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Eine Reportage über das Rotlicht-WWW und Net-Schmuddel
Unterwegs am Cyber-Strich
Von Günther Zäuner
Sonnenklar, dass auch das älteste Gewerbe der Welt den Zug nicht
verpasste. Entlang den Datenhighways flanieren Web-Nutten über
die PC-Schirme und schade wenn es endlich zur Sache, besser an
die Wäsche gehen sollte, zerplatzt die Illusion wie eine Seifenblase.
Zu oft ist alles getürkt und Mann bleibt auf der Strecke mit unaufgeräumten
Hormonhaushalt.
Zumindest einen Vorteil hat die Suche nach Liebesglück und Befriedigung
via PC, Keyboard und Mouse-Click. Der potentielle Freier erspart sich
horrende Getränkerechnungen, die er für diverse gepantschte
Cocktail blechen müsste, gerät nicht peinlicherweise in eine
Razzia, wird in keine Auseinandersetzung mit einem Zuhälter verwickelt
oder nach Strich und Faden ausgenommen.
Sex sells. Eine ökonomische Tatsache. Daher auch nicht weiter verwunderlich,
dass rund achtzig Prozent aller Web-Sites Sex und pornographische Inhalte
zeigen. Niemand kann mit Sicherheit sagen, wie viele dieser einschlägigen
Angebote derzeit tatsächlich kursieren. Es sind Abermillionen und
täglich werden weltweit zigtausende Neue ins Netz gestellt. Und
keiner von uns Mannsbildern (und Frauenzimmern) soll behaupten, dass
er derartiges noch nicht anklickte.
Für jeden Geschmack und jede Neigung. Von harmlos und nett anzusehen
bis schwerst kriminell wie Kinderpornographie oder anderes perverses
Dreckszeug.
Snuff-Videos
Snuff bedeutet im Englischen "Kerze ausdrücken, ausblasen;
Leben auslöschen; den Löffel abgeben; sterben". Genau
dass ist auch der ultimative Höhepunkt dieser billigen Machwerke.
Das Ermorden von Menschen vor laufender Kamera. Vorzugsweise von Frauen,
Jugendlichen und Kindern, die vorher sexuell gefoltert wurden. Nur einem
eingeweihten, verschworenen Zirkel zugänglich, gehandelt zu horrenden
Preisen in einschlägigen Chatrooms und Newsgroups über streng
geheime Code- und Passwörter für die Letzten der Letzten der
Menschheit.
Vor einiger Zeit wurde mir ein zwanzigseitiger Ausdruck in englischer
Sprache, gewissermaßen die "Betriebsanleitung" für
Snuff-Videos zugespielt. Das Pamphlet enthält u.a. genaue Anweisungen,
wie und wo potentielle Opfer zu finden, wie die Leichen zu beseitigen
sind, und beginnt mit dem Zitat eines Pornofilmers namens Raymond A.:
"The feeling is so good, it makes everything else seem so trivial,
so stupid. Can you understand this moment of sheer joy? I am God. I
decide if she lives or dies." Kommentar überflüssig.
Kuschelmaus sucht Kuschelbär
Mit oder ohne zweideutigen Fotos, mehrheitlich die Objektive vorzugsweise
auf die Genitalbereiche konzentriert, präsentieren sich Männleins
und Weibleins zu Hunderttausenden in den deutschsprachigen, sogenannten
Partnerschaftsbörsen auf der Suche nach Liebes- und Lebensglück.
Ideale Tummelplätze für Cyber-Nutten, sich anonym hinter den
zahllosen Anzeigen zu verstecken. Keine Frage, ein hoher Prozentsatz
beider Geschlechter meint es mit größter Wahrscheinlichkeit
ernst und nutzt das neue Medium für die Partnersuche. Es bedarf
einer langen Recherche im Netz, um hier die Spreu vom Weizen zu trennen,
die Ehrlichen unter den Halbseidenen herauszufiltern. Nicht zu vergessen:
der Fun-Faktor. Niemand kann sicher sein, ob Frau wirklich Frau und
Mann Mann ist. Viele Männer geben sich als Frauen aus und warten,
was an Antwort-E-mails hereinkommt. Umgekehrt ebenso. Noch dazu, wo
die meisten Börsen gratis und deppensicher sind. Es gilt bloß
ein sogenanntes Profil auszufüllen. Reale Namen, Adressen, Telefonnummern
sowie gewerbliche Angebote jeder Art werden sogar von den Betreibern
dieser Börsen in ihren Nutzungsbedingungen ausdrücklich verboten.
Anonymität pur. Manche beschränken sich auf die üblichen
Fragen des äußeren Erscheinungsbildes. Andere wollen sogar
die politische Richtung wissen. Nachdem sich der/die lüsterne BewerberIn
durch die einzelnen Punkte durchgeackert hat, stellt man sich virtuell
noch seine(n) WunschpartnerIn zusammen und der Cyber-Aufriß kann
starten.
Tauchen trotzdem Telefonnummern in den Inseraten auf, dann ist es oft
sofort klar, dass dahinter eine Cyber-Nutte steckt oder jemand wurde
von einem perfiden Zeitgenossen gelegt. Selbstverständlich ist
das Web auch ein Eldorado für Streiche der übleren Sorte.
Die angerufenen Personen reagieren aus verständlichen Gründen
äußerst unwirsch.
Die Zahl der Angebote wächst ständig, und es würde den
Rahmen sprengen, alle zu nennen.
Vorausgesetzt, dass es sich um keine getürkten Inserate handelt,
stimmt es sehr bedenklich, wenn in diesem Foren zwölf-, dreizehn-
und vierzehnjährige Girlies inserieren. Aus manchen Profilen lässt
sich, aufgrund der Diktion und Interessen, herauslesen, dass viele tatsächlich
nur an einer "E-mail-Freundschaft" interessiert sind. Andere
schreiben offen über sexuelle Praktiken, dass selbst Josefine Mutzenbacher
errötet wäre. Unter dem Schutz der Anonymität können
sich hier Pädophile austoben, und niemand weiß, ob nicht
im Verborgenen jede Menge Straftaten ablaufen.
Selbstverständlich sichern sich sämtliche Betreiber in ihren
Informationssites ab, indem sie für nichts und niemanden Verantwortung
übernehmen.
Egal wie diese Börsen heißen, überall das gleiche Bild.
Manche Betreiber geben korrekte Firmenadressen mit allem Drum und Dran
an, andere verstecken sich hinter E-mail-Adressen. Eine Börse bietet
ihren Kunden an mit dem Wunschpartner über eine Mehrwertnummer
in telefonischen Kontakt zu treten, sofern es der Inserent angegeben
hat, ob das gewünscht wird. Ist das der Fall, läuft der Zähler
des Anrufers mitunter ins Uferlose.
Schmuddel
Manche der virtuellen Ladies erwarten sich einen "gutsituierten
Gentleman" oder gehen "gerne shoppen". Getarnte Aufforderungen
für: Zaster raus, Alter! Einige machen sich gar nicht die Mühe
und fordern Körberl- und Taschengeld. Dafür stehen auch die
Kürzel KG und TG. Andere inserieren mit einer unverfänglichen
netten Anzeige, und in den Antworten nennen sie dem liebesbedürftigen
Interessenten eine Mehrwertnummer, um sich vor den "vielen Spinnern
im Netz zu schützen."
"Christiane" antwortet prompt und gibt auch gerne ihre Handynummer
preis. Nach erfolgtem Anruf mutiert sie rasch zu einer Nutte aus dem
Osten und nennt ihren Preis für ein Schäferstündchen.
Den Vogel schoß allerdings eine "Karin" ab. Anscheinend
dachte sie, besonders schlau zu sein zwecks Aufbesserung ihres Haushaltsgeldes
und verlangte zuerst vom notgeilen Freier einen "Ernsthaftigkeitsbeweis",
deponierbar per Postfach in einem Wiener Postamt. Bares wollte sie logischerweise
sehen, um dann in den Weiten des Netzes zu verschwinden. Ich stellte
mich blöd und schrieb ihr, warum sie einen Brief wolle im Zeitalter
der E-mails? Klar, keine Antwort.
Tage später entdeckte ich in der selben Partnerschaftsbörse
unter der Rubrik "Sie sucht Ihn" einen "Martin",
dachte zuerst, wieder einer dieser Vollkoffer, der nicht weiß,
wo er hingehört und klickte ihn an. "Martin" erwies sich
als wahrer Gutmensch. Er warnte alle vor besagter "Karin".
Er schickte ihr einen namhaften Betrag, und sie ließ ihn sitzen.
Leider konnte ich meine Schadenfreude nicht verhehlen und schrieb ihm
zurück, dass "er eben ein Trottel ist."
Sämtliche Betreiber bemühen sich, gesetzestreu im Netz aufzutreten.
Witzig wird es allerdings, wenn sie sich vom User bestätigen lassen,
dass er bereits 18 Jahre alt ist, wenn er diese Site sehen will oder
tschüß. Wie ist denn das kontrollierbar? Zwar ist die Orwellsche
Vision in weiten Bereichen längst Realität geworden, doch
so weit sind wir zum Glück noch nicht.
Kompliment allerdings an "Carmen Frank" und "Tiara"
für knallharte Unverfrorenheit. Warum allerdings die Papstkrone
für die Horizontale herhalten muß, wissen nur die Ladies.
Tauchen immer wieder mit 08/15-Inseraten in unterschiedlichen Börsen
auf, schreiben brav und prompt zurück, verweisen auf ihre Homepage.
Dann folgt jedoch der Hammer. Originaltext Carmen: "Ich bin
ein waschechtes Wiener Mädel der Spitzenklasse! Für Dich Ganz
Alleine!...Wenn Du Dich nicht mit billigem Nepp zufrieden geben möchtest
... Wenn Du Dich NICHT mit sechstklassiger Schauspielerei zufrieden
geben möchtest ... stressfreie Ausflüge in die herrliche Welt
der Lust zu schätzen weißt .." Blablabla. Wer es
gerne im Dreierpack hat, Freundin Tiara ist sofort willig. Carmen-Schatzi
hat ihren Preis. "... Für jede angefangene Stunde, die
wir zusammen, aber in der Öffentlichkeit verbringen, verrechne
ich ATS 1500.- [ca. DM 215.-] ... Für jede angefangene Stunde,
in der wir alleine und ganz privat verbringen, nur wir zwei, verlange
ich eine Pauschale von ATS 2500.- [ca. DM 358.-] In diesem Preis ist
ALLES inkludiert ... Du sagst mir wann, wie, wo, was und zugleich
mit meiner Bestätigung unseres Termins benötige ich ein Depot
(über Kreditkarte) in der Höhe von ATS 1500.- [ca. DM 215.-].
Betrag wird aber NICHT von Deinem Kartenkonto abgebucht außer
Du erscheinst nicht zu unserer Verabredung! ..."
Die beiden Mausis gehen auch sonst keinen Schritt umsonst. Daher ist
zuerst ein Treffen auf neutralem Boden angesagt. Schließlich ist
eine gewisse Sympathie Grundvoraussetzung. Kaffeehaus, Bar, Taxi zu
Lasten des Freiers "innerhalb Wiens selten mehr als ATS
250.- [ca. DM 36.-] bis max. ATS 350.- [DM 50.-]" plus gediegenes
Fresserchen, Drinks usw.
Im jedem Puff geht's einfacher, schneller und unkomplizierter. Außerdem
gibt's Escort-Services und Swinger-Clubs. Mag sein, dass alles reell
abläuft, kann aber auch anders sein. Der Kunde wird sich kaum beschweren.
99% der Kunden sind verheiratet, und wenn's rauskommt, ist Feuer am
Dach.
Allerdings, wer es im stillen Kämmerlein mit seinem PC treibt,
hilft die AIDS-Rate senken. Apropos Feuer am Dach! Jetzt kann ich nur
hoffen, dass meine Frau diesen Artikel nie liest, denn das glaubt sie
mir nie!
10. Mai 2001
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