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Übler Geruch

In der "Geschichte eines Deutschen" schilderte Sebastian Haffner seine buchstäbliche Witterung des kommenden Naziterrors.


Von Frank T. Zumbach

Hochgelobt, ein Bestseller - man sollte meinen, dass es keines weiteren Hinweises mehr auf Sebastian Haffners `Geschichte eines Deutschen´ (DVA) bedürfe. Doch hier sei eine Ausnahme gestattet: dieses Buch ist so ungewöhnlich, unterscheidet sich so sehr von der Masse an `Vergangenheitsbewältigungs- und Erinnerungsliteratur´ dass es gar nicht hochgelobt und gut verkauft genug werden kann. Es beschreibt nur den Lebensweg eines jungen deutschen Bürgers, Jahrgang 1907, der historische und politische Ereignisse miterlebt, wie sie von den meisten seiner Zeitgenossen erlebt wurden und wie wir sie fast nur noch aus Geschichtsbüchern kennen - 1.Weltkrieg, Räterepublik, Inflation, Weimarer Republik, die Anfänge des III. Reiches - aber all diese Ereignisse werden durch ihre subjektive, unprätentiöse, gänzlich unbelehrende Darstellung auch für den Leser plötzlich nachvollziehbar, so als ob sich viele vermeintlich bekannte Details wie auf einer Perlenkette aufgereiht finden, die man endlich als Ganzes betrachten kann. Und dabei stößt man auf erschreckende Parallelen:

Von den bestehenden politischen Parteien zog mich keine besonders an, so groß die Auswahl war. Allerdings hätte mich auch, ut exempla docent, die Zugehörigkeit zu keiner davor geschützt, ein Nazi zu werden.

Was mich davor schützte, war - meine Nase. Ich besitze einen ziemlich ausgebildeten geistigen Geruchssinn, oder, anders ausgedrückt, ein Gefühl für die ästhetischen Valeurs (und Non-Valeurs!) einer menschlichen, moralischen, politischen Haltung oder Gesinnung. Den meisten Deutschen fehlt leider das gerade vollständig. Die Klügsten unter ihnen sind imstande, sich mit lauter Abstraktionen und Deduktionen vollständig dumm zu diskutieren über den Wert einer Sache, von der man einfach mittels seiner Nase feststellen kann, daß sie übelriechend ist... Was die Nazis betraf, so entschied meine Nase ganz eindeutig. Es war einfach ermüdend, darüber zu reden, was unter ihren vorgeblichen Zielen und Absichten etwa doch diskutabel oder wenigstens `historisch gerechtfertigt´sei, da das Ganze so roch, wie es roch. Daß die Nazis Feinde seien - Feinde für mich und für alles, was mir teuer war - darüber täuschte ich mich keinen Augenblick. Worüber ich mich freilich vollkommen täuschte, war, wie furchtbare Feinde sie sein würden. Ich neigte damals noch dazu, sie nicht ganz ernstzunehmen - eine verbreitete Haltung unter ihren unerfahrenen Gegnern, die ihnen viel
geholfen hat und heute noch hilft...(...)

Ich erinnere mich einer seltsamen Szene... Wir waren in den Grunewald hinausgefahren, es war wundervolles, unnatürlich warmes Frühlingswetter, wie in diesem ganzen März 1933. Unter kleinen Wölkchen, die über einen unbeschreiblich lichten Himmel zogen, zwischen harzig duftenden Kiefern saßen wir auf irgend einem Mooshügel und küßten uns, wie das musterhafteste kleine Filmliebespaar. Die Welt war überaus friedlich und frühlingshaft. Wir saßen vielleicht ein oder zwei Stunden dort, und wohl alle zehn Minuten kam eine Schulklasse an uns vorüber, es schien ein allgemeiner Schulwandertag zu sein; lauter frische nette Jungen, geführt und behütet jeweils von ihrem Lehrer, der meist einen Zwicker trug oder ein Bärtchen, wie es sich für einen Lehrer geziemt, und treu über seine Schäflein wachte. Und jede dieser Schulklassen, wenn sie an uns vorüber kam, wandte sich uns zu und rief, wie
einen fröhlichen Wandergruß, im Chor mit fröhlichen Jugenstimmen: "Juda verrecke!" Vielleicht bezog es sich gar nicht auf uns - ich sehe nicht jüdisch aus, und Charlie, dafür daß sie es war, auch nicht besonders - sondern war wirklich nur als eine nette Grußformel gemeint. Ich weiß es nicht. Vielleicht auch bezog es sich doch auf uns und sollte eine Aufforderung sein.

Da saß ich "auf dem Frühlingshügel", ein kleines, zierlich-lebendiges Mädchen im Arm, das ich küßte und streichelte, und immer wieder und wieder zogen muntere wandernde Jungen vorbei und forderten uns auf zu verrecken. Wir taten übrigens nicht dergleichen, und auch sie zogen immer ruhig weiter, unbekümmert darum, daß wir noch nicht verreckten.
Ein surrealistisches Bild.

(...) Nun ist es wohl heute keinem mehr zweifelhaft, daß in Wahrheit der nazistische Antisemitismus so gut wie nichts mit den Juden, ihren Verdiensten und Fehlern, zu tun hat. Das Interessante an der nachgerade nicht mehr verheimlichten Absicht der Nazis, die Deutschen dazu abzurichten, daß sie die Juden über die ganze Welt hin verfolgen und möglichst ausrotten, ist nicht die Begründung, die sie dafür geben - die ist so unverblümter Nonsens, daß es eine Selbsterniedrigung bedeutet, sie auch nur bekämpfend zu diskutieren - sondern eben diese Absicht selbst. Sie nämlich ist etwas tatsächlich weltgeschichtlich Neues: der Versuch, die Ursolidarität jeder Tiergattung untereinander, die sie allein zum Überleben im Existenzkampf befähigt, innerhalb des Menschengeschlechts außer Kraft zu setzen, die menschlichen Raubtierinstinkte, die sich sonst nur gegen die Tierwelt richten, auf Objekte innerhalb der eigenen Gattung zu lenken, und ein ganzes Volk wie ein Rudel Hunde auf Menschen "scharf zu machen". Ist erst einmal die grundsätzliche immerwährende Mordbereitschaft gegen Mitmenschen geweckt und sogar zur Pflicht gemacht, so ist es eine Kleinigkeit, die Einzelobjekte zu wechseln. Schon heute zeigt sich ziemlich deutlich, daß man statt `Juden´ auch `Tschechen´, `Polen´ oder irgendetwas anderes setzen kann. Worum es sich hier handelt, ist die systematische Impfung eines ganzen Volkes - des deutschen - mit einem Bazillus, der bewirkt, daß die von ihm Befallenen gegen Mitmenschen wölfisch handeln, oder, anders ausgedrückt, die Entfesselung und Hochzüchtung jeder sadistischen Instinkte, deren Niederhaltung und Abtötung das Werk eines vieltausendjährigen Zivilisationsprozesses war. Ich werde in einem späteren Kapitel Gelegenheit haben, zu zeigen, daß große Teile des deutschen Volkes - trotz seiner allgemeinen Schwächung und Entehrung - hiergegen denn doch noch innere Abwehrkräfte aufbringen, wahrscheinlich aus einem dunklen Instinkt heraus, was hier auf dem Spiel steht. Wäre es anders und sollte dieser Versuch der Nazis - der eigentliche Kern ihrer gesamten Bestrebungen - tatsächlich gelingen, so würde das freilich zu einer Menschheitskrise allerersten Ranges führen, in der die physische Fortexistenz der Gattung Mensch in Frage gestellt werden würde und in der wahrscheinlich nur noch ungeheuerliche Mittel wie die physische Destruktion aller mit dem Wolfsbazillus Behafteten Rettung bringen könnte.

Man ersieht aus diesem kurzen Abriß bereits, daß es genau der nazistische Antisemitismus ist, was - nicht etwa für die Juden - an die letzten Existenzfragen rührt, in die keiner ihrer anderen Programmpunkte hinabreicht. Und man mag daran die ganze Lächerlichkeit jenes in Deutschland noch heute nicht seltenen Standpunktes ermessen, der den Antisemitismus der Nazis als eine kleine Nebensache, allenfalls einen Schönheitsfehler der Bewegung betrachten möchte, den man, je nachdem ob man die Juden mehr oder weniger sympathisch findet, hinnehmen oder bedauern kann, der aber "neben den großen nationalen Fragen natürlich gar nichts bedeutet." In Wahrheit sind diese "großen nationalen Fragen" gerade höchst unbedeutender Tageskram, Teilwirren einer vielleicht noch ein paar Dekaden währenden europäischen Übergangsperiode - verglichen mit den Urgefahren einer Menschheitsdämmerung, die der nazistische Antisemitismus heraufbeschwört.

Das schrieb Haffner 1934, also viele Jahre vor der generalstabsmäßig geplanten `Endlösung´ - und er war kein Privilegierter, keiner, der mehr Informationen besaß als die Masse, nur einer, der Zeitungen las und sah, was um ihn herum vor sich ging.

Doch, privilegiert war er in gewissem Maße: er gehörte offenbar nicht zu denen, die später von alledem "nichts gewusst" haben wollten. Ein fulminantes, ein wirklich wichtiges Buch, das in viele Sprachen übersetzt und Schullektüre werden sollte - und dem es zugleich noch gelingt, ebenso anregend wie atemberaubend spannend zu sein.

27. Mai 2001

Leserbrief


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