Achim Wagner

siddhartha fragment

auf einen sandelholzbuddha fallen goldene
strahlen schließt er die augen in diese richtung
emotionslos zwei flaschen strohrum ein toter
selbstgemordeter unpathetischer freund das
begräbnis verpaßt der grün beblätterte bursche
vor meinem fenster fängt den wind wenn du
groß bist heiratest du dann mich ein
sechsjähriges mädchen und die jungs aus der
nachbarschaft bis zum ersten pubertären joint
vergehen noch etliche asphaltwunden
straßenspiele die stadt neun kilometer entfernt
eine welt weiter bis sie den grenzpfahl
abmontieren vergessen haben sie die
selbstschußanlagen die kadaver am boden
liegen zunächst nur vereinzelt mit dreizehn
über die alpen den elefanten hinterher den ruf
hannibal ante portas im ohr wir stolzieren im
rausch eine hand in der hose die andere
unerreichbaren brüsten entgegengestreckt mit
sechzehn scheint liverpool ein dreckig schöner
platz westberlin avalon shiva kein gott fängt
den wind und spielt grünes licht kein letzter
gruß und keine grableuchte zur hand

kadaverschau (für leonora carrington)

üblicher tagesablauf besuche fremder häuser wahllos in
großen kleinen städten dörfern namensschilder lesen
klingeln geduldig warten häufig geöffnete türen dazu
dieser beständig gleiche geruch von moder sterben tod der
mir entgegenschlägt natürlich bleibe ich stumm wie ich
immer stumm geblieben bin angesichts fremder menschen
& seltsame reaktionen von gegenüber meist frauen sie
schauen fragend & ich lächle betont verschämt aus meinem
schwarzen anzug heraus + oft kommt dann ein
erwartendes ja? bis die leute unwirsch werden besonders
die seltenen männlichen fratzen plappern nach einer für sie
unangenehmen stillen weile beschimpfungen drohungen &
die türen werden zugeschlagen ich sammle diese
begebenheiten in meinem kopf jeder besuch eine kleine
zettelnotiz fürs hirn selbstverständlich ohne bedeutung
aber akribisch verwaltet in meinen jungen jahren ein
bißchen geschludert später jedoch noch lange immer alles
im überblick bei voller konzentration aber das alter
verlangt seinen tribut jetzt verschwimmen gesten konturen
mit falschen örtlichkeiten glaube ich gewisse details
einfach zu erfinden um mich zu überlisten & das macht
alles nur noch schlimmer meine einstigen
erinnerungsepigonen lachen mich aus nicht nur hinter
meinem rücken tollen sie ganz offen durch meinen kopf &
ich brauche alle kraft manchmal eine gewisse unerläßliche
ruhe zu erreichen

heute habe ich beschlossen meine gewohnheit zu beenden
ein letztes mal unterwegs die fahrt mit der bahn in eine
kleinstadt & auch meine beine leisten widerstand drohen
einzuknicken wollen die wege nicht mehr gehen dann aber
doch der zeigefinger an der klingel eines einfamilienhauses
& schon höre ich schritte nahen eine zierliche
vierzigjährige mir gegenüber in einem strengen schwarzen
kleid mit langfallenden dunklen haaren widerspricht der
vergnügte blick aus den braunen augen ihrer verkleidung
ich habe schon auf sie gewartet beginnt die frau & wendet
sich ab ich folge ihr gegen meine sonstigen
gepflogenheiten wir betreten ein feudales schlafzimmer auf
dem bett liegt ein halbverwester toter aus seinen
augenhöhlen quellen maden es wurde aber auch zeit wird
sie streng lange hätte ich es mit ihm nicht mehr
ausgehalten ich werde gleich den bestatter anrufen sie eilt
aus dem raum entfernt höre ich sie telefonieren der ort
scheint mir vertraut & der bekannte geruch bereitet mir
wie immer keinerlei übelkeit ich beginne ihn zu beneiden
wie er da liegt still & keine hast mehr ich werde nicht mehr
weggehen von hier bald klingelt es erneut & 2 sargträger
kommen unbeteiligt aber sorgsam gelingt es ihnen fast den
verwesenden in einem stück aus dem bett zu heben adieu
sagt sie leise war trotz allem eine schöne zeit mit flinken
bewegungen wechselt sie schnell die bettwäsche öffnet die
fenster zum lüften rot steht ihnen am besten lächelt sie +
gibt mir einen dunkelroten morgenrock ich ziehe mich aus
bin erleichtert aller unsinniger aufmachung entledigt der
morgenrock wie eine neue haut auf meinem leib & in
meinem kopf leere nun ich denke uns bleibt noch etwas
zeit spricht die frau leise & bestimmt ich nicke dem
scheinbaren ernst der situation angemessen lassen sie uns
einen wein trinken ich liebe bordeaux wird sie wieder
fröhlich dreht sich elegant mein blick fasziniert ihr
hinterher mit zwei vollen gläsern in der hand zurück in
langsamen zügen verschwimmt die zeit stellt sie sich auf
die zehenspitzen löst ihr kleid & ich spüre mein letztes
verlangen erfüllt dem langen schlaf zu

1. März 2002

Leserbrief


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