Unruhig ist nicht nur Chiapas

Oaxaca

Die Situation im mexikanischen Bundesstaat Chiapas und der Aufstand der Zapatisten sind weltweit bekannt geworden. Das liegt vor allem am charismatischen Führer Subcommandante Marcos, der sogar eine eigene Homepage im Internet hat. Im Gegensatz dazu ist die Situation der indigenen Bevölkerung in anderen Bundesstaaten wie Oaxaca international nur wenig bekannt.

Von Judith Brandner

Der Reiseführer rühmt Oaxaca als eine der Perlen der mexikanischen Städte. Die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates liegt auf 1.500 Metern Höhe, die Altstadt gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Und der Zocalo, der Hauptplatz (Foto u.), gilt als einer der schönsten in ganz Mexiko. Hier ist immer etwas los. Touristen sitzen in den Arkadencafes, die den Platz säumen, Indianer bieten auf kleinen Ständen im Park ihre Waren feil, fliegende Händler versuchen, Blumen, Süßigkeiten, Holzspielzeug oder handgearbeiteten Textilien an Touristen zu verkaufen. Und immer wieder organisieren die verantwortlichen Behörden ein beachtliches Kulturprogramm- wie etwa abendliche Konzerte unter freiem Himmel. Der ganze Platz ist Fußgängerzone, in der Mitte stehen hohe Lorbeerbäume, ringsum ein unzerstörtes Ensemble kolonialer Architektur. Ausgerechnet hier, auf diesem traditionsreichen Platz wollte McDonalds eine Filiale seiner Fast-Food-Lokale errichten. Doch Francisco Toledo (Foto li.), einem der berühmtesten zeitgenössischen Maler Mexikos und seiner Kulturgruppe Pro-Oax ging diese weitere Manifestation von Globalisierung und US-amerikanischem Kulturimperialismus zu weit: Noch dazu, wo es in der modernen Zone von Oaxaca bereits zwei Filialen gibt. Mit Toledo an der Spitze startete pro oax eine auch international viel beachtete Kampagne gegen die Präsenz von McDonalds in diesem historischen Ambiente. Und fünf Monate später, Ende des Vorjahres, stellte sich auch der Erfolg ein, erinnert sich Toledo an eine lange, auch im Internet geführte Kampagne. Tausende Menschen unterschrieben ein Manifest, tausende wandten sich via Internet an den Bürgermeister. Es sei eine richtige Bewegung entstanden, zuletzt stellten sich auch die Regierung des Bundesstaats Oaxaca und die Abgeordneten des Landtages auf die Seite der McDonalds-Gegner. Schließlich wurde ein Spezialgesetz zum Schutz des historischen Stadtzentrums beschlossen.

Und so dominieren traditionelle mexikanische Speisen weiterhin auf dem Hauptplatz von Oaxaca. McDonalds bleibt in den Außenbezirken. Immer wieder wird der Zocalo im Stadtzentrum auch zur politischen Bühne - wenn sich Indianergruppen vor dem Regierungspalast zu Mahnwachen, Protestkundgebungen oder Hungerstreiks versammeln. Eine der vielen Organisationen, die sich für die Rechte und Anliegen der indigenen Bevölkerung einsetzen, ist das consejo indigena popular de oaxaca, kurz CIPO. Wortführer und Leiter von CIPO ist Raoul Gatica, der zur Ethnie der Mixteken gehört. CIPO macht immer wieder durch spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam. Erst vor kurzem sei es gelungen, die kommerzielle Verwertung einer Gemeindequelle durch Coca-Cola zu verhindern, erzählt Gatica ein Beispiel. Coca-Cola wollte eine Wasserabfüllanlage machen und hatte bereits alle Genehmigungen dafür. Der Konzern hätte das gesamte Wasser einer Gemeinde abgefüllt und verkauft. Als die Indianer Wind von der Sache bekamen, blockierten sie die Zufahrt zur Quelle. Und haben auf friedliche Weise etwas erreicht. Ein anderes Mal, erinnert sich Gatica mit Schmunzeln, habe sich die Polizei einer Gruppe von Demonstranten mit Knüppeln genähert, die Frauen und Kinder hätten ihnen aber Blumen entgegengehalten. Blumen gegen Knüppel. An einen Fall erinnert sich Gatica besonders gern: Als die Feuerwehr mit Wasserwerfern gegen die Demonstranten eingesetzt wurde. "Wir wussten, dass die Feuerwehr kommt und hatten Luftballons mit. Diese hatten wir zuvor mit Urin von Kühen, Hunden, von Ziegen und von uns selbst angefüllt. Als die Feuerwehr die Schläuche auf uns richtete, antworteten wir mit den uringefüllten Luftballons. Sie haben uns zwar nass gemacht, aber sie haben uns nicht vertrieben, sondern sie mussten selber gehen! Dabei rochen sie nicht mehr gut, sie waren ja voll mit Urin!"
Als Aktionisten und wohl auch Provokateure machen sich Raoul Gatica und seine Organisation aber nicht nur in Polizeikreisen unbeliebt. Alle diese Aktionen änderten nichts an der Situation der armen Indianer-Bauern, meint die ehemalige Staatsbeamtin Marcela Garcia. Garcia hat viele Jahre in Indianerdörfern für das mexikanische Landwirtschaftsministerium gearbeitet. Zu ihrer Arbeit gehörten die Schlichtung strittiger Landfragen, die Durchsetzung der Landreform sowie Programme des Ministeriums für eine bessere Organisation der Landwirtschaft. Das einzige, was sich ändere, seien die Namen der diversen Indianer-Führer, meint sie zynisch: "Sie manipulieren die Bauern nur, damit sie selbst politisch präsent sind. Sie wollen Abgeordnete werden oder Bürgermeister. Sie haben persönliche Interessen und täuschen die Bauern." 17 Jahre lang sei sie draußen auf dem Land gewesen und habe nie erlebt, dass sich bei den Bauern irgendetwas zum Besseren geändert habe - aber deren Führer seien Abgeordnete oder Senatoren geworden.



 

 

 

 

 

 


Oaxaca gehört zu den ärmsten Bundesstaaten Mexikos. Rund 70 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Die Analphabetenrate ist hoch, ebenso die Arbeitslosigkeit. Oaxaca hat eine der höchsten Migrationsraten - die Menschen ziehen vom Land in die Städte, von den Städten in die USA oder nach Kanada, um dort ein zweifelhaftes Glück zu versuchen. Die ethnische Vielfalt in diesem fünftgrößten Bundesstaat Mexikos ist groß - Oaxaca ist Indígena-Land. Neben den Hauptgruppen der Zapoteken und Mixteken leben hier noch zahlreiche weiteren Ethnien, wie die Mazateken, die Mixe oder die Trique.
Bei den Demonstrationen der Indianer ist immer wieder vom Kampf gegen Hunger und Ausbeutung die Rede, von den großen Unternehmen, die mit Betrug und Täuschung arbeiten und den Boden vergiften. Hier wie anderswo in Mexiko gehören Landkonflikte zwischen Regierung und Indianergemeinden zu den größten Problemen. Im Mittelpunkt steht die uralte Frage: Wem gehört das Land? Wem gehören die Bodenschätze, die darunter sind? "Wir meinen: Es ist unser Territorium und auch das, was darunter ist, gehört uns, Wasser, Öl, Uran, Gold, Silber", erklärt Gatica. Auch, was über dem Land ist, betrachten die Indianer als das Ihre: die Sterne, den Mond, die Sonne. Was ihnen von staatlicher Seite die Beurteilung einhandle, sie seien verrückt. Raoul Gatica kontert: "Wir sind zwar Indianer, aber keine Idioten. Und unsere Art, die Erde zu verteidigen, ist, dagegen zu sein, dass sie Privatbesitz wird!"

Dahinter steckt das traditionelle Konzept des kollektiven Eigentums der Indianergemeinden. Privatbesitz an Land existiert nicht. Das Land gehört allen. Immer wieder gerät das überlieferte Rechtssystem der Indianer in Konflikt mit den Gesetzen des Staates, die auf dem westlichen Rechtssystem beruhen, erklärt Raoul Gatica. Doch die Indianerbevölkerung will ihre Rechte als Teil ihrer eigenständigen Kultur erhalten. Die unterschiedliche Rechtsauffassung erklärt er anhand eines Beispiels: "Wenn jemand hier ein Huhn stiehlt, dann heißt das Delikt "Diebstahl" und er kommt deswegen ins Gefängnis. Wenn jemand in der Dorfgemeinschaft ein Huhn stiehlt, dann wird er sanktioniert, indem er den Diebstahl abarbeiten oder das Huhn zurückgeben muss. Das heißt also: im positiven Recht wird er bestraft, im Indianerrecht wird er erzogen."

Wirtschaftspolitische Entwicklungen bieten stets Anlass für Konflikte zwischen Staat und Indígena-Gemeinden. So zum Beispiel die nächste Phase des NAFTA, des Freihandelsabkommens zwischen den USA, Kanada und Mexiko, die mit Jahresbeginn 2003 in Kraft getreten ist. Die Zölle auf 80 amerikanische Agrarprodukte wurden mit Stichtag 1. Januar abgeschafft. Damit ist der Einfuhr amerikanischer Produkte nach Mexiko Tür und Tor geöffnet. Einige Grundnahrungsmittel wie Zucker, Bohnen, Mais und Milchpulver sind vorerst noch ausgenommen. Mexikos Bauern, die mit den großen Landwirtschaftsbetrieben der USA nicht mithalten können, fürchten einen totalen Zusammenbruch der heimischen Landwirtschaft.
Mexiko sollte eine andere Politik machen, um nicht unter den Folgen der amerikanischen Politik zu leiden, meinte auch Joseph Stieglitz, der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2001, anlässlich einer Tournee durchs Land. Denn derzeit hänge die mexikanische Wirtschaft zu sehr von der Situation in den USA ab.
Schon bisher sei die landwirtschaftliche Produktion vieler Dorfgemeinschaften nicht konkurrenzfähig gewesen, weiß Marcela Garcia. Das liege vor allem an dem schlechten Vermarktungssystem der Bauern, das verhindere, dass sie mit ihren Produkten etwas verdienen könnten: "Es gibt Orte wie zum Beispiel in Chuapán, wo wunderbare Orangen produziert werden. Aber sie verderben, weil es den Bauern nicht gelingt, sie auf den Markt zu bringen. Außerdem gibt es auf den großen Märkten im Bundesstaat Mexiko und in den Städten Händler, die nicht erlauben, dass mehr Orangen auf den Markt kommen, weil dann die Preise sinken würden." Die Folge - viele Zitrusfrüchte wie Orangen, Limonen oder Grapefruits verfaulen.

Im benachbarten Bundesstaat Chiapas hatte die Einrichtung des NAFTA 1994 den bewaffneten Kampf der Indios gegen die Regierung mit ausgelöst. Die Situation in Chiapas und der Aufstand der Zapatisten sind weltweit bekannt, und das liegt vor allem am charismatischen Führer Subcomandante Marcos (Foto li.), der sogar eine eigene Homepage im Internet hat. Im Gegensatz dazu ist die Situation der indigenen Bevölkerung in anderen Bundesstaaten wie hier in Oaxaca international nur wenig bekannt. Und die Regierung, meint beispielsweise Vera Weinzettel von der österreichischen NGO Mexikoplattform, sei durchaus daran interessiert, den Konflikt in der Darstellung nach außen auf Chiapas zu beschränken - um nicht zugeben zu müssen, dass auch anderswo Probleme bestünden. Weinzettel ist immer wieder als Friedensaktivistin und Menschenrechtsbeobachterin in Mexiko unterwegs. Sie erzählt von großer Militärpräsenz auch in den Bundesstaaten Oaxaca und Guerrero und von massiven Menschenrechtsverstößen. In anderen Bundesstaaten existierten zwar einzelne Guerrillagruppen, jedoch keine vergleichbaren Armeen wie die Zapatistische Verteidigungsarmee EZLN in Chiapas - das sei einer der Unterschiede, meint Raoul Gatica. In Oaxaca sei die Guerrilla informell, und es gebe eine versteckte, verkleidete Militarisierung. Völlig zu Unrecht werde auch ihm und seiner Organisation immer wieder Gewalttätigkeit unterstellt: "Von mir wurde behauptet, ich sei der Kommandant all dieser Guerillagruppen hier in Oaxaca. Es hat nie einen Beweis dafür gegeben, und natürlich wird es dafür nie einen Beweis geben, weil ich es ja nicht bin! Aber unter diesem Vorwurf nehmen sie mich immer wieder fest, immer wieder. - Und den Mitgliedern von CIPO geht es genauso."

Mexikos Präsident Vicente Fox, der im Jahr 2000 mit seiner konservativen PAN die 70-jährige Macht der sozialistischen PRI gebrochen hatte, hatte gleich zu Amtsantritt eine Lanze für Menschenrechte in seinem Land gebrochen. Mexiko werde nicht länger als negatives Beispiel bezeichnet werden können, meinte er und richtete in seinem Kabinett den neuen Posten eines Sonderbeauftragten für Menschenrechte und Demokratie ein. Doch Amnesty International berichtet weiterhin über willkürliche Inhaftierungen, Folter und Misshandlung von Gefangenen in der Haft. Mexikanische und internationale Nichtregierungsorganisationen werfen den Behörden weiterhin vor, Straffreiheit walten zu lassen. Das charakterisiere die Menschenrechtssituation im Land seit Jahrzehnten. Und auch Raoul Gatica erhebt schwerwiegende Vorwürfe. Allein bei CIPO gebe es 26 Fälle von Straffreiheit, nachdem Leute geschlagen und gefoltert worden seien - die Kommandanten der Polizei und der Spezialeinheiten seien straflos davongekommen. Im Januar 2002 seien 46 Kameraden entführt und gefoltert worden - nie sei jemand zur Rechenschaft gezogen worden. Im Jahr 2002 habe es bei CIPO mehr als 90 willkürliche Festnahmen gegeben, mehr als fünf Mordversuche an Kameraden, Entführungen, rund 40 Fälle von Folter.

Der Maler Francisco Toledo, der der politischen Indianer-Bewegung eher skeptisch gegenüber steht, weil er meint, es sei bei einer so großen ethnischen Vielfalt überaus schwierig, im Namen "der Indianer" zu sprechen, kennt beim Thema Menschenrechte ebenfalls keine Kompromisse. Er erzählt das Beispiel der Region Loxicha. Die liegt in den südlichen Bergen des Staates Oaxaca, in einer sehr unzugänglichen Gegend. Die Analphabetenrate beträgt hier rund 80 Prozent, nur ein Bruchteil der Gemeinden hat Infrastruktureinrichtungen wie Strassen, Strom- oder Wasserversorgung. Es gibt nur eine Klinik, der Weg dorthin ist für viele Dorfbewohner lang und mühsam. Die Menschen fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Es ist ein Kaffeeanbaugebiet, daher auch wirtschaftlich interessant. Und es operiert hier eine Guerrilla-Organisation. Der Bevölkerung wird immer wieder Zusammenarbeit mit den Guerrilleros vorgeworfen.
Francisco Toledo erzählt, dass die Guerrilleros, die der Ethnie der Zapoteken angehörten und zapotekisch sprächen, zu Opfern geworden seien, weil sie kein Spanisch verstünden. Bei ihrer Festnahme hätten sie Dokumente unterschreiben müssen, die sie nicht lesen konnten. Derzeit seien noch zehn oder elf zapotekische Indianer im Gefängnis in Oaxaca. Die Organisation pro-oax unterstützt die Gefangenen von Loxicha in diesem Fall, damit ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Gemeinsam mit anderen Künstlern, gemäßigten Vertretern der Kirche und von Unternehmen werde versucht, den Leuten zu helfen: "Wir haben die Kinder der Gefangenen getauft. Es war eine gute Sache, weil Leute aus der Gesellschaft von Oaxaca Patenschaften für die Leute im Gefängnis übernommen haben, sie sozusagen als Familie adoptiert haben. In diesem Sinne stehen wir einer bestimmten Indianersache nahe."

Wer sich mit der Situation der indigenen Bevölkerung in Mexiko beschäftigt, ist bald mit einer unüberschaubaren Vielzahl an Organisationen konfrontiert, die sich für bestimmte Gruppen oder Anliegen einsetzen. Wie sie sich unterscheiden oder weshalb sie Kontrahenten sind, ist für den Beobachter von außen oft nicht zu erkennen. Mit dem Nationalen Kongress der indigenen Bevölkerung gibt es seit einigen Jahren eine übergeordnete Plattform, die versucht, die Anliegen der 56 verschiedenen Ethnien Mexikos zu koordinieren und gemeinsame Forderungen zu formulieren. Doch dem Kongress fehlt es an Mitteln, und die enorme Zersplitterung der Indianerbewegung sei nach wie vor das größte Problem, muss auch Raoul Gatica zugeben: "Wenn manche meinen, die Welt der Indianer sei insgesamt so wunderschön und harmonisch, dann ist das falsch. Ja, wir sind Brüder, aber es ist keine so harmonische Welt, obwohl wir das gerne möchten und auch darum kämpfen. Aber bis jetzt haben wir das noch nicht erreicht."

Eines eint jedoch alle Indígena-Organisationen: das Streben nach Land und Freiheit - wie es schon Emilio Zapata seinerzeit formuliert hat.

15. März 2003

Leserbrief

Haben Sie schon unseren kostenlosen Newsletter abonniert?


Neu:
Die Gazette jetzt auch
als mobile Version für Palm OS
und Win CE.