Silvio Berlusconi

Italien ist anders

Von Cecilia Saltini

Wer bringt in Italien die wichtigsten Nachrichten? Wer sagt den Italienern, was wirklich passiert ist? Wer enthüllt die großen und die kleinen Skandale? Wer erzählt, was die Politiker aller Parteien denken, tun und sagen? In Frankreich, Großbritannien oder in Deutschland wäre die Antwort: Die Zeitungen und die Tagesschau. Aber Italien ist in jeder Hinsicht anders; in dem Land, wo die Sonne nie untergeht, wird diese Arbeit von Komikerinnen geleistet, von zwei Pseudo-Tänzerinnen (den sogennanten "Einflüsterinnen") und il Gabibbo, der sich hinter einem riesigen roten Maskenkostüm verbirgt (Abb.).

Jeden Abend auf Canale 5, das heißt chez Berlusconi, läuft "Striscia la Notizia" (wörtlich "Schleicht die Nachricht"). Striscia la Notizia läuft, oder besser, schleicht seit zehn Jahren und wird täglich von acht bis zehn Millionen Zuschauern verfolgt. Geboren als rein satirische Tagesschau, wird "Striscia la Notizia" heutzutage von der Mehrheit der Italiener für die einzig wahrhaftige, glaubwürdige Nachrichtensendung gehalten. Viele Vorkommnisse, die längst allen und jedem bekannt waren, wurden von Presse und Tageschauen ständig ignoriert, bis endlich "Striscia la Notizia" darüber berichtete.

Wanna Marchi, eine berühmte Dame, verkauft seit 15 Jahren im Fernsehen Abmagerungscremes, die nicht wirken, und Lottonummern. Sie hat fortgesetzt Tausende von Italienern betrogen, bis einige Opfer "Striscia la Notizia" um Hilfe gebeten haben. Erst nach dem Bericht von "Striscia la Notizia" haben dann auch die Zeitungen begonnen, Artikel über Wanna Marchi zu schreiben, und schließlich wurde sie von der Polizei verhaftet. In Rom legten manche Taxifahrer die Touristen herein, indem sie den Preis der Fahrt schlicht verdoppelten. So mancher kannte die Übeltäter, aber nur dank "Striscia la Notizia" kamen sie in polizeilichen Gewahrsam. Die Leute fragen weder die Polizei, noch die Verwaltung, noch gar die Politiker, sondern die Komiker von "Striscia la Notizia".



Die Satire in "Striscia la Notizia" geht scharf sowohl gegen Rechte vor wie gegen Linke - und ganz besonders gegen Berlusconi. Der Regierungschef, in Italien bekannt als "il Cavaliere", wird dabei "il Cavaliere Mascarato", wobei das Wort "mascarato" eine Parodie von "mascherato" ist (maskiert; ursprünglich kommt es von Mascara, d.h. Wimperntusche). Die "Stricia"-Satire macht sich lustig über das dick aufgetragene Make-up von Berlusconi aber auch über seine Interessenkonflikte und manche seiner Entscheidungen.

Apropos Interessenkonflikt: Neulich wurde das "Interessenkonfliktgesetz" angenommen, das (niemand weiß, warum) die Linke in fünf Jahren Regierungszeit nicht durch das Parlament bekam. Nach einer Woche, in der alle Abgeordneten stritten und schrien wie die Kinder, hat das Parlament über das Gesetz abgestimmt und es verabschiedet. Und die Opposition? Deren Abgeordneten schrien, daß das Gesetz nur Berlusconi und die Reichen schütze, und verließen den Saal. Während der Sitzung reichte Alessandra Mussolini den Abgeordneten der Linken ironischerweise einige Stücke Würfelzucker, um sie milder zu stimmen, aber der Trick klappte nicht. Die Parteien der Linken, die seit Jahren versuchen, sich zu einigen, um als glaubwürdige Alternative aufzutreten, organisierten eine große Kundgebung, aber die PRC (Partito della Rifondazione Comunista) nahm an der Kundgebung nicht teil, weil sie sich mit der Linken nicht auf eine gemeinsame politische Linie einigen kann.

Was passierte also im Grunde bei dieser Abstimmung? Berlusconi und die Rechten haben gewonnen, weil ihre Parteien geeint sind. Im übrigen werden sie für das kleinere Übel gehalten. Nach dem Gesetz darf ein Abgeordneter oder ein Minister zwar nicht in seiner Firma arbeiten, während er in der Politik tätig ist, aber seine politische Tätigkeit ist nicht unvereinbar mit dem Eigentum einer Firma oder eines Konzerns. Ein Minister darf für eine berufliche Tätigkeit nicht bezahlt werden, aber er kann in aller Ruhe das Geld kassieren, das er verdient hat, bevor er das Amt übernahm. Der Konflikt entsteht, wenn der Minister oder der Regierungschef eine Entscheidung trifft, die seinen Konzern bevorzugt und gleichzeitig das öffentliche Interesse gefährdet, es sei denn, die Entscheidung betrifft die Allgemeinheit oder eine ganze Kategorie von Fällen. Eine Aufsichtskommission überwacht das Ganze, und wenn ein Minister oder der Regierungschef sein Unternehmen bevorzugt, kann ihn die Kommission zwar nicht davon abhalten, aber sie kann geeignete Maßnahmen vorschlagen, um ähnliche Fälle zu vermeiden. Die Strafen sind eher moralischer Art als echte Disziplinarstrafen.

Die Italiener wußten schon lange, daß es Berlusconi nur um dem Schutz seines Konzerns zu tun war, auch wenn er selbst nicht bei Mediaset tätig ist. Aber l'Ulivo, und zwar die Linke, hat sich in so viele verschiedene Bewegungen aufgeteilt, von den Kommunisten der PRC zu den"No globals", von den Grünen bis zur PPI (Partito popolare Italiano), daß eine Einigkeit unmöglich ist, besonders wenn es um die Sitzverteilung geht. Gegenwärtig ist die Linke so zerfallen, daß ihre Politiker sich sogar darüber streiten, wie die Opposition überhaupt organisiert werden sollte. Außerdem wird sie ständig von allen Seiten kritisiert, von den Arbeitern, den Rentnern und den Intellektuellen, unter denen der verbittertste der Regisseur Nanni Moretti ist. Vor einigen Tagen, während einer Kundgebung, stieg Nanni Moretti auf die Bühne und sagte: Das, was passiert ist, sei nicht die Schuld Berlusconis, sondern die Schuld der Linken, die ihre Nähe zu den Menschen verloren hat. In dieser Lage mögen die Leute auch Berlusconi nicht besonders, sie halten ihn, wie gesagt, einfach für das kleinere Übel. Nur deshalb haben sie ihn gewählt. Auf jeden Fall hilft ihnen ihre optimistische Natur, die Lage nicht ganz so katastrophal zu sehen, wie es die ausländische Presse gern tut. Und das wohl auch, weil in Italien die Kriminalität oder das Autofahren in Mailand, Rom und Neapel oder auch nur das Überqueren einer Straße (selbst auf dem Zebrastreifen) viel gefährlicher ist als Berlusconi.

15. März 2002

Leserbrief


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