Bericht an die Akademie

Von Manfred Wieninger

Als mündlich bestellter und nicht abgeholter Nachlaßverwalter Sylvester Haferkamps muß ich leider betrübt feststellen, daß kaum ein Nachlaß zu verwalten ist. Haferkamps Schreibtisch im Badezimmer seiner Mutter war bis auf ein einziges Blatt Tagebuchnotizen und eine Ansichtskarte an den Papst leer. Auch seine Bibliothek erwies sich in gewisser Hinsicht als Enttäuschung. Sie bestand im unwesentlichen aus zwei Jahrgängen der 'Mitteilungshefte des Bundesverbandes der Rückversicherer' und im wesentlichen aus einem Band mit Stammbuchpoesie Engelbert Pernerstorfers, eines nicht zu Unrecht vergessenen Barden des Banater Fin de siecle.

Damit bestätigen sich unheilvolle Ahnungen, die zu keimen begonnen hatten, als Sylvester Haferkamp mit seiner Jungfernlesung im größten Saal des Provinzstädtchens K. – es handelte sich dabei um die Umkleidekabine des hiesigen Kaninchenzüchtervereins – vor eine desinteressierte Öffentlichkeit trat. Durch einen übergroßen Mundschutz kaum behindert, las der junge Sylvester einen Leitartikel der FAZ von rückwärts vor. Zwischen den Absätzen improvisierte er auf einer ausrangierten Feuerwehrsirene über Händels Largo. In der Pause wurde ein Nackttanz mit einem Huhn angekündigt, aber da hatte der Zuhörer schon die Umkleidekabine verlassen.

Dieser Zuhörer übersandte dem Künstler ein Paar wenig gebrauchte Boxershorts mit der Bitte, sie fortan zu tragen. Überraschenderweise entsprach Sylvester diesem Wunsch, und als seine Mutter die Hose nach dreieinhalb Jahren waschen wollte, erlitt er beinahe einen Nervenzusammenbruch. In diese Zeit fällt auch ein Interview mit einer Lokalzeitung, das beim Umbruch leider einem Inserat für eine ziemlich populäre Damenbartcreme weichen mußte. Auf die Frage, warum er denn bloß schreibe, antwortete Sylvester: "Weil ich ein schlechter Schwimmer bin." Daraufhin zückte er drei Präservative und versuchte, durch ein übrigens geschlossenes Redaktionsfenster davon zu flattern. Von der Unfallabteilung eilte er pünktlich zu unpassender Stunde ins bezirksstädtische Kulturamt und ölte die Türangeln. Trotzdem, der Hofrat ließ nicht bitten, und auch die wiederholte Lektüre des Amtskalender gab nichts her, schon gar keine Förderung. Ein Konzipient des Amtes soll sogar höhnisch mit den Ohren gewackelt haben.

Wieder auf der Straße sausten ihm, fein säuberlich eingewickelt in Rechnungen meist mittlerer Höhe, Pflastersteine hinterher. Wenig später erfuhr er auch noch vom Mißerfolg seiner "Ode an Freund Priap", welche seine Hausmeisterin bei ihm in Auftrag gegeben hatte. Der Hausmeister habe nicht einmal ein Ohrwaschl geregt.

Nach diesem neuerlichen Fehlschlag verschluckte Sylvester Haferkamp, wer kann es ihm verdenken, in offensichtlich selbstmörderischer Absicht mehrere Pfirsichkerne, worauf ihm die Zirbeldrüse entfernt werden mußte. An seinem Grab spielte, so wie er es gewünscht hatte, das Eisenbahner-Tanzorchester K.s auf ungeölten Olivetti-Schreibmaschinen lateinamerikanische Standards.

1. März 2002

Leserbrief


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