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Unruhig ist nicht nur Chiapas Oaxaca Die Situation im mexikanischen Bundesstaat Chiapas und der Aufstand der Zapatisten sind weltweit bekannt geworden. Das liegt vor allem am charismatischen Führer Subcommandante Marcos, der sogar eine eigene Homepage im Internet hat. Im Gegensatz dazu ist die Situation der indigenen Bevölkerung in anderen Bundesstaaten wie Oaxaca international nur wenig bekannt. Von Judith Brandner Der Reiseführer rühmt Oaxaca als eine der Perlen der mexikanischen
Städte. Die Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates liegt auf
1.500 Metern Höhe, die Altstadt gehört zum Weltkulturerbe
der UNESCO. Und der Zocalo, der Hauptplatz (Foto u.), gilt als einer
der schönsten in ganz Mexiko. Hier ist immer etwas los. Touristen
sitzen in den Arkadencafes, die den Platz säumen, Indianer bieten
auf kleinen Ständen im Park ihre Waren feil, Und so dominieren traditionelle mexikanische Speisen weiterhin auf
dem Hauptplatz von Oaxaca. McDonalds bleibt in den Außenbezirken.
Immer wieder wird der Zocalo im Stadtzentrum auch zur politischen Bühne
- wenn sich Indianergruppen vor dem Regierungspalast zu Mahnwachen,
Protestkundgebungen oder Hungerstreiks versammeln. Eine der vielen Organisationen,
die sich für die Rechte und Anliegen der indigenen Bevölkerung
einsetzen, ist das consejo indigena popular de oaxaca, kurz CIPO. Wortführer
und Leiter von CIPO ist Raoul Gatica, der zur Ethnie der Mixteken gehört.
CIPO macht immer wieder durch spektakuläre Aktionen auf sich aufmerksam.
Erst vor kurzem sei es gelungen, die kommerzielle Verwertung einer Gemeindequelle
durch Coca-Cola zu verhindern, erzählt Gatica ein Beispiel. Coca-Cola
wollte eine Wasserabfüllanlage machen und hatte bereits alle Genehmigungen
dafür. Der Konzern hätte das gesamte Wasser einer Gemeinde
abgefüllt und verkauft. Als die Indianer Wind von der Sache bekamen,
blockierten sie die Zufahrt zur Quelle. Und haben auf friedliche Weise
etwas erreicht. Ein anderes Mal, erinnert sich Gatica mit Schmunzeln,
habe sich die Polizei einer Gruppe von Demonstranten mit Knüppeln
genähert, die Frauen und Kinder hätten ihnen aber Blumen entgegengehalten.
Blumen gegen Knüppel. An einen Fall erinnert sich Gatica besonders
gern: Als die Feuerwehr mit Wasserwerfern gegen die Demonstranten eingesetzt
wurde. "Wir wussten, dass die Feuerwehr kommt und hatten Luftballons
mit. Diese hatten wir zuvor mit Urin von Kühen, Hunden, von Ziegen
und von uns selbst angefüllt. Als die Feuerwehr die Schläuche
auf uns richtete, antworteten wir mit den uringefüllten Luftballons.
Sie haben uns zwar nass gemacht, aber sie haben uns nicht vertrieben,
sondern sie mussten selber gehen! Dabei rochen sie nicht mehr gut, sie
waren ja voll mit Urin!"
Oaxaca gehört zu den ärmsten Bundesstaaten Mexikos. Rund
70 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Die Analphabetenrate
ist hoch, ebenso die Arbeitslosigkeit. Oaxaca hat eine der höchsten
Migrationsraten - die Menschen ziehen vom Land in die Städte, von
den Städten in die USA oder nach Kanada, um dort ein zweifelhaftes
Glück zu versuchen. Die ethnische Vielfalt in diesem fünftgrößten
Bundesstaat Mexikos ist groß - Oaxaca ist Indígena-Land.
Neben den Hauptgruppen der Zapoteken und Mixteken leben hier noch zahlreiche
weiteren Ethnien, wie die Mazateken, die Mixe oder die Trique. Dahinter steckt das traditionelle Konzept des kollektiven Eigentums der Indianergemeinden. Privatbesitz an Land existiert nicht. Das Land gehört allen. Immer wieder gerät das überlieferte Rechtssystem der Indianer in Konflikt mit den Gesetzen des Staates, die auf dem westlichen Rechtssystem beruhen, erklärt Raoul Gatica. Doch die Indianerbevölkerung will ihre Rechte als Teil ihrer eigenständigen Kultur erhalten. Die unterschiedliche Rechtsauffassung erklärt er anhand eines Beispiels: "Wenn jemand hier ein Huhn stiehlt, dann heißt das Delikt "Diebstahl" und er kommt deswegen ins Gefängnis. Wenn jemand in der Dorfgemeinschaft ein Huhn stiehlt, dann wird er sanktioniert, indem er den Diebstahl abarbeiten oder das Huhn zurückgeben muss. Das heißt also: im positiven Recht wird er bestraft, im Indianerrecht wird er erzogen." Wirtschaftspolitische Entwicklungen bieten stets Anlass für Konflikte
zwischen Staat und Indígena-Gemeinden. So zum Beispiel die nächste
Phase des NAFTA, des Freihandelsabkommens zwischen den USA, Kanada und
Mexiko, die mit Jahresbeginn 2003 in Kraft getreten ist. Die Zölle
auf 80 amerikanische Agrarprodukte wurden mit Stichtag 1. Januar abgeschafft.
Damit ist der Einfuhr amerikanischer Produkte nach Mexiko Tür und
Tor geöffnet. Einige Grundnahrungsmittel wie Zucker, Bohnen, Mais
und Milchpulver sind vorerst noch ausgenommen. Mexikos Bauern, die mit
den großen Landwirtschaftsbetrieben der USA nicht mithalten können,
fürchten einen totalen Zusammenbruch der heimischen Landwirtschaft.
Im benachbarten Bundesstaat Chiapas hatte die Einrichtung des NAFTA
1994 den bewaffneten Kampf der Indios gegen die Regierung mit ausgelöst.
Die Situation in Chiapas und der Aufstand der Zapatisten sind weltweit
bekannt, und das liegt vor allem am charismatischen Führer Subcomandante
Mexikos Präsident Vicente Fox, der im Jahr 2000 mit seiner konservativen PAN die 70-jährige Macht der sozialistischen PRI gebrochen hatte, hatte gleich zu Amtsantritt eine Lanze für Menschenrechte in seinem Land gebrochen. Mexiko werde nicht länger als negatives Beispiel bezeichnet werden können, meinte er und richtete in seinem Kabinett den neuen Posten eines Sonderbeauftragten für Menschenrechte und Demokratie ein. Doch Amnesty International berichtet weiterhin über willkürliche Inhaftierungen, Folter und Misshandlung von Gefangenen in der Haft. Mexikanische und internationale Nichtregierungsorganisationen werfen den Behörden weiterhin vor, Straffreiheit walten zu lassen. Das charakterisiere die Menschenrechtssituation im Land seit Jahrzehnten. Und auch Raoul Gatica erhebt schwerwiegende Vorwürfe. Allein bei CIPO gebe es 26 Fälle von Straffreiheit, nachdem Leute geschlagen und gefoltert worden seien - die Kommandanten der Polizei und der Spezialeinheiten seien straflos davongekommen. Im Januar 2002 seien 46 Kameraden entführt und gefoltert worden - nie sei jemand zur Rechenschaft gezogen worden. Im Jahr 2002 habe es bei CIPO mehr als 90 willkürliche Festnahmen gegeben, mehr als fünf Mordversuche an Kameraden, Entführungen, rund 40 Fälle von Folter. Der Maler Francisco Toledo, der der politischen Indianer-Bewegung eher
skeptisch gegenüber steht, weil er meint, es sei bei einer so großen
ethnischen Vielfalt überaus schwierig, im Namen "der Indianer"
zu sprechen, kennt beim Thema Menschenrechte ebenfalls keine Kompromisse.
Er erzählt das Beispiel der Region Loxicha. Die liegt in den südlichen
Bergen des Staates Oaxaca, in einer sehr unzugänglichen Gegend.
Die Analphabetenrate beträgt hier rund 80 Prozent, nur ein Bruchteil
der Gemeinden hat Infrastruktureinrichtungen wie Strassen, Strom- oder
Wasserversorgung. Es gibt nur eine Klinik, der Weg dorthin ist für
viele Dorfbewohner lang und mühsam. Die Menschen fühlen sich
von der Regierung im Stich gelassen. Es ist ein Kaffeeanbaugebiet, daher
auch wirtschaftlich interessant. Und es operiert hier eine Guerrilla-Organisation.
Der Bevölkerung wird immer wieder Zusammenarbeit mit den Guerrilleros
vorgeworfen. Wer sich mit der Situation der indigenen Bevölkerung in Mexiko beschäftigt, ist bald mit einer unüberschaubaren Vielzahl an Organisationen konfrontiert, die sich für bestimmte Gruppen oder Anliegen einsetzen. Wie sie sich unterscheiden oder weshalb sie Kontrahenten sind, ist für den Beobachter von außen oft nicht zu erkennen. Mit dem Nationalen Kongress der indigenen Bevölkerung gibt es seit einigen Jahren eine übergeordnete Plattform, die versucht, die Anliegen der 56 verschiedenen Ethnien Mexikos zu koordinieren und gemeinsame Forderungen zu formulieren. Doch dem Kongress fehlt es an Mitteln, und die enorme Zersplitterung der Indianerbewegung sei nach wie vor das größte Problem, muss auch Raoul Gatica zugeben: "Wenn manche meinen, die Welt der Indianer sei insgesamt so wunderschön und harmonisch, dann ist das falsch. Ja, wir sind Brüder, aber es ist keine so harmonische Welt, obwohl wir das gerne möchten und auch darum kämpfen. Aber bis jetzt haben wir das noch nicht erreicht." Eines eint jedoch alle Indígena-Organisationen: das Streben nach Land und Freiheit - wie es schon Emilio Zapata seinerzeit formuliert hat. 15. März 2003 |
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