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Das Tagebuch eines Terroristen
Wie ich zum Kidnapper wurde
Der folgende Text ist ein Auszug aus den fünfunddreißig
Tagebuch-Seiten, die Ahmad Omar Sayed Sheikh 1994 in einem indischen
Gefängnis geschrieben hat.
Schon 1992, als er noch an der London School of Economics studierte,
bewegte ihn das Schicksal der bosnischen Muslime. 1993 versuchte er
vergeblich, über Kroatien nach Bosnien einzureisen, knüpfte
dabei aber erste Kontakte mit Mujaheddin, die ihm rieten, nach Afghanistan
zu gehen. Nach mehreren Monaten in afghanischen Trainingslagern wurde
er Mitglied der Harkat-ul-Mujaheddin, einer in Kaschmir aktiven Terroristen-Gruppe,
die ihn nach Indien schickte. Dort sollte er vor allem Amerikaner entführen,
die für einen Austausch mit gefangenen Mujaheddin gebraucht wurden.
Omar Sheikh wurde jedoch 1994 von der indischen Polizei verhaftet. Fünf
Jahre später wurde er mit drei afghanischen Terroristen in Kandahar
gegen die einhundertfünfundfünfzig am 24. Dezember 1999 entführten
Passagiere des Fluges 814 der Indian Airlines von Katmandu nach Neu
Delhi ausgetauscht. Im Fall des ermordeten Wallstreet-Journal-Reporters
Daniel Pearl steht er als Hauptverdächtigter jetzt vor einem pakistanischen
Gericht.
Von Omar Sheikh
Am
26. Juli 1994 kam ich am Indira Ghandi International Airport [in Neu
Delhi] an. Man hatte mir befohlen, die erste Nacht in irgendeinem guten
Hotel zu verbringen und dann am nächsten Tag die zwei Telefonnummern
anzurufen, die man mir gegeben hatte. Ich sollte nach einem "Faruk"
fragen. Maulana Abdullah [einer der Harkat-Aktivisten im Pakistan] hatte
mir diese Weisungen per Telephon gegeben.
Als ich zum Connaught Place kam, hielt ich einen Passanten an und fragte
ihn, was hier ein "gutes Hotel" zum Übernachten sei.
Er erwähnte das Holiday Inn, und ich nahm es, weil mir der Name
bekannt war. Ich trug mich mit meinem eigenen Namen ein und gab meine
Paß-Nummer an, Die Rechnung betrug erstaunliche 210 Dollar pro
Nacht. Ich wußte nicht, daß ich mir das teuerste Hotel der
Stadt ausgesucht hatte - ich dachte alle Hotels in New Delhi seien so
teuer, und daß ich bald kein Geld mehr haben würde.
Daher beschloß ich, Faruk lieber sofort zu kontaktieren. Ich rief
beide Nummern vom Hotel aus an. Beide antworteten mir, es gebe bei ihnen
keinen Faruk. Das beunruhigte mich noch mehr, und ich war unschlüssig,
ob ich Maulana Abdullah in Islamabad kontaktieren sollte, entschied
mich dann aber dagegen, weil es grob gegen alle Regeln verstoßen
hätte, das Hauptquartier von einem Hotel aus anzurufen. Sultan
(einer unserer Helfer) brachte mich dann zu einem Gästehaus in
der Gegend des Jamia-Masjid-Basars. Ich fragte ihn, ob Mister Zubair
Shah (der Chef meiner Mission) schon angekommen sei, und er sagte, noch
nicht, aber er würde bald kommen. Er sagte, er sei sehr froh über
die Nachricht seiner Ankunft, denn sie hätten in vielen Schlachten
in Afghanistan zusammen gekämpft.
Sultan kam aus dem pakistanischen Panjab und hatte mehrere der jungen
Leute ausgebildet, mit denen auch ich als Ausbilder tätig war.
Ich fragte ihn, was sie denn an Waffen hätten, und er sagte, sie
hätten eine AK-47, ein paar Revolver und einige Granaten. Ich fragte
ihn, woher das Zeug käme, aber er antwortete ausweichend.
Ich sagte, wir sollten uns ernsthaft überlegen, in Neu Delhi ein
Haus zu kaufen. Er ermahnte mich, die Weisungen, die sie von Pakistan
erhalten hätten, besagten, ich sollte die Arbeit machen, für
die ich hierhergechickt worden wäre, nämlich Entführungen,
und mich nicht in die Dinge einmischen, die sie hier machten.
Während des nächsten Monats, untersuchte ich jeden Ort, an
den ich kam, aus verschiedenen Blickwinkeln: als "künftiger
Eroberer" (wie ich mich phantasievoll selbst bezeichnete), als
Soziologe, als Reisender, der sich die komplizierten Details eines neuartigen
Landes notiert, und als Selbstbeobachter. Ich ging in Moscheen und Medressen
und sprach über Ideen, die mit dem Jihad zu tun hatten. Ich spürte,
daß bei den Schülern der Medressen ein hohes Potential für
die Entstehung einer islamischen Bewegung vorhanden war, aber das große
Hindernis dabei war, daß die Schüler im allgemeinen unfähig
waren zu unabhängigen Entscheidungen - sie beschlossen nur das,
was ihre Lehrer ihnen befohlen hatten.
Gegen Ende August sagte Sultan zu mir: "Jemand ist angekommen -
wir treffen uns morgen an der Jamia-Moschee und reden mit ihm."
Ich wußte, das konnte nur Shah-Saab sein. Aber es war nicht der
lächelnde, fröhliche Mensch, an den ich mich noch von Islamabad
her erinnerte. Er hatte beträchtlich abgenommen. Sein erstes Wort
war ein Vorwurf. Er sagte, mein ganzes Herumreisen und Herumreden hätte
uns wahrscheinlich schon verraten. Er sagte, wenn ich mich nicht zusammennähme,
würde er mich zurückschicken. Er sagte, ich hätte einfach
in einem Zimmer bleiben und mich entspannen sollen, bis wir mit unserem
Auftrag anfangen würden.
"Deine Verantwortung sind die Ausländer", sagte er mir,
"ich habe noch andere Fäden in der Hand, aber diese Leute
wissen nichts von dir, und du weißt nichts von ihnen. Vergiß
nicht: Die erste Priorität sind Amerikaner, dann Briten und Franzosen."
[Sheikh Omar nimmt dann zuerst mit einem israelischen Touristen Kontakt
auf und bringt ihn unter einem Vorwand in ein Haus der Gruppe, bevor
Shah-Saab ihn mit dem Israeli wieder wegschickt. Gegen Ende September
teilt Shah-Saab ihm mit, er habe jetzt in Saharanpur, in einem rein
muslimischen Viertel, ein Haus gekauft.]
Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg. Ich fuhr mit einer
Fahrrad-Rikscha zum Turkman Gate und nahm dort eine Auto-Rikscha zum
Paharganj-Viertel. Ich saß eine Weile in den vier oder fünf
Cafés dort herum, trank oder aß langsam irgendetwas und
entwickelte allmählich eine gewisse Fertigkeit im Anknüpfen
einer Unterhaltung. Ich stellte mich dabei als britischer Staatsbürger
indischer Abstammung dar, der ganz begeistert davon war, zum erstenmal,
seit er Indien als Kind verlassen mußte, wieder hierher zurückzukommen.
Danach erzählte ich, daß mein Onkel gestorben war und, wegen
Streitigkeiten mit seinem Sohn, mir sein Dorf vererbt hatte. Angesichts
der Tatsache, daß das Feudalsystem in Indien schon seit langer
Zeit nicht mehr existiert, war ich erstaunt, daß diese Geschichte
immer wieder auf so begeisterten Glauben stieß.
Ich machte mehrere Bekanntschaften und überredete sogar einen Briten
namens Trevor, in ein paar Tagen mit mir in das Dorf zu fahren. Aber
die bei weitem stärkste Freundschaft bestand mit Rhys Partridge
und Graham Fox: Wir hatten viele gemeinsame Interessen wie Schach, Reisen
und Schreiben. Beide waren von meiner Dorf-Geschichte fasziniert.
Später traf ich Sultan wie geplant an der Tilak Bridge. Shah-Saab
teilte uns die Details des weiteren Vorgehens mit. Er sagte, daß
Sultan uns begleiten würde, und sobald wir nach Saharanpur kämen,
würde er das Kommando übernehmen, und ich sollte ihm beim
Anketten der Geiseln nicht dreinreden. Dann sprachen wir ein gemeinsames
Gebet um den Erfolg der Unternehmung. Als ich Graham und Rhys im Restaurant
traf, schrak ich ein wenig zurück, weil Grahams Freundin Kate mitgekommen
war und daran dachte, auch am nächsten Tag mitzukommen. Später,
als ich mit Rhys Schach spielte, sagte ich nebenbei, daß die Dorfältesten
es möglicherweise nicht gern sähen, wenn uns ein Mädchen
begleiten würde.
Er muß das wohl richtig weitergegeben haben, denn am nächsten
Morgen sagte Graham, es täte ihm leid, aber er und Kate hätten
ihre Meinung geändert. Nachdem ich Rhys in das Haus in Saharanpur
gebracht hatte, fing ich an, ihm reinen Wein einzuschenken. Ich sagte
ihm, ich sei Revolutionär und hielte mich hier in Indien zu einem
bestimmten Zweck auf und er solle mir dabei helfen. Ich sagte, ich wünschte,
er solle unser Gast sein, während wir mit der britischen und der
indischen Regierung verhandelten. In diesen Augenblicken zitterte ich.
Das war vermutlich meine seltsamste Freundschaft seit langer Zeit (es
gibt einen großen Unterschied zwischen Kameradschaft und Freundschaft),
und plötzlich wurden mir die realen Umstände bewußt.
"Wenn das ein Scherz ist", sagte Rhys wütend, "dann
ist es ein schlechter Scherz. Ich rege mich ziemlich auf bei solchen
Sachen."
Seine Aggressivität machte es erheblich leichter. "Ich werde
dir zeigen, daß das kein Scherz ist", sagte ich nur. "Kommt
rein, Jungs." Und die drei - Sultan, Sid und Sal - stürmten
ins Zimmer und fuchtelten mit ihren zwei Revolvern herum. Sultan brummte:
"Sie stehen unter Arrest." Sid und Sal sagten: "Hände
hoch!" "Ist schon gut, ist schon gut", sagte Rhys. Er
sah mich an und sagte: "Kann ich mich hier mit Geld freikaufen?"
Ich wollte ihm freundlich erklären, daß er seine Lage immer
noch nicht verstanden hatte, aber Sultan unterbrach mich sofort. Erst
als Rhys' einer Fuß angekettet war und Sultan das Zimmer verlassen
hatte, hatte ich eine Chance, Rhys zu erklären, was hier los war.
Ich versicherte ihm, daß ihm keine Gefahr drohe, außer er
versuchte zu fliehen.
Natürlich war er trotzdem noch sehr verängstigt. Ich schrieb
die Angaben aus seinem Paß auf und fuhr am nächsten Morgen
nach Neu Delhi. Amin traf mich und sagte, Shah-Saab würde mich
am Nizamuddin Markaz treffen. Er fragte mich: "Ist die Arbeit getan?"
Ich sagte: "Ja." Während des Treffens stauchte mich Shah-Saab
zusammen und sagte, ich hätte antworten müssen: "Welche
Arbeit?". Obwohl ich eigentlich nie zufrieden damit war, wie Shah-Saab
die Dinge handhabte (ich dachte immer, diese ganze Geheimnistuerei war
überflüssiger Unsinn), hatte ich den Eindruck, daß Shah-Saab
sich um mich kümmerte, fast wie ein Vater.
Shah-Saabs nächster Befehl lautete, einen Amerikaner zu fangen.
Ich ging zur YMCA. Am Abend hatte ich ein gutes Verhältnis zu einem
jungen Mann, den ich für einen Amerikaner hielt, und hatte ihm
schon von meinem Dorf erzählt, als ich zu meinem Ärger herausfand,
daß er Deutscher war. Ich wollte schon wieder gehen, als ein Amerikaner
kam und an unserm Gespräch teilnahm.
Der Amerikaner, er hieß Daniel Skinner, hatte als ehrenamtlicher
Lehrer Englisch unterrichtet und verließ jetzt Indien aus Mangel
an Geld. Ich drehte mich zu ihm und sagte: "Hey, ich brauche jemanden,
der an meiner Dorfschule Englisch unterrichtet." Ich verabredete
mit ihm, daß wir uns ein paar Tage später treffen und die
Einzelheiten besprechen sollten. Als wir uns trafen, war er damit einverstanden,
mich am Tag danach zu begleiten.
Um ein Uhr machte ich mich auf den Weg zum Markaz, und Amin brachte
mich zum Lieferwagen. Wir holten Daniel an der YMCA ab und fuhren nach
Saharanpur, aber nach Ablauf von nur einer Stunde wollte Dan aussteigen,
um sich Zigaretten zu kaufen.
Wir hielten, und er stieg mitsamt seinen Taschen aus und sagte, er sollte
wohl besser noch ein paar Tage in Neu Delhi bleiben. "Was ist denn
los?" fragte ich überrascht. "Ich kenne dich erst seit
zwei Tagen", sagte er, "und auf einmal sitze mit dir in einem
Auto."
Der Rest der Fahrt verlief angespannt. Als wir am Haus ankamen, war
Shah-Saab allein da. "Was ist passiert?" fragte er. Ich sagte
es ihm. Zu meiner Überraschung fing er zu lachen an. "Bachoo,
du mußt irgendwas zu ihm gesagt haben, was seinen Verdacht erregt
hat", sagte er, "naja, dann mußt du dir eben einen andern
schnappen." Ich ging zu Rhys hinein, um mit ihm zu reden. Er hatte
sich weitgehend beruhigt. Ich erzählte ihm von dem Amerikaner,
und er hatte seinen Spaß daran, daß uns jemand hereingelegt
hatte.
Also wieder zurück zum Paharganj-Viertel. Da gab es Schweizer,
Holländer, Australier, Kanadier - aber nicht einen einzigen Amerikaner!
Ich berichtete Shah-Saab, daß ich ganz Neu Delhi durchgekämmt
hatte. Er sagte, okay, ein paar Briten oder ein Franzose wären
genauso gut. Und dann stieß ich ausgerechnet mit Graham zusammen.
Er fragte mich, wie alles gewesen war, und ich sagte, fantastisch und
Rhys habe sich köstlich amüsiert und sei jetzt in Manali.
Und bizarrerweise war es Graham, der mich später im Hare-Krishna-Restaurant
mit Paul Rideout und Christopher Morston bekanntmachte, zwei Briten,
die gerade erst in Indien angekommen waren.
Meine alte Dorf-Geschichte brauchte ich gar mehr zu wiederholen, weil
Graham sie ihnen erzählte. Wir spielten eine Partie Schach und
verabredeten ein nächstes Treffen am nächsten Abend im Hare-Krishna.
Am andern Morgen berichtete ich Shah-Saab am Markaz, daß ich zwei
Briten in der Pipeline hätte und ob er sie haben wollte. Er bejahte,
und wir verabredeten, uns am nächsten Morgen zu treffen, nachdem
ich - hoffentlich - alle Vorbereitungen getroffen hätte.
Am Abend kam ich wieder mit den beiden zusammen und erwähnte wie
nebenbei, daß ich am nächsten Tag in mein Dorf fahren würde
- und wären sie vielleicht daran interessiert, mich zu begleiten?
Sie waren einverstanden, und so fuhren wir alle nach Saharanpur: die
beiden, der Fahrer und ich, und es war beinahe genau dasselbe wie beim
ersten Mal mit Rhys, nur daß ich unterwegs nicht von Revolutionen
redete - wir diskutierten kompliziertere Fragen wie zum Beispiel Frauen.
Im Saharanpur machte Siddique die Wagentür auf. Er sah, daß
ich zwei Männer bei mir hatte, und holte sofort alle andern herbei,
indem er rief, der Mahadscha sei angekommen. Dann vollzog sich dasselbe
Drama wie damals, nur daß diesmal eine AK-47 mit ins Spiel kam.
Die beiden waren vom Anblick Rhys', über den wir während der
Fahrt gesprochen hatten, geschockt. Rhys war eher froh, weil er jetzt
nicht mehr allein war.
Am nächsten Tag, nachdem ich ihre Pässe abgeschrieben und
die beiden Männer, so gut es ging, beruhigt hatte, kehrte ich nach
Neu Delhi zurück. Am Abend traf ich Shah-Saab im Markaz-Viertel
und berichtete ihm, was vorgefallen war. Er sagte, ich sollte einen
letzten Versuch machen, einen Amerikaner zu finden.
Am andern Morgen saß ich in einem Café gegenüber dem
Ankur-Gästehaus und bestellte mir gerade einen Drink. Da sprach
mich ein Mann an, und mit einem leisen Schrecken bemerkte ich, daß
er Amerikaner war.
Das war Bela Nuss. Er wohnte im Ajay-Gästehaus und war gerade dabei,
Indien zu verlassen. Er war irgendwie ein einsamer Kerl, der in mir
jemanden gefunden hatte, mit dem er sich unterhalten konnte.
Am nächsten Abend saßen wir zum Abendessen in einer Pizzeria
am Connaught Place. Ich erzählte ihm, ich würde am nächsten
Abend im Haus einer indischen Familie essen, und fragte ihn, ob er vielleicht
mitkommen wollte. Er war hocherfreut.
Während der Fahrt nach Ghaziabad saß Salahuddin am Steuer
und sprach mit hohem Respekt zu uns beiden. Shah-Saab warteten schon
an der Schnellstraße. Der Lieferwagen hielt, und sie stiegen ein.
Ich sagte zu Bela, daß die beiden per Anhalter reisten. Aber auf
einmal war mir das alles furchtbar peinlich, und ich sagte zu Shah-Saab
auf Hindi, er solle auch mich kidnappen. Er antwortete: "Jetzt
mach bloß keinen Scheiß!" Bald bemerkte Bela, daß
wir das Stadtgebiet verließen, und äußerte seine Zweifel.
Shah-Saab zog seinem Revolver mit dem Schalldämpfer heraus und
schaute Bela an wie eine Katze eine Maus. Ich drückte Belas Hände
und hielt ihm die "Es wird alles gut"-Ansprache. Siddique
kletterte nach hinten und stülpte ihm die Burka über.
Am nächsten Morgen (dem 21. Oktober 1994) traf ich Shah-Saab wie
befohlen in seinem Haus. Er sagte mir, er habe Pakistan kontaktiert
und um eine Geldsendung vor der Bekanntmachung der Entführung gebeten,
so daß wir, falls die Sache schwierig würde, nicht erst lange
Geld auftreiben müßten, um zu fliehen. Aber dann sagte er,
wir müßten jetzt unsere Briefe entwerfen und schickte mich
weg, um die Adressen und Telefonnummern des Premierministers, verschiedener
Ministerien, der BBC, der Stimme Amerikas sowie der Botschaften der
USA und Großbritanniens herauszufinden.
Kaum hatte ich diese Informationen gesammelt, als Shah-Saab sagte, er
habe die Nachricht erhalten, daß Rhys versucht habe zu fliehen
und daß die Leute in Unruhe gerieten. Er sagte, wir beide sollten
dorthin gehen und mit den Ausländern und unseren Kameraden reden.
Shah-Saab setzte sich eine Gesichtsmaske auf, und wir beide gingen zu
den Briten, wo ich übersetzte, was Shah-Saab ihnen sagte, nämlich
daß wir ziemlich nah an unserm Ziel seien und sie sich nicht zu
fürchten bräuchten, weil wir sie auf jeden Fall freilassen
würden, egal ob sie uns zu einem Erfolg gebracht hätten oder
nicht. Er setzte einen Maximalzeit von einem Monat fest.
Ich fuhr früh am Morgen nach Neu Delhi zurück, zu Shah-Saabs
Haus. Shah-Saab diktierte mir die Forderungen, und ich übersetzte
sie ins Englische.
Während ich mir die Briefe so ansah, dachte ich mir, wir hätten
sie mit genau demselben Inhalt auch ganz ohne Entführungen abschicken
können. Ich erinnerte mich an die Geiseln in Beirut von vor einigen
Jahren und wie damals Fotos von ihnen verbreitet wurden mit einer Tageszeitung
im Hintergrund. Also schlug ich Shah-Saab vor, es genauso zu machen.
Er fragte mich, wo wir so einen Film entwickeln lassen wollten. Ich
sagte, es gebe Polaroid-Kameras. Er stimmte zu und gab mir fünftausend
Rupien.
Ich kaufte eine Polaroid-Kamera in einem Laden im Palika-Basar, nahm
einen Bus zu unserm Haus und teilte den andern mit, daß ich gekommen
sei, um Fotos zu machen. Maulana-Saab ging und kaufte eine Zeitung.
Er und Khan-Saab standen im Hintergrund, maskiert, mit der Zeitung und
der AK-47 in der Hand. Sultan machte die Fotos, insgesamt sechs.
Ich fuhr mit dem Zug zurück und kam völlig erledigt in Shah-Saabs
Haus an. Shah-Saab und ich setzten uns dann hin und brachten die wegen
der Fotos notwendigen Änderungen an den Briefen an. Unsere Deadline
war in zweiundsiebzig Stunden, beginnend um Mitternacht.
Ich ging zum Kashmiri Gate und gab einen Brief als Schnellbrief auf.
Dann ging ich nach Daryaganj und faxte einen zweiten, wobei ich den
Ladeninhaber bat, mir den Rücken zuzukehren, weil der Inhalt vertraulich
sei.
Die nächsten paar Tage blieb ich bei Shah-Saab. Amin war bei uns
und erledigte kleine Gänge, um Essen und ähnliches zu holen.
Jeden Morgen ging Shah-Saab aus und kam zurück mit der Nachricht,
er habe Pakistan angerufen, und die Kameraden seien immer noch nicht
freigelassen.
Am nächsten Morgen machte ich mich mit den letzten beiden Briefen
auf den Weg. Ich ging zum Büro der BBC, Amin hinter mir, und gab
den Brief einem ziemlich netten Mädchen am Empfang. "Sagen
Sie dem Redakteur, daß ich bis drei Uhr eine Antwort erwarte",
sagte ich und stellte mir dabei vor, wie sie am Abend allen und jedem
erzählen würde, daß dieser große, fürchterlich
und wie ein Terrorist aussehende Kerl da höchstpersönlich
auf sie zukam und ich würde sie dann anrufen und ihr sagen:
"Wissen Sie, meine Liebe, eigentlich bin ich überhaupt nicht
so ."
Schnell verließ ich das Gebäude und ging zur Hindustani
Times. Ich übergab den Brief an den Public-Relations-Manager
des Chefredakteurs und bat ihn, den Brief seinem Chef zu bringen. Zu
meinem Entsetzen fing er an, den Brief zu öffnen. Ich ging schnell
aus dem Raum und rannte die Treppen hinunter (ich konnte mich gerade
noch beherrschen, nicht auf dem Geländer hinunterzurutschen!) und
durch den Ausgang und über die Straße, auf der sich der Verkehr
staute, bis zu Amin.
Was mich betraf, glaubte ich, war die Sache endlich zu Ende, und Erfolg
oder Mißerfolg lagen nun in Seiner Hand. Siddique und ich schlenderten
durch die Straßen in der Umgebung und redeten über philosophische
und weniger philosophische Dinge. Wir redeten über Afghanistan,
Kaschmir, Bosnien und England. Wir redeten über Shah-Saab und die
anderen Kameraden und die wundervolle Zeit, die wir in Indien gehabt
hatten, die Streiche, an die man sich noch jahrelang erinnern würde.
Er erzählte von dem Mädchen, mit dem er in seiner Heimat verlobt
war; ich erzählte ihm von dem Mädchen, mit dem ich nicht verlobt
war. Wir redeten über die Kameraden, die jetzt jeden Tag freikommen
mußten und was sie wohl als nächstes tun würden.
So wurde es allmählich Abend.
Kurz nach Sonnenuntergang kam Shah-Saab an, um uns zu sagen, daß
der Amerikaner zu essen aufgehört hatte und daß wir hingehen
und ihn überzeugen sollten, daß es sich jetzt nur noch um
Tage handeln konnte.
Wir stiegen in den Bus nach Okhla, und um neun Uhr stiegen wir an der
Hauptstraße aus und waren gerade in die Gasse eingebogen, die
zum Haus führte, als zwei bewaffnete Polizisten auf mich zukamen
und barsch fragten, wohin wir gingen. Ich dachte, das sei nur eine Routine-Kontrolle
und fragte, was denn los sei. Der eine Polizist stieß ein Schimpfwort
aus und versuchte mich am Kragen zur Seite zu ziehen, was mich wütend
machte, und ich fing an, ihn zu schlagen. Das nächste, was ich
noch weiß: Ich spürte einen stechenden Schlag auf den Rücken,
drehte mich um und sah den anderen Polizisten, der mit seinem Gewehr
gegen mich ausholte. Meine Kameraden waren verschwunden. Ich drehte
mich wieder um und - peng! Ich spürte, wie mein Zorn mit dem Blut
aus mir herauslief. Ich dachte, das war das Ende. Es war das Ende einer
Ära und der Beginn einer neuen.
© Übersetzung aus dem Englischen: Alexandra
Simon
15. März 2002
Leserbrief
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