|
|
Norbert Bolz:
"Das konsumistische Manifest"
"Der Konsumismus ist das Immunsystem der Weltgesellschaft
gegen den Virus der fanatischen Religionen. Die Apologie dieses Lebensstils,
bis hinein in die Sphäre der Liebe, muss nicht die Augen verschließen
vor den Folgelasten der Modernisierung, den Ausschlussmechanismen unserer
westlichen Rationalität und den Schicksalen der Globalisierungsopfer.
... Und wo anders wäre, nachdem die Moderne den Himmel ausgeträumt
hat, die Wendung von der Transzendenz zur Introszendenz möglich:
die Eroberung der 'diesseitigen Tiefe'?""
(www.perlentaucher.de über "Das konsumistische Manifest")
Jedes
wissenschaftslastige Buch, das auf dem Neuerscheinungstisch liegen und
außerhalb der Unibibliotheken gelesen werden soll, muss seine
Vermarktung rechtfertigen. - Warum soll der Feierabendkonsument hier
Zeit verblättern? - Wenn schon nicht der Name das Autors darauf
überzeugend antworten kann (Hawking! Lafontaine!), muss eben sein
Thema absatzfähig sein, kundenrelevant, 'aktuell'. Die Neuheit
der Ergebnisse wird von der unbestreitbaren Tatsache verbürgt,
dass es sich ja um eine Neuerscheinung handelt.-
"Das konsumistische Manifest" des Medientheoretikers und Philosophen
Norbert Bolz lässt trotz altertümlichem Cover in Revolutionsrot
und marxisierendem Knistern im Titelhintergrund keine Zweifel an seiner
Aktualität zu. Schon im ersten Satz des Klappentextes erklärt
es sich als Plaidoyer "gegen den Virus der fanatischen Religionen"
(wieviele da wohl gemeint sind?), und Bolz schafft den antithetischen
Kosmos des Textes nach dem Urbild der "ikonische(n) Zerstörung
vom 11. September 2001": die Welt ist geteilt in zwei Teile, den
Antiamerikanismus, mit seiner "weltweit massenwirksamste(n) Form"
des Fundamentalismus, und den "konsumistischen Kapitalismus",
später auch (im nicht-ökonomischen Sinn) "Liberalismus"
genannt. Zwischen diesen "beiden Weltreligionen" - was der
studierte Religionswissenschaftler Bolz nicht metaphorisch meint - finde
ein Kampf statt, ein "Weltbürgerkrieg". Während
darin der islamische Fundamentalist als Besessener von einem religiösen
Wahrheitsanspruch seine "minimalen Partizipationschancen in der
modernen Gesellschaft" ausagiert, nach Befehl, Gewissheit und Heilsversprechen
verlangt, steht ihm im Konsumismus eine inkompatible Gesellschaft des
Handels gegenüber, in der Religionen und andere Wahrheiten als
soziale Systeme koexistieren, wohingegen den materiellen Waren "spiritueller
Mehrwert" zukommt und Marken eine "totemistische" Aura
entfalten (beides subtile Beispiele jener Soziohermeneutik, die Bolz'
Methode ist). Und diese westliche Gesellschaft ist genau deshalb liberal,
weil sie kapitalistisch ist - gerade weil Wirtschaft auf Zahlen und
nicht auf Moral basiert, kann sie sich als offenes System entwickeln:
"Wo Geld die Welt regiert, herrschen eben nicht: fanatische Ideologie
und blutige Gewalt. Die monetarisierte Habsucht zähmt die anderen
Leidenschaften ... - hier entfaltet sich ein ruhiges Begehren nach Reichtum."
Und als resultierende "Grundthese des konsumistischen Manifests"
stellt Bolz ein Friedensprogramm für den Weltbürgerkrieg vor:
"Marktfriede", die "Hoffnung, dass sich der Virus (sic)
... des kapitalistischen Wirtschaftens auch in den heute noch vom antiamerikanischen
Ressentiment besetzten Seelen reproduziert. ... Der Konsumismus ist
das Immunsystem der Weltgesellschaft gegen den Virus der fanatischen
Religionen", so Virologe Bolz.
Die Schlüsselprämisse des Konsumlobs, im Textverlauf immer
wieder referiert und variiert, stammt übrigens, wie ihr Referent
selbst angibt, von dem amerikanischen Ökonomen Albert O. Hirschman
(Autor von "Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen
des Kapitalismus vor seinem Sieg"), der "sehr schön gezeigt
(habe), dass der Kapitalismus ... die großartige Kulturleistung
erbracht hat, die Leidenschaften ... in den Griff zu bekommen."
Wir wurden "auf Zivilisationstemperatur gebracht" - eine freundliche
Metapher, um die "soziale Kälte" als "Sentimentalismus
der Entfremdungskritiker" zu entlarven. Und damit sind wir schon
mitten im eigentlichen Bolz-Manifest, das sich spätestens nach
der Hälfte aus seinem globalen Antithesen-Szenario fortstiehlt
- hinein in den ganz lokalen Diskurszirkus polittheoretischer Argumentationsakrobatik.
Sein fundamentalistischer Kontrapunkt ist schon nach dem zweiten Kapitel,
"Der Terror" - hier rasch psychosoziologisch enggeführt
- kaum noch zu hören. Die kontroverse Spannung wäre damit
verloren, wenn nicht von nun ab eine zweite Gegenbewegung für die
nötige Debattendichte sorgen würde: ein subtilerer, hintergründiger
und ironiefester Kontrast, der Bolz sichtlich mehr Spaß macht.
Eigentlich braucht man gar nicht darauf hinzuweisen, das Buch trägt
den Konter-Kontext bereits im Titel: die sogenannte "Linke"
nämlich, den heimischen Antikonsumismus, Marxinterpreten und Globalisierungsgegner
in der inneren Emigration. Nahezu für den gesamten Rest des Essays
entlässt Aphorimusschütze Bolz den islamistischen Fanatiker
als Zielscheibe und macht sich selten die satzweise Mühe, an seine
eigene Aktualisierung anzuknüpfen (allerdings durfte man schon
angesichts des Titels vermuten, dass es sich dabei um ein Alibi für
den Neuerscheinungstisch handeln könnte).
Die nun folgenden Kapitel sind gewissermaßen eine linksinterne
Angelegenheit: kein Marketing-Manager wird hier irgend aufwühlendes
Gedankengut entdecken. Seinen linken Lesern aber macht Professor Bolz
in Talar und Mephistomaske die 'Schüler-Szene' ("Die Maske
muss mir köstlich stehn"). Nicht im Ton, aber im Kostüm
der Provokation, das schon Cover und Titel vorgeben, rezitiert er seinen
Text: weniger ein konsumistisches als ein anti-antikonsumistisches Manifest.
Für den Hauptdarsteller und promovierten Adorno-Kenner mehr als
Theater? Ja, ganz und gar dialektischer Ernst.
Im Stil zwischen lässiger Präzision und spielzeughafter Griffigkeit
reiht Bolz nun Definitionen und Sentenzen variierend und konkludierend
an- und ineinander, und in seiner Karteikartenfülle kommt er ganz
nebenbei der Engelsschen Forderung nach, dass Theorie der schlüssigen
Koordinierung aller beteiligten Spezialwissenschaften bedürfe:
von der Ethnologie bis zur Städteplanung, Ökonomie bis Religionswissenschaft
wird teils ausführlich exzerpiert. - Man muss dahinter wohl pädagogisches
Sendungsbewusstsein vermuten; didaktische Unfähigkeit wird man
dem pointenlustigen Bolz aber nicht vorwerfen können. - Diskursmächtig
lässt er einen nicht enden wollenden Referentenreigen vortanzen,
stets dramaturgisch korrekt werden Lebende und Unsterbliche des modernen
Bewusstseins herbeizitiert: von vielberufenen Geisteskämpen wie
Hobbes, Marx, Freud und Weber über zahlreiche neuere Transatlantiker
wie Hirschman, Kenneth Burke und den Mediävisten Benjamin Nelson
bis zum gallischen Dorf marxistischer Kulturkritik, wo Lukács,
Benjamin, Marcuse und Adorno vom historisch-materialistischen Zaubertrank
schlürfen. - Wobei ihm im Gewimmel der Ideen auch Fehler unterlaufen:
etwa wenn er Benjamins Analogie vom "Kapitalismus als Religion"
überzeugend demontiert, nachdem er sie selbst zuvor angewandt hat;
oder wenn er, der stets in Originalsprache zitiert, im Literaturverzeichnis
Foucaults "Sexualität und Wahrheit" mit kosmopolitischem
Charme zu "Sexualité et Verité" rückübersetzt,
während das Werk im französischen Original "Histoire
de la sexualité" heißt. - Zwischen den zahlreichen
brillanten Momenten dieser Choreographie blitzt hie und da auch mal
ein original Bolzscher Denkreflex auf. Wenn es auch insgesamt nicht
nur so scheint, als sei der Meister derart mit der Regie beschäftigt,
dass er nicht auch noch selbst eine Kür im Tanz um den Konsumismus
hinlegen kann.
Will er auch gar nicht. Womit wir im Zentrum wären, sozusagen im
Schwarzen Loch der Bolzschen Thesen-Galaxie: ihr diabolischer Schöpfer
hat nämlich nur Spaß gemacht. Und genau hierin liegt sein
erwähnter dialektischer Ernst. Bolz haucht seiner Welt nicht den
besinnungslosen Sinn der McKinsey, Capital & Company ein, und das
Ambiente der Marxistenfresserei ist zwar ein publikumswirksames Schauspiel,
"aber ach! ein Schauspiel nur." Kurz: "Das konsumistische
Manifest" ist, entgegen seinem Gattungsnamen, keine Überzeugungstat.
Es ist ein Kompromiss. Und weil Kompromisse schwer verkäuflich
sind, gibt er sich kämpferisch. Weil sie aber außerdem argumentativ
komplexer sind als Manifeste, spart sich der Medienphilosoph hier den
philosophischen Komplex. Da will man natürlich wissen, welchen...
Das große Implizitum, das Bolz' These und Affirmation des Kapitalismus
fundiert und übrigens auch politisch zentriert, huscht in nur zwei
Sätzen am Leser vorüber; im Kapitel "Das Geld" schreibt
Bolz: "Mit diesem Funktions-Sinn müssen die Menschen auskommen.
Mehr an Sinn gibt es nicht. ... Das Geld ist heute unser funktionaler
Ersatz für die unmöglich gewordenen Ideen des Humanismus."
Hier sind wir gewissermaßen im Mittelpunkt des Nichts: eine Welt
wird verschlungen. Und ein hitzig umkämpftes philosphisches Areal
im voraus gesperrt: bitte weiterlesen! Bolz weiß, worauf er sich
nicht einlässt. Es entspräche weder seinem Projekt noch seinem
Beruf, wenn man so sagen darf, eine originale Humanismuskritik auf den
Büchertisch zu legen. Das hat jemand wie Heidegger vor ihm getan;
und dessen Nach-Denker hatten dazu längst Stellung bezogen: Sartre
etwa ablehnend, Foucault zustimmend. Dennoch scheint es zweifelhaft,
ob diese Auseinandersetzung so sehr als Allgemeingut gelten, dass Bolz
sie mit einem Federstrich abtun kann. Die Vermutung trifft wohl zu,
dass ihm schlicht der wägende, mäßigende Einfluss nicht
ins Manifest passt.
Denn das auszuformulieren, würde die theatralische Provokation
prompt entteufeln: unter der Voraussetzung, dass in der Hitze der Humanismen
und ihrem Kampf um mehr Menschlichkeit (nach dem Maß ihres Menschenbildes)
genau das nicht erreicht werde, was alle Humanisten wollen, nämlich
die 'bessere Welt', dass also jeder Aufbruch in die bessere dem Einbruch
in eine schlechtere Welt vorangeht - unter dieser Prämisse, der
die halbe Zivilisationsgeschichte als Beleg zur Verfügung steht,
ist die Zustimmung zur konsumistischen Welt mehr als einsichtig. Dass
die Kontingenz der Historie eine kühl funktionierende, entbrutalisierte
Gesellschaftsform hervorgebracht haben soll, die sich im Kommunikationssystem
des Geldes von selbst erhält, darf man tatsächlich eine frohe
Botschaft nennen. Wäre es da nicht unvernünftig und stur,
nach fernen Ufern zu wollen - wäre das nicht 'ideologisch', das
heißt so hitzköpfig, dass allein der unbelehrbare Wille nach
der Verbesserung der Welt schon den Verdacht einer Verschlechterung
nahelegt? Bolz hat das längst bejaht und damit den Rahmen geschaffen
für das konsumistische Manifest: keine Feier des Kapitalismus also,
sondern Kapitalismus als Kompromiss, als Lösung des unlösbaren
Problems, wie die Utopie zur Wirklichkeit käme. Man muss ein Ignorant
sein, wenn man jenen Prämissen nicht diesen Schluss folgen ließe.
Das alles jedoch, wie gesagt, bei Bolz nur eine Abbuchungsgeste. Aber
nachdem wir seine Vorliebe für bissiges Design und Denken im hot
dressing erahnt haben, fällt es auch nicht mehr schwer zu begreifen,
warum er in seiner Theologie der westlichen Weltreligion einiges Irdische
nicht zur These kommen lässt. "Die immanenten Schwächen
des konsumistischen Lebensstils liegen seit langem offen zutage",
heißt es selbstverständlich. Nicht schon wieder, hört
man da heraus. Aber gesellschaftliche Mängel, auf die schon hundertmal
hingewiesen worden ist, sind deshalb nicht weniger relevant für
eine Deutung dieser Gesellschaft - für eine Wertung sind sie umso
relevanter. "Heute wäre es aber an der Zeit, die Stärke
in diesen Schwächen zu erkennen." Abgesehen davon, wie man
in einer Schwäche eine Stärke "erkennt" und was
das dann für eine "Stärke" sein muss, genügt
es eigentlich schon, die ökologischen Kollateralschäden unseres
Konsumjerusalem kurz vor Ende der Geschichte zu erwähnen, um einem
vollmundigen Manifestanten der planetarischen Schwelgerei, die uns immerhin
nach vieltausend Jahren Barbarenfressen und -gefressenwerden ordentliche
Tischsitten beigebracht hat, den Appetit zu verderben.
Das sind zwar Einwände gegen die Wertung - die übrigens vorgebracht
werden, nicht obwohl der Fundamentalismus doch ungleich schlimmere Nebenwirkungen
hat, sondern gerade weil der islamistische Weg uns zeigt, was aus einer
Gesellschaft entstehen kann, die nicht die Kulturtechnik der Selbstkritik
pflegt -, Einwände gegen das "Manifest" - allerdings
keine gegen Bolz. Denn der hat natürlich gar kein Manifest geschrieben.
Sein Buch ist tatsächlich nichts weniger als ein Manifest.
Bolz unterliegt keinem Drang nach weltbildlicher Zwangseinheit, sondern:
ausschließlich seinem dialektischen Reflex. Er will keine Seligkeit
propagieren, sondern eine These begründen, als einen Beitrag zum
Gleichgewicht eines politischen Diskurses. Die These vom Wert des Westens
ist gut begründet. Und dass es um das dialektische Gleichgewicht
zu Zeiten nationenweiter Demonstrationswallfahrten übel bestellt
ist, dass es inzwischen anstelle des antiislamischen Generalverdachts
zur Alltagsrhetorik von Stammtischen und Südkurven gehört,
antiamerikanische Ressentiments weiterzublaffen, und dass man nicht
annehmen sollte, unter diesem Mehrheitsamalgam verbärgen sich vorwiegend
rationalere als nationalistische, antisemitische und kompensatorische
Motive - all das macht dieses Buch auch nicht unnütz.
Man sollte Bolz also nicht in den Arm fallen, wenn er in der Rolle des
Advocatus diaboli in eine antikapitalistische Eintracht den dialektischen
Dreizack stößt, um daran zu erinnern, dass die Welt nicht
einträchtig ist, dass es in ihr komplexer zugeht, als wir unserm
Denken angewöhnt haben, dass man ihre Dissonanzen nicht Harmonie
lehren kann und dass die größtmögliche Nähe zur
Wirklichkeit im Widerspruch besteht, und also auch im Widerspruch zum
Widerspruch. Man kann es getrost das mephistophelische Prinzip nennen.
Bolz selbst schreibt beiläufig: "der Teufel ist der dialektische
Gegenspieler Gottes; er fördert also den Glauben." Bolz, im
Talar des Teufels, ist der Gegenspieler des Antikonsumismus, der vielerorts
Züge einer dogmatischen Religion der Revolte anzunehmen scheint.
Bolz hat ein Gegengift. Aus der Apotheke "Aufklärung".
15. März 2003
Leserbrief
|
| Haben
Sie schon unseren kostenlosen Newsletter
abonniert? |
|