FrauenFragen (4)

Ist das nicht eine Scheiß-Stadt?

Schon eigenartig. Wenn ich mich tatsächlich mal über ein Thema auslasse, das wirklich
n u r  Frauen interessiert – oder kennen Sie einen Mann, der von sich aus anfängt, übers Heiraten zu sprechen? – ist es auch wieder nicht recht: "Zu persönlich". Quatsch, Leute: Alles Private ist politisch. Oder habt Ihr das auch schon vergessen – genau wie Eure "Atomkraft – nein danke"-Phase und die Tatsache, daß Politiker korrupt sind? (Bei der letzten Wahl haben es die Hessen ganz offensichtlich auf brutalstmögliche Weise verdrängt.) Aber bitte. Wie Quentin Tarantino zu George Clooney sagt (in "From Dusk Till Dawn"): "Du kannst immer nur meckern, meckern, meckern." In dieser Ausgabe also etwas völlig Unpersönliches, angeregt durch das erhellende Buch "Monacholia – Liebesgaben für Münchenhasser", Freising 1992 (leider vergriffen; ich fordere eine sofortige Wiederauflage!)
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Von Eva Herold

Orte kann man nach ihren Zeitungen und Zeitschriften beurteilen. Das weiß jeder, der den Schwarzwälder Boten oder den Olchinger Anzeiger oder die West Palm Beach Post kennt – und die dazugehörigen Käffer. New York z.B. hat die "alte Tante" New York Times, die Uwe Johnsons heimliche Heldin der "Jahrestage" wurde. Oder den New Yorker, obwohl der auch bald nicht mehr das ist, was er am Ende nie war. Frankfurts ältere Herrschaften lesen die FAZ, ein paar jüngere vielleicht die Frankfurter Rundschau (gibt's die eigentlich noch?). Berlin beheimatet die taz ... Sie merken schon, worauf ich hinaus will.

Ich lebe in München, Gott sei meiner armen Seele gnädig, im Hoheitsgebiet der Autoverleihers-Gattinnen, TV-Moguln und Friseure, regiert von einer Horde unfähiger, schmieriger, heuchlerischer Politiker-Darsteller ... (höre ich da ein "Geh doch nach Drüben"? Drüben gibt es erstens nicht mehr, und zweitens haben die jetzt mehr Nazis als wir hier). Und in dieser "Weltstadt", der ein zugekokster Marketing-Heini vor seiner Einlieferung noch schnell den anbiedernden Beinamen "mit Herz" verpaßte, gibt es, immerhin, die stinklangweilige, aber total seriöse und vollkommen politisch korrekte SZ, die man nur kauft, wenn jetzt oder das magazin beiliegen.

Hier werden auch Playboy, Vogue, Penthouse, Gala, Focus, Max und Bunte verlegt, diese Hefte, die notorisch in Arztwartezimmern, im Nagelstudio oder auf Junggesellen-Toiletten liegen. Aber  g e l e s e n  wird in München – zumindest in den Kreisen, die ich wahrzunehmen beliebe (Bild- und Münchner-Merkur/tz-Leser existieren nicht in meinem Weltbild, sonst müßte ich mir sofort die Kugel geben) – die Abendzeitung. Und die ist wirklich widerlich.

Nun arbeiten natürlich auch geschätzte KollegInnen bei der AZ. Die sollen sich bitte inzwischen die Nase pudern gehen oder das nächste Mal auf die andere Straßenseite und so tun, als würden sie mich nicht kennen. Aber es muß einfach mal gesagt werden: Allerspätestens seit dem letzten Layout-Relaunch mit dieser Nazi-Schrift für die Rubriktitel ist das Blatt auf meiner Haß-Liste ganz oben. Hier greifen Ästhetik und Inhalt auf so spektakuläre Weise gemeinsam ins Klo, daß einem die Spucke wegbleibt.

Nur, du kommst ja nicht dran vorbei, wenn die sogenannten "stummen" Verkäufer dich an jeder Straßenecke anbrüllen mit ihren grenzdebilen Schlagzeilen. Vor einiger Zeit etwa wurde auf Seite 1 unter der Headline "Durchgeknallt" in 6-Cicero-Balken der Protest gegen den Castor-Transport gleichgesetzt mit den Forderungen der Lufthansa-Piloten für mehr Gehalt. Eine allerliebste Kombination von "Schüren wir doch, ganz bürgernah, ein wenig den Sozialneid, und schütteln – gleichzeitig – milde den Kopf über diese Atomgegner-Rabauken": Da nickt der Bürger zustimmend und auflagensteigernd, gell, Verleger!

Früher war die AZ ein linksliberales Blättchen mit einem munteren Feuilleton und brauchbaren Informationen darüber, was in der Stadt abgeht. Daß Weltgeschehen und Lokalpolitik holzschnittartig dargestellt wurden – geschenkt. Daß die örtliche Prominenz und die Kneipen, in denen sie sich ihre Vollräusche bzw. neuen Bettgefährten holte, aufdringlich gecovert wurden – geschenkt. Das ist eben Boulevard, und zwischendurch wurden immer mal die Richtigen abgewatscht, wenn sie wieder mit Bürgerinteressen oder Menschenrechten rumgemacht hatten. Da konnte man sich einbilden: So schlimm ist München nicht. Aber jetzt? Jetzt hat sich die Zeitung gesinnungstechnisch endgültig dieser Stadt angepaßt. Und ich weiß verdammt noch mal nicht mehr, was ich am Frühstückstisch lesen soll.

10. Mai 2001

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