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Der Anfang vom Ende der amerikanischen Welt?
Neue Integrationsräume in einer nachkolonialen Welt
"Ein halbes Jahrhundert lang standen die Vereinigten
Staaten für politische und wirtschaftliche Freiheit, aber heute
erscheinen sie immer mehr als ein Faktor der internationalen Unordnung
...
[Die Partie wird] nicht mit einem Matt enden, das heißt mit dem
Sieg einer einzelnen Macht, sondern mit einem Patt, einer Situation,
in der keiner mehr herrscht. Europa, Russland und Japan zusammen sind
zweieinhalbmal so stark wie Amerika. Der seltsame Aktionismus der Vereinigten
Staaten in der muslimischen Welt drängt die drei Mächte der
Nordhalbkugel unaufhörlich zu einer langfristigen Annäherung."
(Emmanuel Todd, Weltmacht USA. Ein Nachruf, Piper, München 2003)
Von Kai Ehlers
Vom
Ende der amerikanischen Welt zu sprechen, während sich die USA
soeben anschicken, der Welt ihren Willen zu einem langandauernden Krieg
gegen die Achse des Bösen" aufzuzwingen, scheint nicht
gerade im Strom zu liegen. Sieht doch alles so aus, als ob die Welt
einer Ära der unangefochtenen US-Hegemonie entgegengehe. Selbst
das aufmüpfige Europa, obwohl vereint durch den Euro, zeigt sich
gespalten, ob es den USA in den Krieg folgen soll oder nicht. Die übrige
Welt hält sich bedeckt, wartet ab.
Das martialische Auftreten der USA ist jedoch keineswegs Ausdruck ihrer
Stärke, obwohl die USA zur Zeit unzweifelhaft die stärkste
Militärmacht der Welt sind, sondern der fundamentalen Krise, in
der sich dieses Land nicht erst seit dem 11. 9. 2001 und keineswegs
durch die Ereignisse dieses Tages verursacht, sondern schon lange davor
befand und immer noch befindet. Die Berichte über Reihen zusammenbrechender
US-amerikanischer oder US-amerikanisch dominierter Firmen und Finanzholdings,
über die Verschuldung der amerikanischen Kommunen, über die
wachsenden sozialen Probleme im Lande füllen ganze Bibliotheken.
Der Krieg, den die gegenwärtige US-Administration führen will,
ist lediglich Ausdruck davon. Er ist der Versuch, die Krise durch eine
global angelegte Notstandspolitik zu überwinden. Effektiv wird
die Krise der USA jedoch durch jeden weiteren Tag einer solchen Politik
vertieft. Die USA betreiben nicht nur ihre eigene Entzauberung als freieste
Nation der Geschichte, sondern auch ihre tendenzielle Entmachtung durch
die Bündnispartner", denen sie heute Zugeständnisse
machen müssen, um den geplanten Krieg führen zu können.
Mit dem Ende der UdSSR und dem Eintritt der Länder der ehemaligen
UdSSR und ihrer Einflusszone in eine tiefgehende Transformationsphase
schien die globale Hegemonie und das Definitionsmonopol für Fortschritt
allein an die USA als dem gesünderen und effektiveren System überzugehen.
Im Ergebnis machen sich die USA jedoch lediglich auf, das Erbe der kolonialen
Geschichte Europas, einschließlich seines russisch-sowjetischen
Auslegers anzutreten. Während Europa nach zwei Weltkriegen und
am Ende der Systemteilung eine Wiederbelebung seiner kolonialen Vergangenheit
mehrheitlich ablehnt, während selbst die Engländer zu 50%
gegen neue koloniale Abenteuer auftreten, die Deutschen nach zwei schweren
Niederlagen im verspäteten Kampf um einen Platz an der Sonne"
vor weiteren Versuchen dieser Art zurückschrecken und Russland
sich um partnerschaftliche Beziehungen zu den GUS-Ländern bemühen
muss, schwingen sich die USA zu einer Wiederbelebung imperialen Denkens
im globalen Maßstabe auf. Amerikanische Strategen definieren die
Welt heute als amerikanisches Imperium, in dem die Tradition des europäischen,
speziell auch des englischen Empire im Interesse des Weltfriedens auf
globaler Ebene durch die USA fortgesetzt werden müsse. Da gelten
die klassischen imperialen Kriterien von innen und außen wie in
den finstersten Zeiten des europäischen Kolonialismus: Sicherheit
und Wohlstand innen, Unsicherheit, Unterdrückung und Armut außen.
Von einer Weltgemeinschaft, die das Wohl und die Freiheit aller Menschen
im Auge hat, ist in diesem Weltbild nicht mehr die Rede, ganz zu schweigen
von einer Sorge um die ökologische Gesundheit des ganzen Planeten.
Tatsächlich entwickelt sich die Welt aber nicht so, wie amerikanische
Strategen es nach dem Ende der Systemteilung, die man wohl als bisher
letztes und höchstes Stadium der imperialen Aufteilung der Welt
begreifen muss, definierten. Die Staffel der imperialen Hegemonialmacht
geht keineswegs geradlinig von den Supermächten, die sie ihrerseits
vom alten, durch zwei Kriege entkolonialisierten Europa übernommen
hatten, allein auf die USA über. Vielmehr haben sich im Zuge der
beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts und noch einmal verstärkt
unter den politischen Schirmen der Supermächte, sozusagen in den
Nischen der systemgeteilten Welt neue wirtschaftliche und politische
Zentren herangebildet, die jetzt soweit sind, dass sie die Ereignisse
nicht nur mitgestalten können, sondern auch wollen.
Da sind zuallererst die neuen Integrationsräume Euro-Asiens; das
ist das Integrationsdreieck China, Russland, Indien mit der Mongolei
als neutraler Mitte. Dieses Gebiet verzeichnet heute die höchsten
wirtschaftlichen Wachstumsraten der Welt. Das ist - von den US-Strategen
arrogant, aber ignorant als schwarzes Loch" klassifiziert,
der Integrationsraum Russlands und der GUS, der aber allen Unkenrufen
zum Trotz ein Entwicklungs- und Wachstumsraum ist, ohne dessen Konsolidierung
Euro-Asien im Chaos versinken müsste.
Es ist auch der arabische Raum, der gegenwärtig durch eine schwere
Krise geht, der sich aber nichtsdestoweniger in Richtung einer Modernisierung
und Selbstfindung bewegt.
Diese regionalen euroasiatischen Integrationsräume werden sich
um so schneller herausbilden, ggflls. leider jedoch auch konfliktträchtiger,
je massiver die USA versuchen, deren Entwicklung zu hintertreiben, sie
einzudämmen oder gar zu verhindern wie das gegenwärtig besonders
im Falle des arabischen Raums geschieht.
Zu den Integrationsräumen Euroasiens kommen Entwicklungsräume
in Südamerika, Süd-Asien und tendenziell auch in Afrika dazu,
die allerdings erst in dem Maße ihre Kraft entfalten können,
wie die genannten Euroasiatischen Mächte an Eigenständigkeit
und Stabilität gewinnen und sich miteinander in der faktisch entstandenen
pluralen Ordnung organisieren. Die Europäer, konkret die entstehende
Europäische Union, sind heute Bestandteil dieser Entwicklung.
Die USA sind bei genauer Betrachtung keineswegs die einzig verbliebene
Weltmacht, sondern ebenfalls ein Bestandteil in der Pluralität
dieser Entwicklung, aber anders als die Russen, die das Problem ihrer
Über-Expansion in einer sich globalisierenden Welt erkannten und
den risikoreichen Prozess der Transformation einleiteten, akzeptieren
die USA die Entwicklung neuer Zentren nicht. Sie erkennen nicht die
Grenzen ihrer Expansionsmöglichkeiten, sondern schwingen sich zur
einzig verbliebenen Weltmacht auf, die keinen Konkurrenten neben sich
dulden will. Damit verwandeln sie sich vom Botschafter und Protagonisten
der NEUEN WELT, der sie noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts waren,
in eine Bremse für die Verwirklichung der neu herangewachsenen
Verhältnisse, die eine plurale und kooperative, keine hegemoniale
Weltordnung unter Führung einer einzigen Nation verlangen. Sie
werden aber die Entwicklung, selbst wenn sie den Globus mit Krieg überziehen,
nicht aufhalten können; zu hoffen ist nur, dass kritische Teile
der amerikanischen Gesellschaft dies begreifen, bevor ihre Regierungen
die Welt in Brand gesteckt haben.
Den Grenzen zwischen den Integrationsräumen kommt unter diesen
Bedingungen eine besondere Bedeutung zu, denn die Beziehungen zwischen
den regionalen Integrationszentren können sich nicht friedlich
entwickeln, wenn der Status der Grenzländer nicht im Einvernehmen
zwischen den regionalen Zentren und den Grenzländern definiert
wird. Beispiele für Konflikte in solchen Grenzräumen sind
heute Afghanistan, Tschetschenien, auch der Irak. Die Ukraine, Weißrussland
und Königsberg sind potentielle Konfliktherde, wenn keine Integrationsmechanismen
gefunden werden, die diese Länder aus der Isolation zwischen den
Grenzen der erweiterten Europäischen Union und dem des russischen
Raumes führen. Lösungen können vermutlich, wenn man sich
nicht für den Beitritt zu einen oder anderen Seite entscheiden
kann, nur gefunden werden, wenn die Grenzlage zwischen den Integrationsräumen
in ihrer besonderen Qualität als neutrale Zone nicht nur akzeptiert,
sondern auch gefördert wird.
Aktuelle Friedenspolitik, die nicht nur die gewaltsame Eindämmung
dieser Grenzkonflikte im Auge hat, hätte ihr Augenmerk daher mehr
als bisher auf die Entwicklung der regionalen Integrationszonen zu richten,
auf die Stärkung der Grenzräume als wichtige neutrale Verbindungszonen
zwischen den Räumen, sowie auf die Herausbildung des politischen
Mechanismus, der die organisierte Kooperation zwischen den regionalen
Räumen sowie die Befriedung der Grenzräume fördert und
stabilisiert.
15. März 2003
Leserbrief
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