Die dritte Dimension der Intelligenz

Weshalb scheiterte der Spion, der aus der Kälte kam?

John le Carrés berühmter intelligence officer dürfte einen hohen Intelligenzquotienten gehabt, jedoch zu wenig an spiritueller Intelligenz mitbekommen haben, mutmaßt Andreas Odenwald, der sich nach der Lektüre zweier gewichtiger Bücher über die Intelligenz zwar nicht für intelligenter hält als vorher aber doch ein wenig klüger - wenigstens, was die Intelligenz betrifft.

Von Andreas Odenwald

Der Intellektuelle flößt vielen Menschen Furcht ein. Er zeigt nach außen keine Gefühle. Man weiß nicht nicht, ob er keine hat oder sie nur geschickt verbirgt. Persönliche Probleme würde die überwältigende Mehrheit der Zeitgenossen lieber mit einem Menschen durchschnittlicher Intelligenz besprechen, der dafür ein Mehr an Gemüt plus Lebenserfahrung mitbringt.

Überhohe Intelligenz gilt als etwas Kaltes. Den Intellektuellen kann man sich nicht als feurigen Liebhaber vorstellen; einen, der dreimal von der Schule geflogen und für systematische Geistesarbeit nicht tauglich ist, hingegen sehr wohl, wenn er die sonstigen für einen Don Juan notwendigen Attribute vorweisen kann.

Dass Intelligenz und Gefühle einander auszuschließen scheinen, wird durch das englische Wort für geheimdienstliche Nachrichtentätigkeit trefflich symbolisiert: intelligence. Ein intelligence officer lässt sich weder auf sein Gefühl, geschweige denn auf Mitgefühl ein. Menschliche Regungen in Ausübung seines Berufes sind ihm fremd. Er agiert in totaler Kälte. Vergisst er diese Grundregel, scheitert er - wie John Le Carrés berühmter „Spion, der aus der Kälte kam".

Intelligenz hat weder Herz noch Seele - ein Dogma, das lange nicht in Frage gestellt wurde. Bis weit ins vergangene Jahrhundert hinein wurde sie vorwiegend mit Bildung gleich gesetzt. Je mehr einer in sich hineingepaukt hatte, als desto intelligenter galt er. Den Gipfel der Intelligenz hatte traditionell ein deutscher Professor erklommen - unten im Tal siedelte das geistige Proletariat.

Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass Intelligenz nicht gleich Bildung ist. Nicht jeder Schlauberger ist automatisch gebildet und nicht jeder Gebildete intelligent genug für das Leben. Zwar kommt es selten vor, dass ein Dummkopf Professor wird, dafür aber oft genug, dass ein kluger Kopf dummes Zeug von sich gibt. Und nicht jeder, der nur die Grundschule besucht hat, ist deshalb dumm, wohingegen sich wohl jeder Abiturient noch lebhaft an diesen einen Mitschüler erinnert, der so dämlich war, dass er eigentlich zur Reifeprüfung gar nicht hätte zugelassen werden dürfen und dann nicht mal ins Mündliche musste und spielend bestand.

Weshalb Intelligenz und Bildung nicht notwendigerweise eins sind, wissen wir spätestens seit den 60er Jahren, als die Psychologen auf den Plan traten und bei Eignungsprüfungen aller Art den aus Amerika importierten Intelligenztest anwendeten. Wir lernten, dass Intelligenz sich nicht nur darin zeigt, die Integralrechnung zu beherrschen oder die wesentlichen Daten und Ereignisse der französischen Revolution herunterbeten zu können, sondern auch in der Fähigkeit einen Fahrradreifen zu wechseln. Eine Vielzahl solcher und anderer praktischer Begabungen und geistiger Leistungen, plus Phantasie und Motivation, multipliziert mit der jeweiligen Intensität, dann alles addiert und das Ganze geteilt durch eine Größe, die nur der Psychologe kannte, ergab den Intelligenzquotienten, abgekürzt IQ. Um die 100 offenbarte er einen ganz passablen Denkapparat, bei 150 berechtigte er zu den schönsten Hoffnungen, bei unter 70 plädierte man für mildernde Umstände.

Mit dem Wort IQ um sich zu werfen, gehörte zum Small Talk des gebildeten Deutschen, der in jenen Jahren noch nicht hochmütig auf Amerika blickte und das Kürzel folglich auf englisch aussprach: Ai Kju. Der Test selbst wurde zwar als quälend empfunden, wenn man sich ihm denn unterziehen musste, aber der Kult um das Modewort war eine reizvolle gesellschaftliche Zeiterscheinung. Zwar fragte man sich, weshalb für die Eignung etwa eines Kleiderkammerbullen bei der Bundeswehr unbedingt der Intelligenzquotient gemessen werden musste. Andererseits war es höchst amüsant zuzuhören, wie Kinder auf dem Schulhof sich mit den Werten ihrer Väter brüsteten. Auch sorgte es für eine gewisse Gänsehaut beim Publikum, wenn vor Gericht der Staatsanwalt triumphierend den besonders hohen IQ eines Delinquenten nannte und damit dessen moralische Verworfenheit eindrucksvoll belegen konnte.

Der gute alte IQ! Längst gilt er nichts mehr in unserer phantastisch verwinkelten Begriffswelt von heute, die zwar noch weit entfernt ist von der Vielschichtigkeit eines Gehirns, aber doch, dieser nacheifernd, die seltsamsten verschlungenen Wege geht. Personalchefs in großen Unternehmen würden heute müde lächeln, schriebe ihnen ein Bewerber, er sei verheiratet, nicht vorbestraft, fleißig und verfüge überdies über einen Intelligenzquotienten von 128.

Der Bewerber hätte nämlich statt des IQ lieber seinen EQ2 angeben sollen. Diese Formel, die manche irrtümlich für ein Internetkürzel halten, hat uns das vergangene Jahrhundert noch schnell beschert, ehe es sich verabschiedete. Erfunden, definiert, errechnet und in einem Bestseller weltweit bekannt gemacht hat sie der amerikanische Psychologe Daniel Goleman. Der EQ2 speist sich nicht mehr aus dem herkömmlichen Intelligenzbegriff, der Gefühle noch weitgehend außer acht ließ. Er bringt vielmehr die Emotion (E) ins Spiel und misst etwas, von dem viele gar nicht wissen, dass sie es haben: emotionale Intelligenz. Wie die 2 hinter das Q kam, ist eine zu lange Geschichte. Wir benügen uns mit dem knappen Hinweis auf die zwei Gehirnhälften des Menschen, in denen bekanntlich jeweils nüchternes und kreatives Denken angesiedelt sind.

Große Personalberatungsunternehmen predigen heute ihren Kunden, dass eine Führungskraft nicht nur knallhart und sachorientiert, sondern auch mit Gefühl, menschlicher Wärme und unter Berücksichtigung persönlicher Bedürfnisse ihre Untergebenen zu führen habe - eine Erkenntnis, die mittlerweile durch zahllose Studien belegt wurde und sich auf Chefetagen herumgesprochen hat.

Nun ist ein Forscherpaar noch einen Schritt weitergegangen und hat die dritte Dimension der Intelligenz entdeckt. Messen lassen muss sich der intelligente Mitbürger künftig an seinem SQ. Es ist dies der Quotient, der die sogenannte spirituelle Intelligenz benennt. Diese bisher in der Tiefe des menschlichen Seins schlummernde Eigenschaft ausgelotet zu haben, ist das Verdienst der amerikanischen Philosphie-Professorin Danah Zohar und des englischen Psychotherapeuten Ian Marshall.

„IQ und EQ, ob für sich genommen oder vereint, reichen nicht mehr aus, um die menschliche Intelligenz in ihrer ganzen Komplexität oder den Reichtum der menschlichen Seele oder Vorstellungsgabe zu erklären", schreiben die Wissenschaftler, die miteinander verheiratet sind und in Oxford lehren, in ihrem kürzlich erschienenen Buch „SQ - Spirituelle Intelligenz" (Scherz-Verlag).

„Computer", so Zohar und Marshall, „haben einen hohen IQ. Sie kennen die Regeln und können sie fehlerfrei befolgen. Viele Tiere haben einen hohen EQ: Sie haben ein Gefühl für die Situation, in der sie sich befinden, und verstehen es, angemessen zu reagieren. Doch weder Computer noch Tiere stellen die Frage, warum die Regeln oder die Situation so sind, wie sie sind, oder ob sie anders oder besser sein könnten."

Solche entscheidenden Fragen nach Sinn und Sein, nach Zweck und Nutzen stelle erst die spirituelle Intelligenz, meint das Forscherpaar. Sie helfe dem Menschen, Sinn- und Wertprobleme zu erfassen und zu lösen, das Leben in einen reichhaltigeren Zusammenhang zu stellen. Der - nicht messbare - SQ sei „das notwendige Fundament dafür, dass sowohl IQ als auch EQ wirkungsvoll funktionieren. Es handelt sich um unsere höchste Intelligenz".

Dass die dritte Form der Intelligenz allen Menschen angeboren ist, kann durchaus als tröstliche Botschaft verstanden werden. Allerdings ist sie, wie so viele andere menschliche Eigenschaften auch, in höchst unterschiedlichem Maße ausgeprägt. Es muss an den mehr oder weniger intensiven elektrischen Schwingungsfrequenzen liegen, welche für SQ verantwortlich sind. Zum Vergleich: Die Funktionen des IQ werden vom Gehirn über die Nervenbahnen geregelt, die des EQ über neuronale Vernetzungen.

Der intelligente Zeitgenosse hat sich ja längst an die missliche Erkenntnis gewöhnt, dass alle seine wichtigen Funktionen, eben auch die des Geistes und der großen Gefühle, biochemischen oder elektrischen Prozessen entspringen. Damit muss man leben. Umso dankbarer ist man daher, durch Zohar und Marshall von neueren Forschungsergebnissen zu hören, die belegen, dass ganz bestimmte neurologische Prozesse der „Sinngebung" dienen, mehr noch: dass sich in unserem Gehirn eine Art ethische Kontrollinstanz befindet. Die Autoren nennen sie das „spirituelle Zentrum" oder auch den „God Spot".

Ganz so schlimm, wie man nach dem Studium der Morgenzeitung oder der Fernsehnachrichten annehmen könnte, scheint der Mensch also doch nicht zu sein. Die Frage ist nur: Wie bringt man ihn dazu, in sein spirituelles Zentrum hineinzuhorchen? Mit praktischen Nutzanwendungen, obwohl im Klappentext versprochen, geizen die Autoren. Der zweite Teil des Buches entpuppt sich als Ratgeber für sinnsuchende Individualisten und empfiehlt etwa im Geschäftsleben die Variante der „dienenden Führung".

Dem Intellektuellen sicher nicht ganz geheuer.

10. Mai 2001

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