten.
Dabei hatte er alle Mühe, die Aufmerksamkeit und Nachstellungen
des British Secret Service, der ihm seit 1911 auf den Fersen saß,
von sich selbst abzulenken. Sir Roger Casements Tagebuchaufzeichnungen
'Meine Mission nach Deutschland während des Krieges' sind eine
überaus spannende Lektüre, eine Mischung aus Sherlock Holmes
und James Bond, mit allen Mordanschlägen, Intrigen, Dunkelmännern,
Detektiven, Tarnungen, Taxiverfolgungsjagden und 'Entkömmnissen
um Haaresbreite', die das Herz des Liebhabers von Kriminalromanen höher
schlagen lassen - allerdings mit dem Vorzug der Authentizität.
Nur wurde leider nichts daraus. Der asketisch wirkende, hochgewachsene,
vollbärtige Ire, jeder Zoll ein Gentleman, wurde hofiert, herumgereicht,
hingehalten und schließlich damit abgespeist, daß man ihm
lediglich gestattete, eine kleine Brigade aus irischen Kriegsgefangenen
zusammenzustellen. Nach so viel Hoffnungen, nicht eingehaltenen Zusagen
und über zweijährigen Bemühungen war seine Mission gescheitert.
Auch hatte er den Eindruck, daß er nicht länger das volle
Vertrauen der 'Organisation' genoß, der IRB und des amerikanischen
Clan-na-Gael.
"Die Deutschen lügen immerzu," schrieb er verbittert,
"halten sich an ihre Abmachungen oder auch nicht; aber ich habe
keinen Grund zu der Annahme, daß sie jemals an uns oder andere
denken, sondern stets nur an sich selbst. Sie haben ihr Wort mir gegenüber
wiederholt gebrochen, das Schicksal Irlands ist ihnen völlig gleichgültig,
und wenn sie etwas versprechen, so nur im Hinblick auf ihren eigenen
Vorteil." Zu diesem Zeitpunkt, im Oktober 1915, traf Robert Monteith
in Deutschland ein, ein Ex-Offizier der Irish Volunteers, den man als
Ausbilder für die Irische Brigade geschickt hatte. Monteith fand
Casement in einem gesundheitlich und nervlich sehr angeschlagenen Zustand
vor; als sich sich begegneten, "drehte er seinen Kopf zur Wand
und weinte." Im März 1916 wurde Monteith, nicht Casement,
ins Hauptquartier des Generalstabes in Berlin zitiert. Dort teilte man
ihm mit, man wisse aus sicherer Quelle, daß in Irland während
der Osterfeiertage ein Aufstand geplant sei; diesen wolle man mit 20.000
Gewehren, 10 Maschinengewehren und 1 Million Schuß Munition unterstützen.
Das lange Warten auf einen Erfolg Casements hatte den 'Militärrat'
der IRB in Dublin zermürbt. Thomas Clarke, Pádraic Pearse
und die anderen Köpfe der Verschwörung waren nunmehr bereit,
mit oder ohne deutsche Hilfe loszuschlagen, um endlich ein Zeichen zu
setzen und ein 'Blutopfer' zu bringen. Ohne ausreichende Bewaffnung
war das natürlich der schiere Wahnsinn. Die Führung der IRB
in den USA hätte einer so selbstmörderischen Aktion niemals
zugestimmt, und auch Eoin Mac Neill, der Oberste Chef der Irish Volunteers,
durfte natürlich nichts davon erfahren. Der britische Geheimdienst,
über jeden Schritt Casements unterrichtet und dieser Tage besonders
wachsam, hörte Funksprüche ab; Marineschiffe patrouillierten
die irische Küste. Die Situation erforderte äußerste
Geheimhaltung, was die Gefahr von Pannen und Fehlinformationen erhöhte.
Trotzdem war es gelungen, die Nachricht von einem geplanten Aufstand
nach Berlin durchsickern zu lassen, um Casements Forderungen Nachdruck
zu verschaffen.
Der war entsetzt, als Monteith ihn darüber unterrichtete. Ein wirksamer
Befreiungs-
schlag gegen die Großmacht England ließ sich mit dem deutschen
Almosen von 20.000 Gewehren nicht durchführen. Dieser wahnwitzige
Plan mußte unter allen Umständen verhindert werden. Er hatte
außerdem den Eindruck gewonnen, daß die Deutschen zwar daran
interessiert waren, die Briten vom Kriegsschauplatz abzulenken, die
irische Revolution ihnen dabei aber nur als Mittel zum Zweck diente
- ja, daß sie ihr Scheitern dabei billigend in Kauf nahmen.
Ein Wettlauf mit der Zeit begann. Der Frachter Libau mit der Waffenladung
war unter dem Namen 'Aud' und norwegischer Flagge bereits von Lübeck
ausgelaufen. Casement verriet nichts von seinem Vorsatz, es gar nicht
erst zu dem Aufstand kommen zu lassen. Die Gewehre konnte man immer
noch zu einem späteren Zeitpunkt gebrauchen, wenn Planung, Bewaffnung
und Logistik Aussicht auf eine erfolgreiche Erhebung versprachen. Die
Militärs des Kaiserreiches waren allerdings mißtrauisch geworden,
ob ihre Strategie aufgehen würde.
Im April 1916 brachte ein deutsches U-Boot Casement, Monteith und einen
weiteren Gefährten, Daniel Bailey aus der Kriegsgefangenenbrigade,
von Wilhelmshafen bis dicht vor die irische Westküste, zum Banna-Strand
in der Nähe von Tralee. Es hätte einen guten Vorsprung vor
dem Frachter gehabt, wäre der Kommandant nicht von der Admiralität
instruiert gewesen, auf keinen Fall vor dem 20. April anzukommen, also
zeitgleich mit der Aud: der Generalstab wollte offenbar auf Nummer sicher
gehen, daß Casement keine Dummheiten machte. Der war während
der Überfahrt die meiste Zeit seekrank und erkundigte sich nur
ab und zu besorgt, warum man nur so langsam vorankam. Die Erklärungen
klangen plausibel, schließlich herrschte Krieg.
Von nun an galt das Murphy'sche Gesetz: Was schief gehen kann, geht
schief. Die Informationslage auf Seiten aller irischen Beteiligten war
desaströs. Casement ging davon aus, daß Eoin MacNeill, der
Führer der Irish Volunteers, über den geplanten Aufstand unterrichtet
war, doch der hatte keine Ahnung - höchstens eine leise Vorahnung.
Die in den Waffentransport Eingeweihten nahmen an, daß die Aud
(die über keine Funkanlage verfügte) erst am 23. April eintreffen
werde, wahrscheinlich ein Mißverständnis durch mangelhafte
Übermittlung. So standen auch keine Leute bereit, die Gewehre in
Empfang zu nehmen. Karl Spindler, der Kapitän des Frachters, kreuzte
über 24 Stunden unschlüssig vor der Küste, bis einige
Kriegsschiffe der Royal Navy auf ihn aufmerksam wurden und ihn in die
Zange nahmen. Er sah nun keinen anderen Ausweg mehr, als seine Mannschaft
in die Rettungsboote steigen zu lassen und die Aud durch Sprengung zu
versenken. Einige viel zu spät losgeschickte Irish Volunteers fuhren
in ihrem Wagen mit überhöhter Geschwindigkeit zum Banna Strand.
Der Fahrer verlor in einer Kurve die Kontrolle über das Fahrzeug,
das über die Klippen ins Meer stürzte. Drei der vier Insassen
ertranken.
Casement, Monteith und Bailey wurden in der Nacht des 21. April von
der deutschen U-19 in einem Dingi ausgesetzt, einer "Nußschale",
die sie an Land bringen sollte. Das Beiboot kenterte in der Brandung;
die drei Männer konnten sich mit Mühe und Not an den Strand
retten. Casement war ohnmächtig geworden; "er lag im fahlen
Mondlicht da wie ein schlafendes Kind, während die Brecher über
ihn hinweggingen," erinnerte sich Monteith. Seine Gefährten
schleppten ihn zu McKenna's Fort, den Resten einer alten Wikingerbefestigung,
wo sie ihn gegen eine Mauer lehnten, und beschlossen, in Tralee ein
Auto aufzutreiben, um ihn abzuholen. Kurz nachdem sie fort waren, wurde
ein Polizist der Royal Irish Constabulary, der zufällig vorbeifuhr,
auf das in den Wellen treibende Beiboot aufmerksam. Er suchte mit der
Taschenlampe die Gegend ab und stieß dabei auf Casement, der inzwischen
wieder bei Bewußtsein war und ihm erzählte, er sei 'ein englischer
Schriftsteller, der hier nur einen Spaziergang mache'.
'In klatschnasser Kleidung?' fragte der Konstabler und nahm ihn fest.
Am Ostermontag, dem 24. April 1916 traten ca. 1200 Angehörige
der 'Irish Volunteers' und der 'Irish Citizen Army' mitten im 1. Weltkrieg
in offenen Widerstand gegen die britische Herrschaft und besetzten das
Dubliner Hauptpostamt (GPO - General Post Office). Von dort proklamierte
einer ihrer Anführer, der Lehrer und Dichter Patrick Pearse, die
provisorische Regierung der irischen Republik. Die Rebellion war, wie
unzählige zuvor, heroisch, aber gänzlich unrealistisch und
zum Scheitern verurteilt. Auch fand sie kaum Rückhalt in der Bevölkerung.
Erst die überzogene Reaktion der Engländer, die mit schwerem
Militär anrückten, die halbe Stadt in Schutt und Asche legten,
danach sämtliche Rädelsführer exekutierten und so zu
Märtyrern machten, löste jene Empörung und Kettenreaktion
aus, die schließlich zur Entstehung des Freistaats Irland führte.
Es wird von einigen Historikern angenommen, daß die Rebellen diese
Entwicklung voraussahen und durch ihre Selbstaufopferung den Stein erst
ins Rollen bringen wollten. Wie dem auch sei, die rasche Niederschlagung
des Osteraufstands hatte eben auch eine andere Ursache: Die beteiligten
Iren waren nur sehr unzureichend bewaffnet. Und das lag daran, daß
die von Sir Roger Casement Mission in Deutschland gescheitert war. Die
geheime Hilfsaktion ging schief, aber daß die Deutschen damals
irgendwie die gute Sache gegen die Engländer unterstützten,
rechnet man ihnen in Irland heute noch hoch an, wenn man sich auch nicht
mehr genau an die Details erinnert.
19. März 2002
Leserbrief
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