Abenteuerliche Preisverleihung

Swiss Press Photo 02

Von Hans Durrer


Den Ersten Preis der Swiss Press Photo 02 in der Sparte Aktualität erhielt Markus A. Jegerlehner von der Agentur Keystone; seine Aufnahme, so die Bildlegende, zeigt einen Swissair Piloten, der "anfangs Oktober in Rio de Janeiro vom Grounding seiner Fluggesellschaft überrascht" wird. Auf dem Bild zu sehen ist ein Mann, der in kurzen Hosen, kurzärmligem Pilotenhemd, ohne Uhr, dafür mit aufgesetzter Pilotenmütze vor Hochhäusern an einem Sandstrand sitzt und, das Kinn von der einen Hand gestützt, nachdenklich auf's Meer starrt.

Das Wesen des Pressefotos liegt darin, dass es die Wirklichkeit abbildet, die sich der Kamera darbietet – unmittelbar, nackt und direkt. Ohne Inszenierung. Die Funktion des Pressefotografen ist die des Augenzeugen, nicht die des Arrangeurs.

Man kann sich fragen, weshalb sich ein Mann, der sich an einen Sandstrand setzt, dies nicht in dafür angemessener Kleidung tut. Nicht dass es jemandem verwehrt wäre, sich in Uniform an den Strand zu setzen, doch andrerseits geht man ja auch nicht in Badehosen ins Büro.
Möglich ist natürlich, dass der Mann vom Flughafen zurück in sein Hotel, das vielleicht am Strand liegt, gefahren und sich geistesabwesend vor dem Hotel in den Sand gesetzt hat. Doch wenn dem so gewesen wäre: Wie kommt es, dass der Mann kurze Hosen trägt? Sind es überhaupt kurze Hosen? Oder sind es die langen Uniformhosen, die er sich hochgekrempelt hat? Sollte Letzteres zutreffen, so müssten die Uniformhosen bei der Swissair extrem weit geschnitten sein. Und wo sind des Piloten Schuhe abgeblieben? Und wie kommt es, dass da gerade ein Pressefotograf vor Ort war?

Eigentlich haben wir ja keinen Grund, daran zu zweifeln, dass, wie die Bildlegende sagt, wir einen Piloten, der vom Grounding der Swissair in Rio überrascht wurde, vor uns sehen. Man sagt uns, was wir zu sehen haben – und wir sehen es. Weil wir darauf vertrauen, dass der Fotograf uns nicht die Unwahrheit sagt. Trotzdem erregt dieses Foto unseren Unmut – weil es gestellt scheint, weil wir den Verdacht nicht loskriegen, dem Piloten sei gesagt worden, er solle sich in Uniform an den Strand setzen und sich dortselbst möglichst nachdenklich zeigen. Daran ist grundsätzlich nichts auszusetzen, solches passiert dauernd. Nur eben: Ein solches Foto ist kein Pressefoto, denn von einem solchen erwartet man, dass es nicht fabriziert ist, sondern das Geschehen unmittelbar und ungeschminkt aufzeichnet – uns zu zeigen, was er gesehen hat, ist die Aufgabe des Pressefotografen, Inszenierungen gehören in eine andere Kategorie.

Das Schweizer Nachrichtenmagazin Facts, dem ich diese Überlegungen mitgeteilt habe, ging der Sache nach. Preisträger Jegerlehner, Teilzeitfotograf und Maître de Cabine, gehörte zur Swissair Crew, die damals in Rio vom Grounding überrascht wurde, und gab ohne Umschweife zu, dass das Foto gestellt ist: "Es ist klar, dass sich Piloten nicht einfach so halb ausgezogen an den Strand setzen, um nachzudenken." Den Auftrag zu diesem Themenbild erhielt er vom damaligen Chef der Bildagentur Keystone, Hans-Ulrich Blöchlinger: "Ich verlangte ein Themenbild, das die Not einer Crew symbolisiert. Darum schlug ich Jegerlehner vor, an jenem 2. Oktober mit seiner Crew an den Strand von Rio zu ziehen." Nur eben: Soviel Not war da gar nicht. Der abgebildete Pilot Daniel Riediker im Nachhinein: "Wir hatten gemischte Gefühle. Betrübnis wegen des Groundings und Freude am Strandleben." Ein zur selben Zeit aufgenommenes Foto zeigt denn auch die Crew sichtlich vergnügt.

Es sei ihnen bewusst gewesen, dass dieses Foto gestellt sei, sagte Markus Schnetzer, der Präsident der Swiss-Press-Photo-Jury. "Wir haben intensiv darüber diskutiert." Doch Themenbilder gehörten nun einmal zum journalistischen Alltag, somit bestehe kein Grund, solche Bilder nicht auszuzeichnen.

Man reibt sich die Augen ob dieser Argumentation, denn dieses Foto wurde in der Kategorie "Aktualität" ausgezeichnet. Gemeint ist doch wohl die Aktualität der Ereignisse, wie sie sich dem Kamera-Auge präsentieren, und nicht das ins Bild-Setzen gerade aktueller Voreingenommenheiten.

12. Februar 2003

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