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Brief aus Yangon:
Die Chinesen kommen!
Die verstärkte Präsenz der Investoren aus dem Nachbarland,
der Absturz eines Militärhubschraubers und ein Grenzkrieg mit Thailand
- geben sie eine Antwort auf die Frage nach der Zukunft Birmas?
Von Volker Schmidt-Wellenburg
Allein, als einziger Tourist sitze ich in der Lounge des ehrwürdigen,
nach wie vor kolonial anmutenden Strand Hotels und trinke eine Flasche
"Myanmar Beer". Ihr Preis entspricht mindestens einem Tageslohn
eines birmanischen Arbeiters - wie vor 35 Jahren. (Damals lebte ich
als einer der etwa 300 Ausländer im total abgeschlossenen Burma,
dessen Hauptstadt noch Rangoon hieß.)
Zu meiner Zeit saßen Somerset Maugham und Rudyard Kipling schon
nicht mehr unter den langsam rotierenden Miefquirls, und die wenigen
nach dem Militärputsch von 1962 übriggebliebenen Engländer
und Schotten vermieden es, in der Öffentlichkeit Geld auszugeben,
aus Angst, von Spitzeln überführt zu werden, doch noch ein
paar Kyats zu besitzen. Diese bedauernswerten Geschäftsleute wurden
seit Jahren im Lande festgehalten, da die Militärs behaupteten,
sie hätten Steuerschulden in Millionenhöhe noch nicht bezahlt.
Touristen konnten sich mit einem 24-Stunden-Visum maximal ein paar Stunden
in downtown Rangoon aufhalten und fielen als Gäste des Strands
ebenfalls aus. Wir, ein paar Ausländer, tranken unser Bier lieber
im Rangoon Sailing Club.
Dies alles ging mir durch den Kopf, als ich nach Genuss der Flasche
"Myanmar Beer" durch die Säle des Hotels ging, vorbei
an den zum Dinner festlich gedeckten Tischen, und die große Zahl
von Bediensteten bemitleidete, die sicher auch heute nach Hause gingen,
ohne einen Gast bedient zu haben.
Tags darauf besuchte ich einen meiner damaligen Geschäftspartner.
Hochbetagt, aber immer noch am politischen Geschehen interessiert, erklärte
er mir auf mein vorsichtiges Fragen nach der gegenwärtigen Lage,
er meditiere täglich zu Gunsten der Mitglieder sowohl der Militärjunta
wie auch derjenigen der Opposition um Aung San Suu Kyi. Er war seinerzeit
einer der wenigen Nichtmilitärs, die sich an prominenter Stelle
mit großem Engagement um eine Reihe von Entwicklungsprojekte gekümmert
hatte. Heute machte er mir in dem langen Gespräch den Eindruck,
als ob er sich aus nationalen Gefühlen heraus vor die Regierung
stellte. Und dies, obwohl er mit Sicherheit das brutale Vorgehen gegen
friedliche Demonstraten 1988 wie auch die gegenwärtigen Menschenrechtsverletzungen
verurteilt.
Die Motive für seine eher positive Haltung kann ich nur vermuten.
Seit fünf Jahren herrscht in den von Minderheiten bewohnten Gebieten
relative Ruhe, und die wirtschaftliche Situation der einfachen Leute
in Stadt und Land dürfte sich etwas verbessert haben. Sollten die
Wirtschaftssanktionen der westlichen Industrieländer und der Hinauswurf
Myanmars aus der International Labour Organisation in der Bevölkerung
vielleicht einen Solidarisierungseffekt mit der ansonsten eher kritisch
beurteilten Regierung erzeugt haben?
Ein noch jüngerer "alter Bekannter" erzählte mir,
er habe seinen hohen Regierungsposten verloren, weil er sich 1988 bei
den brutal niedergeschlagenen Unruhen öffentlich engagiert hatte.
Offenkundig hatte man ihn nach einem längeren Verhör nicht
weiter behelligt. Auch bei ihm scheiterte mein Versuch, eine fundierte
Meinung zur innenpolitischen Lage zu erhalten, obwohl ich mit Sicherheit
eine zuverlässige Vertrauensperson für ihn bin.
Zu meiner Überraschung meinte er, die verhängten Wirtschaftssanktionen
hätten ja auch ihr Gutes. Wie er betätigten sich eine Reihe
anderer geschasster Kollegen jetzt als private Unternehmer. Sie täten
dies, auch um zu verhindern, dass die "Chinesen erneut die gesamte
Wirtschaft beherrschen" - wie vor 35 Jahren und schon länger.
Bei meiner weiteren Suche nach Antworten kamen mir zufällig drei
für die weitere Entwicklung des Landes nicht unwichtige Ereignisse
"zu Hilfe".
Das erste war der Besuch einer Delegation der EU. Sie äußerte
sich nach Gesprächen mit Vertretern der Regierung wie auch der
vollkommen unterdrückten Opposition zurückhaltend zu den Chancen
einer beginnenden Demokratisierung. Wohlgemerkt auf einer Pressekonferenz
in Bangkok. In Yangon hätte eine solche Veranstaltung mangels akkreditierter
ausländischer Korrespondenten nur wenig Sinn gemacht.
Dazu kommt, dass die lokalen Medien in einem Maße von der Regierung
gesteuert werden wie kaum in einem anderen Land der Welt. Außer
mit Berichten über Besuche von Militärs in Klöstern und
auf Pagoden - vordergründige Imagepflege, die kaum jemand ernst
nimmt - werden die Zeitungsseiten mit Agenturmeldungen über absolut
unwichtige Ereignisse in Kuba, Mozambique oder Ghana gefüllt. Sofern
noch Platz bleibt, erstaunlicherweise mit Berichten über das deutsche
Fußballgeschehen.
Die EU-Delegation war jedenfalls zu dem Schluss gekommen, dass den Zusicherungen
der Regierung im Hinblick auf deren Menschenrechtsverletzungen wenig
Glauben zu schenken sei. Sie äußerte sich auch skeptisch
zu einer längerfristigen Tragfähigkeit der Ergebnisse von
Geheimgesprächen zwischen Regierung und Opposition. Damit erscheint
eine Aufhebung der vor allem auf Betreiben der USA immer wieder verlängerten
Wirtschaftssanktionen in eine weitere Ferne gerückt.
Die Aussagen der Delegationsmitglieder weisen auch darauf hin, dass
die Militärs - jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt - nicht
daran denken, die während der letzten zehn Jahre völlig ins
Abseits gedrängte Opposition am politischen Geschehen teilhaben
zu lassen. Vereinzelt konnte ich auch hören, dass der Junta diese
Ablehnung durch die vollkommene Verweigerungshaltung von Aung San Suu
Kyi leicht gemacht wurde.
Wie auch immer, allgemeiner Konsens dürfte darüber bestehen,
dass sich die Regierung durch den zunächst direkten und später
latenten, eher indirekten Druck veranlasst sah, dafür zu sorgen,
die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung zu verbessern. Und
dies ist angesichts der schon den Engländern während der Kolonialzeit
konstatierten "Zurückhaltung" der Birmanen gegenüber
allem Unternehmerischen nicht so leicht zu bewerkstellen. Sie feiern
lieber ausgiebig, gehen auf die Pagode - nicht nur zum Meditieren, sondern
um durch Opfer der verschiedensten Art etwas für ihr Karma und
damit für das nächste Leben zu tun - oder genießen ganz
einfach die angenehmen Seiten des Lebens.
Also musste wieder einmal auf den Geschäftssinn der Chinesen zurückgegriffen
werden. Sie wurden von der Regierung mehr oder weniger versteckt eingeladen,
durch Importe zweit- und drittklassiger Güter des täglichen
Bedarfs aus den nahegelegenen Provinzen der Volksrepublik das Los des
Manns auf der Straße zu verbessern. Und sie kamen alle: aus Yünnan,
Hongkong, Singapur und Taiwan. Wie hoch der Anteil derjenigen ist, die
sich als Angehörige der in den 60er Jahren vertriebenen oder rechtzeitig
ausgewanderten ethnischen Minderheit fühlen, weiß niemand.
Sie sind jedenfalls wegen ihres Geschäftssinns, ihrer tatsächlichen
oder nur vermeintlichen Arroganz und der Weigerung, sich zu integrieren,
wenig beliebt - wie wohl schon während der Kolonialzeit und wie
auch in anderen südostasiatischen Ländern. Teilweise konnte
ich unmittelbar verfolgen, wie sich in Restaurants das einheimische
Personal in birmanisch-bescheidener Zurückhaltung der Arroganz
chinesischer Gäste nicht erwehren konnte.
In Yangon und Provinzstädten sieht man heutzutage wieder zahlreiche
chinesische Geschäftsschilder. Sie waren Ende der 60er Jahre im
Zuge der von Regierungsseite gesteuerten Politik gegen die chinesische
Minderheit entfernt worden. Heute zeigt sie bewusst wieder Präsenz.
Das zweite Ereignis mit einer möglichen Langzeitwirkung auf die
innenpolitische Situation war der Absturz eines Militärhubschraubers,
bei dem "Number Four" der Junta ums Leben zählen. Bei
diesem General handelte es sich - im Gegensatz zum Chef der Junta General
Khin Nyunt - um einen Angehörigen der Hardliner-Fraktion.
Abgesehen von Gerüchten um einen möglichen Anschlag erschien
es mir und meinen Bekannten sehr bemerkenswert, dass "Number Four"
zwar ein Staatsbegräbnis erhielt, diese Tatsache in den Zeitungen
und Fernsehen aber überraschend nebensächlich behandelt wurde
- offenkundig Ausdruck des Machtkampfes innerhalb der Junta. Es bleibt
zu hoffen, dass sich die gemäßigten Militärs durchsetzen.
Damit könnte es vielleicht doch zu ersten Schritten einer Demokratisierung
kommen - was immer das in einem Land bedeutet, in dem die Militärs
seit fast 40 Jahren an der Macht sind, in einzelnen Familien bereits
in der dritten Generation.
Ereignis Nummer Drei: Als ich mich in Kyaing Tong (früher Kentung)
in den südlichen Shanstaaten, also dem Zentrum des "Goldenen
Dreiecks" aufhielt, erzählte mir ein Taxifahrer aufgeregt,
dass es zu einem Grenzkonflikt zwischen Myanmar und Thailand gekommen
sei. Ich hatte Glück, gerade noch mit einer der letzten Flüge
vor Sperrung des Flugplatzes Kyaing Tong verlassen zu haben.
Seit Anfang Februar nun geben sich die Regierungen beider Länder
die Schuld an dem Konflikt. Nach allgemeiner Einschätzung scheint
jedoch die Ursache darin zu liegen, dass die fein austarierte Balance
zwischen den Beteiligten am Drogenhandel ins Ungleichgewicht geriet.
Zu ihnen sollen auch die Militärs der beiden Länder zählen.
Selbst wenn man die in der Wortwahl nicht gerade zimperlichen Vorwürfe
in den Medien der beiden Länder nicht zu ernst nimmt, gerät
die Regierung in Yangon unter immer massiveren Druck der USA, dem sich
Thailand - trotz seiner eigenen Probleme - nicht ungern anzuschliessen
scheint. Im Hintergrund spielen zweifelsohne die fast jahrhundertealten
Animositäten zwischen Burma und Thailand eine Rolle: Immerhin hatte
man im 18. Jahrhundert wegen eines weißen Elefanten Krieg geführt.
Im Allgemeinen wird zwar nicht bezweifelt, dass es der Bevölkerung
wirtschaftlich etwas besser geht als noch vor fünf oder zehn Jahren.
Sicher sind auch viele militärische ausgefochtene Konflikte mit
Minderheiten eingestellt worden.
Aber es bleiben drängende Fragen: Wie stark wird die Gesamtentwicklung
des Landes weiterhin gehemmt durch den Braindrain nach den Unruhen von
1988 (ganz abgesehen von der jahrelangen Schließung der Universitäten)?
Wie soll die vor allem von den USA geforderte Demokratisierung eingeleitet
oder auch das immer wieder angesprochene, aber nie näher erläuterte
power-sharing mit der Opposition organisiert werden und wie können
die Militärs zu einem auch nur teilweisen Machtverzicht bewegt
werden? Und schließlich: Wie würde sich China (dem vor Jahren
der seit Jahrhunderten ersehnte Zugang zum Golf von Bengalen in Form
einer Militärbasis gewährt wurde) verhalten, wenn das Land
durch die Demokratisierung doch in seine vierzehn Provinzen zerfiele?
Angesichts dieser offenen Fragen könnte man sich fragen, ob Beobachter
von außerhalb des Landes es sich nicht zu leicht machen, wenn
sie eine demokratische Entwicklung schlicht einfordern oder mit Sanktionen
erzwingen wollen. Ich jedenfalls werde auch bei meinem nächsten
Besuch im Strand ein "Myanmar Beer" trinken und weiter nach
Antworten suchen.
27. Mai 2001
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