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Technikgeschichte
Der Fortschritt ist aufhaltbar
Im 17. Jahrhundert beschloß ein zivilisiertes
Land, das bereits über eine weit entwickelte Technologie verfügte,
eine moderne Kriegswaffe nicht mehr zu verwenden. Es entschied sich
für diesenVerzicht - und hatte damit Erfolg. Eine zu Unrecht unbekannte
Episode aus der Geschichte Japans.
In einem längst vergriffenen, ja vergessenen Buch von 1985 ("Keine
Feuerwaffen mehr") beschreibt Noel Perrin, wie es dazu kam, daß
Japan in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Abschied von einer
Militärwaffe nahm, die es bis dahin erst importiert, dann gebaut
und wirksam eingesetzt hatte. Dabei bedurfte es, erklärt der Autor,
keines formellen Verbotes. Es gab vielmehr "eine extrem langsame
Folge von Beschränkungen, ohne daß man an irgendeiner Stelle
hätte sagen können: Ab diesem Zeitpunkt verzichteten die Japaner
ganz auf die Feuerwaffe". Die Produktion wurde einfach staatlich
reguliert. So wurden ab 1607 Gewehre und Pulver nur noch in Nagahama
und Sakai hergestellt, und jede Bestellung mußte von der Regierung
genehmigt werden. 1625 hatte die Regierung sogar das Monopol in Waffenaufträgen,
und ab da gingen die Bestellungen planmäßig zurück.
1637 fand die letzte Schlacht in Japan statt, bei der Gewehre eine bedeutsame
Rolle spielten. Die wenigen noch verbliebenen Büchsenschmiede hielten
sich mit Reparaturarbeiten über Wasser - und der Produktion landwirtschaftlicher
Geräte.
Es war eine eindeutig "kulturelle" Entscheidung: Während
die Gewehre außer Gebrauch kamen, erlebte das Schwert eine Renaissance:
Es war einfach ein ästhetischerer Anblick, außerdem eleganter
zu handhaben, und es versprach den sehr zahlreichen Samurai mehr Ehre
als das nur in häßlichen Körperstellungen zu gebrauchende
Gewehr ("Man muß die Beine spreizen, um im Knien schießen
zu können", heißt es mißbilligend in der Inatomi-Schießlehre
von 1595).
In einem Nachwort zieht Noel Perrin die Linie weiter bis in die Gegenwart
(die Gegenwart von 1985, als man dem Computer noch das baldige Erlernen
des Denkens zutraute). Er erwähnt darin kurz Arnold Toynbee, der
in einem Zeitungsartikel für The Observer vom 10. August
1958 "Our Tormenting Dilemma" das Argument vertrat, der Glaube,
daß der Mensch die moderne Technik nicht mißbrauche, sei
ebenso naiv, wie wenn man einer Spielgruppe im Kindergarten Maschinengewehre
in die Hand drückte. Wenn heute, fährt er fort, "eine
Abstimmung den ganzen technischen Fortschritt der letzten 300 Jahre
zunichte machen könnte", würden viele von uns zweifellos
dafür stimmen, "um das Überleben der menschlichen Gattung
zu sichern".
Der Autor hatte auch schon die Genom-Manipulation im Blick, noch nicht
allerdings die wirtschaftliche Verwertung von Embryonen, der wir heute
(natürlich in einem "breiten Konsens") zustimmen sollen.
Hier Auszüge aus dem Postskriptum des Buches:
Die Zahl derer, die ernsthaft das Rad zurückdrehen oder es zumindest
aufhalten wollen, bleibt sehr gering. Für die meisten, die über
diese Frage nachgedacht haben, bestehen offenbar zwei grundlegende Einwände.
Erstens gehen sie in Unkenntnis (oder unter Mißachtung) der japanischen
Erfahrung davon aus, es sei schlichtweg unmöglich, innerhalb einer
kontinuierlichen Kulturentwicklung den Gang der Technik umzukehren.
Und zweitens befürchten sie, falls es durch irgendein Wunder (wenn
es z. B. zu der von Toynbee vorgeschlagenen Abstimmung käme und
der liebe Gott sich danach richten würde) dennoch möglich
wäre, Dekadenz und Stagnation als die Folgen. Sie sehen einzig
die Wahl zwischen anhaltendem Fortschritt auf allen Gebieten und Rückfall
ins finstere Mittelalter. Entweder drängen wir vorwärts samt
Neutronenbombe und angewandter Biogenetik, oder wir verzichten auf moderne
Zahnheilkunde und Fenster- glas. Eine selektive Steuerung der technischen
Entwicklung ist in ihren Augen nicht möglich.
Die Geschichte Japans zur Zeit der Tokugawadynastie bestätigt dieses
düstere Bild allerdings nicht. Die Japaner unternahmen eine selektive
Steuerung der Technik. Sie rückten von einer Weiterentwicklung
ihrer Waffen gänzlich ab in Wirklichkeit taten sie sogar
einen Schritt zurück und machten in der Zwischenzeit auf
Dutzenden von anderen Gebieten Fortschritte. Freilich nicht im Eiltempo.
Der technische Wandel ging während des 17., 18. und 19. Jahrhunderts
in Japan weit langsamer vor sich als im Westen. Möglicherweise
entsprach sein Tempo der Eigenart des menschlichen Geistes sogar besser.
Unter den Tokugawa gab es in Japan keinen Zukunftsschock. Aber den Wandel
gab es trotzdem. Japan war weder dekadent, noch stagnierte es. Zweifellos
gab es auch dekadente Anteile und stagnierende Einschlüsse
aber die gibt es in den meisten Gesellschaften zu fast allen Zeiten.
Wer das Land als Ganzes untersucht, der findet Ge- sundheit und Lebenskraft.
...
Das alles beweist natürlich nicht im geringsten, daß dasselbe,
was die Japaner einmal mit Feuerwaffen getan haben, die ganze Welt heute
mit, sagen wir, Plutonium tun könnte. Die Verhältnisse im
Japan des 17. Jahrhunderts lagen völlig anders als bei jeder Militärmacht
heute. Was die japanische Erfahrung indessen beweist, sind zwei
Dinge. Erstens, daß wirtschaftliches "Nullwachstum"
durchaus mit einem glücklichen und zivilisierten Leben vereinbar
ist. Und zweitens, daß menschliche Wesen weniger die passiven
Opfer der eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten sind, als die meisten
Leute im Westen annehmen. "Den Fortschritt kann niemand aufhalten",
so heißt es im allgemeinen. Oder in einer Formulierung, wie sie
besonders gern von Wissenschaftlern gebraucht wird: "Alles, was
für den Menschen machbar ist, wird auch gemacht." Hat er erst
einmal gelernt, wie sich der DNS-Code verändern läßt,
so die Theorie, dann ist es unausweichlich, daß er ihn
verändern wird. Sobald die Technologie für die Fertigung von
Supertankern entwickelt ist, gibt es kein Zurück mehr zu kleinen
Tankern, und schon gar nicht mehr zu Segelschiffen. Wenn Computer im
Jahr 2001 in der Durchführung der Mehrzahl jener Prozesse effizienter
sind als der Mensch, die alle unter dem Begriff "Denken" zusammengefaßt
werden, dann werden die Computer den größten Teil des Denkens
für uns erledigen. Das klingt so, als sei Fortschritt wie
immer man diesen schwammigen Begriff definieren mag etwas Halbgottähnliches,
eine unerbittliche Kraft, die sich jeder menschlichen Kontrolle entzieht.
Natürlich ist er das nicht. Er ist etwas, dessen Richtung wir bestimmen
und das wir sogar aufhalten können. Die Menschen können sich
dafür entscheiden, sich zu erinnern; sie können sich auch
dafür entscheiden, zu vergessen. Wie die Menschen auf Tanegashima
es getan haben.
27. Mai 2001
Leserbrief
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