Interview:

Im Gespräch mit Peter Burke

Die Probleme der modernen Informationsgesellschaft sind älter als die Computergeneration wahrhaben will. Peter Burke, Professor in Cambridge und Renaissanceforscher mit weltweiten Renommee, stellt in seinem neuen Buch "Papier und Marktgeschrei" (Wagenbach, 320 Seiten, 48 Mark) die Geburt der Wissenschaftsgesellschaft vor.
"Die Kommerzialisierung von Information ist so alt wie der Kapitalismus selbst", schreibt Burke. Auch sonst hat sich in 500 Jahren Informationsgesellschaft erstaunlich wenig geändert.
Die Fragen stellte Volker Isfort.

GAZETTE: Herr Burke, schon im Jahr 1550 beklagte der italienische Bibliograph Antonfrancesco Doni über die unüberschaubare Menge an Büchern.
PETER BURKE: Es waren schon zu viele, um überhaupt nur die Titel zu überschauen. Aber das ist nur eine Beispiel für ein Problem, was wir für ein aktuelles halten, das aber schon seit Jahrhunderten die Menschen umtrieb. Ich will nicht sagen, das die Veränderungen des 20. Jahrhunderts unwichtig waren, aber wir verstehen sie wahrscheinlich besser, wenn wir die historische Perspektive betrachten.

Bedeutet die weltweite Vernetzung eine Revolution der Informationsgesellschaft?
Es gab viele Revolutionen. Schreiben war eine, Drucken eine andere und auf gewisse Weise durchleben wir gerade die nächste. Aber es gibt Parallelen zwischen den ersten Jahres des Buchdrucks und jenen der Internetgesellschaft. Andererseits erleben wir eine Gegenrevolution, die uns wieder ins Mittelalter führt. Die Erfindung des Drucks ist die Revolution der "fixed facts"., Im Internet kann jeder Texte ändern, hinzufügen. Die Information ist nicht mehr fest.

Ist Information ein Wert, ein Machtfaktor?
Es war und ist immer vorteilhaft, gut informiert zu sein. Aber natürlich kann man so viele Informationen bekommen, dass man nichts mehr versteht. Es ist immer besser, Wissen zu haben, als Information. Meine Arbeitsdefintion habe ich an Claude Lévi-Strauss' berühmte Unterscheidugskriterium angelehnt: Information sind rohe Daten, Wissen sind
verarbeite, durchdacht, sozusagen gekochte Informationen. Wir haben einen klaren Fortschritt in der Information erzielt, aber nicht unbedingt im Wissen ? und schon gar nicht in Bezug auf Weisheit.

Welche Rolle spielt unsere Wahrnehmung für das Wissen?
Natürlich gibt es keine absolut rohe Information, unser Gehirn ist ein Prozessor, der sofort alles verarbeitet und stereotypisiert.

Das ist ein konstruktivistischer Ansatz.
Man sieht nur, dass man in einem System denkt, wenn man das Bewusstsein dafür hat, dass es auch andere Systeme gibt - wenn man ein Bewusstsein für Alternativen entwickelt. Zum Konstruktivismus möchte ich sagen, dass man fragen muss, wer etwas konstruiert und woraus diese Konstruktion besteht. Ich glaube zum Beispiel nicht daran, dass sich eine Generation aus dem Nichts erfindet. Es gibt schon immer kulturelles Material der Generation davor. Und zu einem gewissen Grad wird das dann geändert.

Wie hat die vermeintliche Erreichbarkeit des Wissens das Verhältnis von Zentrum und Peripherie verändert?
Das Zentrum ist nicht mehr so wichtig, wie es einmal war. Andererseits
ist die lebendige Kommunikation nicht zu ersetzen. Das Café als Ort des Gesprächs hat immer eine besondere Rolle in der intellektuellen Produktion gespielt, seit der Kaffee nach Europa kam: im 16. Jahrhundert nach Istanbul, im 17. Jahrhundert nach Venedig und Wien, später nach London und Paris. Im 19. Jahrhundert wurde in Frankreich das Café wirklich populär. Die neue Idee des Internetcafés sollte man daher nicht unterschätzen. Denn hier verbinden sich die klassische und die moderne Art der Kommunikation.

Gab es einen Unterscheid zwischen dem Gespräch im Café und dem in einer Taverne?
Auf jeden Fall. In England wurde genau darüber eine politische Debatte geführt. Die Tories warfen den Wigs vor, durch ihren übertriebenen Kaffeekonsum zu regierungskritisch zu sein. Die Wigs wiederum kritisierten den hohen Bierkonsum der Tories, und die daraus resultierende politische Dummheit und Königstreue.

Sie nennen Montaigne als ein Beispiel für intensives Lesen.
So liest heute niemand mehr. Ich glaube man muss heute die Menschen trainieren, in verschiedenen Geschwindigkeiten zu lesen, so wie man auch für sein Auto verschiedene Gänge hat. Ich sage meinen Studenten immer, dass es Bücher gibt, die man besser überfliegt, andere hingegen muss man Wort für Wort durcharbeiten. Aber das hat auch schon Francis Bacon vorgeschlagen. Das wichtige in der Schulerziehung heute ist nicht, Wissen zu vermitteln, sondern den Kindern zu verdeutlichen, woher sie es beziehen können und ihr kritisches Bewusstsein unterstützen.

Montaigne gehörte Ihrer Studie nach zur ersten Generation der kritischen Leser.
Er hatte eine große Bibliothek und vielfach mehrere Bücher zu einem Thema mit widersprüchlichen Ansichten. Das machte ihn sehr skeptisch. Im siebzehnten Jahrhundert hatte das Problem der widersprechenden Daten durch die Ausbreitung der Zeitungen auch das öffentliche Bewusstsein erreicht. Das Medium hat die Bevölkerung skeptischer gemacht.

Wir sprechen heute oft von der Kommerzialisierung der Information.
Auch ein altes Thema, das schon diskutiert wurde als erstmals Professoren und Lehrern als Wissensvermittlern Gehälter bezahlt wurden. Natürlich hat die Kommerzialisierung seither zugenommen mit allen Vor- und Nachteilen. Wir können uns heute ohne Einfluss von Staat und Kirche informieren, die ja lange Informationen kontrolliert und zensiert haben. Heute dagegen kontrollieren vielfach die Medien die Auswahl der Informationen. Es ist aber auch nicht ratsam, den Universitäten das Informationsmonopol zu überlassen, da diese oft zu langsam reagieren.
Im 16. Jahrhundert begann man zu überlegen, wie man Kinder zum Lesen animieren könnte. Als Erziehungsmethode gab es den Stock, oder den Versuch, die Pille mit Zucker zu schlucken, also das Lernen selbst unterhaltsam zu gestalten. Das versuche ich in Cambridge auch heute noch.

Was unterscheidet denn ihre aktuellen Studenten von der Vorgängergeneration?
Leider lesen sie auch in Cambridge weniger und sprechen kaum noch Fremdsprachen. Andererseits gebe ich seit Jahren Kurse über das Bild als historische Quelle und verlange von meinen Studenten Bildinterpretationen. Das beherrschen sie viel besser als die Generation vor zwanzig Jahren.

Sie sind mit einer Brasilianerin verheiratet, fahren jährlich nach Südamerika. Können Sie dem britischen Professorenblick entkommen?
Man kann dem nicht komplett entkommen, für einen Menschen dürfte es schon ab dem 30. Lebensjahr schwer sein, fundamentale Einstellungen zu ändern. Aber natürlich hilft mir die familiäre Anbindung, eine nicht-ouristische Sichtweise auf Brasilien zu entwickeln.

Für den europäischen Blick wirken gerade lateinamerikanische Metropolen bedrohlich chaotisch.
Zu einem gewissen Grad liegt das Chaos im Auge des Betrachters. Als Brite bin ich gewohnt, Dinge langfristiger zu planen, als das wahrscheinlich schon ein Mensch in Italien täte. Es geht also nicht um Chaos und Ordnung, sondern um zwei verschiedene Ordnungssysteme. Natürlich gibt es Chaos im Sinne eines wirklichen gesellschaftlichen Zusammenbruchs. Aber vielfach ist das, was wir Chaos nennen, nur eine Ordnung, die wir nicht zu entziffern gelernt haben. Wir müssen den Begriff Ordnung daher im Plural benutzen.

27. Mai 2001

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