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Lese-Effekte: Hochgelobt, ein Bestseller - man sollte meinen, dass es keines weiteren
Hinweises mehr auf Sebastian Haffners `Geschichte eines Deutschen´
(DVA) bedürfe. Doch hier sei eine Ausnahme gestattet: dieses Buch
ist so ungewöhnlich, unterscheidet sich so sehr von der Masse an
`Vergangenheitsbewältigungs- und Erinnerungsliteratur´ dass
es gar nicht hochgelobt und gut verkauft genug werden kann. Es beschreibt
nur den Lebensweg eines jungen deutschen Bürgers, Jahrgang 1907,
der historische und politische Ereignisse miterlebt, wie sie von den
meisten seiner Zeitgenossen erlebt wurden und wie wir sie fast nur noch
aus Geschichtsbüchern kennen - 1.Weltkrieg, Räterepublik,
Inflation, Weimarer Republik, die Anfänge des III. Reiches - aber
all diese Ereignisse werden durch ihre subjektive, unprätentiöse,
gänzlich unbelehrende Darstellung auch für den Leser plötzlich
nachvollziehbar, so als ob sich viele vermeintlich bekannte Details
wie auf einer Perlenkette aufgereiht finden, die man endlich als Ganzes
betrachten kann. Und dabei stößt man auf erschreckende Parallelen:
Was mich davor schützte, war - meine Nase. Ich
besitze einen ziemlich ausgebildeten geistigen Geruchssinn, oder, anders
ausgedrückt, ein Gefühl für die ästhetischen Valeurs
(und Non-Valeurs!) einer menschlichen, moralischen, politischen Haltung
oder Gesinnung. Den meisten Deutschen fehlt leider das gerade vollständig.
Die Klügsten unter ihnen sind imstande, sich mit lauter Abstraktionen
und Deduktionen vollständig dumm zu diskutieren über den Wert
einer Sache, von der man einfach mittels seiner Nase feststellen kann,
daß sie übelriechend ist... Was die Nazis betraf, so entschied
meine Nase ganz eindeutig. Es war einfach ermüdend, darüber
zu reden, was unter ihren vorgeblichen Zielen und Absichten etwa doch
diskutabel oder wenigstens `historisch gerechtfertigt´sei, da
das Ganze so roch, wie es roch. Daß die Nazis Feinde seien - Feinde
für mich und für alles, was mir teuer war - darüber täuschte
ich mich keinen Augenblick. Worüber ich mich freilich vollkommen
täuschte, war, wie furchtbare Feinde sie sein würden. Ich
neigte damals noch dazu, sie nicht ganz ernstzunehmen - eine verbreitete
Haltung unter ihren unerfahrenen Gegnern, die ihnen viel Ich erinnere mich einer seltsamen Szene... Wir waren
in den Grunewald hinausgefahren, es war wundervolles, unnatürlich
warmes Frühlingswetter, wie in diesem ganzen März 1933. Unter
kleinen Wölkchen, die über einen unbeschreiblich lichten Himmel
zogen, zwischen harzig duftenden Kiefern saßen wir auf irgend
einem Mooshügel und küßten uns, wie das musterhafteste
kleine Filmliebespaar. Die Welt war überaus friedlich und frühlingshaft.
Wir saßen vielleicht ein oder zwei Stunden dort, und wohl alle
zehn Minuten kam eine Schulklasse an uns vorüber, es schien ein
allgemeiner Schulwandertag zu sein; lauter frische nette Jungen, geführt
und behütet jeweils von ihrem Lehrer, der meist einen Zwicker trug
oder ein Bärtchen, wie es sich für einen Lehrer geziemt, und
treu über seine Schäflein wachte. Und jede dieser Schulklassen,
wenn sie an uns vorüber kam, wandte sich uns zu und rief, wie Da saß ich "auf dem Frühlingshügel",
ein kleines, zierlich-lebendiges Mädchen im Arm, das ich küßte
und streichelte, und immer wieder und wieder zogen muntere wandernde
Jungen vorbei und forderten uns auf zu verrecken. Wir taten übrigens
nicht dergleichen, und auch sie zogen immer ruhig weiter, unbekümmert
darum, daß wir noch nicht verreckten. (...) Nun ist es wohl heute keinem mehr zweifelhaft, daß in Wahrheit der nazistische Antisemitismus so gut wie nichts mit den Juden, ihren Verdiensten und Fehlern, zu tun hat. Das Interessante an der nachgerade nicht mehr verheimlichten Absicht der Nazis, die Deutschen dazu abzurichten, daß sie die Juden über die ganze Welt hin verfolgen und möglichst ausrotten, ist nicht die Begründung, die sie dafür geben - die ist so unverblümter Nonsens, daß es eine Selbsterniedrigung bedeutet, sie auch nur bekämpfend zu diskutieren - sondern eben diese Absicht selbst. Sie nämlich ist etwas tatsächlich weltgeschichtlich Neues: der Versuch, die Ursolidarität jeder Tiergattung untereinander, die sie allein zum Überleben im Existenzkampf befähigt, innerhalb des Menschengeschlechts außer Kraft zu setzen, die menschlichen Raubtierinstinkte, die sich sonst nur gegen die Tierwelt richten, auf Objekte innerhalb der eigenen Gattung zu lenken, und ein ganzes Volk wie ein Rudel Hunde auf Menschen "scharf zu machen". Ist erst einmal die grundsätzliche immerwährende Mordbereitschaft gegen Mitmenschen geweckt und sogar zur Pflicht gemacht, so ist es eine Kleinigkeit, die Einzelobjekte zu wechseln. Schon heute zeigt sich ziemlich deutlich, daß man statt `Juden´ auch `Tschechen´, `Polen´ oder irgendetwas anderes setzen kann. Worum es sich hier handelt, ist die systematische Impfung eines ganzen Volkes - des deutschen - mit einem Bazillus, der bewirkt, daß die von ihm Befallenen gegen Mitmenschen wölfisch handeln, oder, anders ausgedrückt, die Entfesselung und Hochzüchtung jeder sadistischen Instinkte, deren Niederhaltung und Abtötung das Werk eines vieltausendjährigen Zivilisationsprozesses war. Ich werde in einem späteren Kapitel Gelegenheit haben, zu zeigen, daß große Teile des deutschen Volkes - trotz seiner allgemeinen Schwächung und Entehrung - hiergegen denn doch noch innere Abwehrkräfte aufbringen, wahrscheinlich aus einem dunklen Instinkt heraus, was hier auf dem Spiel steht. Wäre es anders und sollte dieser Versuch der Nazis - der eigentliche Kern ihrer gesamten Bestrebungen - tatsächlich gelingen, so würde das freilich zu einer Menschheitskrise allerersten Ranges führen, in der die physische Fortexistenz der Gattung Mensch in Frage gestellt werden würde und in der wahrscheinlich nur noch ungeheuerliche Mittel wie die physische Destruktion aller mit dem Wolfsbazillus Behafteten Rettung bringen könnte. Man ersieht aus diesem kurzen Abriß bereits,
daß es genau der nazistische Antisemitismus ist, was - nicht etwa
für die Juden - an die letzten Existenzfragen rührt, in die
keiner ihrer anderen Programmpunkte hinabreicht. Und man mag daran die
ganze Lächerlichkeit jenes in Deutschland noch heute nicht seltenen
Standpunktes ermessen, der den Antisemitismus der Nazis als eine kleine
Nebensache, allenfalls einen Schönheitsfehler der Bewegung betrachten
möchte, den man, je nachdem ob man die Juden mehr oder weniger
sympathisch findet, hinnehmen oder bedauern kann, der aber "neben
den großen nationalen Fragen natürlich gar nichts bedeutet."
In Wahrheit sind diese "großen nationalen Fragen" gerade
höchst unbedeutender Tageskram, Teilwirren einer vielleicht noch
ein paar Dekaden währenden europäischen Übergangsperiode
- verglichen mit den Urgefahren einer Menschheitsdämmerung, die
der nazistische Antisemitismus heraufbeschwört. Doch, privilegiert war er in gewissem Maße: er gehörte offenbar
nicht zu denen, die später von alledem "nichts gewusst"
haben wollten. Ein fulminantes, ein wirklich wichtiges Buch, das in
viele Sprachen übersetzt und Schullektüre werden sollte -
und dem es zugleich noch gelingt, ebenso anregend wie atemberaubend
spannend zu sein. |
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