Sportkanonen:

Overkill am Abschlag

Ely Resse Callaway im kalifornischen Carlsbad verschafft dem amerikanischen Golf-Verband Alpträume - mit Materialforschung, Marketingmagie und seinem neuesten Schläger.

Von Jürgen Kalwa

Das Foto sieht aus wie der Schnappschuss eines Amateurs. Da steht ein Mann mit weißem Baseball-Käppi an einem grauen Tag auf einer Wiese und probiert sein neues Sportgerät aus. Und wie das bei Amateuraufnahmen oft der Fall ist, erkennt man erst bei genauem Hinsehen die abgebildete Person: Bill Clinton, ehemaligen US-Präsidenten und leidenschaflichen Golfer. Und wer noch genauer hinschaut, der entdeckt das wirklich Besondere an dem Foto. Den Grund, weshalb es jahrelang in einem Büro im kalifornischen Küstenstädtchen Carlsbad hing: die Ausrüstung.

Es handelt sich nicht um irgendein Büro, wohlgemerkt, sondern das von Ely Reese Callaway, dem erfolgreichsten Golfausrüster der Welt. Ein weißhaariger Unternehmer im Alter von 80 Jahren, der seit etwas mehr als zehn Jahren mit wachsendem wirtschaftlichem Erfolg verunsicherten Freizeitsportlern die Illusion verkauft, sie könnten auf einem Golfplatz die Grenzen der Physik überlisten.

Auf seine Methode - ein raffiniertes Spiel aus Materialforschung und Marketingmagie - hat der großgewachsene alte Herr, der immer ein leichtes Grinsen um die Augen trägt, noch nie etwas kommen lassen. Selbst wenn er zugeben muss, dass seine Schläger Bill Clinton, der sich gerne unehrenhaft das Resultat einer Golf-Runde schönzählt, kaum zu einem besseren Spieler gemacht haben. "Aber jetzt", sagt er, "macht es ihm sicherlich mehr Spaß."

Spaß? Das Bemühen eines Menschen am Abschlag eines Golfplatzes steht beileibe nicht unter Hedonismus-Verdacht. Egal, ob man dafür einen langstieligen Callaway-Schläger mit einem riesigen Titankopf aus der Tasche zieht oder nicht. Leiden doch die meisten Golfspieler, so hat ein amerikanischer Sport-Psychologe entdeckt, unter der einen oder anderen Form von Lethargie, Angst, Selbsthass, Perfektionismus, Hast, Entschlusslosigkeit oder Sturheit - den sogenannten sieben Todsünden des Golf.

Ganz zu schweigen von den körperlichen Befindlichkeiten. Der so einfach wirkende Bewegungsablauf - der sogenannte Schwung - beansprucht gleich elf wichtige Körpergelenke in Folge. Jeder kleinste Mangel an Koordination produziert frustrierende Resultate. Mal hetzt der Titan-Brummer den kleinen Ball hoppelnd über den Wiesengrund. Mal katapultiert er ihn auf eine bananenförmige Bahn Richtung Aus.

Es dauert Jahre, bis ein Spieler begreift - und in die Tat umsetzen kann -, was der kanadische Long-Drive-Weltmeister Jason Zuback, ein ehemalger Gewichtheber ("Die Beine sind deine Stabilisatoren. Sie produzieren zusammen mit den Hüften, den Bauch- und den Rückenmuskeln den Schwung.") in Vollendung beherrscht. Er verdreht seinen Körper "wie eine riesige Feder, die man aufgezogen hat" zu der idealen Spirale und drischt dann drauf los. Immer mit der richtigen Balance aus "Timing und Zentrifugalkraft", versteht sich. Solche Erkenntnisse aus der Anatomie der Ballistik sollten eigentlich insbesondere unsportlichere Typen von den Golfplätzen fern halten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Was unter anderem an der modernen Schlägerindustrie liegt, die nicht erst seit Callaway die unwiderstehliche Botschaft vermittelt, dass es angeblich eine Frage des Equipments ist, ob jemand beim Golfspiel weiter kommt. So passiert es, dass man ähnlich wie einst die Großmächte beim Rennen Richtung atomarer Overkill als Mitglied der Golf-Society in einem unwiderstehlichen Aufrüstungswettbewerb gefangen ist, der einen jedes Jahr in die Geschäfte mit den Messeneuheiten aus dem Golf-Manufakturen-Paradies Amerika treibt. Kein Material ist zu teuer oder zu exotisch. Kein Werbeversprechen zu hohl. Wie Kokser auf der Suche nach dem neuen Kick, der dann doch nicht kommt, manövrieren sie sich in die leistungsneurotische Klemme, aus der es ohne den Einsatz von Vernunft keinen Ausweg gibt.

Reichten vor ein paar Jahren noch Kanonen, für die Callaway in seinem typisch halb-ironischen Wesen den Namen eines deutschen Artilleriegeschützes aus dem Ersten Weltkrieg ("Big Bertha") verwendete, muss es jetzt eine Waffe sein, die einen sogenannten "Trampolin-Effekt" produziert. Wieder marschiert Callaway voraus. Diesmal mit einem Schläger, dessen geheimnisvolles Buchstabenkürzel beim Entschlüsseln die Eitelkeit des Firmenbosses entlarvt: Er heißt ERC - das sind die Initialen von Ely Resse Callaway.

Das Kuriose an der neuen Wumme ist nicht, dass man vor einem Jahr, als die erste Generation auf den Markt kam, knapp 2000 Mark für den Schläger bezahlen musste (der Preis ist inzwischen leicht gefallen). Sondern dass die Firma damit ungebremst den feinen Lack von der Fassade des angeblich so feinen Sports sprengt. Das liegt an einer Besonderheit, die wirklich nur Eingeweihte richtig verstehen. Die Essenz daraus lautet folgendermaßen: Während der Schläger überall in der Welt in offiziellen Turnieren zum Einsatz kommen kann, weil er vom Regelkomitee des Royal & Ancient Club im schottischen St. Andrews als ungefährlich eingestuft wurde, hat ihn der amerikanischen Golf-Verband, der die Regeln in den USA und Kanada überwacht, nach ausgiebigen Tests mit seinen Golf-Robotern verboten. Der Grund: Die USGA wird von einer fürchterlichen Vision geplagt. Wenn tatsächlich Schläger immer besser werden, Bälle immer weiter fliegen (Tiger Woods schießt sie jetzt schon weiter als 300 Meter), müssen tausende von Golfplätzen umgebaut werden, um das Anforderungsniveau zu erhalten. Wer soll das bezahlen? Die Sportartikelindustrie, die den Rummel angezettelt hat und allein in den USA einen Umsatz von 50 Milliarden Dollar pro Jahr mit ihren Verlockungen und Verheißungen macht, wird es vermutlich nicht tun.

Profis wie Tiger Woods sind in der Callaway-Strategie übrigens nur schnell bewegliche Figuren auf einem Schachbrett, auf dem vor allem die Bauern in Marsch gesetzt werden sollen. Eigentliches Ziel sind prestigebewusste Amateure, die dem Unternehmen, das in einem übersättigten Markt Ende der neunziger Jahre ins Schlittern geriet, den 1999 notierten Jahresumsatz von 714 Millionen Dollar bescherten. Das sind Spieler, denen ein Fachblatt wie "Golf Digest" noch so oft die Testresultate seines eigenen Schwungroboters vorlesen kann (die ergaben für den ERC ein Distanzplus von rund sechs Metern). Was sie hören, ist das Gegenteil. Für sie sind sechs Meter mehr bereits eine phallische Großtat.

Der gute alte Ely Reese Callaway, der früher in der Wüsten-Enklave Palm Springs noch selbst den Schläger geschwungen hat, sieht es ähnlich. Auch ein paar Meter seien schließlich immer noch "ein wenig mehr an Weite". Und so befinden sich die Entwicklungsabteilungen der Konkurrenzfirmen bereits an der Arbeit, um ebenfalls von dem Testosteron-Rausch zu profitieren. Auch sie tüfteln mittlerweile an sogenannten nicht-konformen Schlägern. Zum Teufel mit der USGA.

Dies umso mehr, da jemand wie Ely Reese Callaway weiß, dass er seinen Kunden nicht helfen kann. "Niemand hat bisher das Spiel gemeistert", sagt er. "Und das wird auch in Zukunft so bleiben."

27. Mai 2001

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